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Landrover-Rettung auf dem Weg zum Ol Doinyo Lengai 15.02.2022

Landrover-Rettung auf dem Weg zum Ol Doinyo Lengai 15.02.2022

In Tansania und Sambia könnte man alle fünf Kilometer einem LKW, PKW oder einem Fahrrad bei einer Panne helfen. Die Pisten aber auch die Asphaltstraßen fordern die Fahrzeuge. Repariert wird erst, wenn es wirklich nicht mehr weitergeht. Allen helfen können wir nicht. Wir entscheiden also immer sehr überlegt, ob wir halten und unsere Hilfe anbieten.

Auf der sehr fordernden Piste vom Manyara-See zum Ol Dionyo Lengai steht ein alter Landrover, fast so alt wie Kathrina, und kann nicht mehr. Ein Erwachsener und zwei halbwüchsige Jungs mühen sich vergeblich, den alten Kasten wieder flott zu kriegen.

Landrover – hm – alte Technik (also reparierbar), nächster Ort 20 km entfernt, Piste schlimm, Steigungen. Helfen tut hier sowieso niemand. Also los!

Das betagte Gefährt lässt sich nicht mehr starten. Batterie? Zündung? Lichtmaschine? Ein Starthilfekabel haben wir nicht dabei (unserem 24V-System kann eh keiner Starthilfe geben und nur für andere nehmen wir das sperrige Kabel nicht mit), also versuchen wir es mit unserer Powerbank, die dafür geeignet ist. Außer Benzingeruch vom abgesoffenen Motor tut sich fast nichts. Ankurbeln bringt uns auch nicht weiter. Mein Vorschlag, den Landy mit Kathrina anzuschleppen wird nicht verstanden – hier spricht man kein Englisch (!) Aber wir schleppen ab. Wie weit? Ein Ort wird genannt. Hm, wie viele Kilometer sind das? Falsche Frage. In Afrika sind sinnvolle Fragen weniger abstrakt zu stellen, wie z.B. bis zu welchem Hügel… Egal, Abschleppgurt heraus und der Landy kommt an das Zugmaul von Kathrina.

Hoffentlich weiß der Fahrer, wie man abschleppt. Verständigung geht nur mit Händen und Füßen oder mit Gesten. Hoffentlich tun seine Bremsen!

Mit Untersetzung geht es los. Der Bergegurt strafft sich, ein unmerklicher Ruck und der Landy wird über die Piste gezogen. Geht doch leicht! Nach drei Kilometern stoppen wir. Der Fahrer bedeutet mir, noch drei Hügel weiter zu schleppen, dann ginge es abwärts und er könne den Wagen rollen lassen. Also weiter bis zur verabredeten Kuppe, wo der Gurt von Kathrina gelöst wird. Anschieben und talwärts geht es ab.

Wir fahren hinterher. Im Tal ist eine steile und ausgewaschene Flussdurchfahrt zu nehmen. Erst geht es steil abwärts und dann muss man über grobes Geröll den nächsten Berg erklimmen. Schon ohne Gespann eine Herausforderung. Wir nehmen also den Landy wieder an den Haken und meistern im Kriechgang diese schwierige Passage. So geht es weiter. Talabfahrten ohne Kathrinas Hilfe, durch Furten (es sind einige!) schleppen wir ihn durch. Die Kraft von Kathrina beeindruckt uns. Mit welcher Leichtigkeit sie den alten Geländewagen über Stock und Stein, besser gesagt Geröll, die steilen Bergauffahrten zieht. Der Rest ist nur Konzentrationssache. Da der Landy schmaler ist als Kathrina, sehe ich ihn nicht. Also nur durch Gefühl weiß ich, ob der Bergegurt straff gespannt ist oder locker durchhängt.

Nach 20 km erreichen wir den Ort. Wir erzeugen mit unsere Ankunft einen Auflauf im Dorf. Es ist nicht üblich, sich gegenseitig abzuschleppen. Von Touristen erwartet man das erst recht nicht. Wir kommen ins Gespräch mit etlichen Einheimischen. Wo kommt ihr her? Ist das wirklich euer Zuhause? Auch der Chef des Dorfs kommt auf uns zu. Ein sehr höfliches Gespräch bereichert uns alle. Einige können nämlich Englisch.

Ilona geht inzwischen Einkaufen. Mir lässt der Landy allerdings keine Ruhe. Inzwischen haben einige Einheimische sich der Sache angenommen. Die Batterie wird getauscht, der Landy startet einwandfrei. Sobald die alte Batterie wieder angeschlossen wird, stirbt der Motor! Die Batterie muss einen totalen Zellenkurzschluss haben. Ich helfe nochmals beim Anschieben und freue mich mit allen Anderen, dass der Landrover wieder läuft.

Ruaha-Nationalpark 9.2.2022

Ruaha-Nationalpark 9.2.2022

„Der Ruaha ist wegen seiner isolierten Lage einer der am wenigsten besuchten Wildparks Tansanias. Über Straßen ist er kaum zu erreichen, …“ steht in unserem Safari-Reiseführer. Die Piste, die dorthin führt, wird in der iOverlander App als „never ending dirt road“ bezeichnet.

Wir befragen Kathrina, ob sie uns dorthin schaukeln will, und sie brennt nach so vielen Teerstraßen in Sambia (mehr Loch als Teer…) und Tansania (gut geteert, aber unübersichtliches Verkehrstreiben) wieder auf ein Abenteuer auf von der Regenzeit ausgewaschenen Pisten mit weit mehr Fußgängern als motorisierten Verkehrsteilnehmern.

Also nichts wie hin! Dass wir nur vier Stunden für 70 Kilometer gebraucht haben, zeigt doch, dass die Piste nicht durchgehend ganz so schlimm war. Wo sie aber schlimm war, haben wir alle drei gebangt, die Luft angehalten und uns bei Schräglagen alle auf eine Seite gelehnt, um nicht zu kippen… Auf dieser Piste haben wir auch die ersten Massai gesehen. Zuerst kam eine riesige Herde von Rindern, dann die ersten hochgewachsenen schlanken Hirten in ihren langen Roben mit Gürtel und Schwert, mit langen Wanderstöcken und charakteristischem Schmuck. Eine Szene aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Zwei dieser stolzen Hirten waren jedoch in der Moderne angekommen – sie hielten bettelnd uns die Hand hin.

Spätabends finden wir kurz vor dem Parkeingang eine wunderbare Bleibe in der Ruaha Hilltop Lodge – von der schlimmen Piste geht es noch zwei schaukelige Kilometer durch teilweise tiefhängendes Gestrüpp den Berg hinauf. Oben genießen wir eine phantastische Aussicht auf den Nationalpark, der sich von 750…1.868 m.ü.N.N. erstreckt. Die Hügel im Park gehören zum östlichen Arm des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Von der Bar aus kann man viele davon im letzten Abendlicht bewundern, bei einem – nein zwei – „Kilimanjaro“-Bieren. Weder der Besitzer noch die Angestellten haben jemals ein solches Heim auf vier Rädern wie unsere Kathrina gesehen, sie sind nicht auf Campinggäste eingestellt, heißen uns aber herzlich willkommen („Karibu“) und lassen uns hocherfreut über den unerwarteten Besuch auf dem Parkplatz übernachten.

Die wilden Pisten im Nationalpark ersparen wir Kathrina – wir gönnen ihr einen Ruhetag und uns am nächsten Morgen einen Fahrer und einen Safari-Führer, die uns gleich bei Tagesanbruch in deren Landcruiser in die zauberhafte Landschaft entführen. Von der offenen, zugigen Pritsche aus sehen wir viele Impalas, Kudus, Rappenantilopen und auch einige der mini-kleinen scheuen Dik-Diks. Letztere immer paarweise, sie bleiben ein Leben lang zusammen. Im Fluss lungern und schnauben einige Hippos, ein Krokodil schwimmt vorbei. Da fällt Moses, unserem Safari-Führer, plötzlich auf, dass wir ganz dicht am Ufer stehen. Ich hatte nach Hippo-Spuren gefragt, und er hat sie uns gezeigt – die Abdrücke der vier dicken Zehen im Uferschlamm und einige Hippo-Haufen, die selten sind, da die Hippos ihren Dung normalerweise mit den Schwänzen versprühen und so ihr Revier sowie ihre nächtlichen Wanderwege markieren. Über unser Interesse hat er ganz vergessen, dass man im Park ja das Auto nicht verlassen darf. Schnell entern wir also wieder auf, vollzählig, niemand vom Krokodil verspeist. Dann sehen wir einige Giraffen mit ungewohnt straffem Fell (die bisherigen Giraffen waren allesamt sehr faltig gewesen) und ganz „ausgefransten“ braunen Flecken – die Massai-Giraffen, die hier in Tansania und in Kenia vorkommen. Für Nervenkitzel sorgen auch zwei große männliche Löwen mit schwarzer Mähne, also nicht die „kleinwüchsigen“ braunmähnigen Löwen aus dem Etoscha-Park. Ganz dicht fährt Patrick, unser Fahrer, an sie heran, und unser anfänglicher Nervenkitzel (offene Pritsche versus geschlossene Kathrina) legt sich schnell, als sie sich zärtlich zusammen kuscheln, die Wangen aneinander reiben, und einer der Beiden sich auf den Rücken dreht und sich – vom anderen Löwen, nicht von uns – am Bauch kraulen lässt. Trotz der imposanten Größe sind es also doch nur verspielte Schnurrkater… Wir sehen auch einige Elefantengruppen. Da der Ruaha-Fluss in diesem Jahr trotz Regenzeit sehr wenig Wasser führt, zieht die größte Elefantenpopulation Tansanias, die hier ansässig ist, nicht wie sonst in großen Herden, sondern in kleinen Gruppen durch den Park, denn die verstreuten Pfützen, welche die Tiere in diesem Jahr vorfinden, würden für den Durst einer großen Herde nicht ausreichen. Im Gegensatz zum Addo oder Etoscha wurden hier keine künstlichen Wasserlöcher angelegt, um das Wild an bestimmte Orte zu locken, die Tiere haben hier also wirklich nur die natürlichen Wasser- und Futterquellen. Der Park ist auch nicht eingezäunt, die Tiere können also nach Herzenslust (oder besser gesagt nach dem Futterangebot) ein- und auswandern. Daher ist hier die kundige Führung sehr hilfreich für die Tiersichtungen.

Landschaftlich sind wir auch völlig hingerissen. Dichte Wälder wechseln sich ab mit Savannen, Flussbetten und offenen Hügellandschaften. Der Tag ist wolkenverhangen, wir haben also nicht die starken Kontraste und Schatten eines Sonnentages, sondern genießen die zarten Farbtöne und das gleichmäßige Licht. Nur während des Mittagvespers regnet es, danach geht es auf den nass gewordenen Pritschen weiter. Erstmalig sehen wir viele der skurrilen Baobabs, deren Stämme nicht selten mehr als 4 m Durchmesser haben. Der Baobab oder Afrikanische Affenbrotbaum ist eine sukkulente Pflanze, die in ihrer Rinde Wasser speichert. Viele Wüstenbewohner zapfen in der Trockenzeit direkt den Wasservorrat der Bäume an, um ihren Flüssigkeitsbedarf zu decken. Aber auch Elefanten nutzen den Wasserspeicher, indem sie die Rinde der Baobabs aufbrechen, um an die feuchten Fasern im Bauminnern heranzukommen. Dabei entstehen große Hohlkörper, viele der Baobabs haben also „Fenster“, durch die man hindurchsehen oder gar -klettern kann, und die früher von den Buschleuten als Vorratsspeichesr oder Verstecke genutzt wurden.

Voll neuer Eindrücke und neuem Wissen kommen wir abends auf die Lodge zurück, erzählen Kathrina von unseren tollen Abenteuern und den schrecklichen Pisten, und lassen diesen tief beeindruckenden Tag bei einem „Safari-Lager“ auf der Veranda ausklingen, mit versonnenem Blick auf den Park.

Der Abschied vom Lodge-Team am nächsten Morgen dauert weit über eine Stunde. Kathrinas Innenleben wird besichtigt und bestaunt: Küche, Ess-, Wohn- und Schlafzimmer, Bad, Bibliothek, Ersatzteillager und Werkstatt – alles auf so kleinem Raum. Patrick klettert ins Führerhaus – und stellt erstaunt fest, dass rechts kein Lenkrad, sondern der Beifahrersitz ist. Dann fotografieren sie Kathrina vor der Lodge – jeder muss mal fotografieren, jeder darf sich mal davorstellen. Da es regnet all dies mit bunten Regenschirmen. Nie zuvor hatten wir uns so willkommen und von Herzen aufgenommen gefühlt. So werden uns die Tage im Ruaha-Gebiet nicht nur wegen des großartigen Parks, sondern auch wegen der intensiven menschlichen Begegnungen in Erinnerung bleiben.

Quirliges Tansania 3.-8.2.2022

Quirliges Tansania 3.-8.2.2022

Der Grenzübergang von Sambia nach Tansania war mal wieder ein Abenteuer, nach der Grenze mal wieder ein völliger Mentalitätssprung.

Den mehrstündigen Aufenthalt in dem Grenzgebäude zwischen Nakonde und Tundela komprimiere ich in einen Satz: Sämtliche Büros sind in einem modernen Gebäude unter einem Dach untergebracht, allerdings weder nach Ländern noch inhaltlich (Immigration der Personen, Zoll, Kfz-Abgaben und -Versicherungen) sortiert und schon gar nicht ausgeschildert, was uns eine mehrstündige Odysee von Pontius zu Pilatus bescherte, zwischendurch wurde Kathrinas Inneres mit Chlorlösung aus der Gartenspritze desinfiziert.

Dann tauchen wir in eine neue Welt ein. Während die Sambier ruhig, lächelnd, Jahrhunderte zurück, also unmotorisiert unterwegs waren, ist hier fast jeder mit Moped, Tuctuc oder noch mehr PS unterwegs, natürlich immer ein Smartphone am Ohr. Die wenigen Fußgänger und Radfahrer müssen hier schnell wegspringen, egal wie beladen sie sind – außer Kathrina macht niemand einen Bogen um sie herum. So verträumt und verschlafen Sambia war, so quirlig und dynamisch fließt hier alles umeinander herum. Und völlig Multikulti, jeder hat ein anderes Lebens- und Fortbewegunskonzept.

Immerhin gibt es noch die ansprechenden Straßenstände mit leckerem Gemüse. Supermärkte gibt es hier gar keine mehr. Es gibt selbst in den Städten nur kleine Läden, ohne Beschriftung, das Sortiment muss man in jedem Laden neu erfragen, es gibt also keine Ladentypen. Dafür sind die Läden so klein, dass man das Warenangebot schnell durchgesehen hat, und mit etwas Übung dauert das Einkaufen hier auch nicht länger als im Supermarkt. (Nach 10 Tagen finden wir in Dodoma einen Supermarkt, der alles unter einem Dach hat, es soll weitere in Arusha und Dar-es-Salaam geben).

Erfreulich ist, dass das Warenangebot der konfektionierten Waren sich sprunghaft ändert. Während die Getränke, Milchprodukte, Reis, Mehl, Gewürze, Dosengemüse von Südafrika über Namibia bis Sambia von den gleichen Firmen stammten (wobei die Bandbreite an Marken und Sorten immer dünner wurde), ist hier alles anders. Der Markt ist nach Nordafrika, Kleinasien und Fernost ausgerichtet: Anstatt Oregano, Rosmarin und Italian Herbs finden wir eine Riesenauswahl an Gewürzen, meist nur in arabischer Schrift gekennzeichnet. Aber der Duft dringt durch die Packung, sodass wir sofort riechen, was wir kaufen wollen. Als ich nach „rice“ frage, teilt mir die Besitzerin von 2*2 qm Ladenfläche mit, sie habe keinen – doch ich finde direkt hinter ihr einen Sack mit etwa drei Kilo Reis, rundum mit chinesischen Zeichen beschriftet. Über die Kochzeit kann mir die Ladenbesitzerin nichts sagen – egal, wird gekauft und ausprobiert.

Neben christlichen Gotteshäusern sieht man immer mehr Moscheen. Als wir einmal in der Stadt Iringa auf einen Campingplatz gehen, ruft uns der Muezzin um 16:00 Uhr, 19:00 Uhr und 05:00 Uhr zum Gebet.

Unsere erste Übernachtung ist jedoch so richtig auf dem (Hoch-)Land in einer Coffee-Lodge. Feinste Hochland-Cafés werden rundum angebaut, Mangos wachsen im Garten, und so gönnen wir uns hier vier Nächte lang einen Camping-Bungalow: ein großes Haus mit hohen Decken, zwei Schlafzimmern und zwei Bädern, einem großen Aufenthaltsraum mit Esstisch sowie einer Couch-Ecke und einer großen Küche mit Backofen! Der Bungalow ist gerade mal 20% teurer als Camping auf einer schattenlosen Wiese, daher gönnen wir Kathrina eine Auszeit von uns, und haben so richtig Zeit, sie gründlich zu putzen, was nicht ganz so gut gelingt, wenn man in der Regenzeit in ihr wohnt und ständig Feuchtigkeit einträgt. An zwei von vier Tagen haben wir sogar Strom, an den anderen beiden Tagen ist die gesamte Gegend fast ganztägig ohne elektrische Energie… Am ersten Tag haben wir morgens um 10:00 Uhr gerade ein Brot in den Backofen geschoben, als der Strom ausfällt. Ich laufe zur Rezeption und erzähle ihnen von unserer Misere. Kurzerhand erlaubt uns die Managerin, das Brot im Ofen des Restaurants fertig zu backen, das ist nämlich an den Generator angeschlossen. Die Köchin ist zunächst etwas skeptisch, als wir unseren „Potje“ (einen gußeisernen Topf mit Henkel) bringen und ihren Ofen stellen, und alle Wählschalter des Ofens verstellen. Als wir ihn eine Stunde später wieder holen und den Deckel lupfen, ist sie vom Anblick und vom Geruch ganz hingerissen. Hier kennt man nur die angelsächsische Weißpappe, ein braunes rundes Brot mit Kruste hat sie noch nie gesehen. Als Torsten ihr dann nach dem Ruhen eine noch warme Kostprobe mit Butterflöckchen bringt, ist sie begeistert. Als um 19:00 Uhr wieder Strom kommt, backt Torsten einen Zuckerkuchen für die nächsten Frühstücke. Am zweiten Tag backen wir eine Pizza, am dritten Tag ist wieder ganztags Stromausfall. Immerhin funktioniert der Gasherd – wir können also all die Gemüsevorräte ratzeputz leerkochen, und so einen Grundzustand in Kathrina herstellen, um bei der Weiterfahrt wieder die Marktstände plündern zu können.

Am ersten Tag machen wir noch einen typischen Anfängerfehler: Wir hatten während der Campingphase auf Tee und löslichen Kaffee zurückgegriffen. Hier bereiten wir uns natürlich den leckeren Kaffee der Farm zu, mit einer Stempelmaschine aus dem Bungalow. Nur die ganzen Bohnen werden für den Spitzencafé ausgelesen, nicht die kleinen oder zerbrochenen, sodass alle Bohnen absolut gleichmäßig geröstet sind, was einen besonders feinen, gleichzeitig intensiven aber milden Geschmack zur Folge hat. Der Café ist so mild, dass wir morgens, mittags und abends je zwei bis drei Tassen trinken. In der folgenden Nacht tun wir dementsprechend kein Auge zu. Am zweiten Tag sind wir dann schlauer…

Tanganjika-See 28.1.-2.2.2022

Tanganjika-See 28.1.-2.2.2022

Aquarianer kennen viele farbenfrohe Buntbarsch-Arten, die den Tanganjika-See als Heimat haben. Er ist das größte Süßwasser-Reservoir Afrikas, das zweitgrößte weltweit nach dem Baikalsee, und das, obwohl er an keiner Stelle mehr als 80 km in Ost-West-Richtung misst. Er liegt im westlichen Arm des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, einer Riftzone, die auseinander driftet. Vermutlich wird er sich in ferner Zukunft mit dem Malawi-See verbinden und ein neues Meer ausbilden. Er liegt auf 780 m Höhe und ist an der tiefsten Stelle über 1.400 m tief, reicht also weit unter den Meeresspiegel. In den tieferen Schichten beherbergt er fossiles Wasser, das seit der Prähistorie keinen Kontakt mehr mit der Erdatmosphäre oder Oberflächengewässern hatte.

Wie spannend – also nichts wie hin!

Von über 1.700 m schlängelt sich Kathrina bis zum See hinab. Doch unsere Hoffnung auf einen schönen Überblick aus der Höhe erfüllt sich nicht – zu üppig ist die Vegetation beiderseits der Straße in der Regenzeit. Ab und zu blitzt etwas Blau zwischen den grünen Bäumen hindurch, und plötzlich (genaugenommen nach 1 km Macheten-Hackerei und mehreren abgesägten Ästen bei der Zufahrt zum Campingplatz) breitet er sich 10 m vor Kathrina aus. Wir stehen am Südufer, am nördlichen Horizont ist nur eine waagrechte Wasserlinie zu sehen, da das Nordufer so weit entfernt ist, wie Bremerhaven von Leopoldshafen. Ost- und Westufer sind von dicken Wolkenschwaden verhangen, erst in zwei Tagen werden wir einen klaren Blick auf die beiden Küsten bekommen: Die steil abfallende Westküste an der Grenze zum Kongo, sowie die grüne Ostküste in Tansania.

Einige Fischerboote sind auf dem See, meist mit zwei Ruderen und einem Steuermann. Keine Einbäume, sondern richtige Boote. Die Boote für den Personentransport sind etwas größer und motorisiert, doch nicht jedes Boot hat Treibstoff, einige Passagiere werden auch gerudert.

Das Wasser ist glasklar, keinerlei Algen oder Wasserpflanzen an diesem Küstenabschnitt, die großen braunen Uferkiesel kann man noch mehrere Meter weit im Wasser klar erkennen. Die Lichtstimmungen, die wir hier in 6 Tagen erleben, sind vielfältig und überraschend. Dunkelgraue Regenwolken, strahlend blauer Himmel (öfters, aber immer nur von kurzer Dauer), weiße Nebelschwaden wechseln sich mehrfach am Tag ab. Bei Sonnenauf- und -untergang wird oft jeweils nur eine einzige Wolke selektiv orange angestrahlt, sodass sie sich von dem stahlgrauen bzw. -blauen Himmel abhebt. Auch zartgrüne Farbtöne bekommen wir auf dem See zu sehen, und natürlich eine Vielzahl von Regenbögen… Die Wasseroberfläche variiert von spiegelglatt bis zu stark aufgewühlt mit über einem Meter hohen Wellen in in sehr kurzer Dünung, entsprechend dem Wetter von absolut windstill bis verdammt stürmig.

Der Campingplatz ist sehr rudimentär, eigentlich kann man nur die Toilette nutzen, in der man dann mit einem Eimer Wasser aus dem See abspült, aber diese Infrastruktur reicht uns völlig – und vermutlich sind wir deshalb die einzigen Gäste hier uns mit dem faszinierenden See allein. (Nur in der letzten Nacht kommt Burkhard vorbei, der vor vielen Jahren nach Sambia ausgewandert ist, in Kabwe eine Lodge hat und Motorrad-Safaris anbietet. Wir wollen ihn auf der Rückfahrt besuchen, dann also mehr über diesen quirligen Tausendsassa.)

Es gibt auch zwei schilfgedeckte Pavillons – einer mit einem hohen Tisch und hohen Stühlen – hier kochen und essen wir -, ein weiterer mit einem Couchtisch und mehreren niedrigen Sesseln, wo wir nach dem Essen unseren Café einnehmen. Alles aus wetterfestem Holz, die Plattformen der Pavillons standen mal weit vom Seeufer entfernt, nun liegt der See uns beim Essen im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen, und beim Sturm am letzten Tag werden die Plattformen völlig überspült, sogar die Tische werden nass… Der Seespiegel ist in den letzten Jahren gestiegen, erzählt uns Celestine, die den Campingplatz nach bestem Wissen und Gewissen managt. Die Baumstümpfe, die wir in Ufernähe sehen, waren vor wenigen Jahren noch ihre Mango-, Papaya- und sonstige Bäume, die heftigen Regenfälle der letzten Jahre fordern jedoch ihren Tribut. Viele Sandstrände in der Umgebung sind völlig verschwunden. Celestine ist eine der wenigen im Ort, die für uns verständliches Englisch sprechen, mit den meisten anderen geht es eher per Hand und Fuß, aber man findet sich mit Gesten zusammen.

Der Campingplatz ist umgeben von einem „Ort“, der aber keinerlei Struktur hat – es gibt nur Pfade, entlang derer ab und zu Häuser liegen. Immerhin Steinhäuser mit Rieddächern, also ein gewisser Komfort. Wasser zum Waschen, Trinken, Kochen wird vom See geholt, Wäsche wird im See gewaschen und auf den Steinen zum Trocknen ausgelegt.

Am ersten Tag sind wir erschöpft von der Fahrt, am zweiten Tag fordert Kathrina einige technische Dienste von uns, sodass wir an den ersten Tagen den ruhigen, abgeschirmten Campingplatz kaum verlassen. Fischerboote fahren vorbei. Zunächst mit gebührendem Abstand, dann immer näher, und ab dem zweiten Tag „kennt“ man sich und winkt sich zunächst zurückhaltend, dann fröhlich zu. Einige Fischer rudern zu uns und zeigen uns ihren Fang. Die Fische, die man bei uns für teuer Geld für das Aquarium kaufen kann, sind hier ein kleiner Happen zum Frühstück, und etwas enttäuscht nehmen sie zur Kenntnis, dass wir auch an ihren größeren Fischen kein kulinarisches Interesse haben. Zwei Jungs kommen angerudert, Torsten hält fragend die Kamera hoch, und sie zeigen, dass sie fotografiert werden wollen. Dann kommen sie an Land, der Ältere holt ein altes Handy mit Foto-Funktion hervor (viele Generationen vor den Smartphones), öffnet es und überreicht Torsten die SD-Karte. Er will erfreulicherweise kein Geld, sondern Kopien der Fotos. Die beiden Halbschalen des geöffneten Geräts wirft er auf die nassen Fische, mir wird ganz anders, aber das Gerät ist diese Wasser-Behandlung offensichtlich gewohnt. Der Akku ist nicht mehr original, irgendjemand hat hier abenteuerliche Lötarbeiten verrichtet, nach dem Zusammenbau zeigt das kleine Display tatsächlich die Fotos an und die beiden ziehen froh von dannen.

Am dritten Tag ist Sonntag. Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang durch das Dorf. Bei einer der ersten Hütten lässt eine Frau ihren Gemüsestand unbeaufsichtigt, und ernennt sich kurzerhand zu unserer Führerin. Die Kinder sehen uns und bald haben wir eine fluktuierende Eskorte aus 30…50 Kindern um uns herum. Unter einem großen Schattenbaum sind zwei Tische mit Dame-Spielen aufgestellt, konzentriert und flink spielen einige größere Jungs das Spiel. Die Spielsteine bestehen aus gleichfarbigen Getränke-Deckeln, die Bretter sind selbst gemalt. Wir ziehen weiter bis zum Marktplatz. Etwa 10 Frauen und 2 Männer singen Gospel vor den Markthallen, wir kaufen Gemüse ein, unsere Führerin sorgt dafür, dass sie uns die frischen Tomaten und Kohlköpfe geben. Wir hören dem Gospel-Chor noch etwas zu, und schlendern dann mit unserem Geleitzug wieder zum Campingplatz. Unsere Führerin erklärt den Kindern, dass sie uns nicht auf den Campingplatz folgen sollen, was diese zu unserem Erstaunen befolgen. Sie selbst kommt mit, spickelt verschämt in Kathrina (da hat sie im Ort was zu berichten!) und fragt dann Celestine, was Seife auf Englisch heißt. Das ist ihre Bitte für ihre Begleitung – ein bisschen Seife zum Wäsche waschen. Wir füllen ihr unser blaustes Waschmittel in eine leere Pumpspray-Flasche, mit der sie stolz abzieht.

Als wir am vierten Tag wieder in den Ort gehen, ist unsere Begleiterin sofort wieder zur Stelle, doch wir bedeuten ihr mit Händen und Füßen, dass wir heute allein sein wollen. Das respektiert sie, lacht und winkt zum Abschied, und so gehen wir allein mit einer Horde Kindern durch den Ort. Torsten hatte ein Foto von den Dame-Spielern gemacht und es ausgedruckt und mit Tesafilm laminiert. Bei den Bäumen sitzen die Jungs wieder und spielen konzentriert, sie schauen zunächst kaum auf. Als Torsten das Foto an den Baum heftet, gruppiert sich sofort eine Traube drumherum, die Spieler unterbrechen kurz ihr Spiel, lachen freudig über das Foto von ihnen – und spielen nach kurzer Unterbrechung weiter. Wir ziehen weiter zum Marktplatz und fragen dort, wo die Schule ist. Einer der Jungs aus unserem Geleit geht schon zur Schule, er führt uns dorthin. Unterwegs sehen wir einen Schmied – während Torsten sich von ihm seine Arbeitsweise zeigen lässt, lenke ich die Kinder mit unserem Fotobuch ab, damit sie dem Schmied nicht vor lauter Aufregung die Maispflanzen in seinen Vorgarten zertrampeln. Bei der Schule angekommen ist um 16:30 nur noch der Nachtwächter dort, er meint, wir sollten am nächsten Morgen um 8:00 Uhr wieder kommen.

Was wir natürlich tun. Am fünften Tag besuchen wir zunächst den Rektor, erklären ihm wer wir sind, und dass wir uns für seine Schule interessieren – und dürfen dann in alle Klassen hineinschnuppern: in die Vorschule, in der die Kinder auf gemeinschaftliches Arbeiten eingestimmt werden, in die Grundschule, in der 64 Kinder verschiedenen Alters zusammen lernen (lachend und lärmend), und in die weiterführenden Klassen, wo dann nur noch etwa 20 Jugendliche einen anspruchsvollen Unterricht bekommen, hier ist die Stimmung ernst und konzentriert. Eine bereichernde und ergreifende Erfahrung – wir wünschen den lernwilligen jungen Menschen und deren Lehrern, die unter sehr einfachen Rahmenbedingungen einen großartigen Einsatz bringen, von Herzen alles Gute für ihre Zukunft. Ein spannender Ort, an dem Idealismus, Pragmatismus und Lebensfreude aufeinander treffen.

Zauberhaftes Sambia: Endlich in Afrika! 11.-27.1.2022

Zauberhaftes Sambia: Endlich in Afrika! 11.-27.1.2022

Der Grenzübergang von Namibia nach Sambia war ein unerwarteter, aber innigst ersehnter Kulturschock: Zufriedene, fleißige Menschen, die ihre Äcker beiderseits der Straße beackern, erstaunt aufsehen und dann fröhlich winken, wenn Kathrina vorbeischaukelt, und an ihren Straßenständen eine vielfältige Auswahl an leckeren Gemüsen darbieten. Wenn ein Fahrzeug in der Nähe der Stände vom Gas geht, werden ganz schnell noch die lebendigen Hühner aus den geflochtenen Körben geholt, und flinke Jungs rennen barfuß mit je einem Hahn in der Hand den Fahrzeugen hinterher (meist LKW-Schwerlasttransporte, denn PKWs gibt es kaum) und schaukeln winkend die Tiere, die entsprechend lebhaft flattern.

Und vor allem: Wenig Zäune! So lernen wir Sambia als sympathisches freies Land kennen, in dem man gewohnt ist, Gemeindeland zu teilen. Auf den Straßen flanieren Menschen mit tiefschwarzer Hautfarbe und bunten Kleidern. Gegen den Regen schützen die Frauen ihre Köpfe mit bunten Tüchern, die Männern mit allem, was die Altkleidersammlung hergibt: Zipfelmützen, Skimützen, Bommelmützen – je altmodischer in Europa, desto begehrter hierzulande. Einige (vor allem die Frauen) tragen ihre Last (meist Wasser oder Lebensmittel) mit Körben oder gar schwere Tonnen auf dem Kopf, die Kinder in Tüchern auf den Rücken gebunden. Andere (vor allem die Männer) fahren Fahrräder in abenteuerlichem technischen Zustand, und sind für den Lastentransport von Kohlen oder technischem Gerät zuständig, mit äußerst kreativen Methoden der Ladungssicherung. Bis zu acht große Bierkästen lassen sich auf einem Fahrrad transportieren. Die modernen Väter binden sogar noch ihren Nachwuchs mit einem bunten Tuch ans Lenkrad.

Wir sind so froh, dass wir uns kurzerhand entschlossen haben, weiter nach Sambia hineinzufahren als nur bis zu den Viktoriafällen, die auf jeden Fall ein sehenswertes Naturwunder darstellen. Im „normalen“ Sambia geht uns so richtig das Herz auf, und wir verstehen plötzlich, dass so viele Reisende so vernarrt in Afrika sind. Einen Reiseführer dieses Landes haben wir (glücklicherweise) nicht, die meisten Nationalparks stehen wegen der Regenzeit ohnehin unter Wasser. Wir haben anderen Reisenden ihre Sambia-Landkarte abgekauft, fahren drauflos und fragen uns durch. Wie herrlich!

Bereits der Caprivi-Zipfel in Namibia war fast ausschließlich von Schwarzafrikanern bewohnt, und auch dort haben wir fröhlich winkende Menschen erlebt. Doch wenn man etwas tiefer ins Gespräch kam, hatten wir immer den Eindruck, dass unser Gegenüber uns aufgrund unserer bleichen Hautfarbe – ganz unbewusst – als Repräsentant der reichen herrschenden Klasse im Land ansah, und nach anfänglicher Fröhlichkeit kam die Klage über ihre schwierige Lebens-Situation durch, oder Kinder liefen uns hinterher und bettelten nach „Sweeties“.

Die Sambier hingegen begegnen uns (zumindest im Süden und Zentral-Sambia) völlig unvoreingenommen. Sicher sehen sie sofort, dass wir Ausländer sind, aber wir sind eben Ausländer, die von noch weiter her kommen als diejenigen aus Tansania oder Botswana, und das erklärt auch, dass wir noch viel fremdartiger aussehen. Sie reden mit uns über ihr wunderbares Land, die üppige Natur, die viele Ernten ermöglicht, und über ihr leckeres Gemüse. Keiner klagt, wenige betteln. Alle sind freundlich, fröhlich, arbeitsam, die Menschen wirken in sich ruhend, ausbalanciert und mit ihrem einfachen Leben erfüllt. Und die Gemüse! Nach drei Monaten mit Zwiebeln, Kartoffeln und Büchsenerbsen quellen uns hier die Augen über! Wir finden Spinat, Tomaten, Paprika, Auberginen (große violette runde sowie zwergwüchsige weiße) und vielerlei uns unbekannte Gemüse, deren Namen ich schon beim Einsteigen in Kathrina wieder vergessen habe, und die wir in der Regel schon gekocht und verschmaust haben, bevor wir wieder Internet-Empfang haben, wo wir die Namen nachschlagen könnten. Klar sind die Gemüse krumm gewachsen, manchmal etwas hutzelig und einige muss man gut ausschneiden, denn von Güteklassen haben sie noch nie etwas gehört. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb so lecker!

Sambia macht uns auch so richtig Lust auf noch mehr Afrika – wir recherchieren einmal mehr, ob man über die Ostafrika-Route bis nach Hause fahren kann. Doch in Äthiopien herrscht wegen religiöser Fundamentalisten seit November der Ausnahmezustand, und aktuell sind die Grenzen auf dem Landweg von Kenia geschlossen. Zwischenzeitlich wird auch der Sudan unsicher und die Grenzen sind geschlossen. Wir verabschieden uns nun endgültig und schweren Herzens von dem Traum, mit Kathrina von Port Elizabeth nach Port Leopold zurückzutuckern. In welche weiteren Länder unsere Reise uns noch führen wird, steht derzeit noch in den Sternen, die wir wegen der wolkenverhangenen Regenzeit seit Jahresbeginn kaum zu Gesicht bekommen haben. Auf jeden Fall bereichert uns das beschauliche einfache Leben der Landbevölkerung im dünn besiedelten Sambia extrem. Uns ist durchaus klar, dass unsere positiven Begegnungen mit den Sambiern sehr an der Oberfläche kratzen. Denn dass hier keinerlei paradiesischen Zustände herrschen, wird einem spätestens dann klar, wenn man aus sehr gelben Augen fröhlich angestrahlt wird. Hepatitis ist hier ganz offensichtlich allgegenwärtig, und viele andere Krankheiten sicherlich auch. Die Hälfte aller Einwohner ist jünger als 20 Jahre.

Das Klima ist weniger drückend als befürchtet. Durch den Regen bzw. die Bewölkung haben wir nachts 20…25°C, und tagsüber selten über 30°C. Bei diesen Temperaturen ist auch die relative Luftfeuchtigkeit von 70…80% noch erträglich. Wir fahren teilweise abseits der geteerten Durchgangsstraßen von Stausee zu Stausee, übernachten mal an einem Bootclub mit Camping-Wiese, mal frei an einem Seeufer, dann wieder frei hinter einer Kirche. Die Menschen halten respektvoll Abstand. Wenn wir fragen wollen, ob wir hier übernachten dürfen (wie wir es bei der Kirche getan haben), müssen wir auf die Menschen zugehen. Das finden wir äußerst angenehm, wir lieben es nicht so sehr, umringt zu werden. Aber wenn wir fragen, sind sie ganz aufgeschlossen und freuen sich, dass wir an ihrem Heimatflecken etwas länger verweilen und sogar übernachten wollen – und nicht nur schnell durchfahren. Insbesondere bei den Stauseen können wir etwas die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen beobachten. Die Frauen angeln mit langen, selbst gefertigten Ruten vom Ufer aus, wohingegen die Männer mit Einbäumen zum Angeln oder Fischen auf den See hinaus paddeln. Einige Male sehen wir die Methode, die Netze auszulegen, und die Fische dann mit Ruderschlägen in die Netze zu treiben. Einige Hirten bringen ihre Rinder oder Ziegen zum Weiden und Trinken vorbei, unterhalten sich mit den Fischern – und ziehen dann mit der letzten Dämmerung in die Orte zurück. Man teilt die gemeinsamen schönen Flecken und zäunt sie nicht ein.

Der Menschenschlag ändert sich, als wir auf der T2 in die Nähe des Verkehrsknotenpunktes Mpika kommen. Die Straße ist so kaputt, dass man zweihundert Meter auf einer völlig ausgewaschenen Piste neben der Straße schaukeln muss. Man hat schon größte Mühe, das eigene Fahrzeug in den tiefen Löchern nicht umzuschmeißen, und dann laufen noch von allen Seiten Menschen mit Körben oder Tüten herbei. Anstatt jedoch zu zeigen, was sie denn Leckeres feilbieten, hämmern einige Jungs mit den Fäusten an die Türen und rufen in forderndem Ton „Kwacha, Kwacha – Money, Money!“. Wir sind überrascht und stellen fest, dass die Anzahl aufdringlichen Verkäufer und Bettler zunimmt. Das gibt uns schon einen gewaltigen Stich. Als wir in Mpika auf einem Campingplatz einkehren (in dieser Gegend wollen wir nicht frei stehen), sind wir überrascht, auf Deutsch empfangen zu werden. Andreas kam zu Beginn des 2. Jahrtausends als Entwicklungshelfer hierher und hat nach Beendigung der Projekte hier eine Lodge mit Campingplatz und ein Restaurant mit Pizzaofen aufgebaut.

Wir genießen die Zeit auf der Lodge bei intensiven Gesprächen mit Andreas und erfahren so tiefere Details über das hiesige Afrika.

Zambia: Gibt es schlimmere Straßen als die M10 von Katima nach Kazungula? 10.1.2022

Zambia: Gibt es schlimmere Straßen als die M10 von Katima nach Kazungula? 10.1.2022

Bewusst haben wir uns für die Einreise nach Zambia in Katima Mulilo entschieden, da dieser Grenzübergang ruhig, wenig befahren und nicht mit einem Transit durch Botswana verbunden ist. Wenig befahren – das liegt am Zustand der M10, der Verbindungsstraße von Katima nach Kazungula. Viele hatten uns gewarnt, aber dazu später.

Die Ausreise aus Namibia lief fast glatt, hätten wir nicht noch eine Straßen-Maut nachzuzahlen gehabt. Danach dann weiter zum Zoll auf sambischer Seite. Durch die 500 m Niemandsland fahren wir mit einer Traube von Geldwechslern, die alle neben Kathrina herjoggen und Geldbündel schwenken. Wir sind stur und gehen erst mal zum offiziellen Gebäude. Geld wird erst gewechselt, wenn wir die Landeswährung wirklich benötigen. Der Einreiseprozess startet mit dem Gesundheitscheck. Unseren PCR-Test legen wir vor, unsere Körpertemperatur wird gemessen, ein Formular ist auszufüllen. Dann zur Immigration: Wir kaufen ein Visum, das uns berechtigt, zweimal nach Sambia einzureisen. US-Dollar werden akzeptiert. Alles ganz easy, allerdings nur für 30 Tage. Der Zollbeamte erklärt uns, dass wir in jeder Stadt auf 90 Tage verlängern können. Das kostet garantiert wieder … Aber nun kommt Kathrina dran: Das Carnet de Passages (unsere Zollpapiere für Afrika) muss gestempelt werden, damit Kathrina einreisen darf. Das geht, tja, im nächsten Gebäude, wo wir zurückgeschickt werden, usw. Hier erspare ich die weiter Schilderung im Detail, erinnert das Prozedere stark an den Passierschein A38 aus dem Film „Asterix erobert Rom“. Nun müssen wir noch eine Carbon Tax entrichten. Zwei Gebäude weiter finden wir den Schalter. Allerdings müssen wir in der Landeswährung bezahlen. Es regnet in Strömen. Also zu den Geldwechslern, einen Geldautomaten gibt es nicht(!). Etwas verhandelt, was den Kurs verbessert. Dann Carbon Tax zahlen. Als nächstes ist noch die Road Tax fällig. Diese jedoch ist wieder in US-Dollar zu entrichten, der Preis ist für Europäer besonders teuer. Nun fehlt noch der Councel Levy. Keine Ahnung, was das ist, aber drei Gebäude weiter (es schüttet aus allen Kübeln) kann man den Schein käuflich erwerben (wiederum in Landeswährung…). Alles erledigt? Also los. Kaum hinter dem Steuer, umringt uns eine Traube von hilfsbereiten Männern, die uns nochmal Geld wechseln wollen, und eine aufgeregte Frau, die sich als Zoll-Beamtin herausstellt. Wir bräuchten noch eine Kfz-Versicherung. Für uns kein Problem, wir haben eine, gültig in ganz Afrika. Deutsche Versicherung. Die werde nicht akzeptiert. Also was tun? Da wir lästige Schikanen bei Polizeikontrollen scheuen, erwerben wir also eine Versicherung (wiederum in Landeswährung). Drei Damen sind dafür nötig: Die Erste nimmt die Personalien auf, die Zweite gibt die Daten in einen PC ein und druckt eine Police aus, die Dritte schneidet mit einer Schere eine Plakette aus der Police aus. Die Reste der Police (also ein A4-Blatt mit großem Loch) sowie die runde Plakette werden mit ausgehändigt. Das Rund kommt in die Windschutzscheibe. Wir fühlen uns nun richtig sicher (vor blöden Fragen von der Polizei). Also endlich geht es weiter. Am Schlagbaum werden nun alle Dokumente von einem Helfer zum Wachhaus getragen und dort erneut überprüft. Jedes Dokument muss einzeln durch den Regen getragen werden, damit es die notwendige Wellung im Papier gibt.

Juchuu! Wir sind in Zambia!

Die M10, vor wir vielfach gewarnt wurden, lässt sich richtig gut an. Perfekter Asphalt, Kathrina fliegt nur so dahin. Kaum überhole ich nach ca. 30 km den ersten LKW, erkenne ich, warum dieser so langsam ist: Zwei bis drei Meter große Schlaglöcher zerreißen das ebenmäßige Bild der Straße, jedes etwa 50cm tief. 110 km liegen noch vor uns. Umfahren kann man die Löcher nicht mehr, dazu ist zu wenig Straße erhalten. Die Himmelsschleusen sind weiterhin offen, es ist Regenzeit. Zu beiden Seiten der Straße ist die Busch- und Baumlandschaft zu einem See zusammengeflossen. Die Straße liegt nur einen Meter höher (!).

Geduld und Konzentration bringen uns mit höchstens 10km/h voran. Ein Fahrfehler kann fatale Folgen haben. Hoffentlich halten die Federn von Kathrina durch. Ein Schaden am Fahrwerk wäre hier schlimm. Es gibt zwar Menschen die rechts und links der Straße in Hütten wohnen, aber die könnten kaum helfen. Ihre Hütten sind ja auch abgesoffen – die Armen.

Ab und zu überholt uns ein Fahrrad. Wann sollen wir eine Pause einlegen, wo übernachten? Für mich kommt schon aus motivationalen Gründen nur die Weiterfahrt bis zur Dunkelheit in Frage. Ich zähle die verbleibenden Kilometer. Noch 85, 84, 83… Keine Möglichkeit, uns neben die Straße zu stellen. Wasser und Schlamm überall. Direkt am Straßenrand ist eine Übernachtung zu gefährlich. Ein unaufmerksamer LKW-Fahrer würde uns einfach von der Straße schieben. Wir kommen bis Restkilometer 28. Mit 35 km wäre ich auch zufrieden gewesen. Aber 28 km sind wieder überschaubar, etwa drei Stunden am nächsten Tag. Nach einem Glas Rotwein fallen wir total erschöpft ins Bett.

Ich wache nachts vom Regengetrommel auf. Ist die Dachluke geschlossen? Klar hab ich zugemacht. Zum Überprüfen bin ich zu müde. Am Morgen die böse Überraschung: Viele Liter Wasser haben den Weg ins Auto und in die Schränke gefunden. Wie bekommen wir das alles trocken? Bei 80% relative Luftfeuchte!

Der Teppich und alle nassen Stücke kommen in die Dusche. Dann wird erstmal die Straße überwunden. Geschafft!

Gegen 10:00 Uhr sind wir in Livingston bei den Victoria-Fällen angekommen. Wir beschließen diese erstmal zu besichtigen.

Am Grenzübergang nach Zimbabwe (der Zambesi ist der Grenzfluss) parken wir Kathrina. Wupps, schon springt ein ausgewachsener Pavian auf das Auto und hüpft über das Dach. Aber es gibt in Zambia freundliche Helfer für alles. Ich spreche mich mit einem dieser selbst ernannten Parkwächter ab, handle von 20 USD auf 2 plus ein Päckchen Zucker herunter. Dafür passt er auf Kathrina auf und hält die Affen fern.

Auf der Brücke über den Zambesi warten viele freundliche Begleiter, die nach wenigen Schritten ihr Warensortiment präsentieren. Kupferarmbänder, Holzschnitzereien. Alles vom Großvater handgearbeitet. Hat man einen Begleiter, hält dieser all die anderen aufdringlichen Genossen fern.

Die Wanderwege der Victoria-Fälle haben wir fast für uns allein. Kein Wunder bei diesem Wetter. Ein Regenschauer jagt den nächsten. Aber dafür genießen wir die Fälle ohne das lästige Geplapper anderer Touristen. Die Fälle sind einfach gigantisch. Die Daten kann man nachlesen, aber der Eindruck ist unbeschreiblich. All die Wassermassen, durch die wir gestern und heute durchfahren haben und noch dazu das Wasser des Hauptstromes stürzen über eine lange Kante in die Tiefe. Ein Riss in der Erdkruste hat diese einzigartige Stufe in den Basalt geschaffen.

Die nächsten zwei Nächte lassen wir auf der Waterfront Lodge oberhalb der Fälle mit Blick auf Gischtfahnen und Hippos ausklingen.

Okavango: Jahreswechsel mit Kroko und Hippo 25.12.2021-4.1.2022

Okavango: Jahreswechsel mit Kroko und Hippo 25.12.2021-4.1.2022

Nachdem wir eine Woche den Etosha-Nationalpark mitseinem Tierreichtum erkundet haben, erreichen wir am 25.12. nachmittags den Okavango. Zehn Nächte werden wir auf verschiedenen Campingplätzen direkt an seinem Ufer verbringen. Zwischen Rundu und Divundu ist er der Grenzfluss zwischen Namibia und Angola, bei Divundu biegt er nach Süden ab, einige Stromschnellen, die als Popa-Wasserfälle bezeichnet werden, bilden für viele Tiere eine natürliche Barriere. Schließlich fächert sich der Okavango in Botswana in ein gewaltiges Delta auf, wo das Wasser laut Reiseführer verdunstet. Er ist also einer der Flüsse, die niemals das Meer erreichen. Wir wagen die Gegenhypothese, dass die vielen Elefanten und Abertausende von Antilopen das Delta einfach leertrinken. Auf der Rückreise wollen wir das Okavango-Delta besuchen und unsere Hypothese durch Beobachtungen auf die Probe stellen.

Beim ersten Anblick des Okavango fühlen wir uns gleich heimisch: Ein Fluss, beiderseits gesäumt durch einen dichten Schilfgürtel, an den Ufern grüne Wiesen und richtig hohe Bäume – die ersten hohen Bäume seit wir Deutschland verlassen haben. Verwundert es, dass wir uns an den Rhein erinnert fühlen? Weitere Ähnlichkeiten: Tagestemperaturen über 35°C und 80% relative Luftfeuchte. Das könnte eine Hitzewelle bei uns zu Hause sein – nur hier wird dies das Klima für die nächsten drei Monate sein. Auch viele Vögel und Insekten erinnern uns an die Heimat: Reiher, Kormorane, Schwalben, Wiedehopfe, Eisvögel, Fliegen, Libellen, Stechmücken, … Bei genauem Hinsehen weisen diese vertrauten Tiere jedoch deutliche Unterschiede in Form, Färbung, Größe auf. Und dann plötzlich ein Ruf „Bäh! Bäh! Bäh!“. Wir denken, ein Tier will uns verspotten, und identifizieren dann einen großen grauen Vogel mit Schopf als Verursacher. Graulärmvogel heißt der Krachmacher. Er warnt mit seinem Ruf die sanften Weidetiere vor hungrigen Raubtieren, ist im Tierbuch nachzulesen. Wir sind schon etwas bestürzt, dass er meint, die Antilopen und Böcke auch vor uns warnen zu müssen – so manches Foto zeigt nur einen langweiligen Busch, weil der Bock davor – das eigentliche Fotomotiv – aufgrund der Warnung hinfort gehüpft ist, bevor der Auslöser gedrückt wurde. Der Graulärmvogel war also der erste totale Fremdling, der uns klar machte, dass wir nicht am Rhein sind. Weitere uns völlig unbekannte Arten sind die Ibisse, Goliathreiher, metallisch schimmernde Nektarvögel und Bienenfresser mit wunderbar langen Schwanzfedern.

Am 28.12. macht uns dann noch eine andere Tiergattung klar, dass wir nicht in heimischen Gefilden sind. Kurz vor dem angolanischen Ufer, ca. 50 m von uns entfernt, liegen einige Steine im Wasser. Ich trinke meine Tasse Tee aus, setze die Tasse ab – und ein Stein gähnt plötzlich. Natürlich nicht der Stein, sondern das Krokodil, das sich auf ihm sonnt. Schnell holen wir die Fotoapparate, doch die Eile war völlig unnötig und kennzeichnet uns als Krokodil-Unerfahrene. Die etwa vier Meter lange Krokodil-Dame wird die nächsten neun Stunden dort sitzen. Maul und Oberkörper auf dem Stein, der Schwanz im Wasser. Dreimal öffnet sie das Maul. Das Öffnen und Schließen erstreckt sich jeweils im Zeitlupentempo über einige Minuten, die Dauer der Zur-Schau-Stellung ihrer kurzen scharfen Zähne variiert zwischen zehn und zwanzig Minuten. Ein paarmal taucht sie auch ganz langsam wieder ins Wasser, um kurze Zeit später wieder an derselben Stelle mit derselben Pose zu lungern. Wir können keine schnellen Bewegungen oder Drohgebärden beobachten, sie scheint satt und glücklich zu sein, und auf dem Stein Ruhe zur Verdauung zu suchen. Also wenn wir nicht die vielen Tierfilme gesehen hätten, in denen sich ein Krokodil in sein Beutetier verbeißt, sich blitzschnell um die eigene Achse dreht, um seine Beute klein zu zerreißen, da Krokodile nicht abbeißen können, hätten wir durch unsere erste Beobachtung völlig falsche Schlüsse über die Gefährlichkeit dieser Tiere gezogen. Wir sind aber froh, dass wir keine dramatische Szene erlebt haben, sondern nur dieses friedliche Sonnenbad.

Am 2.1. fahren wir auf einen Campingplatz unterhalb der Popa-Fälle, hier soll es von Flusspferden nur so wimmeln. Enttäuscht stellen wir fest, dass es momentan auch in diesem Flussabschnitt keine Flusspferde gibt, sondern nur braune Steine. Nachdem wir das Vordach aufgebaut haben, haben sich die Steine erstaunlicherweise umgruppiert. Beim dritten Hinsehen sind einige von ihnen verschwunden. Gibt es hier Gezeitenunterschiede am Fluss? Plötzlich taucht mit großem Gepruste und Geplatsche ein brauner glänzender Kopf aus dem Wasser auf. Glubschaugen, große Schnauze – ganz eindeutig Flusspferd! Da begreifen wir endlich, dass die braunen Steine mehrere Hippo-Rücken gewesen waren. Sie liegen auf einer Sandbank im Fluss, etwa 10 m entfernt von unserem Stellplatz. Wahnsinn! Alle fünf Minuten müssen die ausgewachsenen Hippos atmen, die Jungtiere etwas häufiger. Dafür heben sie die Köpfe aus dem Wasser, schütteln zuerst die Ohren wasserfrei, öffnen dann die verschließbaren Nasenlöcher und atmen etwaiges Restwasser mit einem kräftigen Prusten aus. Ein faszinierendes Schauspiel! Einige Kühe mit ihren Jungen sind da, nach einer Weile zeigt sich auch mit extra-viel Geplantsche und Geschnaube der Bulle.

Das Rangeln der Kleinen sowie das Imponiergehabe der Erwachsenen geht in erster Linie durch stumme Großmäuligkeit vonstatten. Bis zu einem Winkel von 150 Grad können die Hippos ihr Maul öffnen, verrät das Tierbuch – wir haben uns zurückgehalten und nicht nachgemessen. Aber die offenen Mäuler sind wirklich imposant. Bei den Kleinen sind in ihren geöffneten Mäulchen mit dem Fernglas nur ganz kurze Zahnstummel zu sehen. Das erklärt, weshalb sie sich so hingebungsvoll ineinander verbeißen: Maul in Maul, Maul in Nacken, Maul knabbert ausgiebig an Öhrchen. Mit ihren Mini-Zähnchen ist das eher eine wohltuende Massage für den Rangel-Partner als dass es schmerzhaft wäre. Anders sieht es aus, wenn der Leitbulle sein Maul aufreißt: Die längsten Zähne sind etwa 30 Zentimeter lang, einer liegt quer im Kiefer. Wenn er zuhaut oder zubeißt, wird es übel – das wissen die Halbstarken aber und ducken sich schnell weg, wenn der Chef sein Chefsein zur Schau stellt. Erstaunlicherweise ist das Maul-Aufreißen an kein Geräusch gekoppelt. Es ist eine rein optisch-motorische Geste. Die tiefen Grunzer, die man als Hippo-Gesang kennt, stoßen sie mit geschlossenem Maul aus, oft ist das Maul dabei unter Wasser, wodurch das Geräusch nochmal tiefer werden zu scheint. Das Grunzen geht uns durch Mark und Bein, wenn der Bulle unter Wasser grunzt, spüre ich meinen Bauch flattern. Manchmal verhallt ein Grunzer unbeantwortet, manchmal erwidern die anderen Tiere der Herde, oder von weiter entfernt lagernden Herden das Grunzen, und es schaukelt sich zu einem kurzen Konzert auf. Unglaublich, kein Lautsprecher kann diese tiefen Töne ausstoßen, man muss das Geräusch in natura erlebt haben. Seit diesem ersten Hippo-Tag begleitet uns das Grunzen alltäglich und allnächtlich am Okavango, Kwando, und später am Sambesi. Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, dass es Tage ohne Hippo-Gesang gibt!

Tagsüber kommen doch tatsächlich einige Boote angefahren, um Menschen zu den Hippos zu bringen. Doch vor Booten haben sie weit mehr Angst als vor Menschen am Ufer. Wenn die Boote noch etwa 40 m entfernt sind, tauchen sie unter. Enttäuschte Gesichter bei den Bootsgästen. Dabei geht es doch so einfach: Geh nicht aufs Boot, sondern suche dir eine Unterkunft am Wasser für zwei Nächte und verbringe einen Tag ruhig sitzend am Wasser. Dann kommen die Hippos ganz nah zu dir. Tauchen wenige Meter vor dir auf, schauen dich neugierig an – und grunzen vielleicht noch für dich persönlich.

Brandberg: herausfordernde Pisten, Wüstenelefanten und Glühwein 08.-10.12.2021

Brandberg: herausfordernde Pisten, Wüstenelefanten und Glühwein 08.-10.12.2021

Das Brandberg-Massiv enthält viele grobkristalline Granite, die den Berg in der Morgen- und Abendsonne rot leuchten lassen. Der 2.573 m hohe Königstein im Massiv ist die höchste Erhebung Namibias. Wir haben allerdings keine luftigen Höhen erklommen, sondern uns hauptsächlich in den umliegenden Trockenflusstälern getummelt.

Nördlich des Brandbergs fließt der Ugab, der 400 km weiter östlich entspringt und 100 km weiter westlich bei der Skelettküste den Atlantik erreicht – wenn es denn mal eine ausdauernde Regenzeit gibt, die sein Flussbett füllt… In diesem Jahr hat der Regen hier allerdings noch nicht eingesetzt, das Flussbett besteht also abwechselnd aus Tiefsand und Geröll. Was uns an dieser Landschaft besonders erfreut: obwohl momentan kein Wasser fließt, gibt es an den (Trocken-) Ufern viele richtig grüne Bäume und Sträucher – solch saftige Farben haben wir letztmals am ganzjährig Wasser führenden Oranje-Fluss gesehen, und nach mehreren Wochen in Wüsten und trockenen Savannen-Regionen mit fahl-grün-grauen Bäumen ist das ein besonderer Augenschmaus. Ab und zu fahren wir eine steinige Piste bergauf, um in faszinierende Schluchten zu kommen – mal aus rotem Granit, bisweilen aus dunklem Basalt, dann plötzlich Schiefer. Aber die Sehnsucht nach dem Grün lockt uns immer wieder ins Flussbett hinunter.

Selbstverständlich zieht uns nicht nur die Vegetation in den Bann und in die Täler, sondern auch kreisrunde Abdrücke von 40 cm Durchmesser sowie honigmelonengroße Dunghaufen mit verschiedenem Trocknungsgrad. Dies sind keine Hinweise auf Außerirdische – sondern Spuren von Wüstenelefanten! Diese scheuen Tiere halten sich meist weiter nördlich auf, in den Wüsten an der Grenze zu Angola, aber am Ende der Regenzeit, wenn der Durst übermächtig wird, dringen sie immer weiter nach Süden, wo sie noch grüne Blätter finden, oder auch mal das Wasserloch einer Farm plündern können. Bis in das Ugab-Flussbett kommen sie, hatten wir gelesen, und tatsächlich finden wir in den ersten anderthalb Tagen, die wir hier verbringen viele, viele Spuren – ältere, frischere und ganz frische. Die Wüstenelefanten haben etwas längere und schlankere Beine als die Steppenelefanten, aber dafür breitere Füße. Wie bei allen Elefanten sind die Vorderfüße rund, und die Hinterfüße schlanker und oval, und die Abdrücke der Hinterfüße finden sich oft direkt in denen der Vorderfüße. Welch spannende Spurensuche im Flusssand – sind die runden Abdrücke unter oder über Kathrinas Fahrspur? Anderthalb Tage verbringen wir damit, die Spuren zu verfolgen und bei besonders frischen Dunghaufen besonders gründlich zu suchen. Doch keine Spur von den Dickhäutern. Sie sind eben sehr scheu, und wir befinden uns schließlich in der Wildnis, außerhalb bebauten Gebiets sowie außerhalb von Nationalparks, in denen Tiere bewusst angesiedelt und mit künstlich angelegten Wasserlöchern geködert werden. Da muss man eben mehr Geduld mitbringen!

Die Pisten haben es in sich: sie sind kaum befahren, und wenn, dann in erster Linie von kleineren Geländewagen. Das merkt man vor allem daran, wie dicht rechts und links der Piste die Sträucher wachsten, und wie tief Äste von Bäumen in die Fahrspur hineinhängen. An vielen Stellen verrichten wir daher unvorhergesehene Leibesübungen mit Gartenschere, Säge und Machete, um die Pisten für Kathrina gangbar zu machen. Auf einigen Wegstrecken haben wir wirklich mehr Zeit mit Sägen als mit Fahren verbracht. Da sie aber sowohl in unseren gedruckten als auch elektronischen Karten eindeutig als öffentliche Wege eingezeichnet sind, ist es keine Freveltat an der Natur, sie freizuschneiden, sondern trägt zum ganz normalen Wege-Erhalt an abgelegenen Orten bei. Obwohl es bei der Hitze extrem mühsam ist, genießen wir es, uns in Regionen zu bewegen, in denen kein Straßenbauamt uns den Weg bahnt, sondern wir aus eigener Kraft. Als wir feststellen, dass wir innerhalb von zwei Stunden zusammen mehr als fünf Liter Wasser getrunken haben, wagen wir einen Blick auf das Thermometer. 46°C im Schatten. Wir sind zunächst entsetzt, dann aber verstehen wir, weshalb wir so großen Durst haben und weshalb wir uns nach jeder Schneideaktion so erschöpft fühlen. Durch die Trockenheit (30% relative Luftfeuchte) merkt man aber nicht, wie man schwitzt, da der Schweiß sofort am Körper trocknet. Aber bereits um 9 Uhr Morgens schmeckt die Haut hier ganz salzig.

Wenige Menschen sind so verrückt ihre Zeit hier zu verbringen, und in drei Tagen sehen wir sage und schreibe fünf Autos. Moderne Autos mit Klimaanlage. Kathrina besitzt sowas nicht. Wir müssen die Fenster öffnen und absoluten Durchzug veranstalten, um die kühlende Verdunstung zu fördern. Mit dem Infrarot-Thermometer haben wir am Boden im Führerhaus 56°C gemessen. Man muss langsam machen und darf sich nicht wundern, wenn man tagsüber (von 8:00-17:00 Uhr) eigentlich nur zerschlagen ist. Aber auch das ist eine Erfahrung, die wir – vor allem im Nachhinein betrachtet – nicht missen wollen. Leben wollten wir hier allerdings nicht!!

Dann plötzlich sehen wir am dritten Tag im Gebüsch zwei riesige und zwei große Ohren wackeln. Zwei männliche (was man an den Stoßzähnen erkennt) Wüstenelefanten! Einer voll ausgewachsen, der andere noch ein Jüngling. Sehr scheu, größtenteils hinter Bäumen und Büschen versteckt stillen sie ihren Hunger und Durst mit den saftig grün aussehenden Büschen, deren Blätter jedoch klein und hart und von einer dicken Wachsschicht umgeben sind. Das Ohrenwackeln dient der Kühlung, denn in den Flußtälern staut sich die Hitze, in der Mittagszeit ist kaum ein Luftzug zu spüren, daher müssen sie den Luftzug selbst erzeugen und über ihre riesigen, gut durchbluteten Ohren die Körperwärme abführen. Mit ihren Schwänzen peitschen sie die lästigen Fliegen hinfort.

Wir bleiben etwa zehn Meter von ihnen entfernt stehen und beobachten sie anderthalb Stunden lang. Kathrina heizt sich dabei gewaltig auf, da wir in der prallen Sonne stehen geblieben sind, denn nur von hier aus kann man überhaupt einen Blick auf die beiden Bullen erhaschen. Die meiste Zeit sehen wir nur die Ohren, mal einen Rüssel, dann wieder zwei aparte Hinterteile. Was für ein Abenteuer, mit wie viel Schweiß erkämpft! Es ist eben ein himmelweiter Unterschied, ob man im Addo-Nationalpark eine Elefantengarantie hat, wo die Wasserlöcher so angelegt wurden, dass man ganze Familien dieser imposanten Tiere ohne störende Bäume dazwischen beobachten kann. Hier bei den zufälligen Begegnungen kann es zwar auch mal passieren, dass man eine ganze Herde auf freier Fläche zu sehen bekommt, aber die verdeckte Variante wie bei uns ist doch deutlich wahrscheinlicher – und nicht weniger beeindruckend. Die Freude, aus dem Gebüsch auf die Piste zu kommen, tun uns die beiden nicht, obwohl wir mucksmäuschenstill verharrten. Nach anderthalb Stunden kehren sie uns endgültig den Rücken zu, und zwei aparte runde Hinterteile verschwinden schwanzwedelnderweise im Dickicht.

Nach dieser aufregenden Begegnung fallen uns die drückenden 46°C wieder ein, und wir beschließen, am Ende dieses dritten Tages das Ugab-Flussbett zu verlassen. Ganz in unserer Nähe gibt es eine kleine Piste nach Norden, eine stillgelegte Tantalit-Mine ist dort eingezeichnet. Da es die einzige Piste im Umkreis von 30 km ist, entscheiden wir uns für sie, auch wenn uns eine etwas dickere gestrichelte Linie in der Karte lieber gewesen wäre… Wenn wir dachten, die Pisten im Ugab-Flussbett waren herausfordernd, dann erfahren wir auf diesen zehn Kilometern die ultimative Herausforderung. Schroffe Steine, Geröll, extreme Verschränkungen von Vorder- und Hinterachse, und noch enger stehende Bäume – richtige alte Bäume mit dicken Ästen, keine jungen Sträucher wie unten im Flussbett. Wir können uns nicht vorstellen, dass in den letzten 50 Jahren hier ein Gefährt von Kathrinas Ausmaßen gefahren ist – und treiben wieder Handsägesport am Ende unserer Kräfte mit sinkendem Amüsement… Wenn wir fix und fertig sind, fährt Kathrina mit 3 km/h bergauf bis zum nächsten Baum. Möglichkeiten, die Bäume außerhalb der Piste zu umfahren gibt es nicht: dafür hätten wir erstmal zentnerschwere Steine beiseite schaffen müssen. Jedes Rad, jeder Staukasten und jedes Getriebe muss exakt platziert werden, denn wir haben von anderen Reisenden schon viele Geschichten von seitlich aufgeschlitzten Reifen, verbeulten Tanks, leck geschlagenen Getrieben und ähnlich verheerenden Stein-Fahrzeug-Begegnungen gehört. Kathrina schafft es unversehrt, aber abends sind wir alle drei völlig am Ende.

Videolink https://youtu.be/1Ot8fjUYMXs

Torsten und ich belohnen uns mit einem leckeren und nahrhaften Essen: Erbsen-Karotten-Risotto, mit Weißwein abgelöscht, und andachtsvoll geben wir noch eine Dose Thunfisch und viel Sahne hinein, um unsere schlaffen Muskeln mit Eiweiß zu versorgen. Das Gericht mundet uns gar köstlich! Als wir uns als passendes Getränk dazu ein Glas Rotwein gönnen wollen, trifft uns der Schlag. Ganz ungewollt haben wir durch die hohen Tagestemperaturen Glühwein im Glas. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen, denn die Servier-Empfehlung verspricht das vollmundigste, fruchtigste und erfrischendste Aroma bei 15…18°C. Bei 46°C hat man nur eine komisch schmeckende Flüssigkeit im Mund, die einem beinahe noch die Zunge verbrennt. Nun ja – immerhin passt Glühwein zur Adventszeit. Da wir aber auch zuhause in der europäischen Weihnachts-Kälte keinen Glühwein trinken, ist dies ein schwacher Trost. Aber wir haben aus diesem Fehler gelernt – inzwischen haben wir immer eine Flasche Rotwein im Kühlschrank. Nach fünf Minuten im Glas ist er perfekt temperiert, und wir hoffen, damit allen kommenden Abenteuern einen würdigen Tagesabschluss bereiten zu können!

Einbruchversuch in Kathrina 03.12.2021

Einbruchversuch in Kathrina 03.12.2021

Um es vorweg zu nehmen: Das Eindringen wurde vereitelt, Kathrina ist unversehrt, Täter und Komplize sind flüchtig…

Der Tathergang

Am Morgen des 3. Dezember schlich sich der Täter kurz vor Sonnenaufgang (5:48 Uhr) nahezu unbemerkt auf die Motorhaube von Kathrina, musterte eindringlich den Beifahrersitz sowie die darauf platzierten Dinge (eine Tasche mit zwei Paar schweren Wanderstiefeln nebst getragenen Socken sowie eine Tasche mit den leckersten nur auszudenkenden Vorräten: selbstgebackene Röstzwiebel-Berliner, Orangen, …). Nach eingehendem Studium des Innenraums begann er auf den Scheibenwischer einzuhacken, der ihm offensichtlich nach seinem Ermessen den Weg in den Innenraum verwehrte.

Der Täter

siehe Blogfoto. Auffälligstes Charakteristikum: vom oberen Schnabel ist die Spitze abgebrochen, was möglicherweise auf einen Wiederholungstäter hindeutet.

Der Komplize

saß drei Meter entfernt auf einem Baum. Der Komplize ist – wie auch der Täter – ein Rotschnabel-Toko mit einem perfekt gekrümmten Schnabel wie aus dem Tierbestimmungsbuch. Also im Gegensatz zum ruchlosen Täter nur schwer identifizierbar.

Wie die Tat vereitelt wurde und der Täter entfloh

Ich betrachtete gerade das Farbenspiel am Himmel in Hörweite von Kathrina, als ich das charakteristische „Kra-kraaaak“ zweier Tokos vernahm. Dann ein blechernes Scheppern – und in der Tat, einer der beiden (der mit dem abgebrochenen Schnabel, der bereits am Vortag um Kathrina herum gelungert hatte) war auf der Motorhaube gelandet. Ich unterstellte ihm zunächst schlichtes Interesse an den Dingen, die er da sah. Als er zum ersten Mal auf den Scheibenwischer einhackte, sagte ich bestimmt „Lass’ das!“, worauf er für wenige Sekunden still verharrte. Als er dann abermalig auf den unschuldigen Scheibenwischer einhackte und versuchte, ihn aus dem Weg zu biegen, lief ich händeklatschend auf den Täter zu, was ihn dazu bewegte, von der Motorhaube auf einen nahegelegenen Baum zu flattern, von dem aus er einen freien Blick in die geöffnete Seitentür hatte. Sein Kommentar: „Kraaa-kraaaak“. Als Torsten im Fahrzeuginneren das Tonaufzeichnungsgerät klarmachte, um das Geständnis des Missetäters aufzuzeichnen, entzog er sich der Befragung, indem er unerlaubterweise durch die Lüfte entschwand und vermutlich Zuflucht in den nahegelegenen Pontok-Bergen suchte. Seitdem hat er sich dem Tatort nicht mehr genähert.

Wir bitten um Ihre Mithilfe

Sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung und Belehrung des Täters führen, werden mit einer Tasse Rooibuschtee belohnt.

Die geplante Disziplinierung

Nach Ergreifung des Täters drohen ihm folgende Strafe und Erziehungsmaßnahme:

Eine Portrait-Foto-Session nicht unter 60 Minuten Dauer.

Ein pädagogisches Webinar, das unter verschiedensten kulturellen und ethnischen Blickwinkeln die Misslichkeit seiner versuchten Tat facettenreich erörtert, sowie unter Mitwirkung von artenreichen Vertretern der südafrikanischer Fauna (wie beispielsweise Mangusten, Caracal, Paviane, … die allesamt Vögel auf ihrem Speiseplan haben) mögliche Folgen frevelhaften Verhaltens in Aussicht stellt. Das Webinar dauert sieben ganze Tage und seine charakterfestigende Wirkung wird allabendlich durch einen Test verifiziert.

Spitzkoppe – Mystische Felslandschaft und Wanderparadies 01.-04.12.2021

Spitzkoppe – Mystische Felslandschaft und Wanderparadies 01.-04.12.2021

Weder die Reiseführer noch der geologische Führer von Namibia hatten uns auf die ergreifenden Landschaften und mystischen Plätze im Bereich der Spitzkoppe vorbereitet.

Von Hentjes Bay an der Atlantikküste fuhren wir 100 km Piste nach Westen. Während der gesamten Fahrt sahen wir die vorgelagerte Kleine Spitzkoppe. 100 km Sichtweite – unfassbar! Während der Fahrt durch topfebenes Gelände stieg die Ebene von Meereshöhe auf 1.000 Höhenmeter an. Das Gelände war durchweg flach, kaum ein Hügel zu sehen, nur die Kleine Spitzkoppe am Horizont, die kaum näher kam, deren Farben aber beinahe unmerklich immer intensiver wurden. Nach anderthalb Stunden waren wir dann da. Unser Navigationsgerät wusste es mal wieder besser und leitete uns auf einer grausamen Piste einmal um die Große Spitzkoppe herum, bis wir endlich den Eingang zum Campingplatz fanden. Eine Plage für Kathrina, aber so konnten wir den zentralen Berg von allen Seiten bestaunen. Sie ist 1.728 m hoch, ein Inselberg aus Granit, der seine Umgebung um 700 Meter überragt. Das allein macht sie aber nicht so beeindruckend. Uns begeistern mehrere Aspekte dieser traumhaften Landschaft:

Während Namibia viele langgestreckte Bergrücken (oder Dünen) hat, die sich scheinbar endlos an der Straße entlangziehen und uns durch die ewige Wiederholung ziemlich uncharismatisch scheinen, weil sie keinen Anfang und kein Ende zu haben scheinen, sind die Berge rund um die Spitzkoppe ein definiertes Gebiet wohlgeformter Erhebungen in einer unendlich scheinenden Umgebung.

Die vielen riesigen Steinblöcke aus grobkörnigen Granit, die sich im gesamten Gebiet der Spitzkoppe finden, erinnern uns an unsere heißgeliebten Felsen in der Bretagne. Sie liegen zwar noch dort, wo die Erosion sie hat vom Berg herabstürzen lassen, und keine Druiden haben sie kilometerweit transportiert und als Hinkelsteine aufgerichtet, aber sie verströmen dieselbe Magie und Kraft.

Der Campingplatz ist die Wucht: Die Hälfte des Spitzkoppe-Gebiets ist Campingplatz (die andere Hälfte beheimatet Ferienhäuser), und die einzelnen Plätze sind weit voneinander entfernt. Infrastruktur: Plumpsklo, Mülleimer und Feuerstelle; fließend Wasser gibt es an der Rezeption, die einige Kilometer entfernt liegt. Wir haben glücklicherweise immer alles dabei und vermissen daher nichts bei dieser Luxusausstattung. Wir suchen uns einen windigen Platz, da die Tagestemperaturen über 35°C liegen und kein Baumschatten für Kathrina vorhanden ist. Nach Norden hin wird unser Platz von den glatten Felsen des Pontok-Berges begrenzt, welche die Wärme des Tages noch zwei Stunden nach Sonnenuntergang spüren lassen, nach Westen hin haben wir einen phantastischen Ausblick auf die Spitzkoppe, nach Süden und Osten in zwei Täler, die von interessanten Hügeln gesäumt sind. Unser Platz liegt so weit von der Fahrstraße weg, dass uns kaum Motorgeräusche und vor allem nicht der Staub der vorbeifahrenden Fahrzeuge erreichen.

Wir bleiben vier Nächte und erwandern uns alle drei Täler – an jedem Tag eines. Die großartige Landschaft haben wir beinahe für uns alleine, denn die meisten Touristen bleiben nur eine Nacht, haben wegen ihres strammen Zeitplans keine Zeit zum Wandern, und fahren daher staubaufwirbelnderweise die Pisten mit ab, mit kurzen Fotostopps, bei denen sie die Pisten nur wenige Meter verlassen. Je konsequenter wir querfeldein wandern, desto ruhiger und staubfreier ist es – das kommt uns ja völlig entgegen! Auf flachen Berghängen kraxeln wir auch über die Felsen, entdecken verwunschene Höhlen, in denen sich Bäume eingenistet haben, sehen Klippspringer und Klippschliefer über die Felsen tollen. Einige Agamen mit schwarzem Körper sowie rotorangefarbenem Kopf und Schwanz huschen über die Felsen, große graue Eidechsen mit grünschillerndem Kopf huschen hinterher. Als wir uns in einer weiten Ebene einem erstaunlich grünen Busch nähern, trollt sich ein Schakal.

Im Umfeld von Kathrina finden sich nach und nach immer mehr Vögel ein. Am ersten Tag kommen eher die neugierigen, die an Camper gewohnt sind und gern was erben wollen. Doch die meisten Vögel hier sind wohl Insektenfresser – unsere heruntergefallenen Kartoffelschalen oder Tomatenstrünke interessieren sie gar nicht. Ab Tag 2 bleiben nur noch die Vögel übrig, die Interesse an dem spannenden Mittags- und Vorabendprogramm haben (zu deutsch: uns neugierig aber unaufdringlich beim Kochen zusehen, und sich – wenn wir dann essen – Käfer, Spinnen usw. aus den Bäumen suchen), ab Tag 3 werden wir offensichtlich nicht mehr als Eindringlinge angesehen, sondern komplett eingemeindet.

Ein herrliches Naturgefühl. Wir haben sogar einige stachellose Bäume an unserem Platz (haben aber leider weder ein Pflanzenbestimmungsbuch noch Internet), das ist eine wohltuende Abwechslung zu den 27 Akazienarten, von denen viele – wie die berühmte Schirmakazie – sogar zwei Dornen pro Blattachsel haben. Wir haben also einige Bäume, die man streicheln kann, und deren warmer Stamm ebenso viel Energie abstrahlt wie der Granit.

Gestern hatten wir sogar dräuende Wolken über dem sonst fast immer wolkenlosen Himmel, und heute früh um 2:00 Uhr hat es einige Tropfen geregnet. Eigentlich hätte im November bereits die Regenzeit beginnen sollen. Wir wünschen den trockenen Gräsern, Sträuchern und Bäumen wirklich viel Regen von Herzen, sind aber über unser bisheriges Sonnenwetter auch nicht böse…

Eine heimelige Gegend, die früher periodisch von den San (Buschleuten) heimgesucht wurde: Die Höhlen boten Schutz vor der Sonnenhitze, nach der Regenzeit waren die vielen natürlichen Becken lange Zeit mit Regenwasser gefüllt, und die Ebenen fruchtbar und tierreich. In einigen Höhlen finden sich noch 1.500 bis 6.000 Jahre alte Zeichnungen von ihnen, auf den exponierten Felsen sind sie bereits größtenteils verblichen. Die üblichen Motive: Ein Schamane, der eine Schlange in die Flucht schlägt; ein Spitzmaul-Nashorn (die sind nämlich ortstreu und führen einen zu ihren Wasserlöchern); Jagd- und Tanzszenen sowie ein Löwe als „Nimm dich in Acht“-Botschaft für nachfolgende Gruppen. Welch heiliger Ort!

Bald wird sich die Tageshitze legen, unsere letzte Abendkraxelei auf die Flanke des Pontok-Berges steht bevor, und morgen werden wir schweren Herzens diesen wunderbaren Platz verlassen.

Kathrina flirtet mit H.E.S.S. 26.11.2021

Kathrina flirtet mit H.E.S.S. 26.11.2021

Nördlich von Sossusvlei fahren wir weiter am Rande der Namib entlang. Einen wunderbaren Blick auf den Namibrand bekommt in den östlichen Bergen von dem Spreegtshoogte-Pass aus: dem zweitsteilsten Pass Namibias mit 25% Steigung. Auf fünf Kilometer Fahrstrecke muss ein Höhenunterschied von 500m erklommen werden. Kathrina klettert langsam im zweiten Gang der Allraduntersetzung hinauf, und legt einige Pausen ein, damit das 95°C heiße Kühlwasser auf die Normaltemperatur von 80°C abkühlen und die heiß gelaufenen Getriebe eine Verschnaufpause bekommen. Dann sind wir oben, sehen beim Abendessen die Sonne über der Namib untergehen und verbringen mal wieder eine einsame sternklare Nacht. Am nächsten Tag eröffnet sich im ersten Morgenlicht dann wieder der grandiose Weitblick auf spannende Bergformationen mit der Namib im Hintergrund, die morgens ganz weiß erscheint – vermutlich sind das die Morgennebel über den Dünen.

Der Pass ist 1.700 m hoch, und danach bleibt die Piste auf einer Hochebene von ca. 1.800 m. „HESS Telescope“ steht in der Karte, nicht ganz auf unserer Strecke, aber auch nicht zu weit entfernt. Einen tollen Sternenhimmel sehen wir ja allnächtlich, aber was wird die Max-Planck-Gesellschaft hier wohl beobachten?

[https://www.mpi-hd.mpg.de/hfm/HESS/pages/about/]

Wir fahren kurzentschlossen hin, zur ungünstigsten Zeit für spontane Besichtigungen (Freitag nachmittags) und kommen zunächst zur Anlage. Wir sind tief beeindruckt. Kathrina hat noch nie so viele Spiegeel auf einmal gesehen – allein über 900 im größten der fünf Teleskope. Sie ist ein wenig ärgerlich, als wir weiter zum Büro fahren um zu fragen, ob wir uns die Anlage näher ansehen dürfen. Wir Menschen vertun unsere Zeit eben immer mit so komischen Dingen wie Reden über unwichtige Formalitäten, während sie sich erstmalig in ihrem Leben nicht nur in einem, sondern in hunderten von Spiegeln betrachtet hat, und gerade begann, sich hübsch zu finden, vielleicht ein wenig zu staubig, und einige Parallelen zwischen der gewaltigen Anlage und sich selbst entdeckte: Viel Stahl, viele Schrauben, viele Schweißnähte, die Furcht vor Rost…

Zum Glück ist der Abstecher zum Büro nur von kurzer Dauer, der Projektingenieur vor Ort erlaubt uns, die Anlage anzusehen, sodass wir wieder zurück zu HESS fahren. Kathrina kann sich nun ausgiebig mit dem Teleskop austauschen. Sie erzählt HESS von staubigen Pisten und wohltuenden Schatten spendenden Bäumen hier auf der Erde. HESS hingegen berichtet, dass er zwar tagsüber auf die Erde blicken muss (und zwar immer den gleichen Flecken Erde, ohne Schatten), nachts aber in den Himmel gerichtet wird, wo er die letzten Lichtquäntchen von kosmischen Nebeln und anderen Phänomenen im Universum erspäht. Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt freuen sich allmorgendlich über seine Messdaten und beginnen begierig, sie auszuwerten, um neue Erkenntnisse über das Werden und Vergehen im Weltall zu sammeln, von dunkler Materie, schwarzen Löchern und ähnlichen erstaunlichen Dingen. Kathrina hört gebannt zu und blinzelt immer wieder in die vielen Spiegel.

Während die beiden sich auf „stahlisch“ unterhalten, bekommen Torsten und ich im Büro eine exklusive ausführliche Einführung in die Anlage und die laufenden Experimente. Wir sind begeistert von der herzlichen Gastfreundschaft, dem Experiment an sich, und der beeindruckenden technischen Ausführung. Was für ein Arbeitsplatz! (Natürlich vor Ort an der Anlage, und nicht in einem der weltweit verstreuten Büros für die Messdatenauswertung…)

Tiras-Berge: Zaunlos glücklich 16.-19.11.2021

Tiras-Berge: Zaunlos glücklich 16.-19.11.2021

Namibia ist für viele Reisende der Inbegriff von Weite und Freiheit. Wie viele Weideländer ist auch hier die Landschaft (genauso wie Südafrika) fast komplett eingezäunt. man fährt also als Zaungast durch spektakuläre Landschaften – und die kleinen Pisten, von denen man einen schönen Blick auf die umliegenden Berge bekommen könnte, liegen meistens hinter dem Zaun. Auf den ersten Blick (und immer mal wieder zwischendurch) wirkt das auf uns beklemmend. Es gibt aber einen ganz einfachen Trick: Man muss hinter den Zaun kommen. Das geht entweder in den Nationalparks (deren Besuch wir stets so kurz wie möglich halten) oder auf Farmen mit einem Campingplatz (wo wir bisher jedes Mal länger geblieben sind als geplant). Dann bist du rechtmäßig hinter dem Zaun, und nach wenigen Kilometern siehst du ihn nicht mehr. Jeder Farmbesitzer ist hier automatisch auch Bergbesitzer, und wenn du dir eine schön gelegene Gästefarm aussuchst, kannst du dich ganz frei bewegen, denn die meisten Farmen sind so groß, dass man den Besitz kaum an einem Tag durchwandern kann. Du kannst nach Herzenslust querfeldein laufen, bisweilen gibt es auch markierte Wanderpfade auf die Berge hinauf, damit die Besucher nicht allzu oft vor einer Steilkante stehen. Auf diesen Plätzen hast du auch eine gute Chance, ruhige naturverbundene Mitcamper zu haben – oder gar ganz allein zu stehen. Hier finden wir die Einsamkeit, die es in den Nationalparks logischerweise nicht gibt.

Unser erster Farm-Camping war in den Tiras-Bergen: Die Rezeption lag 12 km von der Piste (und den Zäunen) entfernt, der Campingplatz nochmal 3 km weiter, auf einer Seite von sanften Hügeln umsäumt, auf die man klettern kann, und nach drei Seiten hin schweift dein Blick über eine weite Ebene. Rundherum Berge, mehrere trockene Flusstäler. Kleine Gruppen von Oryxantilopen, Springböcken und Pferden tummeln sich in der Weite. Wir wandern über die Ebene und wandern und wandern – und die gegenüberliegenden Berge wollen nicht näher kommen. Einerseits verschätzt man sich hier durch die klare Sicht gewaltig in den Entfernungen – die Berge wirken viel näher als sie tatsächlich sind. Andererseits ist das Marschtempo querfeldein natürlich viel langsamer – man geht ja vorsichtig, um keine Pflanzen zu zertreten; muss ständig vor und zurück schauen, um eine günstige Route zu suchen; stapft vorsichtig durch sandige oder geröllige Trockenflüsse – und bleibt natürlich ganz oft stehen, um irgendein Tier, ein Blümchen, hunderte Jahre alte Bäume, Gesteine oder sonstige Naturwunder zu betrachten und zu fotografieren.

Ich hatte ja schon die Oryxe erwähnt. Eine wunderschöne kräftige Antilopenart mit über 80 cm langen Hörnern. Es ist Ende der Trockenzeit, das Gras ist schon komplett abgeweidet, also müssen sie die kleinen Blättchen von den dornigen Bäumen essen, bis der Regen einsetzt. Während Giraffen die Blätter durch die Dornen hindurch ganz rigoros mit ihrer langen akrobatischen Zunge herausschlecken, essen Oryxe vorsichtig mit ihren Lippen. Damit es nicht piekst, wird der Baum zunächst mit den Hörnern durch kräftiges Reiben an den Ästen entdornt, und erst dann sammeln die Lippen vorsichtig die Blätter. Schöne herrliche muskulöse Tiere. Als wir sie so betrachten und näher kennen lernen, kommen uns Zweifel, ob wir denn wohl daran getan haben, als uns die nette Farmerin zartestes Oryx-Fleisch angeboten hat – und wir zugeschlagen haben. Naja, das Fleisch liegt schon bei uns im Kühlschrank, da wird kein Oryx mehr draus, also hat es keinen Sinn, jetzt noch zu zweifeln.

Als wir von der Wanderung zurückkehren, knurrt der Magen gewaltig – also wird der Kochtopf klar gemacht, und mit vielen leckeren Zutaten entsteht ein wunderbares Gulasch aus dem zartesten und schmackhaftesten Fleisch, das wir je gegessen haben. Beim Kochen in der freien Natur gibt es ja immer Futterneider. Bisher waren die Vögel Nummer Eins gewesen, allen voran die frechen Webervögel, die noch dreister als jeder Spatz in alle Töpfe, Pfannen und Teller schauen. Die allseits gefürchteten Paviane haben wir durch Vorsicht und bestimmtes Auftreten immer auf Distanz halten können. Aber diesmal kamen pflanzenfressende Tiere, denen wir fälschlicherweise kein Interesse an Gulasch zugetraut hatten, daher haben wir sie erst zu spät ernsthaft vertrieben. Wer wissen will, welche Tiere das waren und wie unschuldig sie taten, um sich an den Kochtopf heranzuschleichen kann hier nachsehen:

https://youtu.be/eNOi3CUKZSY

Nach dem Essen beim Lagerfeuer geht die Sonne über der Ebene unter, auf den Bergen gegenüber geht der Vollmond auf, während der Dämmerung geckert aus jedem Busch ein Gecko, nachts ist es wunderbar still, bis die Geckos in der ersten Morgendämmerung wieder aktiv werden. Wer würde nun noch daran zweifeln, dass die Farm-Campings unser absoluter Favorit sind?

Einsame Pisten in Süd-Namibia 5.-14.11.2021

Einsame Pisten in Süd-Namibia 5.-14.11.2021

Wir sind mittlerweile seit knapp zwei Wochen in Namibia und haben uns auf einsamen Pisten im Süden des Landes wohlgefühlt: Spektaluräre Pisten entlang des Fish River Canyon (Galerie folgt, falls wir in Namibia jemals ein ausreichend gutes Netz finden sollten…). Er ist in der Sommerzeit für Wanderungen gesperrt, da die Temperatur unten im Canyon weit über 40°C klettert und kaum Schatten zu finden ist. Wir sind dennoch frühmorgens eine Stunde in den Canyon hineingewandert und dann schweißtriefend wieder zurückgekehrt. Dann fuhren wir auf beschaulichen Pisten entlang des Oranje (tagsüber bis zu 40°C) bis Oranjemund, dem südlichen Ende der Namib, wo es mittags 16°C kühl war und ein strammer Wind blies, der die Sandkörner durch die geschlossenen Fenster und Türen in Kathrina hineinblies. Daher haben wir nur am Atlantik zu Mittag gegessen und dann unsere Füße im Ozean gebadet, um abends zum Schlafen wieder ins Hinterland zu fahren.

Entlang wunderschöner Bergketten fuhren wir Richtung Norden, und hatten unglaubliche Übernachtungsplätze mit „Ultra-Beitleinwand“-Panoramablick, siehe Blogfoto. Die Sonnenauf- und -untergänge in solchen Szenarien sind unser tägliches Kino beim Frühstück und Abendessen.

Hano hat endlich einen Namen: Sie heißt Kathrina – 1.11.2021

Hano hat endlich einen Namen: Sie heißt Kathrina – 1.11.2021

Als wir von den Augrabies Fällen nach Norden fahren, trauen wir unseren Augen nicht: Wenige Kilometer nach dem kleinen Ort Blouputs enden die Zäune! Von Port Elizabeth bis hierher waren entlang aller Straßen, auch auf den kleinen Pisten, rechts und links Zäune gewesen. In der Nähe von Kimberley sogar zwei Zäune: zunächst ein niedriger mit Stacheldraht, dahinter dann ein hoher Elektrozaun.

Und hier am Nordufer des Oranje fehlen plötzlich die Zäune. Ein unbändiges Freiheitsgefühl überkommt uns. Aber – wer tut sich diese Fahrerei an? Hano tuckert mit max. 5 km/h brav über Felsen und durch Auswaschungen, bergauf und bergab. Bei einem Hügel, der vollständig aus Rosenquarz besteht, halten wir an und klettern hinauf. Einfach irgendwo anhalten und hinlaufen, wohin man will – welch ein Luxus in diesem eingezäunten Land!

Als wir oben sind, kommt Bertha angefahren. Bertha hält neben Hano (der natürlich nicht abgeschlossen ist, und die Fensterscheiben sind wegen der Hitze heruntergekurbelt). Ihre Insassen, Mary und Solomon mit Hündin Fiffi, steigen aus, winken fröhlich hoch, laufen etwas am Fuße des Hügels herum und fahren dann weiter. Wenige Kilometer später stehen sie im Baumschatten in einem trockenen Flussbett. Wir halten an, bekommen unseren ersten Moerkoffie angeboten und stellen fest, dass wir nicht nur denselben Weg, sondern auch das gleiche Ziel haben, nämlich den schönsten Campingplatz in Südafrika.

Wenige Kilometer später zweigt von der bereits sehr herausfordernden Piste eine noch kleinere Piste mit noch mehr Schräglagen ab. Wir schaukeln zwei nervzehrende Kilometer in die Schlucht hinein, bei jedem Meter muss man acht geben, wo das Fahrzeug seine Räder hat. Auswaschungen, abschüssige Felsen, Steinhaufen – teilweise glauben wir nicht, dass dies eine befahrbare Piste ist. Doch dann sind wir unten, beziehen einen Stellplatz direkt mit Blick in die Schlucht, die ein sich mehrfach reflektierendes Echo wirft. Rechts und links geht es über 100 Meter steil nach oben, mit überhängenden Felsen, vor uns liegt ein Schilfgürtel. Eine heiße Quelle speist drei kleine Pools mit unterschiedlichen Temperaturen. Im kältesten Pool fühlt man sich wie in einer Höhle: auf drei Seiten von Fels umgeben, vor einem der Schilfgürtel und darüber der Blick in die Schlucht. Jeder Vogelruf hallt mehrfach wieder – die Rufe der kleinen Vögel im Schilf ebenso wie die der Adler, die majestätisch über der Schlucht kreisen. Das mittlere Becken lassen wir aus und wärmen uns im heißesten Pool wieder auf. Hier ist der Blick offener, man sieht in allen Richtungen die umliegenden Berge. Der absolute Wahnsinn!

Morgens bei Sonnenaufgang (5:50-6:00 Uhr) starten Vogelgruppen aus dem Schilf. Hunderte von Vögeln formieren sich in zwei, drei Kreiseln über dem Schilf und fliegen dann kerzengerade und pfeilschnell wie ein Geschwader ganz dicht über unseren Köpfen die Schlucht entlang. Das Geräusch ist ehrfurchtgebietend. Zehn bis fünfzehn dieser Geschwader starten morgens und kommen bei Sonnenuntergang (19:00-19:10) wieder zurück, in demselben faszinierenden Tiefflug.

Dieses Naturschauspiel ist einzigartig.

Hinzu kommen intensive Gespräche mit Mary und Solomon. So viel Seelenverwandschaft und so viele komplementäre Gedanken! In den vier Tagen, die wir zusammen verbringen werden, laufen unsere Hirne und Herzen auf Hochtouren – und um Intellekt und Seele die nötige Kraft zu verleihen, werden reichhaltige kulinarische Genüsse gezaubert.

Mary ist erschüttert, dass „Hano“ nur eine Abkürzung ist und kein Name. Solomon sieht beim Brotbacken kurz zu Hano hinüber und sagt dann in seiner feinen, sich zurücknehmenden Art zu uns: „Wenn ich einen Namen vorschlagen dürfte – was haltet ihr von KATHRINA?“ Wir sind beide hingerissen. Zukünftig werden wir also nicht mehr von Hano (m), sondern von Kathrina (f) berichten. Hanomag A-L 28, getauft auf den Namen Kathrina an Allerheiligen anno 2021, im ehrwürdigen Alter von über 54 Jahren. Ganz ohne Zeremonie – denn wir haben Sol und Mary einfach geantwortet, dass wir den Namen absolut passend finden und ab diesem Moment von Kathrina geredet.

Bertha und Kathrina haben sich übrigens genauso innig auf den ersten Blick verstanden und lieb gewonnen wie ihre Insassen, was man dem Blogfoto hoffentlich ansieht.

Milchstraße über den Augrabies Wasserfällen – 25.10.-1.11.2021

Milchstraße über den Augrabies Wasserfällen – 25.10.-1.11.2021

Seit wir den Oranje zum ersten Mal überquert haben, nach einer Woche in der trockenen Karoo, hat er uns magisch angezogen. Er schlängelt sich kurvenreich von den Drakensbergen bis zum Pazifik, und immer, wenn wir in der trockenen Landschaft einen grünen Gürtel gesehen haben, wussten wir, dass wir uns wieder dem Oranje oder einem seiner Zuflüsse nähern. Als wir erfahren, dass er bei Augrabies durch eine enge Schlucht fließt und je nach Wasserstand einen oder mehrere Wasserfälle bildet, beschließen wir, am nächsten Tag den Oranje entlang bis zu den Wasserfällen zu fahren.

Mit über 500 km unsere längste Tagesetappe, aber sie führt uns durch unerwartete bergige Gegenden, immer wieder nähert sich die Straße dem grünen Gürtel des Flusses, um sich dann wieder zu entfernen. Etwa 100 km südlich von Upington beginnt die Oranje-Weinstraße, doch wir sparen uns die Weinprobe für den Rückweg auf, da wir heute ja noch den Augrabies Nationalpark erreichen wollen, der 100 km westlich von Upington liegt. Wir erreichen ihn 15 Minuten vor Torschluss.

Es wird schon dunkel, als wir den Campingplatz erreichen. Sobald Hano seinen Stellplatz bezogen hat, trinken wir ein Feierabend-Bier auf den Felsen und sehen den letzten Sonnenstrahlen hinterher. Gekocht wird dann bei Lampenlicht, und beim Café nach dem Abendessen sehen wir den bisher tollsten Sternenhimmel auf unserer Reise – und wir haben ihn jeden Abend bewusst betrachtet. Um 20:00 Uhr steht die Milchstraße noch gut sichtbar über uns, gegen 21:00 Uhr ist sie hinter den Bäumen, die den Campingplatz umgeben, untergetaucht. Am nächsten Tag suchen wir uns einen vorgelagerten Platz auf den Klippen und beobachten das Abtauchen der Milchstraße hinter die umliegenden Berge von 20:00-23:00 Uhr. Als die Milchstraße schon tief steht, erscheint von Orion zuerst die linke Fußspitze, dann sein Schwert, dann erst der Gürtel. Welch ein Schauspiel!

Jetzt am Ende der Trockenzeit bildet der Oranje nur einen zentralen Wasserfall in der Schlucht – am Ende der Regenzeit muss das Schauspiel weit spektakulärer sein, denn dann bahnt er sich viele Wege und stürzt über mehrere Felskanten hinab. Dennoch sind wir fasziniert – sowohl von dem Wasserfall selbst, als auch von der Landschaft drumherum: Auf beiden Seiten der Schlucht sind spannende Felsformationen, immer wieder andere Gesteine, die einen schroffer, die anderen rundlicher. Einige Spazier- und Wanderwege sind dort angelegt, von denen aus man interessante Blicke in die Schlucht und auf den Wasserfall hat. Da wir eine Vorliebe dafür haben, über Felsen zu klettern, streunern wir zusätzlich querfelsein und finden noch weitere spektakuläre Aussichtspunkte und einsame Flecken – einige davon stellen meine Höhenangst auf eine harte Probe. Zum ersten Mal haben wir genügend Auslauf auf einem Campingplatz. Auf den vorigen Plätzen waren die „hiking trails“ immer sehr schnell erschlossen gewesen, aber wenn man nach Herzenslust stöbern kann, gibt es ja unendlich viele Wege.

Auch die Tierwelt ist interessant. Tagsüber kommen die Klippschliefer auf den Platz. Sie sind die nächsten Verwandten des Elefanten, ist in all unseren drei Tierbüchern einvernehmlich zu lesen, doch wir halten sie für die Kaninchen des Oranje: Sie haben etwa dieselbe Größe, fressen alle möglichen Pflanzen von saftigem Gras über trockene Blätter bis zu den dünnen Zweigen, die ich zum Feuer anmachen gesammelt hatte, und hinterlassen kaninchengleiche Boppel auf dem Rasen. Scheu sind sie allerdings nicht – als ich versuche, sie von unserem Grillholz zu vertreiben, springen sie zwar irgendwann weg, um mir zu zeigen, dass meine Verscheuchungsversuche nicht völlig vergeblich sind, und sitzen 10 Sekunden später wieder auf dem gemauerten Grilltisch und knabbern an meinen Zweigen… Auch Mungos kann man ganztägig auf dem Campingplatz beobachten. Einmal huscht einer mit einem Frosch im Maul über die Wiese. Einige Tage später bringt eine Mungo-Mutter ihre zwei Jungen auf die Wiese vor Hano zum Spielen.

Abends zwischen 20:00 Uhr und 21:00 Uhr besucht uns eine Ginsterkatze an unserem Lagerfeuer. Obwohl wir sie nicht füttern, kommt sie allabendlich wieder, inspiziert neugierig unseren Platz, schnüffelt an Hanos Reifen, dem Lagerfeuer und in Richtung Kochtopf, aber alles mit gebührendem Abstand, sie maunzt oder bettelt nicht. An den letzten beiden Abenden kommen sie sogar zu zweit, und besuchen uns jeweils mehrfach.

Insgesamt verbringen wir eine herrliche Woche. Vor Sonnenaufgang sind wir auf den Beinen und begrüßen die Sonne. Ein kräftiges Frühstück unter freiem Himmel stärkt uns für den Tag. Wir erwandern die Landschaft, beobachten die Tiere und genießen die Natur. Bei einem leckeren Abendessen resümieren wir den Tag, verabschieden die Sonne und machen danach – mehr für die Seele als zum Wärmen – ein Lagerfeuer auf dem Braaiplatz, über dessen warmen Flammen und roter Glut sich dann ein gigantischer Sternenhimmel aufspannt.

Vollmond über der Karoo – 20.10.2021

Vollmond über der Karoo – 20.10.2021

So, damit nicht der Eindruck entsteht, wir wären nur in Nationalparks unterwegs, hier ein kurzer Bericht von einer unvorhergesehenen Nacht im Garten Eden.

Wir programmieren in unserem Garmin einen Campingplatz ein, der 30 km Piste von der Nationalstraße N12 entfernt liegt. Es ist mittags, und wir sind schon knappe 300 km durch die Karoo gefahren – dürres nicht einmal kniehohes Gesträuch soweit das Auge reicht. Das reicht uns an Fahrstrecke, wir wollen den Nachmittag verbummeln und eventuell 2 Nächte bleiben. Der Campingplatz ist malerisch an einem Stausee gelegen – mutmaße ich wegen des blauen Flecken, der daneben eingezeichnet ist.

Als wir auf die Piste abbiegen, stellen wir fest, dass sie mittlerweile auf den ersten 20 km geteert ist. Schön! Dann zweigt eine Piste ab, die tatsächlich Piste ist – und zwar die übelste bisher. 10 km auf dieser Piste und kein Hinweisschild auf einen Campingplatz? Das macht uns schon mal stutzig. Nach zwei Kilometern spreche ich meine Vermutung aus, dass dieser Campingplatz wohl auch nicht existiert. „Egal“ antwortet Torsten „auf dieser üblen Strecke kommt doch außer uns niemand, also können wir am See allein stehen – und ich bin nicht bereit, diese Strecke unverbrachter Dinge wieder zurück zu fahren.“ Gesagt, getan (für die restlichen 8 km benötigt Hano über eine halbe Stunde). Es gibt weder einen Campingplatz noch einen Stausee. Wohl eine Staumauer, die noch gut in Schuss ist, aber in der Senke blühen Mimosenbäume. Welch ein Anblick nach 300 km in der verdorrten Karoo! Allerdings ist das grüne Gebiet eingezäunt, wir stellen uns also in den Windschatten des Staudamms und beschließen, den Nachmittag und die Nacht hier zu verbringen – denn hierher verirrt sich doch niemand außer uns.

Nach einem kleinen Mittagsvesper bestaunen wir die Pflanzen, Käfer, Gottesanbeterinnen in der Umgebung. Da kommt Ion, der sich um den Staudamm kümmert. Der Damm war 1988 letztmalig gefüllt, seitdem regnet es nur so wenig, dass die Bäume in der Senke schön grünen und sich einige Grasflächen ausgebildet haben. Wir fragen ihn, ob wir hier eine Nacht stehen dürfen, und ob er meint, es sei hier sicher. Wir dürften bleiben, solange wir wollen, war die Antwort, aber schöner sei es hinter dem Damm auf einer kleinen Plattform über der Senke – dort kann man das gesamte Tal überblicken. Ja, aber die Piste ist durch ein Tor versperrt, erwidere ich. Ion schmunzelt. Ihm gefällt wohl, dass wir das Tor nicht näher untersucht haben – es liegt zwar eine Kette um das Tor und das Vorhängeschloss ist lose eingehängt, sodass keine Tiere hindurch können, aber das Schloss ist nicht zugeclipst. Wir können dort übernachten und morgen (oder wann wir wollen) wieder rausfahren, und sollen das Schloss dann wieder offen einhängen, damit er wieder hinein kann.

Wir verlegen unseren Platz und haben einen traumhaften Blick auf die blühende grüne Senke. Einer der schönsten Plätze, die wir je hatten. Ganz allein mit Weitblick auf ein herrliches Stückchen Erde!

Das feiern wir mit einem Glas Wein auf dem Hanodach. Kurze Zeit darauf geht der Vollmond hinter Hano auf und die Sonne vor Hano unter.

Am nächsten Morgen springen wir früh aus dem Bett, um das umgekehrte Schauspiel zu verfolgen: Um 5:30 geht der Vollmond über der Senke unter, eine Viertel Stunde später wirft die Sonne ihre ersten Strahlen in das Tal. Einige Tiere, die wir auch mit Fernglas nicht identifizieren können, da sie so weit weg sind, ziehen über die Grasflächen. Welch ein friedliches Stückchen Erde!

Gegen 7:30 kommt Ion vorbei, und fragt uns ob wir gut geschlafen haben. Nicht gut, sondern traumhaft! – antworten wir – an solch einem friedlichen Ort! Er freut sich, dass wir eine ruhige Nacht hatten, und seinen „Arbeitsplatz“ so wertschätzen können, wünscht uns alles Gute auf der weiteren Reise und fährt die Piste weiter in das Tal hinein. Da es tagsüber wieder sehr heiß wird, und wir zwar einen traumhaften Ausblick, aber keinen Schatten für Hano haben, reißen wir uns los und fahren weiter. Aber diese Nacht und diesen Platz werden wir sicher nicht vergessen!

Frieren in der Halbwüste – Karoo National Park – 16.-19.10.2021

Frieren in der Halbwüste – Karoo National Park – 16.-19.10.2021

Wir hatten eigentlich keine Vorstellung von diesem Park und hatten plattes Land mit wenigen Sträuchern vermutet. Daher sind wir überaus überrascht, wie abwechslungsreich der Karoo Park auch in der Trockenzeit ist, wenn noch keine Wildblumen blühen. Es liegen einige Berge im Park, also ist die Landschaft sehr abwechslungsreich. Die Ebenen sind wenig bewachsen und viel weitläufiger als im Addo Park, daher sind die Tiere, die man sieht, zwar weiter weg, aber man hat ein natürliches Gefühl dabei. Kein dichtes Strauchwerk zwingt die Tiere in die Nähe der Autos (aussteigen darf man allgemein nicht in den Nationalparks mit wilden Tieren), daher halten sie genau den Abstand zur Straße, den sie wollen. Die Berge sind wunderbar beschaulich – warme Farben im frühen Morgenlicht, rote Bergpanoramen im Abendlicht – einfach eine tolle Landschaft!

Morgens beim Aufstehen um 5:00 Uhr ist es 6°C kühl und windig. Als wir frühmorgens die ersten Aussichtspunkte erreichen, bei denen wir aussteigen dürfen, bibbern wir erbärmlich. Die kleinen Klippspringer hingegen sind trotz kurzem Fell gar nicht verfroren und auch nicht scheu. Sie kommen nah zum Hano und inspizieren ihn. Sie können akrobatisch über die Klippen springen und treten dabei mit den Vorderspitzen der Hufe auf. Erfahrene Spurensucher können das aus der Spur lesen – ich habe es in einem Buch gelesen. Dasselbe Buch verrät auch, dass Jäger im Tierreich die behenden Klettertechniken der Klippspringer wohl kennen. Daher reicht es aus, dass sie einen hohen Warnruf ausstoßen, sobald sie einen potenziellen Fressfeind entdecken. Damit weiß er, dass er enttarnt ist, und gibt auf. Hano bestaunen sie neugierig ohne Warnruf – er sieht nun wirklich nicht wie ein Löwe aus und riecht auch nicht so…

Weiter unten in der Ebene dann viele Steinböcke und Springböcke, die wirklich außergewöhnliche Sprünge vollführen: Mit allen Vieren gleichzeitig springen sie hoch und landen auch wieder auf allen Vieren. Einzigartig in der Tierwelt.

Als wir auf einer etwas abgelegenen Piste entlang fahren, überraschen wir doch einige Tiere nahe der Straße: Zebras, Strauße und Kudus bummeln in der Nachmittagssonne in der Nähe eines Wasserlochs, und treten gemeinsam die Flucht an. Die Zebras galoppieren fast bis aus Sichtweite (ob aus Furcht vor Hanos Rumpeln oder eher als Training, sei dahingestellt). Der schnellste Strauß rennt lediglich 50 m weit weg, dann hält er in seiner Flucht inne, hebt verführerisch die Flügel und beginnt, sich um die eigene Achse zu drehen. Dieses Schauspiel vollführt er mehrere Minuten lang, ein Straußenweibchen bleibt ebenfalls stehen und sieht seinem Balztanz ganz verliebt zu. Das Selbstbewußtsein des Straußenpaares, das nach wenigen Schritten schon wieder an Liebe anstatt Flucht denkt, lässt auch die Kudus innehalten. Sie schauen verwundert zum Strauß und den immer noch fliehenden Zebras und widmen sich dann wieder dem strohigen Gras und den kurzen trockenen Blättern, welche die Landschaft bietet. Wo die Speisekammer so karg ist, reicht es nicht, dreimal am Tag zu essen, sondern man bringt eher 14 Stunden damit zu, den Magen zu füllen. Da flieht man nur, wenn es wirklich nötig ist, und doch nicht vor einem Hano!

Mittags wird es übrigens etwas über 20°C warm – im Windschatten ist das ganz angenehm, aber auf den zugigen Aussichtspunkten fröstelt man auch tagsüber. Und wir hatten schon Angst gehabt, dass es uns bereits hier zu heiß werden könnte. Der Frühling hält sich halt nicht immer an die Klimatabellen aus dem Internet…

Was ist größer und schwerer als der Hano? – Addo National Park – 8.-11.10.2021

Was ist größer und schwerer als der Hano? – Addo National Park – 8.-11.10.2021

Das Bild verrät es schon: Ein Elefantenbulle. Die größten Exemplare können laut Lehrbuch bis zu 4 Meter hoch und 7 Tonnen schwer werden. Dieser hier war nur „gleichgroß“ wie Hano, aber beeindruckend, als er 50 cm vor der Motorhaube entlangschreitet, um uns zu zeigen, wer hier der Herr ist.

Nun von vorn, und ein kleiner Exkurs zum Thema Camping in Südafrika: unsere erste Station nach Port Elizabeth war der Addo Elefanten Park, etwa 60 km nördlich von PE. Mittags geben wir den Mietwagen am Flughafen ab und schweben dann mit Hano nach Norden. Nun beginnt der eigentliche Teil der Reise! Wir haben nicht vorgebucht, und erwischen den letzten Zeltplatz, denn es ist Freitag nachmittag und das letzte Wochenende der Schulferien – und Nationalpark! Die Zeltplätze sind 3,5*4,5 m² groß, aber der letzte ist etwas länger, und wir erobern ihn mit Hano, er zieht die Schnauze ein. Drei Campingplätze später unterhalten wir uns mit einem netten südafrikanischen Rentnerehepaar, die ganz verwundert sind, dass wir nicht vorbuchen. Sie campen ihr Leben lang und haben immer vorgebucht, weil die Campingplätze dies so wollen. Sie halten es für ein Wunder, dass wir ohne Buchung einen Platz bekommen haben, und das auch noch wiederholte Male. Bisher aber hatten wir Glück: Die Campingplätze, auf denen wir waren, hatten immer noch ein Plätzchen frei. Im Groendal Wilderness Reserve waren wir sogar zwei Nächte lang die einzigen Gäste, und in den Nationalparks macht sich Hano dünn und passt auf einen Zeltplatz. Da der Frühling zögerlich kommt (6°C morgens beim Aufstehen), sind noch nicht viele Zelter unterwegs. Wir hingegen fanden ganz andere Dinge erstaunlich: Am ersten Abend komme ich in den Addo-Camping-Waschraum und höre, wie sich jemand ein Bad einlässt. Ich will meinen Ohren nicht trauen, aber neben der verschlossenen Tür mit dem unerwarteten Plätschergeräusch ist eine zweite Kabine mit einer Badewanne. Meine Augen glaube ich nun. Zwei Badewannen, zwei Duschen – dies sind die typischen Einrichtungen auf den südafrikanischen Campingplätzen. Torsten berichtet, dass es bei den Männern meist eine Badewanne und drei Duschen gibt. Und alle netten Leute, mit denen wir uns unterhalten, hoffen auf den Regen, denn die Wasserspeicher sind leer am Ende der Trockenzeit – und lassen sich dann ihr Bad ein. Wir haben die Dusche im Hano so ausgelegt, dass wir im Extremfall mit 2 Litern pro Person auskommen. Soviel zu den Campingplätzen, die es in realiter gibt. Dann sind wir heute auf dem zweiten Camingplatz angekommen, der nur auf der Landkarte, nicht aber in der Landschaft existiert. Diese Plätze sind auf ganz andere Weise willkommen: Denn hier müssen wir im totalen Niemandsland frei übernachten. Das ist der eigentliche Hano-Alltag wie wir ihn lieben – wo es dir gefällt, bleibst du einfach – wir haben ja immer alles dabei. Ein Luxus, den wir uns in diesem Land wirklich nur fern von jeder Zivilisation leisten. Die Situation nahe den Städten können wir einfach zu schlecht abschätzen, unser Bauchgefühl rät uns dort fast immer von einer Rast ab…

So nun zurück zum Addo Park. 3,5 Tage verbringen wir hier – es ist traumhaft. Ein bisschen merkt man, dass der Park künstlich angelegt wurde. Es wurde nicht ein natürliches Wildreservat eingezäunt, sondern ein Stück recht leeres Land, auf dem die Tiere wieder angesiedelt wurden, die hier ursprünglich mal gelebt hatten, als die ersten Siedler kamen – und eben ganz viele Elefanten zusätzlich, ca. 250 Individuen. Das macht ihn auf der einen Seite etwas unnatürlich, garantiert aber mannigfaltige Elefantensichtungen. Insbesondere im Nordteil des Parks ist rechts und links der Straße dichtes Buschwerk von ca. 2 m Höhe. D.h. viele PKW-Fahrer fahren an den Elefanten im Busch vorbei, ohne sie zu bemerken. Mit der erhöhten Sitzposition im Hano überblicken wir die Landschaft gut, und entdecken schon am ersten Nachmittag über 10 Elefantenrücken nahe der Straße. Wenn man stehen bleibt und den Motor ausmacht, hat man oft das Glück, dass sie auf die Straße kommen, denn die dichten Dornenbüsche sind sehr pieksig. Ich bin völlig erstaunt, dass auch die kleinsten Elefantenkinder sich da durchzwängen.

Im Südteil des Parks wird das Buschwerk etwas lichter, es gibt kleine Ebenen, auf denen wir vor allem Zebras und verschiedenste Paarhufer sehen. Am zweiten Tag machen wir uns gegenseitig noch etwas umständlich auf diese Tiere aufmerksam, beispielsweise „Auf 11:00 Uhr eine Gruppe grauer Paarhufer mit schwachen schwarzen Streifen auf dem Rücken und 2 Korkenzieher-Windungen auf dem Kopf“. Abends schauen wir in unserem Tierbuch nach und sagen am dritten Tag dann schon ganz fachmännisch: „Kudu“ zu diesen Tieren. Das ist deutlich kürzer und somit hat der andere eine realistische Chance, sie noch rechtzeitig zu sehen, bevor der Redeschwall und Hano vorbei sind… Neben all diesen unterschiedlichen Tieren (Elands, Büffel, Schakale, Hyänen, viele viele Vögel etc.) stehen natürlich die Elefanten im Vordergrund. Nicht nur, weil sie sehr viele sind und sich die besten Plätze an den Wasserlöchern sichern, sondern auch, weil ihre Interaktionen so vielfältig sind.

Der Campingplatz ist umzäunt und von den wilden Tieren so halbwegs abgeschottet, wobei wir auch dort Meerkatzen und Ducker am Hano hatten. Von 6:00-18:00 Uhr darf man in das eigentliche Wildreservat einfahren. Das gibt auch den Tieren 12 Stunden Atempause… An Tag 2…4 fahren wir um 6:00 Uhr (zur Öffnungszeit) in das Wildreservat ein und verbringen jeweils mehrere Stunden an einem Wasserloch. Am vierten Tag wollten wir nur kurz nochmal reinfahren, um Abschied zu nehmen – und harren 6 Stunden an einer Stelle aus! Hier ist der Hano gegenüber den PKWs auch wieder im Vorteil: wir haben nicht nur jeder einen Sitz, sondern die beiden Vordersitze und den hinteren Aufbau. Dort kann Torsten den Tisch abräumen, sein Stativ aufstellen, wir können vespern, oder ein Nickerchen machen – natürlich mit einem offenen Auge, falls wieder etwas Spannendes passiert.

Kurze Notizen vom letzten Tag:

7:04 Uhr kommt ein Schakal, trinkt kurz, zieht dann weiter.

7:39 kommt der erste Elefant mit Familie zum Trinken, gegen 8:00 ziehen sie weiter.

8:10 ein Strauß, dann zwei Warzenschwein-Paare, ein Reiher.

8:20 zieht ein Kudu ohne zu trinken vorbei.

8:35 kommt die zweite Elefantenfamilie – und ab dann gibt es ein ständiges Kommen und Gehen der Familien und Gruppen. Als wir uns um 13:00 Uhr endlich losreißen, sieht man auf allen umliegenden Hügeln Elefanten kommen oder gehen.

Die meisten Gruppen trinken zunächst im vorderen Loch. Das dauert ca. 30 Minuten. Wenige Meter von dem Loch wird dann das kleine und große Geschäft verrichtet. Über das große Geschäft schreibt das Tierbuch mit biologischer Exaktheit: 3…5 zylinderförmige Haufen alle 1,4 Stunden. Dann geht es weiter zum hinteren Loch, wo das Baderitual eingeläutet wird. Zuerst feuchten sich die Tiere mit dem Rüssel an. Einmal vollsaugen und die linke Seite naßspritzen. Dann den Bauch, dann die rechte Seite. Nach 10…20 mal Spritzen ist die Haut dann auf das Bad vorbereitet. Die massigen Tiere gehen auf die Knie und rutschen vorsichtig ins kühle Nass. Dann gibt es kein Halten mehr: mit dem Rüssel wird solange ins Wasser geschlagen, bis es ein richtig dicker Schlamm ist. Einige tauchen fast ganz unter und halten den Rüssel als Schnorchel zum Luftholen hinaus. Andere suhlen sich von allen Seiten im Schlamm. Einige sind nach wenigen Minuten ausreichend eingeschlämmt, andere gönnen sich diese Wonne eine halbe Stunde lang. Dann vorsichtig wieder auf den Knien hinaussteigen. Insbesondere die kleineren Jungtiere benötigen dazu mehrere Anläufe, und rutschen mehrfach wieder hinein. Nach dem Abrutschen zunächst ein verängstigtes Quieken, dann wird aus der Situation Profit gezogen und vor dem nächsten Anlauf noch eine Runde im Schlamm gesuhlt. Ein faszinierendes Schauspiel! Und dann kommen die halbstarken Männchen! Richtig ernste Kämpfe tragen sie nicht aus, aber sie üben mit gegenseitigem Imponiergehabe das echte Mannsein. Die halbstarken Formen davon sind: Köpfe aneinander drücken, und die Länge der Stoßzähne und des Rüssels vergleichen. Den anderen mit dem Kopf oder dem Rüssel wegdrücken – wer zuerst ausweicht, unterliegt – und versucht es natürlich nach wenigen Minuten erneut.

Die Elefantenkinder schauen sich das Schauspiel an und imitieren es – gewissermaßen der Abklatsch des Abklatsches. Sie rangeln entweder untereinander – oder üben sich im Vertreiben kleinerer Tierarten, bei denen auch die ausgewachsenen Tiere kleiner oder zumindest leichter sind als sie. Ein Elefanten-Junge, der eben noch an Mutters Brust getrunken hat, entdeckt zwei Warzenschweine, die trinken wollen und sich vorsichtig nähern. Mit gewaltigem Ohrenschlackern (das ihn beinahe ausrutschen lässt), erhobenem Rüssel, und fast furchteinflößendem Vor-Stimmbruch-Tröten macht er ein paar Schritte auf die Warzenschweine zu, die daraufhin abhauen und sich später unbemerkt ans Loch schleichen, als sich die Elefanten miteinander beschäftigen. Auch die Zebras werden vertrieben – sie müssen eine halbe Stunde warten, bis sie kurz zum Wasser dürfen, und dann wieder vertrieben werden. Teilen ist offensichtlich nicht Elefanten-Wesensart, zumindest nicht mit anderen Tierarten. Ein mini-kleiner Elefant und ein normal-kleiner rutschen aufeinander herum – zuerst auf dem Boden, dann im flachen Schlamm. Wenn es dem mini-kleinen zu doll wird, stößt er ein herzerweichendes Quieken aus. Dann kommen sofort die halbwüchigen Geschwister und sorgen bei den Kleinen für Ordnung. Sobald er sich erholt hat, neckt der mini-Kleine seinen Freund wieder, und das Aufeinander-Rumrutschen geht wieder von vorne los.

Die Rüssel sind Multifunktions-Werkzeuge: Trinken, Schlammspritzen, Tröten hatten wir ja schon erwähnt. Sie dienen aber auch zur Begrüßung, zum Anstupsen, zum Festhalten an Mutters Schwanz, natürlich zum kleine-Blätter-von-dornigen Sträuchern-Abreißen, und auch zum Zähneputzen: einige Männchen stülpen sich den Rüssel über ihren Stoßzahn.

Immer, wenn wir denken „jetzt kennen wir alles, was Elefanten machen“, passiert etwas Unvorhergesehenes. So könnten wir weiter beobachten und weiterschreiben bis ans Ende aller Tage – aber wir reißen uns los und starten ins nächste Abenteuer!

Hano wird startklar gemacht – 30. September 2021 ff

Hano wird startklar gemacht – 30. September 2021 ff

Es folgen zwei Regentage mit starken Regengüssen, heftigstem Wind und sehr kurzen Regenpausen. Dann flaut der Regen ab, am 3. Oktober ist es wieder sonnig, aber nur noch 11°C „warm“. Nicht die besten Bedingungen, um Hano wieder flott zu machen, aber wir nutzen geschickt jede Regenpause zum Ein- oder Aussteigen und für Außenarbeiten. Irgendwie erinnert uns dieser Tagesablauf an die letzten Wochen in Deutschland…

Nick lädt uns in seiner Werkstatt die Batterien vollständig auf, und bietet auch sonstige Hilfe an.

Auf der Beifahrerseite kommt es an zwei Tagen hintereinander zum Wassereinbruch, wir finden und stopfen das Verursacherloch, und am dritten Regentag bleibt der Teppich trocken! Bei der Gelegenheit streichen wir gleich einige Roststellen am Bodenblech.

Die Verbandskastenhalterung wird geflickt.

Eine südafrikanische Gasflasche wird installiert – mit 28 anstatt 50 mbar werden wir etwas länger auf das heiße Wasser warten müssen, aber es brennt!

Eine Zusatz-Staukiste wird auf dem Dach montiert, der Unterfahrschutz montiert, sowie Plexiglasscheiben als Steinschlagschutz für die Scheinwerfer.

Die beige Hano-Farbe hatten wir am Freitag mischen lassen – sie war am Samstag allerdings noch nicht fertig, mal sehen, wann wir sie bekommen.

Und innen wurde und wird alles wieder umgepackt. Das Führerhaus, das viel Werkzeug beherbergt, musste für die Überfahrt ja leer sein. All die unerlaubten Sachen hatten wir ja nicht einfach aus den Fächern rausnehmen können – es musste ja alles seemännisch verstaut sein, also durfte keine Lücke sein. Wir mussten also gezielt etwas gleichgroßes in die entstehenden Lücken packen, damit alles stabil verpackt ist. Und uns all das merken, denn aufschreiben oder fotografieren kann man das nicht – wer sichtet schon 10.000 Fotos? Das ganze Verschiebespiel vom August muss nun wieder rückgängig gemacht werden, bis wieder alles an seinem Platz ist. Wir überlegen zwischendurch, ob wir nicht die Transafrika-Ostroute zurück fahren sollen, um uns diesen Wahnsinn, der bei der Rückverschiffung ja wieder droht, zu ersparen. Aber diese Route ist in der aktuellen Situation auch kein Spaß, und wir wollten ja diesmal nicht so weit fahren, sondern uns mehr Muße gönnen. Wir merken, dass wir erstmal losfahren müssen, egal wie schön es hier in Little Louisa ist. Also weiterhin den Grundzustand wiederherstellen, und wenn wir dann unterwegs sind, wird sich alles finden, vermutlich auch das Um-/Ent-/Rückpack-Trauma legen.