Monat: November 2021

Kathrina flirtet mit H.E.S.S. 26.11.2021

Kathrina flirtet mit H.E.S.S. 26.11.2021

Nördlich von Sossusvlei fahren wir weiter am Rande der Namib entlang. Einen wunderbaren Blick auf den Namibrand bekommt in den östlichen Bergen von dem Spreegtshoogte-Pass aus: dem zweitsteilsten Pass Namibias mit 25% Steigung. Auf fünf Kilometer Fahrstrecke muss ein Höhenunterschied von 500m erklommen werden. Kathrina klettert langsam im zweiten Gang der Allraduntersetzung hinauf, und legt einige Pausen ein, damit das 95°C heiße Kühlwasser auf die Normaltemperatur von 80°C abkühlen und die heiß gelaufenen Getriebe eine Verschnaufpause bekommen. Dann sind wir oben, sehen beim Abendessen die Sonne über der Namib untergehen und verbringen mal wieder eine einsame sternklare Nacht. Am nächsten Tag eröffnet sich im ersten Morgenlicht dann wieder der grandiose Weitblick auf spannende Bergformationen mit der Namib im Hintergrund, die morgens ganz weiß erscheint – vermutlich sind das die Morgennebel über den Dünen.

Der Pass ist 1.700 m hoch, und danach bleibt die Piste auf einer Hochebene von ca. 1.800 m. „HESS Telescope“ steht in der Karte, nicht ganz auf unserer Strecke, aber auch nicht zu weit entfernt. Einen tollen Sternenhimmel sehen wir ja allnächtlich, aber was wird die Max-Planck-Gesellschaft hier wohl beobachten?

[https://www.mpi-hd.mpg.de/hfm/HESS/pages/about/]

Wir fahren kurzentschlossen hin, zur ungünstigsten Zeit für spontane Besichtigungen (Freitag nachmittags) und kommen zunächst zur Anlage. Wir sind tief beeindruckt. Kathrina hat noch nie so viele Spiegeel auf einmal gesehen – allein über 900 im größten der fünf Teleskope. Sie ist ein wenig ärgerlich, als wir weiter zum Büro fahren um zu fragen, ob wir uns die Anlage näher ansehen dürfen. Wir Menschen vertun unsere Zeit eben immer mit so komischen Dingen wie Reden über unwichtige Formalitäten, während sie sich erstmalig in ihrem Leben nicht nur in einem, sondern in hunderten von Spiegeln betrachtet hat, und gerade begann, sich hübsch zu finden, vielleicht ein wenig zu staubig, und einige Parallelen zwischen der gewaltigen Anlage und sich selbst entdeckte: Viel Stahl, viele Schrauben, viele Schweißnähte, die Furcht vor Rost…

Zum Glück ist der Abstecher zum Büro nur von kurzer Dauer, der Projektingenieur vor Ort erlaubt uns, die Anlage anzusehen, sodass wir wieder zurück zu HESS fahren. Kathrina kann sich nun ausgiebig mit dem Teleskop austauschen. Sie erzählt HESS von staubigen Pisten und wohltuenden Schatten spendenden Bäumen hier auf der Erde. HESS hingegen berichtet, dass er zwar tagsüber auf die Erde blicken muss (und zwar immer den gleichen Flecken Erde, ohne Schatten), nachts aber in den Himmel gerichtet wird, wo er die letzten Lichtquäntchen von kosmischen Nebeln und anderen Phänomenen im Universum erspäht. Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt freuen sich allmorgendlich über seine Messdaten und beginnen begierig, sie auszuwerten, um neue Erkenntnisse über das Werden und Vergehen im Weltall zu sammeln, von dunkler Materie, schwarzen Löchern und ähnlichen erstaunlichen Dingen. Kathrina hört gebannt zu und blinzelt immer wieder in die vielen Spiegel.

Während die beiden sich auf „stahlisch“ unterhalten, bekommen Torsten und ich im Büro eine exklusive ausführliche Einführung in die Anlage und die laufenden Experimente. Wir sind begeistert von der herzlichen Gastfreundschaft, dem Experiment an sich, und der beeindruckenden technischen Ausführung. Was für ein Arbeitsplatz! (Natürlich vor Ort an der Anlage, und nicht in einem der weltweit verstreuten Büros für die Messdatenauswertung…)

Tiras-Berge: Zaunlos glücklich 16.-19.11.2021

Tiras-Berge: Zaunlos glücklich 16.-19.11.2021

Namibia ist für viele Reisende der Inbegriff von Weite und Freiheit. Wie viele Weideländer ist auch hier die Landschaft (genauso wie Südafrika) fast komplett eingezäunt. man fährt also als Zaungast durch spektakuläre Landschaften – und die kleinen Pisten, von denen man einen schönen Blick auf die umliegenden Berge bekommen könnte, liegen meistens hinter dem Zaun. Auf den ersten Blick (und immer mal wieder zwischendurch) wirkt das auf uns beklemmend. Es gibt aber einen ganz einfachen Trick: Man muss hinter den Zaun kommen. Das geht entweder in den Nationalparks (deren Besuch wir stets so kurz wie möglich halten) oder auf Farmen mit einem Campingplatz (wo wir bisher jedes Mal länger geblieben sind als geplant). Dann bist du rechtmäßig hinter dem Zaun, und nach wenigen Kilometern siehst du ihn nicht mehr. Jeder Farmbesitzer ist hier automatisch auch Bergbesitzer, und wenn du dir eine schön gelegene Gästefarm aussuchst, kannst du dich ganz frei bewegen, denn die meisten Farmen sind so groß, dass man den Besitz kaum an einem Tag durchwandern kann. Du kannst nach Herzenslust querfeldein laufen, bisweilen gibt es auch markierte Wanderpfade auf die Berge hinauf, damit die Besucher nicht allzu oft vor einer Steilkante stehen. Auf diesen Plätzen hast du auch eine gute Chance, ruhige naturverbundene Mitcamper zu haben – oder gar ganz allein zu stehen. Hier finden wir die Einsamkeit, die es in den Nationalparks logischerweise nicht gibt.

Unser erster Farm-Camping war in den Tiras-Bergen: Die Rezeption lag 12 km von der Piste (und den Zäunen) entfernt, der Campingplatz nochmal 3 km weiter, auf einer Seite von sanften Hügeln umsäumt, auf die man klettern kann, und nach drei Seiten hin schweift dein Blick über eine weite Ebene. Rundherum Berge, mehrere trockene Flusstäler. Kleine Gruppen von Oryxantilopen, Springböcken und Pferden tummeln sich in der Weite. Wir wandern über die Ebene und wandern und wandern – und die gegenüberliegenden Berge wollen nicht näher kommen. Einerseits verschätzt man sich hier durch die klare Sicht gewaltig in den Entfernungen – die Berge wirken viel näher als sie tatsächlich sind. Andererseits ist das Marschtempo querfeldein natürlich viel langsamer – man geht ja vorsichtig, um keine Pflanzen zu zertreten; muss ständig vor und zurück schauen, um eine günstige Route zu suchen; stapft vorsichtig durch sandige oder geröllige Trockenflüsse – und bleibt natürlich ganz oft stehen, um irgendein Tier, ein Blümchen, hunderte Jahre alte Bäume, Gesteine oder sonstige Naturwunder zu betrachten und zu fotografieren.

Ich hatte ja schon die Oryxe erwähnt. Eine wunderschöne kräftige Antilopenart mit über 80 cm langen Hörnern. Es ist Ende der Trockenzeit, das Gras ist schon komplett abgeweidet, also müssen sie die kleinen Blättchen von den dornigen Bäumen essen, bis der Regen einsetzt. Während Giraffen die Blätter durch die Dornen hindurch ganz rigoros mit ihrer langen akrobatischen Zunge herausschlecken, essen Oryxe vorsichtig mit ihren Lippen. Damit es nicht piekst, wird der Baum zunächst mit den Hörnern durch kräftiges Reiben an den Ästen entdornt, und erst dann sammeln die Lippen vorsichtig die Blätter. Schöne herrliche muskulöse Tiere. Als wir sie so betrachten und näher kennen lernen, kommen uns Zweifel, ob wir denn wohl daran getan haben, als uns die nette Farmerin zartestes Oryx-Fleisch angeboten hat – und wir zugeschlagen haben. Naja, das Fleisch liegt schon bei uns im Kühlschrank, da wird kein Oryx mehr draus, also hat es keinen Sinn, jetzt noch zu zweifeln.

Als wir von der Wanderung zurückkehren, knurrt der Magen gewaltig – also wird der Kochtopf klar gemacht, und mit vielen leckeren Zutaten entsteht ein wunderbares Gulasch aus dem zartesten und schmackhaftesten Fleisch, das wir je gegessen haben. Beim Kochen in der freien Natur gibt es ja immer Futterneider. Bisher waren die Vögel Nummer Eins gewesen, allen voran die frechen Webervögel, die noch dreister als jeder Spatz in alle Töpfe, Pfannen und Teller schauen. Die allseits gefürchteten Paviane haben wir durch Vorsicht und bestimmtes Auftreten immer auf Distanz halten können. Aber diesmal kamen pflanzenfressende Tiere, denen wir fälschlicherweise kein Interesse an Gulasch zugetraut hatten, daher haben wir sie erst zu spät ernsthaft vertrieben. Wer wissen will, welche Tiere das waren und wie unschuldig sie taten, um sich an den Kochtopf heranzuschleichen kann hier nachsehen:

https://youtu.be/eNOi3CUKZSY

Nach dem Essen beim Lagerfeuer geht die Sonne über der Ebene unter, auf den Bergen gegenüber geht der Vollmond auf, während der Dämmerung geckert aus jedem Busch ein Gecko, nachts ist es wunderbar still, bis die Geckos in der ersten Morgendämmerung wieder aktiv werden. Wer würde nun noch daran zweifeln, dass die Farm-Campings unser absoluter Favorit sind?

Einsame Pisten in Süd-Namibia 5.-14.11.2021

Einsame Pisten in Süd-Namibia 5.-14.11.2021

Wir sind mittlerweile seit knapp zwei Wochen in Namibia und haben uns auf einsamen Pisten im Süden des Landes wohlgefühlt: Spektaluräre Pisten entlang des Fish River Canyon (Galerie folgt, falls wir in Namibia jemals ein ausreichend gutes Netz finden sollten…). Er ist in der Sommerzeit für Wanderungen gesperrt, da die Temperatur unten im Canyon weit über 40°C klettert und kaum Schatten zu finden ist. Wir sind dennoch frühmorgens eine Stunde in den Canyon hineingewandert und dann schweißtriefend wieder zurückgekehrt. Dann fuhren wir auf beschaulichen Pisten entlang des Oranje (tagsüber bis zu 40°C) bis Oranjemund, dem südlichen Ende der Namib, wo es mittags 16°C kühl war und ein strammer Wind blies, der die Sandkörner durch die geschlossenen Fenster und Türen in Kathrina hineinblies. Daher haben wir nur am Atlantik zu Mittag gegessen und dann unsere Füße im Ozean gebadet, um abends zum Schlafen wieder ins Hinterland zu fahren.

Entlang wunderschöner Bergketten fuhren wir Richtung Norden, und hatten unglaubliche Übernachtungsplätze mit „Ultra-Beitleinwand“-Panoramablick, siehe Blogfoto. Die Sonnenauf- und -untergänge in solchen Szenarien sind unser tägliches Kino beim Frühstück und Abendessen.

Hano hat endlich einen Namen: Sie heißt Kathrina – 1.11.2021

Hano hat endlich einen Namen: Sie heißt Kathrina – 1.11.2021

Als wir von den Augrabies Fällen nach Norden fahren, trauen wir unseren Augen nicht: Wenige Kilometer nach dem kleinen Ort Blouputs enden die Zäune! Von Port Elizabeth bis hierher waren entlang aller Straßen, auch auf den kleinen Pisten, rechts und links Zäune gewesen. In der Nähe von Kimberley sogar zwei Zäune: zunächst ein niedriger mit Stacheldraht, dahinter dann ein hoher Elektrozaun.

Und hier am Nordufer des Oranje fehlen plötzlich die Zäune. Ein unbändiges Freiheitsgefühl überkommt uns. Aber – wer tut sich diese Fahrerei an? Hano tuckert mit max. 5 km/h brav über Felsen und durch Auswaschungen, bergauf und bergab. Bei einem Hügel, der vollständig aus Rosenquarz besteht, halten wir an und klettern hinauf. Einfach irgendwo anhalten und hinlaufen, wohin man will – welch ein Luxus in diesem eingezäunten Land!

Als wir oben sind, kommt Bertha angefahren. Bertha hält neben Hano (der natürlich nicht abgeschlossen ist, und die Fensterscheiben sind wegen der Hitze heruntergekurbelt). Ihre Insassen, Mary und Solomon mit Hündin Fiffi, steigen aus, winken fröhlich hoch, laufen etwas am Fuße des Hügels herum und fahren dann weiter. Wenige Kilometer später stehen sie im Baumschatten in einem trockenen Flussbett. Wir halten an, bekommen unseren ersten Moerkoffie angeboten und stellen fest, dass wir nicht nur denselben Weg, sondern auch das gleiche Ziel haben, nämlich den schönsten Campingplatz in Südafrika.

Wenige Kilometer später zweigt von der bereits sehr herausfordernden Piste eine noch kleinere Piste mit noch mehr Schräglagen ab. Wir schaukeln zwei nervzehrende Kilometer in die Schlucht hinein, bei jedem Meter muss man acht geben, wo das Fahrzeug seine Räder hat. Auswaschungen, abschüssige Felsen, Steinhaufen – teilweise glauben wir nicht, dass dies eine befahrbare Piste ist. Doch dann sind wir unten, beziehen einen Stellplatz direkt mit Blick in die Schlucht, die ein sich mehrfach reflektierendes Echo wirft. Rechts und links geht es über 100 Meter steil nach oben, mit überhängenden Felsen, vor uns liegt ein Schilfgürtel. Eine heiße Quelle speist drei kleine Pools mit unterschiedlichen Temperaturen. Im kältesten Pool fühlt man sich wie in einer Höhle: auf drei Seiten von Fels umgeben, vor einem der Schilfgürtel und darüber der Blick in die Schlucht. Jeder Vogelruf hallt mehrfach wieder – die Rufe der kleinen Vögel im Schilf ebenso wie die der Adler, die majestätisch über der Schlucht kreisen. Das mittlere Becken lassen wir aus und wärmen uns im heißesten Pool wieder auf. Hier ist der Blick offener, man sieht in allen Richtungen die umliegenden Berge. Der absolute Wahnsinn!

Morgens bei Sonnenaufgang (5:50-6:00 Uhr) starten Vogelgruppen aus dem Schilf. Hunderte von Vögeln formieren sich in zwei, drei Kreiseln über dem Schilf und fliegen dann kerzengerade und pfeilschnell wie ein Geschwader ganz dicht über unseren Köpfen die Schlucht entlang. Das Geräusch ist ehrfurchtgebietend. Zehn bis fünfzehn dieser Geschwader starten morgens und kommen bei Sonnenuntergang (19:00-19:10) wieder zurück, in demselben faszinierenden Tiefflug.

Dieses Naturschauspiel ist einzigartig.

Hinzu kommen intensive Gespräche mit Mary und Solomon. So viel Seelenverwandschaft und so viele komplementäre Gedanken! In den vier Tagen, die wir zusammen verbringen werden, laufen unsere Hirne und Herzen auf Hochtouren – und um Intellekt und Seele die nötige Kraft zu verleihen, werden reichhaltige kulinarische Genüsse gezaubert.

Mary ist erschüttert, dass „Hano“ nur eine Abkürzung ist und kein Name. Solomon sieht beim Brotbacken kurz zu Hano hinüber und sagt dann in seiner feinen, sich zurücknehmenden Art zu uns: „Wenn ich einen Namen vorschlagen dürfte – was haltet ihr von KATHRINA?“ Wir sind beide hingerissen. Zukünftig werden wir also nicht mehr von Hano (m), sondern von Kathrina (f) berichten. Hanomag A-L 28, getauft auf den Namen Kathrina an Allerheiligen anno 2021, im ehrwürdigen Alter von über 54 Jahren. Ganz ohne Zeremonie – denn wir haben Sol und Mary einfach geantwortet, dass wir den Namen absolut passend finden und ab diesem Moment von Kathrina geredet.

Bertha und Kathrina haben sich übrigens genauso innig auf den ersten Blick verstanden und lieb gewonnen wie ihre Insassen, was man dem Blogfoto hoffentlich ansieht.

Milchstraße über den Augrabies Wasserfällen – 25.10.-1.11.2021

Milchstraße über den Augrabies Wasserfällen – 25.10.-1.11.2021

Seit wir den Oranje zum ersten Mal überquert haben, nach einer Woche in der trockenen Karoo, hat er uns magisch angezogen. Er schlängelt sich kurvenreich von den Drakensbergen bis zum Pazifik, und immer, wenn wir in der trockenen Landschaft einen grünen Gürtel gesehen haben, wussten wir, dass wir uns wieder dem Oranje oder einem seiner Zuflüsse nähern. Als wir erfahren, dass er bei Augrabies durch eine enge Schlucht fließt und je nach Wasserstand einen oder mehrere Wasserfälle bildet, beschließen wir, am nächsten Tag den Oranje entlang bis zu den Wasserfällen zu fahren.

Mit über 500 km unsere längste Tagesetappe, aber sie führt uns durch unerwartete bergige Gegenden, immer wieder nähert sich die Straße dem grünen Gürtel des Flusses, um sich dann wieder zu entfernen. Etwa 100 km südlich von Upington beginnt die Oranje-Weinstraße, doch wir sparen uns die Weinprobe für den Rückweg auf, da wir heute ja noch den Augrabies Nationalpark erreichen wollen, der 100 km westlich von Upington liegt. Wir erreichen ihn 15 Minuten vor Torschluss.

Es wird schon dunkel, als wir den Campingplatz erreichen. Sobald Hano seinen Stellplatz bezogen hat, trinken wir ein Feierabend-Bier auf den Felsen und sehen den letzten Sonnenstrahlen hinterher. Gekocht wird dann bei Lampenlicht, und beim Café nach dem Abendessen sehen wir den bisher tollsten Sternenhimmel auf unserer Reise – und wir haben ihn jeden Abend bewusst betrachtet. Um 20:00 Uhr steht die Milchstraße noch gut sichtbar über uns, gegen 21:00 Uhr ist sie hinter den Bäumen, die den Campingplatz umgeben, untergetaucht. Am nächsten Tag suchen wir uns einen vorgelagerten Platz auf den Klippen und beobachten das Abtauchen der Milchstraße hinter die umliegenden Berge von 20:00-23:00 Uhr. Als die Milchstraße schon tief steht, erscheint von Orion zuerst die linke Fußspitze, dann sein Schwert, dann erst der Gürtel. Welch ein Schauspiel!

Jetzt am Ende der Trockenzeit bildet der Oranje nur einen zentralen Wasserfall in der Schlucht – am Ende der Regenzeit muss das Schauspiel weit spektakulärer sein, denn dann bahnt er sich viele Wege und stürzt über mehrere Felskanten hinab. Dennoch sind wir fasziniert – sowohl von dem Wasserfall selbst, als auch von der Landschaft drumherum: Auf beiden Seiten der Schlucht sind spannende Felsformationen, immer wieder andere Gesteine, die einen schroffer, die anderen rundlicher. Einige Spazier- und Wanderwege sind dort angelegt, von denen aus man interessante Blicke in die Schlucht und auf den Wasserfall hat. Da wir eine Vorliebe dafür haben, über Felsen zu klettern, streunern wir zusätzlich querfelsein und finden noch weitere spektakuläre Aussichtspunkte und einsame Flecken – einige davon stellen meine Höhenangst auf eine harte Probe. Zum ersten Mal haben wir genügend Auslauf auf einem Campingplatz. Auf den vorigen Plätzen waren die „hiking trails“ immer sehr schnell erschlossen gewesen, aber wenn man nach Herzenslust stöbern kann, gibt es ja unendlich viele Wege.

Auch die Tierwelt ist interessant. Tagsüber kommen die Klippschliefer auf den Platz. Sie sind die nächsten Verwandten des Elefanten, ist in all unseren drei Tierbüchern einvernehmlich zu lesen, doch wir halten sie für die Kaninchen des Oranje: Sie haben etwa dieselbe Größe, fressen alle möglichen Pflanzen von saftigem Gras über trockene Blätter bis zu den dünnen Zweigen, die ich zum Feuer anmachen gesammelt hatte, und hinterlassen kaninchengleiche Boppel auf dem Rasen. Scheu sind sie allerdings nicht – als ich versuche, sie von unserem Grillholz zu vertreiben, springen sie zwar irgendwann weg, um mir zu zeigen, dass meine Verscheuchungsversuche nicht völlig vergeblich sind, und sitzen 10 Sekunden später wieder auf dem gemauerten Grilltisch und knabbern an meinen Zweigen… Auch Mungos kann man ganztägig auf dem Campingplatz beobachten. Einmal huscht einer mit einem Frosch im Maul über die Wiese. Einige Tage später bringt eine Mungo-Mutter ihre zwei Jungen auf die Wiese vor Hano zum Spielen.

Abends zwischen 20:00 Uhr und 21:00 Uhr besucht uns eine Ginsterkatze an unserem Lagerfeuer. Obwohl wir sie nicht füttern, kommt sie allabendlich wieder, inspiziert neugierig unseren Platz, schnüffelt an Hanos Reifen, dem Lagerfeuer und in Richtung Kochtopf, aber alles mit gebührendem Abstand, sie maunzt oder bettelt nicht. An den letzten beiden Abenden kommen sie sogar zu zweit, und besuchen uns jeweils mehrfach.

Insgesamt verbringen wir eine herrliche Woche. Vor Sonnenaufgang sind wir auf den Beinen und begrüßen die Sonne. Ein kräftiges Frühstück unter freiem Himmel stärkt uns für den Tag. Wir erwandern die Landschaft, beobachten die Tiere und genießen die Natur. Bei einem leckeren Abendessen resümieren wir den Tag, verabschieden die Sonne und machen danach – mehr für die Seele als zum Wärmen – ein Lagerfeuer auf dem Braaiplatz, über dessen warmen Flammen und roter Glut sich dann ein gigantischer Sternenhimmel aufspannt.

Vollmond über der Karoo – 20.10.2021

Vollmond über der Karoo – 20.10.2021

So, damit nicht der Eindruck entsteht, wir wären nur in Nationalparks unterwegs, hier ein kurzer Bericht von einer unvorhergesehenen Nacht im Garten Eden.

Wir programmieren in unserem Garmin einen Campingplatz ein, der 30 km Piste von der Nationalstraße N12 entfernt liegt. Es ist mittags, und wir sind schon knappe 300 km durch die Karoo gefahren – dürres nicht einmal kniehohes Gesträuch soweit das Auge reicht. Das reicht uns an Fahrstrecke, wir wollen den Nachmittag verbummeln und eventuell 2 Nächte bleiben. Der Campingplatz ist malerisch an einem Stausee gelegen – mutmaße ich wegen des blauen Flecken, der daneben eingezeichnet ist.

Als wir auf die Piste abbiegen, stellen wir fest, dass sie mittlerweile auf den ersten 20 km geteert ist. Schön! Dann zweigt eine Piste ab, die tatsächlich Piste ist – und zwar die übelste bisher. 10 km auf dieser Piste und kein Hinweisschild auf einen Campingplatz? Das macht uns schon mal stutzig. Nach zwei Kilometern spreche ich meine Vermutung aus, dass dieser Campingplatz wohl auch nicht existiert. „Egal“ antwortet Torsten „auf dieser üblen Strecke kommt doch außer uns niemand, also können wir am See allein stehen – und ich bin nicht bereit, diese Strecke unverbrachter Dinge wieder zurück zu fahren.“ Gesagt, getan (für die restlichen 8 km benötigt Hano über eine halbe Stunde). Es gibt weder einen Campingplatz noch einen Stausee. Wohl eine Staumauer, die noch gut in Schuss ist, aber in der Senke blühen Mimosenbäume. Welch ein Anblick nach 300 km in der verdorrten Karoo! Allerdings ist das grüne Gebiet eingezäunt, wir stellen uns also in den Windschatten des Staudamms und beschließen, den Nachmittag und die Nacht hier zu verbringen – denn hierher verirrt sich doch niemand außer uns.

Nach einem kleinen Mittagsvesper bestaunen wir die Pflanzen, Käfer, Gottesanbeterinnen in der Umgebung. Da kommt Ion, der sich um den Staudamm kümmert. Der Damm war 1988 letztmalig gefüllt, seitdem regnet es nur so wenig, dass die Bäume in der Senke schön grünen und sich einige Grasflächen ausgebildet haben. Wir fragen ihn, ob wir hier eine Nacht stehen dürfen, und ob er meint, es sei hier sicher. Wir dürften bleiben, solange wir wollen, war die Antwort, aber schöner sei es hinter dem Damm auf einer kleinen Plattform über der Senke – dort kann man das gesamte Tal überblicken. Ja, aber die Piste ist durch ein Tor versperrt, erwidere ich. Ion schmunzelt. Ihm gefällt wohl, dass wir das Tor nicht näher untersucht haben – es liegt zwar eine Kette um das Tor und das Vorhängeschloss ist lose eingehängt, sodass keine Tiere hindurch können, aber das Schloss ist nicht zugeclipst. Wir können dort übernachten und morgen (oder wann wir wollen) wieder rausfahren, und sollen das Schloss dann wieder offen einhängen, damit er wieder hinein kann.

Wir verlegen unseren Platz und haben einen traumhaften Blick auf die blühende grüne Senke. Einer der schönsten Plätze, die wir je hatten. Ganz allein mit Weitblick auf ein herrliches Stückchen Erde!

Das feiern wir mit einem Glas Wein auf dem Hanodach. Kurze Zeit darauf geht der Vollmond hinter Hano auf und die Sonne vor Hano unter.

Am nächsten Morgen springen wir früh aus dem Bett, um das umgekehrte Schauspiel zu verfolgen: Um 5:30 geht der Vollmond über der Senke unter, eine Viertel Stunde später wirft die Sonne ihre ersten Strahlen in das Tal. Einige Tiere, die wir auch mit Fernglas nicht identifizieren können, da sie so weit weg sind, ziehen über die Grasflächen. Welch ein friedliches Stückchen Erde!

Gegen 7:30 kommt Ion vorbei, und fragt uns ob wir gut geschlafen haben. Nicht gut, sondern traumhaft! – antworten wir – an solch einem friedlichen Ort! Er freut sich, dass wir eine ruhige Nacht hatten, und seinen „Arbeitsplatz“ so wertschätzen können, wünscht uns alles Gute auf der weiteren Reise und fährt die Piste weiter in das Tal hinein. Da es tagsüber wieder sehr heiß wird, und wir zwar einen traumhaften Ausblick, aber keinen Schatten für Hano haben, reißen wir uns los und fahren weiter. Aber diese Nacht und diesen Platz werden wir sicher nicht vergessen!