Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

09.04. bis 16.04.2018

Darin, dass Cartagena die letzte Station in Südamerika sei, hatten wir uns gewaltig getäuscht.

Der Hano soll ja in Bremerhaven anlanden, in geordneten deutschen Verhältnissen, und mit deutscher Pünktlichkeit. Dachten wir. Vermutlich war es jedoch eine gütige Fügung des Schicksals, dass die Reise so südamerikanisch zu Ende ging – damit wir nicht im deutschen Alltagstrott gerinnen, sondern lebendig daran erinnert werden, unter welchen organisatorischen Randbedingungen wir das letzte halbe Jahr verbracht haben.

Eine Woche vor Ankunft des Schiffes erhalten wir eine Information der Rederei, dass der Hano in der folgenden Woche am Dienstag in Bremerhaven ankommt und zwischen Mittwoch und Freitag beim Zoll ausgelöst werden kann. Torsten bucht also eine Bahnfahrt für den Mittwoch, eine Hostal-Übernachtung im Hafen, und vereinbart einen Abholtermin für Donnerstag. Ein Tag Sicherheitspuffer sollte in Europa ja reichen.

Voller Vorfreude verfolgen wir täglich das Schiffstracking und vergleichen es mit den Wetterdaten auf dem Atlantik um nachzufühlen, wie stark der Hano durch Stürme geschaukelt, oder ob der Schiffsrumpf durch Sonne gewärmt wird. Am Sonntag stellen wir plötzlich fest, dass das Schiff in Antwerpen angelegt hat. Antwerpen war auf dem Fahrplan gar nicht vorgesehen gewesen. Naja, zum Glück hat Torsten ja einen Tag Puffer eingeplant, bis Donnerstag sollte der Hano längst ausgeladen sein. Sollte.

Ist er möglicherweise auch, aber an einen Zolltermin am Donnerstag ist trotzdem nicht zu denken, erfährt Torsten am Donnerstag früh. Im Laufe des Tages wird er einen Termin für Freitag erhalten. Also verlängert er das Zimmer um eine Nacht, und erschließt die hochspannende Metropole Bremerhaven touristisch. Auch dem Aldi stattet er einen Besuch ab, da er sein brandneues Handy mitgenommen hat, das noch keine SIM-Karte hat. Alditalk gibt es ja schließlich auch im Norden zu kaufen. Das stimmt zwar, aber irgendetwas funktioniert mit der Aktivierung nicht. Also ist er telefonisch nicht zu erreichen. Als er am späten Nachmittag zurück zum Hostal kommt und über WLAN seine mails abruft, sieht er eine Nachricht von der Reederei, dass er doch bitte bis 17:00 Uhr zurückrufen soll (wofür es zu spät ist), oder morgen ab 8:30 Uhr. Der Zoll hat ein Verfügungsverbot über unseren Hanomag ausgesprochen.

Wieso denn anrufen? Er checkt am Freitag morgen aus und spaziert mit dem Rucksack 2 km bis zum Büro der Reederei. Taxi ist doch was für Weicheier, auch wenn er keine Wanderschuhe dabei hat und der Rucksack recht schwer ist, da er noch einige Sachen für den Hano mitnehmen musste. Überpünktlich  kommt er um 8:15 bei der Reederei an. Dort erwartet ihn die fröhliche Nachricht, dass der Zolltermin (in der Fachsprache heißt das „Beschau“ – als sei der Hano ein Stück Fleisch…) erst am Montag möglich sei. Wie bitte? Torsten bittet die Dame mit Nachdruck, noch heute einen Termin möglich zu machen, deponiert dann seinen Rucksack bei der Reederei und spaziert zum Terminal, an dem der Zolltermin stattfinden soll – ohne Ergebnis. Gegen Mittag wird er nochmal bei der Reederei vorstellig und äußert seinen Unmut über die Verzögerung. Dabei fällt ihm auch auf, dass die Reederei einen Beschau-Termin ohne ihn ausmachen wollte. Das geht ja gar nicht, da nur er die Schlüssel für den Aufbau und die Staufächer hat. Auf dem Schiff befindet sich lediglich der Schlüssel für das Führerhaus. Also erbitten sie nun vom Zoll einen Termin im Beisein des Fahrzeughalters. Im Laufe des Tages erhält Torsten dann die Nachricht, die ihn endgültig noch ein Wochenende in Bremerhaven beschert: Der Zolltermin kann erst am Montag stattfinden, da das „notwendige Instrumentarium“ für die Beschau nicht bereitgestellt werden kann.

Also bucht er drei weitere Nächte für knapp 200 € im selben Hostal… Da er nur mit einer Nacht gerechnet hat, hat er auch nur eine frische Wäschegarnitur mitgenommen – im Hano wartete ja noch genügend Wäsche darauf, mal wieder gebraucht zu werden. Hätte ihn die Reederei rechtzeitig von der Verzögerung unterrichtet, hätte er ja das Zugticket verfallen lassen und für Sonntag ein neues buchen können, das wäre deutlich billiger gewesen. Aber dann hätte er ja nicht alle Museen von Bremerhaven kennen gelernt… Viele neue Anregungen gibt es im Schifffahrtsmuseum. Vielleicht kaufen wir uns irgendwann ein U-Boot aus dem letzten Krieg als Reisegefährt.

Von der Reederei kommt eine mail, dass die Beschau zwischen 7:45 und 8:30 stattfinden soll.

Am Montag um 7:30 Uhr ist Torsten folglich beim Zoll. Und sie haben auch gleich Zeit für ihn, sowie das „notwendige Instrumentarium“. Das schaut ihn mit neugierigen Augen an. Es handelt sich nämlich um die Drogenhündin, die am Freitag nachmittag keine Zeit hatte, da sie auf Schulung musste. Torsten bleibt die Spucke weg – er hatte hinter dem „notwendigen Instrumentarium“ vielmehr ein Röntgengerät o.ä. vermutet. Das Schnüffeln der Hündin geht auch ganz schnell. Er muss nicht einmal die Fächer öffnen, sie schnüffelt einfach nur an allen Schranktüren, hüpft auf allen Polstern herum, und das war’s. Die vier Zollbeamte, die für diese Beschau nötig sind, schauen freundlich und gelassen zu. Dafür hat Torsten fünf lange Tage und Nächte hier gewartet!

Die Heimreise verläuft gut, der Hano trabt fröhlich und genießt den glatten Fahrbahnbelag der deutschen Bundesautobahnen.

In Hannover, der Produktionsstätte des Hanomags, ist ein Zwischenstopp mit Foto geplant. Kurz vor Erreichen der Hanomagstraße fällt der Luftsdruck im Reifen links hinten rapide ab. Auf einem Friedhofparkplatz ist genug Ruhe für einen Radwechsel. Dann das geplante Foto: Auch in der Hanomagstraße ist die Welt verändert: Die Gebäude und Werkshallen stehen noch, allerdings sind sie neuen Zwecken zugeführt worden. Der Hanomagschriftzug ist halb verschwunden hinter neuen Gebäudekomplexen.

Weiter geht es in den Abendstunden auf der A7. In Göttingen besucht Torsten spontan eine Tante und übernachtet dort auf dem Reiterhof. Ein unverhoffter netter Abend lässt die Vergangenheit von Kindheit und Jugend lebendig werden.

Am Abend des 17. April kommen die beiden wohlbehalten in Leopoldshafen an. Nun endlich ist die große Reise zu Ende, die uns dreien so unvergessliche Erinnerungen beschert hat.


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