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Wiedervereinigung mit Hano – 29. September 2021

Wiedervereinigung mit Hano – 29. September 2021

Am 29. September ist es dann soweit: wir dürfen Hano abholen.

Das Wetter hat sich mittlerweile eingetrübt, es nieselt fast den ganzen Tag, unterbrochen von kräftigen Regengüssen.

Morgens fahren wir mit der Hafenagentin Natasha in den Frachthafen, um das Carnet de Passages, das Zolldokument für Hano, abzugeben. Ich darf mit dem Leihwagen noch die erste Hafeneinfahrt passieren, Torsten fährt dann mit Natasha in den Zollbereich ein. Gegen 10:00 Uhr sehen sich Torsten und Hano wieder. Hano leckt Wunden, und Torsten ist fürsorglich besorgt. Als er gegen 10:30 Uhr aus dem Zollbereich herauskommt, berichtet er mir:

  • Die Batterien sind tiefentladen. Offensichtlich hatte zu Beginn der Reise jemand die Zündung und den Blinker angelassen…
  • Bei dem Versuch, die Motorhaube zu öffnen, um Starthilfe geben zu können, wurde unsachgemäß an der Haube hantiert, der Schließmechanismus ist deformiert, ein Bügel fehlt, den Torsten jedoch nachmittags im Handschuhfach findet. Die vielen kleinen Lackschäden sind nicht tragisch, jedoch ärgerlich, weil wir ja keine Farbe mitnehmen durften…
  • Dann haben sie Hano offensichtlich abgeschleppt, um ihn an Land zu bekommen, haben aber glücklicherweise das Maul gefunden und hierbei alles richtig gemacht.
  • Der Geländegang ist eingelegt. Erstaunlich, denn wir hatten ihn in der bebilderten Fahranleitung nicht erwähnt, und den Hebel gegen unbeabsichtigtes Betätigen mit einer leuchtend gelben Schnur gesichert, die am Verbandskasten festgebunden war. Schnur und Lederriemen der Verbandskastenhalterung waren zerrissen, und der Geländegang eingelegt.
  • Die Warntafel im Heck ist verbeult und etwas verkratzt.

Etwaige Schäden, z.B. des Getriebes, hatte Torsten noch nicht ansehen können, da er das Auto ja nicht starten und bewegen konnte. Die Beamten versprachen, bis zur Abholung am Nachmittag Ersatzbatterien und Starthilfekabel zu besorgen. Währenddessen läuft der Frachter aus.

Wieder zu Hause in Little Louisa setzen wir eine vorläufige Schadensmeldung auf Englisch auf, da wir das Ausmaß des Schadens nicht absehen können. Die Transportversicherung rät dazu, sich die Schadensmeldung vor Ort abzeichnen zu lassen. Nick, der Besitzer von Little Louisa, bietet uns an, uns zwei Batterien mitzugeben, aber wir lehnen ab, denn die Beamten hatten ja versprochen, sich drum zu kümmern.

Am Nachmittag fahren wir gegen 15:00 Uhr wieder in den Hafen. Das gleiche Spiel: ich warte im Hafenbecken, während nur Torsten als Fahrzeughalter in den Zollbereich darf.

Die Zollbeamten sind natürlich nicht bereit, die Schadensmeldung zu unterschreiben, das Schiff ist ausgelaufen, und die Hafenagentin weiß auch keinen Rat und fährt die Kinder ihres Schwagers abholen, und lässt Torsten im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen. Naja, wir haben überschlagen, dass zwei neue Batterien und eine Büchse Farbe billiger sind als der Selbstbehalt, den verbogenen Schließmechanismus muss Torsten sowieso selbst richten, welche Werkstatt würde sich denn da auskennen, und falls das Verteilergetrieben Schaden genommen hätte, würde sich die Versicherung bei so einem alten Auto sowieso rausreden. Jetzt muss Hano nur noch starten und nach Hause fahren, dort werden wir alle Wunden heilen.

Leichter gesagt als getan, denn über die Mittagspause hatte natürlich niemand irgendwelche Vorkehrungen zur Starthilfe getroffen. Hätten wir doch Nicks Batterien mitgenommen! Der Generator hätte uns im Normalfall in solch einer Situation geholfen – aber er durfte ja nur leer aufs Schiff. Und ein Generator ohne Benzin liefert keine 24 Volt… Torsten hatte noch zwei starthilfefähige Powerbanks im Hano gefunden, von denen jedoch nur noch eine geladen war. Gegen 17:00 Uhr funkt er mich an, dass die Zollbeamten mittlerweile endlich eine Batterie gefunden haben, aber nun das Starthilfekabel suchen. Ihre dienstlichen PKWs dürfen sie nicht nutzen. Und um 18:00 Uhr müssen sie die Tore schließen, es kann also sein, dass wir morgen nochmal kommen müssen.

Dann kommt um 17:45 Uhr der erlösende Funkspruch. Torsten sagt kein Wort, aber Hanos Motorgeräusch teilt mir mit, dass das Starthilfekabel gefunden wurde! Starthilfe eines Hafen-PKW und eine Lithiumionen-Powerbank haben gemeinsam das Wunder vollbracht. Fünf Minuten später geht das Tor auf, und Hano kommt herausgebraust.

Im letzten Abendlicht fahren wir zur Little Louisa, und als ich mit dem Mietwagen hinter Hano dahinschwebe, beschleicht mich wieder dieselbe prickelnde Aufgeregtheit, die ich schon beim Hinterherfahren mit Wohni nach Bremerhaven verspürt hatte. Ob nur ich die Rückansicht des Hano so betörend finde, oder ob auch andere Autofahrer ins Träumen geraten, wenn sie hinter Hano herfahren?

Auf jeden Fall sprechen wir an dem Abend dem südafrikanischen Rotwein zu und lassen ihn mit einem Cognac vor dem Hano ausklingen.

Ankunft in Little Louisa – die ersten Tage 24. September 2021

Ankunft in Little Louisa – die ersten Tage 24. September 2021

Die Übernahme des Mietwagens am Flughafen ist etwas merkwürdig. Wir werden nach einer mehr schlecht als recht durchwachten Flugnacht mit einem Redeschwall überschüttet (sehr freundlich natürlich), bei Nachfragen wird der gesamte Redeschwall wiederholt, und dann drücken sie uns einen Schlüssel in die Hand und erklären uns, wo auf dem großen Parkplatz das Auto zu finden ist. Naja, ziehen wir also los. Das Gepäck passt wunderbar in den Kofferraum. Dann rätseln wir, wer wo einsteigen muss. In Ländern mit Linksverkehr ist das Steuerrad natürlich rechts. Lage von Gangschaltung und Blinkerhebel ist gespiegelt, die Abfolge der Gänge und Pedale parallel verschoben. Wie froh bin ich, dass Torsten angeboten hat, die erste Fahrt zu machen… Er hat eine ganz einfache Logik entwickelt, um sich hier zurecht zu finden: In einem Land, in dem die Sonne mittags im Norden steht und die zunehmende Mondsichel ein C bildet, ist natürlich auch im Auto alles anders herum…

Nachdem wir die Hebel enträtselt haben, versuchen wir das Navi in Betrieb zu nehmen. Es dauert 10 Minuten bis wir merken, dass das große Display nur ein Radio sowie Hunderte von Apps und Widgets beherbergt, aber kein Navi. Also gehe ich wieder zum Schalter und bekomme dort ein kleines Mäppchen mit einem Garmin. Dessen Display hat etwa 1/3 der Fläche des Radiodisplays, und wir finden keinen günstigeren Platz für das Navi als im Getränkedosenhalter. Dort liegt er gut, und der Fahrer muss nach unten schielen oder den Beifahrer befragen. Das fördert den Teamgeist.

Die Stadt gefällt uns – vor allem nachdem wir aus dem Zentrum draußen sind. Rechts und links der großen Ausfallstraße finden sich große Einkaufszentren (wir werden also nicht verhungern), dann wird es immer grüner. 24 km vom Flughafen entfernt – so richtig „auf dem Land“ liegt unsere Ferienwohnung „Little Louisa“.

Es ist Frühling, die Temperaturen sind ähnlich wie bei uns, ein perfekter Übergang ohne Temperaturschock. Allerdings merken wir an der hochstehenden und brennenden Sonne, dass wir uns auf 33° Süd (im Vergleich zu unserer tiefstehenden Sonne auf 49° Nord) befinden. Am zweiten Tag mit 30°C beschließen wir, uns kurze Hosen zu kaufen, da wir auf den Flug nur lange Hosen mitgenommen haben und die kurzen im Hano sind. Doch am nächsten Tag trübt es sich schon ein, und wir freuen uns über die langen Hosen. Die Temperaturen sind hier unstetig, es ist entweder zu heiß oder zu kühl. Ich hatte mich immer gewundert, dass Reisende uns von kalten Abenden im südlichen Afrika berichtet hatten – die Temperaturkurven im Internet sahen doch ähnlich aus wie bei uns. Aber wir merken schnell, dass die 15°C am Abend sich hier deutlich kälter anfühlen als bei uns, was möglicherweise der brennenden Sonne am Tag geschuldet ist.

Wir genießen den wunderbaren Garten – Lavendel, Margeriten – und viele Büsche, die wir nicht kennen. In den ersten Sonnentagen essen wir draußen, morgens müssen wir schon die Stühle auf die Wiese rücken, um die ersten wärmenden Sonnenstrahlen einzufangen, aber es ist herrlich, wenn um unser Frühstück herum die Vögel erwachen. Wir erkunden spazierenderweise die Strände in der Umgebung (einige hartgesottene Südafrikaner gehen sogar baden). Einige Strände sind abenteuerlich felsig, um die Ecke taucht dann eine riesige Düne auf, die fast so groß ist wie die Pyla-Düne in Frankreich, die wir so gern haben. Und wir spazieren im nahegelegenen Maitland Nature Reserve, jedesmal als Einzige Wanderer… Wie auch bei uns im Garten hört man viele vertraute und vor allem exotische Vogellaute. Doch das Federvieh ist scheu, nur selten bekommt man einen Vogel zu sehen. Die Tausendfüßler und Heuschrecken sind weit weniger scheu, viele Käfer in ungewohnten Formen und Farben krabbeln auf den farbenfrohen Blüten. Den ersten Vertreter der „Big Five“ haben wir auch schon gesehen: Einen Löwen – genauer einen Ameisenlöwen. Es sind keine super-prickelnden Natur-Highlights, aber schöne beschauliche Landschaften – genau das, was wir uns zum Atemholen bis zum Empfang des Hano erhofft hatten.

Flugvorbereitungen – wie mache ich 10.000 Dinge kleiner und leichter? – September 2021

Flugvorbereitungen – wie mache ich 10.000 Dinge kleiner und leichter? – September 2021

Tja, nun sind wir wieder zurück in Leopoldshafen und haben zwei Wochen Zeit. Da sollte noch viel Zeit für Muße übrig sein und für Reiseplanung – hatten wir uns mal wieder gedacht…

Da allerdings die Liste der Dinge, die nicht mit dem Hano aufs Schiff durften, die man aber auch nicht so leicht vor Ort nachkaufen kann, doch sehr lang war, füllen sich zu Hause die Kisten mit auf dem Schiff unerlaubten Flüssigkeiten, elektronischen Geräten wie beispielsweise Navi oder mp3-Player, Fotoapparaten, diesem und jenem. Und unser Mut sinkt, wie wir all das in 8 kg Handgepäck und ein aufgegebenes Gepäckstück pro Person bringen sollen.

Wir machen es kurz: Wir haben alles transportieren können. Das aufgegebene Gepäck war sogar 7 kg leichter als erlaubt, und das Handgepäck hat glücklicherweise niemand nachgewogen. Wir auch nicht, wir wollten es gar nicht wissen… Da sie aber bei den Sicherheitskontrollen sehr rabiat mit unseren Gepäckstücken und deren Inhalt umgegangen sind, sie haben sogar das Laptop außen zerkratzt, waren wir froh, dass wir alles so gründlich und sorgfältig gepackt und gepolstert hatten. Während bei Torstens Handgepäck mehrere elektronische Geräte dem üblichen Sprengstoff-Abstrich unterzogen werden, konzentrieren sie sich bei mir auf die Gürteltasche – da sind nämlich einige Ersatzschlüssel des Hano drin. Offensichtlich sehr verdächtig, wenn man einen Bund mit einer Vielzahl an Schlüsseln mit Herstellungsdatum zwischen 1967 und 2021 bei sich trägt.

Vor der Abfahrt hatten wir gemerkt, dass es bei uns so langsam Herbst wurde: Zuerst mussten wir bei Kerzenlicht auf der Loggia frühstücken, an den letzten beiden Tagen hatte es morgens um 6:00 Uhr unter 10°C, was uns dann dazu verleitet hat, drinnen zu frühstücken. Wie schön, dass wir bald in den Frühlig fliegen!

Ein schönes langes Mittagessen verbrachten wir noch zu Hause mit Peter im Andreasbräu. Er war schon öfters in Namibia gewesen (aber niemals im Etosha oder Sossusvlei – zu viele Touris…) und nennt uns einige Orte abseits der üblichen Routen, in denen es besondere Sände zu bestaunen gibt. Einige seiner Tipps decken sich mit denen von Rebecca, die uns im August besucht und ebenfalls von Namibia vorgeschwärmt hatte. Nur damit niemand denkt, wir hätten nur gepackt und gar keine sozialen Kontakte mehr gehabt – für ein wenig Information, Träumen und Planen hatten wir also doch noch gute Gelegenheiten gefunden. Wobei für uns immer der beste Plan ist, an jedem Morgen auf Neue unserer Nase und unserem Bauchgefühl zu folgen. Die Planung legt bei uns keine Routen fest, sondern Handlungsoptionen.

Verabschiedung von Hano in Bremerhaven – 30. August 2021

Verabschiedung von Hano in Bremerhaven – 30. August 2021

Zwei Tage Fahrt hatten wir für die 650 km nach Bremerhaven einkalkuliert. Hanomag trabt wohlgelaunt und leichtfüßig durch Schmodderwetter und Regen mit atemberaubenden 67 km/h über die deutschen Bundesautobahnen. Wir fahren mit zwei Fahrzeugen und kochen und schlafen im Wohni, da Hano schon abgabefertig gepackt ist. Das Wohni verbraucht bei dieser Fahrt übrigens knapp 2/3 der üblichen Treibstoffmenge. Das wäre doch eine effektive Sofortmaßnahme zum Sprit sparen: Tempo 70 auf allen deutschen Bundesautobahnen! Wir kommen sonntags in Bremerhaven an und suchen eine Waschanlage, um Hano von dem Straßenstaub zu befreien. Fehlanzeige – sonntags haben die Waschanlagen hier zwar offen, aber kein Wasser! Durch die frische Farbschicht ist der Dreck glücklicherweise überschaubar und leicht mit Wasser aus dem Wohni abzuwaschen. Die händische Flaschenwäsche tut Hano sowieso besser als der Hochdruckreiniger… Montags (30.8.) kommt dann der große Tag – Survey (= Inspektion, ob wir alle Vorgaben bezüglich des Fahrzeuginhalts eingehalten haben) und Abgabe des Hano im Hafenterminal. Wir sind überpünktlich da, Hano blitzt und blinkt in der Morgensonne. Der Survey–Beamte ist sehr nett und sehr gründlich. Er schaut sich jedes Staufach an, lässt sich vom Fahrzeughalter eine kurze Beschreibung des Inhalts geben, und lässt sich die eine oder andere Kiste in den Staufächern ausführlicher zeigen. Z.B. den Werkzeugkoffer. Als Torsten ihn aufklappt, entdeckt der Beamte ein Feuerzeug. Das ist seit Jahrzehnten im Werkzeugkoffer, daher hatten wir es beim Ent–Packen völlig vergessen. Freundlich drückt er es Torsten in die Hand. Wir wussten ja, dass man keine Lebensmittel mitnehmen darf, daher hatten wir alle ausgeräumt und auch die Gewürzgläschen geleert. Den Salzvorrat hatten wir dringesessen – das ist ja weder pflanzlich noch tierisch. Aber es ist ein Lebensmittel – wir schütten es also in einen Beutel und stellen das leere Salzglas zurück. Mit allem Anderen ist der Beamte zufrieden – wir sind erleichtert. Allerdings sucht der Survey tatsächlich nur nach verbotenen Gegenständen, um die Sauberkeit kümmert er sich nicht. Die wird vor Auffahrt auf das Schiff kontrolliert (Schiffsbestimmungen) und dann nochmal im Zielhafen (Landesbestimmungen), d.h. es wird noch zwei weitere Hürden geben. Sei’s drum – wir fahren zum Container Terminal Wilhelm Kaisen – Eurogate. Wohni und ich müssen draußen warten, in diesen sensiblen Bereich darf nur Hano mit seinem Halter einfahren. Ein Gefühlmix aus Freude, Abenteuerlust, Hoffen und Bangen durchtobt mich, als Hano und Torsten durch die Eingangspforte des Terminals entschwinden. Für Torsten beginnt hier eine Odyssee, bis er Hano an genau derselben Stelle abstellen darf, an der er ihn im April 2018 abgeholt hat. Wir bleiben noch einen Tag in Bremerhaven, und beziehen dann Stellung auf einem Campingplatz in Butjadingen, von wo aus wir die Hafeneinfahrt beobachten können. Glücklicherweise haben wir die Räder dabei, wir machen einige schöne Radtouren und Spaziergänge in der Umgebung. So richtig will aber noch keine vollständige Entspannung aufkommen, da der Autofrachter noch vor Bremerhaven auf Reede liegt. Als er dann am Donnerstag abend gegen 22:00 Uhr einläuft, sind wir gerade beim Duschen, und sehen erst am nächsten Tag beim Schiffstracking, dass der Frachter schon wieder ausläuft. Wie wohl wird sich Hano in seinem Bauch fühlen?

Putzen – Packen – Planen – August 2021

Putzen – Packen – Planen – August 2021

Im September soll es nach Südafrika gehen: zuerst wird der Hano ab Bremerhaven verschifft, dann fliegen wir hinterher und treffen uns in Port Elizabeth (neuerdings Gqeberha) wieder.

Wir hatten ja gehofft, die freie Zeit bis zur Abfahrt des Hano mit Packen und Planen verbringen zu können – mit viel Muße und Einstimmung auf die kommenden Reise-Erlebnisse.

Und wir hatten gedacht, „wir haben ja schon einmal verschifft und wissen, worauf man achten muss“. Das wäre ja zu schön gewesen.

Unerwartet getroffen hat uns die Regelung, dass der Hano nicht nur so sauber sein muss, wie er es schon auf der Rückfahrt von Kolumbien war (also sehr sauber geputzt und kein Öl darf tropfen – das hatte er damals einwandfrei gemacht), sondern es dürfen keinerlei Erdreste mehr in irgendeinem Winkel der Rad- oder Staukästen sein, auch die Campingausrüstung im Innern des Hano wird auf Schmutz kontrolliert. Denn Südafrika hat sich vor einigen Jahren aus Europa die Maul- und Klauenseuche eingeschleppt und will das nicht wiederholen. Sehr verständlich, aber mit den verwinkelten Hano so sauber zu putzen ist eine wahre Herausforderung. Um es kurz zu machen: die ersten zweieinhalb Wochen unserer langen Auszeit haben wir ausschließlich mit Putzen verbracht. Abends haben wir dann den Dreck von uns herunter gekratzt, damit unser Bettchen uns zum Schlafen hineinlässt – das war eine etwas andere Art der Muße als wir uns erhofft hatten. Alles, was geputzt war, wurde sofort frisch gestrichen, damit wir den Staub und Dreck, der bei der Überführung nach Bremerhaven wieder auf den Hano fällt, vor der Abgabe leicht wieder abwaschen können. In den folgenden zwei Wochen fand sich dann nach und nach immer mehr Packen in unserem Tagesplan, wobei wir oft noch ungeputzte Eckchen fanden, und dann kamen wieder alle möglichen Geräte von der Draht- bis zur Zahnbürste zum Einsatz.

Auch einige andere Regelungen haben sich verschärft, so darf man beispielsweise keine Schmierstoffe mehr mitnehmen. Da wir kein modernes Auto haben, für das man weltweit mit der Schlüsselnummer das passende Ersatzteil oder das richtige Motoröl kaufen kann, sind die Recherchen angelaufen, welche in Südafrika erhältlichen Öle den deutschen Hanomag-Spezifikationen aus den 60‘er Jahren entsprechen. Und wo in Port Elizabeth man es denn käuflich erwerben kann. Hierbei war das Internet sehr hilfreich – aber eigentlich wollten wir ja mit dem voll analogen Hano losziehen, um diesen Computer-Quatsch mal hinter uns zu lassen…

Diesel-Ersatz-Kanister sowie Gasflaschen müssen nicht nur leer sein, sondern man muss sich das Leersein für je 70 € von einer zertifizierten Stelle bescheinigen lassen. Wir haben gar nicht erst begonnen, diese Regelung zu hinterfragen oder uns aufzuregen, sondern sofort einstimmig beschlossen, unseren Kanister und die Flaschen zu Hause zu lassen und in Port Elizabeth neu zu kaufen.

Da Hano immer vollständig ausgerüstet mit Werkzeug, Ersatzteilen und Betriebsstoffen ist, mussten wir ihn also gezielt Ent-Packen (und Kauf- und Packlisten für Port Elisabeth erstellen), um ihn tauglich für den Survey zu machen, der vor der Hafeneinfahrt in Bremerhaven die Einhaltung aller Vorgaben überprüft.

Kurzum: Bis wir losfahren mussten, um den Hano zur Verschiffung zu bringen, wurde hauptsächlich geputzt und ent-packt. Ein wenig Zeit haben wir doch mit Packen verbracht: Liebevoll und ausführlich haben wir Werkzeug und Ersatzteile für Hano gepackt, die Kiste für Bremsen-Ersatzteile hat Torsten sogar rosa gestrichen, damit sich die Ersatzteile darin wohlfühlen und nicht raus an die Bremsen wollen. Etwas schneller dann die wichtigen Utensilien für uns, wie Kompass, Brillen, Campingausrüstung für Trekkingtouren, usw. Unsere Kleidung haben wir mal wieder kurz vor der Abfahrt in 15 Minuten in den Kleiderschrank geworfen – wir wissen nicht mehr genau, was drin ist, aber Klamotten sind weltweit nachkaufbar, man muss Prioritäten setzen.

Hurra, hurra – Hano ist da! – 29. September 2021, Port Elizabeth, Little Louisa

Hurra, hurra – Hano ist da! – 29. September 2021, Port Elizabeth, Little Louisa

Hocherfreut, verwundert versus „das ist doch ganz normal, das muss einfach so sein“, erleichtert, erschöpft – viele Gedanken gehen uns durch den Kopf, viele Emotionen durchbrausen unser Herz, als Hano endlich vor unserem Feriendomizil „Little Louisa“ in einem wunderbar grünen und ruhigen Vorort von Port Elizabeth steht.

Wir wollten diese positive Nachricht unserem Blog voranstellen, bevor wir retrospektiv einige der Stationen auf dem abenteuerlichen Weg von Port Leopold nach Port Elizabeth beschreiben.

(Den neuen Namen „Gqeberha“ für Port Elizabeth kann vor Ort kaum jemand korrekt aussprechen. Von daher seht uns nach, wenn wir in diesem Blog die Namen verwenden, die wir von den Menschen um uns herum hören, und die auch bis heute noch auf den Straßenschildern stehen. Die Namensnennung in diesem Blog ist rein pragmatisch und alltagsorientiert und soll keinerlei politische Einstellung oder Ewiggestrigkeit zum Ausdruck bringen.)

Der Blog unserer Südamerikareise mit dem Hanomag A-L 28 endet hier.

Unsere aktuelle Islandreise werden wir nicht mehr in Blog-Form dokumentieren,

dafür lassen wir Bilder sprechen.

Unter der Rubrik „Galerie“ findet  mandie aktuellen Islandbilder unter

Galerie

  Island 2018

Die Reise lebt weiter: Fornax Boliviana MMXVIII

Die Reise lebt weiter: Fornax Boliviana MMXVIII

Die Reise lebt weiter: Fornax Boliviana MMXVIII

Schmuck, Kleidung und sonstige typische Reisemitbringsel haben wir kaum mitgebracht. Schon die Fragen an den ersten Grenzen, ob wir kunsthandwerkliche Gegenstände mit uns führen, machten uns klar, dass wir uns – wenn überhaupt – dann erst im letzten Land mit Reisesouvenirs eindecken. Aber eigentlich sind wir keine Souvenirjäger, und die merkwürdigen Bestimmungen für die Rückverschiffung (das Auto muss neu aussehen, blick-leer sein, und nur wenige Gegenstände durften überhaupt mitgeführt werden) bestärkten uns darin, uns bei den Souvenirs auf die Erinnerungen in unseren Herzen und einige Fotos zu beschränken.

Ein Mitbringsel ließen wir uns jedoch nicht nehmen: Seit Samaipata (beim Amboro-Nationalpark) ist eine bolivianische Gasflasche auf dem Dach des Hano mitgefahren. Auf einigen Fotos, z.B. im Salar Uyuni, kann man sie auf der linksseitigen Beplankung thronen sehen. Die Befestigung mit drei kleinen Holzlatten zur Begrenzung nach vorn und den Seiten sowie die abenteuerliche Verzurrung fiel in Südamerika gar nicht auf. Bei acht Grenzübergängen und unzähligen Polizeikontrollen hat niemals jemand ein Wort darüber verloren. In Peru füllten wir dann das letzte Gas in unsere deutschen Flaschen um, das bis zum Ende der Reise reichten sollte. Was sollten wir nun tun – die Flasche verschenken? Da die pazifischen Staaten in Südamerika das US-amerikanische Gasflaschensystem haben, hätte sie niemand bestimmungsgemäß nutzen können. Und zweckentfremden konnten wir sie schließlich auch selbst, denn die Reise hatte unser Improvisationstalent zur Höchstform auflaufen lassen! Außerdem war sie uns im Laufe der Reise ans Herz gewachsen, sie gehörte einfach zum Gesamtbild unseres Hano. Südamerikanischer kann man nichts auf dem Dach befestigen.

Also brachten wir sie mit nach Hause. Torsten hatte da schon so eine Idee, wie er die Gasflasche mit wenigen Kunstgriffen in einen Ofen verwandeln kann. Richtig vorstellen konnte ich es mir nicht, aber das Resultat ist großartig. Mit der einer Lochsäge wurde das Gasventil ausgeschnitten, nach unten eine Öffnung zum Entleeren der Asche geflext, nach vorn eine Öffnung zum Beladen mit Holz, durch die der zweiteilige Rost eingesetzt werden kann. Drei Füße einer ausgemusterten Blumenbank wurden unten angeschweißt, ein kurzer Flansch oben, auf den je nach Bedarf ein hitzebeständiges Rohr mit Regenschutz als Abzug oder eine Ceranplatte zum Kaffee Kochen aufgesetzt werden kann. Seit Mitte Mai leistet uns der „Fornax Boliviana 2018“ gute Dienste im Garten – und sobald wir ihn sehen, erinnern wir uns an die Odysee in den engen Einbahnstraßen von Copacabana, wo wir die Flasche getauscht haben, an Samaipata, wo wir die erste Gasflasche gekauft haben, und die Erinnerungen spinnen sich dann immer in eine andere Richtung fort. Mal winden sie sich ins Technische und wir erinnern uns an alle Schweißnähte, die dem Hano auf der Reise widerfahren sind. Mal driften sie ins Kulinarische, welche Leckereien wir mit dem Gas zubereitet haben. Es ist nie gewiss, wo die Gedanken enden, jedes Mal kommt ein anderer Aspekt zum Vorschein.

Wir können uns kein schöneres, nützlicheres und nachhaltigeres Mitbringsel vorstellen. Und wie die Gasflasche leben auch die Erlebnisse und Erinnerungen unserer Reise in veränderter Form in unserem Alltag weiter…

Reparaturen, Wartung, Technik

Reparaturen, Wartung, Technik

Reparaturen, Wartung, Technik

Einige Freunde hielten uns für verrückt und für überkandidelte Rückversicherer, weil wir soviel Werkzeug, Ersatzteile und Halbzeuge mitnahmen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass dies alles wichtig und richtig war, und dass wir keinesfalls zuviel des Guten getan hatten. Wenn eine Werkstatt im Spiel war, ist das im Folgenden mit # gekennzeichnet.

 

Wartungsarbeiten (tell a long story short…)

Der Hano wurde fünfmal abgeschmiert, bekam einen Hinterachsdifferenzialöl-, einen Verteilergetriebeöl- und zwei Motoröl-Wechsel; 13,25 Liter Motoröl wurden nachgefüllt. Das Ventilspiel haben wir zweimal eingestellt, einmal den Keilriemen gewechselt, dreimal den Kraftstofffilter, zweimal wurde der Ölbad-Luftfilter gereinigt. Unzählige Male wurden alle Schrauben und Muttern nachgezogen, der Reifendruck abgesenkt und wieder angehoben, sowie Schad- und Roststellen lackiert.

Die Reifendruckkontrolle übernahm für uns das TireMoni. Dreimal zeigte es uns einen langsamen aber stetigen Druckverlust an, sodass wir in Piura (Peru) und Natagaima (Kolumbien) die entsprechenden Schläuche flicken ließen @, bzw. Torsten in Hannover das Rad wechselte.

 

Schäden / Reparaturen

Bei einem Einbruch in den Hano wurde der Türgriff auf der Beifahrerseite verbogen und auf der Fahrerseite komplett abgerissen. Glücklicherweise hatten wir einen abschließbaren Griff als Ersatzteil dabei und konnten ihn ersetzen.

Zu Beginn der Reise waren mal wieder einige Trinkwasser-Schläuche undicht, was jedoch mit einem neuen Anschnitt und neuen Schellen behoben werden konnte. Den abschließbaren Deckel des Wassertanks haben wir in der 6. Nacht auf einem Campingplatz vergessen – und durch einen (nicht abschließbaren) Gummistopfen ersetzt.

Bei einigen Schlaglöchern auf den uruguayanischen Pisten hörten wir laute Schläge und mussten feststellen, dass das Lüfterrad des Motors sich nach und nach zersetzte. Die ersten beiden abgebrochenen Lüfterflügel wurden zunächst mit einer M10’er Gewindestange ausgewuchtet, doch das Lüfterrad zersetzte sich weiter, bis nur noch zwei halbe Flügel standen, die nicht mehr wirklich effektiv kühlten. Grund unbekannt. In Cascavel (Brasilien) bekamen wir zwei Ersatz-Lüfterräder aus Kunststoff, bei denen die Mimik zum Festschrauben passte, die Flügel jedoch etwas zu lang waren. Torsten hat das Lüfterrad mit einer kleinen Handsäge passend gemacht, gekürzt und Aussparungen für die Besfestingungsmutter der Lichtmaschine ausgesägt.

# In einer Werkstatt in Lindoeste (Brasilien) haben uns die beiden Lehrlinge Lucas und Douglas die tropfende Ölwanne mit Dirko eingerichtet.

Motoraufhängung zweimal repariert, Motorlager getauscht. Letztere waren die Ursache für den zerstörten Lüfter.

Kühler mehrfach gedichtet

Kühlerhalterung mehrfach repariert.

Gaszug gerissen – zunächst ersetzt, dann komplett überarbeitet

Stoßdämpfer nachgezogen und überarbeitet

Schließe der Motorhaube mehrfach repariert, dann ausgebaut und durch Gummihalterung ersetzt

Gummipuffer der Motorhaube ersetzt

abgerissene Kabelhalterung usw. Repariert

# Zwei Felgen haben Risse – In Puno (Peru) schweissen lassen

# Radnabe gebrochen – schweißen lassen und zeitgleich Ersatz aus Deutschland bestellt

Zur Diagnose zunächst Kegelrad des Hinterachsdifferenzials und Steckachse ausgebaut

# Keilriemen-Spannrolle gebrochen, schweißen lassen in der Tatacoa-Wüste

Motorhalterung gerissen am Faschingssonntag -> zunächst Schrauber-Lösung

# nach 2000 km schweißen lassen in Mata

Extras

Sichere Gasflaschenhalterung konstruiert

Zündschlüssel aus Boliviano nachgefertigt

Safeschlüssel aus 5 UYU Stück nachgefertigt

Erfahrungen mit der Höhe

Gasheizung s.o.

Wir:

schrittweise Höhenanpassung über mehr als eine Woche,

Eisentabletten zur Produktion roter Blutkörperchen,

tief durchatmen, sobald man sich bewegt.

Hano:

Anspringen: Bei -8 °C in 4200 m Höhe benötigt der Anlasse 20 Sekunden, um den Motor zu starten. Weißer Dieselnebel legt sich dann um das Fahrzeug.

Höchstgeschwindigkeit: Dünne Luft bedeutet Leistungsverlust. Höchstgeschwindigkeit über 4000m nur noch kanpp 60 km/h.

Ruß: Den vermeidet man, indem man nicht zu viel Gas gibt. Gezielte Rußwolken zum Angeben sind jederzeit möglich.

Motortemperatur: über 90°C, da die dünne, trockene Luft mit geringer Wärmekapazität kaum kühlt.

Steigungen: Wir waren (nicht immer) die Langsamsten.

Nachlese: Zahlen, Fakten, Infos

Nachlese: Zahlen, Fakten, Infos

Nachlese: Zahlen, Fakten, Infos

In den vorangegangenen Einträgen haben wir punktuell über faszinierende Landschaften und Lebensräume sowie beeindruckende Erlebnisse und Begegnungen berichtet. Die Erfahrungen eines halben Jahren kann man auch gar nicht vollumfänglich darstellen, aber wir hoffen, euch einige kleine Einblicke gewährt zu haben.

Jetzt im Nachgang habe ich ein paar Zahlen zusammengestellt, die uns selbst teilweise verblüfft haben, und euch vielleicht auch noch einen zusätzlichen Blickwinkel auf unsere Reise eröffnen oder einfach nur die eine oder andere Neugier stillen.

Wir waren insgesamt 219 Nächte unterwegs, davon 180 Nächte in Südamerika, davon wiederum 167 Nächte im Hanomag, 5 Nächte in Urwald-Lodges im Manu-Nationalpark, 2 Nächte im Schlafzimmer von Ulli und Hilda in Quito, 6 Nächte im Hostal in Cartagena. 3 Nächte hatten wir bei der Fahrt nach Antwerpen auf europäischen Campingplätzen zugebracht, 35 Nächte auf der Grande America mit der Überfahrt von Antwerpen nach Montevideo, und die unbequemste Nacht hatten wir beim Rückflug zwischen Miami und Lissabon – dafür aber ein leckeres Abendessen und unseren ersten vollmundigen Wein seit geraumer Zeit!

Uruguay ist ein cooles und sicheres Land. Wir fühlten uns in unsere frühe Kindheit zurückversetzt – Autos, Läden, Land und Leute atmen den Geist, der in Deutschland in den 70’ern herrschte. Wir haben siebenmal frei am Strand bzw. im Hinterland übernachtet, zweimal auf Campingplätzen.

In Brasilien waren die Menschen, denen wir tagsüber begegneten, äußerst nett und hilfsbereit. Dennoch hatten uns Freunde eingeschärft, niemals frei zu übernachten und nicht bei Dunkelheit zu fahren. Daran haben wir uns gehalten. 7 Übernachtungen auf Campingplätzen, 6 auf Trucker-Tankstellen, eine auf dem bewachten Parkplatz vor der Jesuitenmission São Miguel das Missões. Tankstellen-Übernachtung klang für mich, als ich das zum ersten Mal hörte sehr öd, nach Lärm, schweren Jungs, Dieselgeruch. Dem ist überhaupt nicht so. Ich war ganz begeistert von diesen Übernachtungen. Nicht aus Geiz, weil es kostenlos ist, sondern vielmehr wegen des ganz eigenen Charms. Diese Art zu Übernachten ist Road-Movie in Reinstform – hier verlässt man das Touristen-Dasein und wird ein Teil des Weges und des Landes. Trucker-Tankstellen, die zur Übernachtung einladen, haben wir in Brasilien, Argentinien, Ecuador und Kolumbien gefunden und genutzt. Diese Tankstellen haben einen großen Bereich abseits von der Straße, auf dem man sich für die Nacht hinstellen kann. In der Regel haben sie noch ein angegliedertes Restaurant und einen kleinen Laden. Meist nicht nur mit Toiletten, sondern auch mit Duschen. Tankstelle und Restaurant sind in der Regel rund um die Nacht geöffnet. Der kleine Hano fand immer einen Platz in dritter Reihe hinter den großen LKWs, sodass wir von Lichtern und Lärm der Straße gut abgeschottet waren. LKW-Fahrer haben einen harten Job, d.h. es gibt keine lauten Trinkgelage, sondern nette und besonnene Menschen trinken abends in aller Ruhe ein Bier und vespern etwas im Restaurant. Kurz nach Anbruch der Dunkelheit schlafen alle. Wenn uns morgens die ersten Sonnenstrahlen geweckt haben, ließen die ersten LKW-Fahrer bereits den Motor an, die übrigen waren bei der technischen Kontrolle: Reifendruck und Füllstände kontrollieren, Ladung sichern, usw. Ganz besonders ist mir die erste Tankstellen-Übernachtung in Erinnerung. Wir hatten die Grenze Uruguay – Brasilien überquert, was in Rivera nicht ganz trivial ist, da die Migración und Aduana beider Länder jeweils in völlig unterschiedlichen Stadtteilen liegen. Und nur bei der Ausreise von Uruguay waren Parkplätze vorgesehen, in Brasilien brauchten wir behördliche Unterstützung, um den Hano nicht mitten im Stau parken zu müssen. Als wir endlich die Grenze passierten, stand die Sonne schon sehr tief. Dennoch fuhren wir erstmal 70 km (mit dem Hano fast 90 Minuten), um eine ruhige Tankstelle zu finden. Die Sonne ist bereits untergegangen, der Himmel noch tief dunkelblau, überall brennen gelbe Lampen. Eine interessante Lichtstimmung. Wir setzen uns vor das Restaurant und trinken erstmal ein Bier zum Abschalten: „Eisenbahn“ und „“ heißen die Sorten. Zwei Meter vor uns befinden sich zwei Zapfsäulen, dazwischen steht der Wassereimer zum Scheibenwaschen. Ein Hund kommt vorbei, trinkt aus dem Eimer und trollt sich wieder. Dann kommt der Tankwart für die Nacht – es war gerade Wachwechsel. Er hat ein typisches Holzgestell mit Thermoskanne und Kalebasse bei sich, fast schon ein Wahrzeichen in Uruguay und Brasilien. Er setzt sich auf den Bordstein zwischen den Zapfsäulen und bereitet kunst- und liebevoll seinen Matetee zu, der ihn in den nächsten Stunden wachhalten wird. Was für ein Anblick, was für eine friedliche Ruhe! Mittlerweile ist der Himmel schon schwarz. Wir gehen in den Hano und kochen. Als wir fertig gegessen haben, bemerken wir, dass draußen ein rotes Blinklicht leuchtet – in Südamerika das Kennzeichen der Polizei! Wir spickeln an dem Verdunkelungsrollo vorbei nach draußen – was treibt die Polizei denn neben unserem Hano? Etwas ganz Niedliches: Die Beamten bringen einen davongelaufenen Esel und binden ihn auf dem einzigen größeren Grünstreifen an, 5 m vom Hano entfernt, damit er dort sicher die Nacht verbringen und mit dem Gras seinen gröbsten Hunger stillen kann. Diese Szenen haben sich fest in mein Gedächtnis eingegraben, und wann immer ich mich daran erinnere, stellt sich sofort die lässige brasilianische Stimmung ein.

Dann kommt Bolivien. 36 Nächte. Die Hälfte davon auf Campingplätzen, die andere Hälfte frei in der Natur. Wir haben uns in Bolivien immer sicher und von den Einwohnern wohl gelitten gefühlt. Einige der freien Stellplätze waren „so ein bisschen von der Straße weg“ und vorbeikommende Fußgänger haben uns freundlich zugewunken. Die spektakulärsten Übernachtungen waren die 6 Nächte auf dem Salar Uyuni und 4 Nächte auf der Lagunenroute. Da standen wir wirklich einsam – die nächsten beweglichen Geschöpfe waren die Sterne.

Argentinien. 6 Nächte auf Campingplätzen. Einmal Tankstelle. Neunmal frei in der Landschaft – und in was für Traumwelten!

Chile. 2 Nächte auf einem Campingplatz (weil wir die Mine bei Calama besichtigen wollten und dafür in der Stadt übernachten mussten), 5 Nächte frei. So unfreundlich wir die Chilenen auch fanden, wir haben uns beim Freistehen völlig sicher gefühlt.

Peru. Dank der gebrochenen Radnabe haben wir 54 Nächte in dem Land zugebracht, das wir nach Chile am wenigsten mochten, und in dem vom Freistehen dringend abgeraten wird… 41 Nächte auf Campingplätzen (wobei wir hier auch einige Restaurants, auf deren Parkplatz wir gegen einen Obulus sicher stehen durften, als Campingplatz bezeichnen). 12 Nächte auf Parkplätzen im Ort bzw. bei der Vicuña-Station. Eine Übernachtung bei einer bewachten Mautstelle.

Ecuador. Froh darüber, endlich aus dem kriminellen und vermüllten Nord-Peru heraus zu sein, wollen wir in der ersten Nacht frei übernachten, um das freundliche und sichere Ecuador zu feiern. Wir hatten gerade gegessen und geduscht und wollen uns zur Nacht betten, als die Policía Nacional an die Türe klopft und uns befragt, was wir hier wollen. Zuerst denken sie, wir seien Tagelöhner und suchten Arbeit. Das macht wohl der zünftige Hano-Look. Als mein schlechtes Spanisch sie überzeugt, dass wir Touristen aus Europa sind, die einfach keinen Campingplatz gefunden haben, raten sie uns an, zum nächsten Ort weiter zu fahren und dort an einer Tankstelle zu übernachten, was wir auch befolgen. 12 Nächte verbrachten wir insgesamt in Ecuador. Die erste wie bereits beschrieben an der Tankstelle, 8 auf Campingplätzen (bzw. bezahlten Parkplätzen), eine frei im Cotopaxi-Nationalpark, 2 Nächte im Haus von Ulli und Hilda. Ulli, unseren alten Studienfreund, hatten wir schon überzeugt, dass wir viel einfacher im Hano schlafen, weil dort jeder Handgriff sitzt, die Zahnbürste schon am Platz ist und wir auch mit geschlossenen Augen die drei Schritte von der Dusche bis zum Bett schaffen. Aber Hildas ecuadorianische Gastfreundschaft ließ sowas gar nicht zu: sie sind in ein kleines Bett umgezogen, um uns ihr luxuriöses Schlafzimmer zu überlassen. Anders als in europäischen Gästezimmern ist hier der Gast König! Das große Bett haben wir dann auch sehr genossen. Aber es war so ungewohnt, beim nächtlichen Umdrehen nicht an Torsten anzustoßen…

Kolumbien. 19 bezahlte Nächte auf teilweise ganz tollen Campingplätzen, teilweise einfachen Parkplätzen. 3 Tankstellen, 4 kostenlose Parkplätze von Sehenswürdigkeiten. Dann nach Abschied vom Hano 6 Nächte im Hostal in Cartagena.

Inklusive Ankunft in Montevideo und Abflug aus Kolumbien hatten wir 13 Grenzübergänge. Die Dauer für die Erledigung aller Formalitäten (Aus- und Einreise der Personen bei der Migración sowie Aus- und Einreise des Hanomag bei der Aduana) dauerte zwischen 90 Minuten und drei Stunden. Mit Ausnahme sämtlicher chilenischen Grenzbeamten und einer gelangweilten brasilianischen Migración-Tussi bei der Wiedereinreise nach Besichtigung der argentinischen Iguazú-Fälle waren alle Grenzbeamten nett, die meisten sogar sehr nett. Bei der ersten Ankunft in Brasilien begrüßte uns ein Herr Friedrich, deutschstämmig, sprach aber ebenso wenig Deutsch wie wir Brasilianisch. Dennoch führten wir unverdrossen ein sehr nettes Gespräch, während um uns herum Falschparker ihre Strafzettel bezahlten. Der junge Mann bei der Aduana in Peru war ganz stolz, als er „Rheinstahl-Hanomag“ als Automarke in seinen Computer eingegeben hatte, und dann ganz enttäuscht, als das Programm diesen Eintrag nicht akzeptierte und er ganz simpel „otro/other“ auswählen musste. Als er uns nach unserem Wohnort fragte, leuchteten seine Augen wieder auf: „Eggenstein-Leopoldshafen“ war genau die Herausforderung, nach der er gesucht hatte, und diesmal wurde seine Eingabe akzeptiert. Er konnte also allen Kollegen zeigen, welch komplizierten Ortsnamen er völlig korrekt eingetragen hatte! Und die Ähnlichkeit seiner weltgewandten Aussprache „Echens-tee-in Leopolds-affen“ mit dem deutschen Original konnten seine Kollegen ja nicht überprüfen, wer wäre denn auch so kleinlich, sie in Zweifel zu ziehen. Die Beamten in Ecuador machten ein paar Selfis vor dem Hano und dann noch gegenseitig ein paar Fotos, wie sie unsere Papiere vor dem Hano kontrollieren. Die eigentliche Kontrolle hatte natürlich im angrenzenden Büro stattgefunden, aber sie wollten diese Fotos der Zentrale in Quito schicken, weil die immer wissen wollen, wie so ein typischer Arbeitsablauf an den Grenzen aussieht.

Nun wurde aber genug geschlafen und gewartet – jetzt kommen die knackigen Zahlen des trabenden Hano!

In Südamerika haben wir an 107 Fahrtagen mehr als 17.000 km zurückgelegt, davon knapp 4.000 km auf Pisten, davon wiederum 220 km auf Salz. Dabei haben wir mehr als 210.000 Höhenmeter überwunden. 57 Nächte haben wir auf Höhen über 3.500 m.ü.N.N. verbracht, im Altiplano bzw. der Puna, einer Hochebene, die sich von Nordargentinien/-chile über Bolivien bis Cusco in Peru erstreckt. Eine grandiose Zeit, zumal hier auch emotional und landschaftlich die absoluten Höhepunkte der Reise lagen. Der höchste Halt war auf 5.033 m.ü.N.N., bei der bolivianischen Zollstation in Apacheta. An 12 Tagen haben wir über 4.500 m hohe Pässe überwunden.

Die höchstgelegene Übernachtung hatten wir später in Ecuador ander Flanke des Cotopaxi auf 4.590 m.

Am längsten Fahrtag ist der Hano 531 km gefahren, insgesamt sind wir an 9 Fahrtagen mehr als 300 km weit gefahren. Doch wir hatten auch sehr lange Fahrtage mit kurzen Strecken unter 100 km – einerseits durch Waschbrett-Pisten (in Bolivien und Nordargentinien) andererseits durch starke Steigungen und beständiges Rauf und Runter (Peru, Ecuador, Kolumbien). An diesen Tagen erreichten wir typischerweise Durchschnittsgeschwindigkeiten von 10…15 km/h! Da bewahrheitete sich der Spruch, der unsere Reise-Flaggen zierte: „50 años a paso de tortuga“…

Der Tag, an dem wir in Ecuador einreisten, war der Fahrtag mit den meisten Höhenmetern – 6.400 Meter ist der Hano auf einer Strecke von 264 km hinauf, hinab, hinauf, wieder hinab usw. geklettert. Und das war keineswegs auf kleinen abartigen Pisten, sondern brav auf der Panamericana! Insgesamt hatten wir mehr als zehn Fahrtage mit über 4.000 Höhenmetern.

Die klimatischen Verhältnisse variierten von -15°C und 20% relativer Feuchte auf 4.150 m.ü.N.N. (entsprechend einem Luftdruck von unter 0,6 bar) an der Laguna Ramaditas in Bolivien, bis zu Temperaturen von über 30°C nachts und über 36°C tagsüber bei 90% relativer Luftfeuchte im Pantanal in Brasilien sowie der karibischen Küste Kolumbiens.

Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

09.04. bis 16.04.2018

Darin, dass Cartagena die letzte Station in Südamerika sei, hatten wir uns gewaltig getäuscht.

Der Hano soll ja in Bremerhaven anlanden, in geordneten deutschen Verhältnissen, und mit deutscher Pünktlichkeit. Dachten wir. Vermutlich war es jedoch eine gütige Fügung des Schicksals, dass die Reise so südamerikanisch zu Ende ging – damit wir nicht im deutschen Alltagstrott gerinnen, sondern lebendig daran erinnert werden, unter welchen organisatorischen Randbedingungen wir das letzte halbe Jahr verbracht haben.

Eine Woche vor Ankunft des Schiffes erhalten wir eine Information der Rederei, dass der Hano in der folgenden Woche am Dienstag in Bremerhaven ankommt und zwischen Mittwoch und Freitag beim Zoll ausgelöst werden kann. Torsten bucht also eine Bahnfahrt für den Mittwoch, eine Hostal-Übernachtung im Hafen, und vereinbart einen Abholtermin für Donnerstag. Ein Tag Sicherheitspuffer sollte in Europa ja reichen.

Voller Vorfreude verfolgen wir täglich das Schiffstracking und vergleichen es mit den Wetterdaten auf dem Atlantik um nachzufühlen, wie stark der Hano durch Stürme geschaukelt, oder ob der Schiffsrumpf durch Sonne gewärmt wird. Am Sonntag stellen wir plötzlich fest, dass das Schiff in Antwerpen angelegt hat. Antwerpen war auf dem Fahrplan gar nicht vorgesehen gewesen. Naja, zum Glück hat Torsten ja einen Tag Puffer eingeplant, bis Donnerstag sollte der Hano längst ausgeladen sein. Sollte.

Ist er möglicherweise auch, aber an einen Zolltermin am Donnerstag ist trotzdem nicht zu denken, erfährt Torsten am Donnerstag früh. Im Laufe des Tages wird er einen Termin für Freitag erhalten. Also verlängert er das Zimmer um eine Nacht, und erschließt die hochspannende Metropole Bremerhaven touristisch. Auch dem Aldi stattet er einen Besuch ab, da er sein brandneues Handy mitgenommen hat, das noch keine SIM-Karte hat. Alditalk gibt es ja schließlich auch im Norden zu kaufen. Das stimmt zwar, aber irgendetwas funktioniert mit der Aktivierung nicht. Also ist er telefonisch nicht zu erreichen. Als er am späten Nachmittag zurück zum Hostal kommt und über WLAN seine mails abruft, sieht er eine Nachricht von der Reederei, dass er doch bitte bis 17:00 Uhr zurückrufen soll (wofür es zu spät ist), oder morgen ab 8:30 Uhr. Der Zoll hat ein Verfügungsverbot über unseren Hanomag ausgesprochen.

Wieso denn anrufen? Er checkt am Freitag morgen aus und spaziert mit dem Rucksack 2 km bis zum Büro der Reederei. Taxi ist doch was für Weicheier, auch wenn er keine Wanderschuhe dabei hat und der Rucksack recht schwer ist, da er noch einige Sachen für den Hano mitnehmen musste. Überpünktlich  kommt er um 8:15 bei der Reederei an. Dort erwartet ihn die fröhliche Nachricht, dass der Zolltermin (in der Fachsprache heißt das „Beschau“ – als sei der Hano ein Stück Fleisch…) erst am Montag möglich sei. Wie bitte? Torsten bittet die Dame mit Nachdruck, noch heute einen Termin möglich zu machen, deponiert dann seinen Rucksack bei der Reederei und spaziert zum Terminal, an dem der Zolltermin stattfinden soll – ohne Ergebnis. Gegen Mittag wird er nochmal bei der Reederei vorstellig und äußert seinen Unmut über die Verzögerung. Dabei fällt ihm auch auf, dass die Reederei einen Beschau-Termin ohne ihn ausmachen wollte. Das geht ja gar nicht, da nur er die Schlüssel für den Aufbau und die Staufächer hat. Auf dem Schiff befindet sich lediglich der Schlüssel für das Führerhaus. Also erbitten sie nun vom Zoll einen Termin im Beisein des Fahrzeughalters. Im Laufe des Tages erhält Torsten dann die Nachricht, die ihn endgültig noch ein Wochenende in Bremerhaven beschert: Der Zolltermin kann erst am Montag stattfinden, da das „notwendige Instrumentarium“ für die Beschau nicht bereitgestellt werden kann.

Also bucht er drei weitere Nächte für knapp 200 € im selben Hostal… Da er nur mit einer Nacht gerechnet hat, hat er auch nur eine frische Wäschegarnitur mitgenommen – im Hano wartete ja noch genügend Wäsche darauf, mal wieder gebraucht zu werden. Hätte ihn die Reederei rechtzeitig von der Verzögerung unterrichtet, hätte er ja das Zugticket verfallen lassen und für Sonntag ein neues buchen können, das wäre deutlich billiger gewesen. Aber dann hätte er ja nicht alle Museen von Bremerhaven kennen gelernt… Viele neue Anregungen gibt es im Schifffahrtsmuseum. Vielleicht kaufen wir uns irgendwann ein U-Boot aus dem letzten Krieg als Reisegefährt.

Von der Reederei kommt eine mail, dass die Beschau zwischen 7:45 und 8:30 stattfinden soll.

Am Montag um 7:30 Uhr ist Torsten folglich beim Zoll. Und sie haben auch gleich Zeit für ihn, sowie das „notwendige Instrumentarium“. Das schaut ihn mit neugierigen Augen an. Es handelt sich nämlich um die Drogenhündin, die am Freitag nachmittag keine Zeit hatte, da sie auf Schulung musste. Torsten bleibt die Spucke weg – er hatte hinter dem „notwendigen Instrumentarium“ vielmehr ein Röntgengerät o.ä. vermutet. Das Schnüffeln der Hündin geht auch ganz schnell. Er muss nicht einmal die Fächer öffnen, sie schnüffelt einfach nur an allen Schranktüren, hüpft auf allen Polstern herum, und das war’s. Die vier Zollbeamte, die für diese Beschau nötig sind, schauen freundlich und gelassen zu. Dafür hat Torsten fünf lange Tage und Nächte hier gewartet!

Die Heimreise verläuft gut, der Hano trabt fröhlich und genießt den glatten Fahrbahnbelag der deutschen Bundesautobahnen.

In Hannover, der Produktionsstätte des Hanomags, ist ein Zwischenstopp mit Foto geplant. Kurz vor Erreichen der Hanomagstraße fällt der Luftsdruck im Reifen links hinten rapide ab. Auf einem Friedhofparkplatz ist genug Ruhe für einen Radwechsel. Dann das geplante Foto: Auch in der Hanomagstraße ist die Welt verändert: Die Gebäude und Werkshallen stehen noch, allerdings sind sie neuen Zwecken zugeführt worden. Der Hanomagschriftzug ist halb verschwunden hinter neuen Gebäudekomplexen.

Weiter geht es in den Abendstunden auf der A7. In Göttingen besucht Torsten spontan eine Tante und übernachtet dort auf dem Reiterhof. Ein unverhoffter netter Abend lässt die Vergangenheit von Kindheit und Jugend lebendig werden.

Am Abend des 17. April kommen die beiden wohlbehalten in Leopoldshafen an. Nun endlich ist die große Reise zu Ende, die uns dreien so unvergessliche Erinnerungen beschert hat.

Ankunft zu Hause

Ankunft zu Hause

16.3.2018

Die Ankunft zu Hause verläuft erschreckend normal. Wir kommen am Freitag Mittag an. Hannes „Welcome home“-Schild mit bunten Luftballons lässt uns vermuten, dass wir länger weg waren. Aber als wir das Haus betreten und die Treppe in unsere Wohnung hinaufsteigen, fühlt es sich an, als kämen wir wie jeden Freitag von der Arbeit nach Hause. Alles ist so vertraut und unverändert, als ob wir am Morgen noch hier gefrühstückt hätten.

Zielsicher gehe ich zu Schränken und Schubladen, hole Geschirr und Besteck heraus, verstaue Jacken und Wäsche, als seien wir nie weg gewesen. Das erschreckt uns ziemlich – kann nach solch einer Reise alles einfach so normal weiter gehen? Haben wir uns denn gar nicht verändert? Die Fische brauchen einige Zeit zum Eingewöhnen, bis sie wieder aus der Hand fressen. Der zweite kleine Hinweis auf die lange Abwesenheit.

„Wartet ab, der Kulturschock kommt noch“ berichten uns fernreiseerfahrene Freunde und Kollegen.

Und es stimmt – es kommt unverhofft, in schwachen oder stärkeren Wellen. Die ersten fünf Tage stehe ich morgens auf und bereite wie immer das Frühstück schlafwandelnd vor – mit exakt denselben Handgriffen wie vor der Reise. Am sechsten Tag gehe ich in die Küche – und weiß gar nichts mehr. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Was wollte ich gerade machen? Nach einigen Minuten völliger Verwirrung fällt mir wenigstens wieder ein, dass ich Tee kochen wollte. Aber wo ist der Gasherd? Der Wasserkocher? Der Hochschrank mit unserem Campinggeschirr? Weshalb ist in diesen merkwürdigen Schränken nur Porzellan? Und an so ungewohnter Stelle? Nach der Tasse Tee bin ich wieder vollkommen im Lot. Weiter geht es im gewohnten Trott.

Wirklich? Nach und nach merken wir, dass doch einiges anders ist. Teilweise Kleinigkeiten, die jedoch manchmal einen spürbaren Unterschied machen. Unser Ärger über das nervtötende Kruschteln im Hanomag hat beispielsweise dazu geführt, dass viele Entscheidungen schneller getroffen werden. Was weder Platz noch Verwendung findet, wird weggeworfen oder verschenkt. Sollten wir es doch nochmal benötigen, müssen wir uns eben etwas anderes einfallen lassen oder es im schlimmsten Fall neu kaufen. Aber dass nutzlose Dinge jahrelang eine Schublade blockieren, weil man sie vielleicht irgendwann noch mal brauchen könnte, tolerieren wir nicht mehr. Und einiges Anderes hat sich geändert. Manches merklich, manches unmerklich.

Drei Wochen nach Rückkehr habe ich einen „Was mache ich denn hier in dieser Welt?’“ Tag. Aber der verfliegt schnell, am nächsten Tag freue ich mich wieder, in Deutschland und bei meiner Arbeit zu sein.

Möglicherweise kommt der tiefe Einbruch noch, meist so drei bis vier Monate nach der Rückkehr, haben uns Freunde berichtet. Warten wir‘s ab!

Vorerst warten wir voller Ungeduld auf den Hano – denn erst wenn er wieder bei uns ist, wird die Reise wirklich zu Ende sein! Wir sind ja nur der (unbedeutendere) Teil der gesamten Expedition – schließlich hat er den Großteil der Arbeit verrichtet: Er hat uns mehr als 17.000 km durch einen faszinierenden Kontinent geschaukelt, wobei er über 200.000 Höhenmeter überwinden musste! Er hat stundenlang geduldig stillgehalten, wenn Torsten wieder mal repariert hat. Er ist auch bei mehr als 5.000 m.ü.N.N. oder Temperaturen von -15°C wieder angesprungen – manchmal mit Leiern, Stottern und Rauchen, aber immer treu. Und hat nachts Wache gehalten und mit den Sternen geflüstert, während wir selig geschlafen und von neuen Abenteuern geträumt haben. Wir haben ihm viel zu verdanken.

Letzte Station in Südamerika: Cartagena

Letzte Station in Südamerika: Cartagena

9.-15.3. 2018

Am 9.3. geben wir den Hano im Hafen von Cartagena ab. Ein mulmiges Gefühl nach 6 Monaten engster räumlicher Verbundenheit. Wie wird es sein, in einem normalen Bett zu schlafen? Auswärts zu essen? Das Duschwasser nicht rationieren zu müssen – werden wir dem Wasser dieselbe hohe Bedeutung beimessen wie unterwegs, oder es einfach unachtsam laufen lassen, weil es ja plötzlich im Überfluss aus dem Hahn kommt, so wie Strom aus der Steckdose?

Über die Auflagen der Reederei, des Zolls und der Hafenbehörden, die Vorbereitung und Abgabe des Hano könnte man ein eigenes Buch schreiben. Möglicherweise folgt zu einem späteren Zeitpunkt ein rückblickender Blogeintrag.

Nach dem Abschied werden wir von unserem Hafenagenten zu unserem Hostal „La Magdalena“ gefahren. Ein hübsches kleines Hostal, keine zehn Gehminuten vom berühmten Uhrturm entfernt, hinter dem die eigentliche Altstadt Cartagenas beginnt.

Die Altstadt ist recht hübsch, aber im Grunde hat man nach einem Tag vielleicht nicht alles, aber genug gesehen. Enge Gässchen, hübsche alte Kolonialhäuser (na ja – was gut aussieht, sind moderne Betonbauten auf alt gemacht, und die Häuser, die tatsächlich schon 200 Jahre alt sind, wirkten meist eher baufällig als ansprechend…). Da wir oft gelesen haben, dass Cartagena eine der schönsten Städte in Südamerika sein soll, sind wir im Nachhinein nicht traurig, dass wir so wenige besichtigt haben. In den engen Gässchen der Altstadt heizen tagsüber die Autos. Nachts fahren hier Kutschen Besucher spazieren. Die Bürgersteige sind sehr schmal, und zur Hälfte oder ganz von Kunsthandwerk und dessen Verkäufern belegt. So muss man also Slalom laufen, aufpassen, dass man nicht überfahren wird, und jede Unterhaltung wird nach spätestens zwei Sätzen dadurch unterbrochen, dass einem jemand etwas verkaufen will, eine Mahlzeit anbieten will, … Einige Verkäufer bieten wohl tatsächlich original kolumbianische Handarbeit an. Bei anderen Ständen gleichen sich die Artikel so sehr, dass wir eher auf Massenproduktion aus China tippen. Als Laie ist es unmöglich, unter all dem Feilgebotenen das Echte vom Nachgemachten zu unterscheiden.

Wir müssen noch bis zur Drogenkontrolle des Hano im Hafen warten und können dann erst den Rückflug buchen. Die Drogenkontralle darf frühestens 24 Stunden vor Abfahrt des Schiffs mit Anwesenheitspflicht des Fahrzeughalters erfolgen. Also nehmen wir uns Zeit, einige Museen zu besuchen. Absolut spannend und lohnenswert war aus unserer Sicht das „Museo Naval del Caribe“, das parallel zur Geschichte der Schifffahrt und der Hafenanlagen die Geschichte der Stadt erzählt, welche wiederum in die europäische Geschichte eingebettet wird. Außerdem erfährt man viele Fakten und Anekdötchen über Angriffe auf die Stadt durch Freibeuter und Piraten – von Sir Francis Drake im Auftrag Elizabeths der I. bis hin zum Baron de Pointis im Auftrag Ludwigs des XIV wollten sich alle hier bereichern.

Im Goldmuseum kann man viele liebevoll arrangierte Exponate bewundern, die sorgfältig zu Epochen und Landstrichen zugeordnet sind, sodass wir viele Exponate den Stationen unserer Reise zuordnen können. Die Miniaturen aus San Agustín und Tierradentro erkennen wir auch ohne Begleittext wieder – die Figuren, die dort meterhoch in Stein gemeißelt waren, finden wir hier als kunstvoll in Gold getriebene Amulette wieder. Das ermöglicht uns einen schönen Rückblick auf unsere Zeit in Kolumbien, und die Stationen erstrahlen plötzlich in unserer Erinnerung in noch schönerem Glanz. Zudem gibt es drei kurze, sehr aufschlussreiche Lehrfilme über die alten Verfahren der Goldgewinnung und –verarbeitung. Endlich mal nicht stundenlanges Blabla, sondern hervorragend aufbereitete Informationen über das Wesentliche. Eine echte Wohltat. Wir waren zweimal dort!

Nur mäßig beeindruckend fanden wir hingegen das Castillo de San Felipe, immerhin die größte Festung in Südamerika. Auf massivem Fels wurde in mehreren Bauabschnitten ein verwirrendes System aus Mauern, Tunneln und Innenhöfen geschaffen, wodurch es uneinnehmbar wurde. Das ist schon nicht ganz unbeeindruckend. Allerdings wurde diese Festung zwischenzeitlich aufgegeben und als Baumaterial ausgeschlachtet. D.h. die Mauern, auf denen man heute wieder herumlaufen kann, sind nicht original, sondern wurden ab den 1930’er Jahren restauriert. Das erinnert uns irgendwie an die kolonialen Betonhäuser in der Altstadt… Uns kommt es vor, als würde man die Restauration nicht nur sehen, sondern auch fühlen – echte Ehrfurcht wie an anderen historischen Stellen stellt sich nicht ein.

Endlich lässt der Termin für die Drogenkontrolle dann ein Ende unseres Aufenthaltes absehen. Der gesamte Verschiffungsvorgang würde einen eigenen überlangen Blogeintrag beanspruchen, hier nur die komprimierte Version. Die Kontrolle verlief glücklicherweise weniger scharf als erwartet. Bisweilen kommt es vor, dass der Fahrzeughalter allein (denn nur der Halter darf zur Kontrolle in den Hafen!) den gesamten Fahrzeuginhalt ausräumen muss. Der Hano wurde zwar gründlich inspiziert, aber das komplette Ausräumen blieb Torsten zum Glück erspart. Die besonders gründliche Kontrolle begründet sich an der Abwesenheit des Drogenhundes wegen Unpässlichkeit. So wurde es im Protokoll des Zollbeamten vermerkt. Am Abend haben wir dann unseren Rückflug gebucht, und den guten Abschluss der Verladeformalitäten mit unserem Lieblingsbier „Club Colombia“ gefeiert und mit einem leckeren „Ron de Medellín“ ausklingen lassen.

Beim Rückflug gab es noch eine kleine Zitterpartie, es wäre ja zu langweilig gewesen und hätte den Charakter der Reise nicht getroffen, wenn alles reibungslos abgelaufen wäre. Wir hatten eine Code-Nummer für das Online-Tracking des Hano erhalten, die es uns ermöglichen sollte, seinen Aufenthaltsort jederzeit zu verfolgen. Das setzt natürlich voraus, dass alle Vorgänge ordnungsgemäß ins Tracking-System eingetragen werden. Als in Cartatgena das Boarding beginnt, ist das Schiff laut Homepage der Reederei bereits unterwegs Panama, der Hano steht aber laut Tracking noch im Hafen. Steht er dort tatsächlich noch oder ist er nur noch nicht eingebucht? Wir überlegen kurz, ob wir fliegen sollen – denn wenn der Hano tatsächlich nicht auf dem Schiff ist, wird Torsten nochmal beim Hafen vorsprechen müssen. Wir fliegen dann, mit nicht zu leugnender Anspannung. Als wir dann beim Umsteigen in Miami dann die Nachricht von unserem Agenten erhalten, dass der Hano verladen wurde und sanft auf den Wogen der Karibik schaukelt, fällt uns ein riesengroßer Stein vom Herzen. In Ermangelung einer Alternative begießen wir das fröhliche Ereignis mit dem schlechtesten und teuersten Bier aller Zeiten: einem amerikanischen Budweiser, das uns satte 9 US$ pro Pint kostet. Dadurch wird es uns aber lange in Erinnerung bleiben – und wir wertschätzen rückwirkend noch mal die Qualität der Biere in Südamerika.

Karibik

Karibik

27.2.-5.3.2018

Wir eilen in zweieinhalb Fahrtagen von dem Kaffeeanbaugebiet bei Salento nach Norden. Bergauf, bergab keucht der Hano ins Tal des Rio Magdalena, dann sind wir in der Ebene angekommen und der Hano galoppiert wie eine Gazelle nach Norden in Richtung Karibik-Küste. Während wir im Süden des Landes noch viele kleine Häuschen und Höfe mit kleinen, aber feinen abwechslungsreichen Plantagen gesehen haben, bekommen wir entlang der Ruta 45 nördlich von La Dorada einen ziemlichen Schock: Wie wir schon vermutet hatten, ist der ursprüngliche Tropenwald seit Jahrzehnten abgeholzt, stattdessen reiht sich etwa 1000 km lang Großplantage an Großplantage – selbstredend afrikanische Ölpalmen, keine einheimischen. Im Norden dann zur Abwechslung auch mal Bananen, die Fruchtstände sorgfältig unter Plastikfolie geschützt. Und der Müll in der Landschaft nimmt zu, um an der touristisch überlaufenen Karibik-Küste sein Maximum zu erreichen.

An der Küste erreichen wir Santa Marta, eine der ältesten Städte Kolumbiens, mit einigen angrenzenden Nationalparks. Zunächst fahren wir in das kleine Bergdorf Minca, von wo aus man gut wandern und den Nationalpark Sierra Nevada besuchen kann, der sehr schön sein soll. Für Backpacker wohl genial, es gibt viele nette kleine Fincas zum Übernachten. Der Ort ist aber nicht auf Camper eingestellt. Die Zufahrten zu den Fincas haben niedrige Tore, sodass als einzige Übernachtungsmöglichkeit drei kleine Parkplätze direkt an der Straße bleiben. Nicht dass die Straße stark befahren wäre – aber es flanieren Heerscharen von Spaziergängern auf dieser kleinen Straße, und wir sind es so langsam leid, dass jeder unseren Hano bewundert und das Gespräch mit uns sucht. Also lassen wir die Berge Berge sein und fahren wieder Richtung Strand nach Taganga. Laut Beschreibung im Internet ein romantischer kleiner Fischerort mit dem Charme eines verschlafenen Seeräubernests, klingt ja spannend. Die Realität ist dann etwas ernüchternd – in Strandnähe wird man unentwegt angequatscht, ob man nicht hier oder dort essen oder einen Café trinken will, ob man nicht eine Bootsausfahrt zu den einsamen Stränden im angrenzenden Tayrona-Nationalpark machen will, usw. Wir hätten lieber dem Rauschen des Meeres und des Windes zugehört, aber als Gringo ist man hier Freiwild für die Marktschreier… Immerhin finden wir eine sehr ansprechende Tauchbasis und wollen ein paar Tauchgänge machen. Doch wir haben Pech, die See ist gerade aufgewühlt mit geringen Sichtweiten. Wir freuen uns über die Ehrlichkeit des Basisbesitzers und beschließen, für ein paar Tage weiter nach Osten zu fahren, und dann nach Abflauen der starken Winde zum Tauchen zurück zu kommen. Am anderen Ende des Tayrona Nationalparks finden wir dann auf einem Campingplatz mit dem klangvollen Namen „Los Angeles“ die ersehnte Ruhe und Naturnähe und verbringen drei entspannte Tage. Den Stellplatz des Hano mit Meeresblick suchen wir sorgfältig zwischen den Kokospalmen aus – es ist gar nicht so einfach, einen Platz zu finden, an dem man ausreichend kühlenden Baumschatten hat, aber nicht durch herabfallende Kokosnüsse gefährdet ist. Mehrmals täglich lösen sich Früchte und stürzen unter respekteinflößendem Gepolter auf den Boden. Nicht auszudenken, was passiert, wenn einem solch eine beschleunigte Nuss auf den Kopf fällt! Was für viele der Inbegriff der Romantik ist, wird hier zur handfesten Bedrohung!

Ein paar schräge Gesellen gibt es auf diesem Platz auch, aber so wenige, dass sie eher eine willkommene Abwechslung sind. Am ersten Nachmittag kommt ein Kolumbianer und referiert über Gott, den Teufel und den Tod. Natürlich auf Spanisch, daher habe ich von seiner Ansprache kaum mehr als diese drei Schlagworte verstanden. Dann klettert er mit nackten Füßen auf eine Kokospalme, hackt eine trinkreife Frucht los, wieselt wieder hinab und überreicht sie uns. Wir sind verdutzt, und noch ehe ich ein paar Pesos aus meiner Tasche kramen kann, ist er schon verschwunden. Er wollte uns offensichtlich wirklich nur selbstlos missionieren und beschenken. Netter Kerl, und schade, dass unser Spanisch nicht ausreichte, um seine Botschaften zu verstehen! Torsten freut sich über die neuerliche Aufgabe für unsere Machete. Schon auf der 2 km langen Zufahrt zu diesem Campingplatz hat sie den Weg für den Hano frei gehauen. Mit ein paar gekonnten Schlägen öffnet Torsten die Nuss und wir trinken den leckeren Saft. Die nächste kuriose Gestalt: An allen drei Morgen kommt ein Frühstücks-Verkäufer über den Platz. Jedesmal kommt er erst dann, wenn sich unser Frühstück schon zu Ende neigt, die Teller und Tassen aber noch halb gefüllt sind. Er bietet uns etwas zu Essen und heiße Getränke an und zeigt sich ganz verdutzt, dass wir ablehnen. Bewundernswerte Beharrlichkeit!

Wir genießen das warme Wetter, den Wind und die Strandspaziergänge. Aber wie schon in vorangegangenen Tauchurlauben merken wir, dass die Karibik über Wasser nicht unsere Welt ist. Schön, beschaulich, aber nicht wirklich mitreißend. Nach drei Tagen sind wir mehr als „satt“. Zudem ist der Norden Kolumbiens vollkommen vom US-amerikanischen Tourismus überformt. Daher sind wir auch nicht allzu böse, als wir erfahren, dass unser Schiff gestrichen wurde, und wir nun die Möglichkeit haben, eine Woche früher oder vier Wochen später nach Hause zu fahren. Wir entscheiden uns für eine Woche früher – zwar bleibt uns dadurch leider keine Zeit mehr, um Tauchen zu gehen, aber irgendwie wissen wir nicht, was wir hier noch vier Wochen lang machen sollten. Schade, dass der Altiplano so weit weg ist – in den hochgelegenen Wüsten zwischen Bolivien und Nordargentinien wären wir sofort noch mal vier Wochen auf Tour gegangen!

 

Eingeseift in der Wüste

Eingeseift in der Wüste

  1. Februar 2018

 

Wir sind zwar keine Geologen, aber unter einer Wüste haben wir uns eine trockene Landschaft mit sehr wenig Fauna und Flora vorgestellt. Als wir von Villavieja in die Tatacoa-Wüste abbiegen, staunen wir nicht schlecht: Entlang der immer abenteuerlicher werdenden Piste wechseln sich Kuh- und Schafweiden ab. Apart mit Stacheldraht eingezäunt. Gräser und Büsche zieren diese Weiden. Wir Geologie-Banausen hätten diese Landschaft als Steppe eingestuft. Etwa jeden Kilometer trifft man auf ein Restaurant / Hospedaje mit Campingmöglichkeit und Pool. Nach 6 km kommt der erste „Wüsten“-Abschnitt: rote Felsen, die mit meterhohen Kakteen bewachsen sind. Bei einem Restaurant kann man parken und einen 2…6 km langen Rundweg durch diesen kleinen Wüstenabschnitt spazieren. Sehr beschaulich, aber es prickelt uns nicht wirklich, zumal heute Sonntag ist und somit sehr viele Besucher hier sind. Wir beschließen weiter zu fahren, uns einen ruhigen Platz für die Nacht zu suchen und ggf. morgen vor Sonnenaufgang wiederzukommen.

Also wer weite leere Wüstenlandschaften mit unendlich scheinender Freiheit sucht, fahre besser nach Südwest-Bolivien oder Nordwest-Argentinien. Wer einfach eine farbliche Abwechslung zu dieser üppigen grünen Landschaft sucht, ist hier genau richtig.

Wir fahren weiter, bis ans Ende der in GoogleMaps verzeichneten Piste. 7 km entfernt soll es im Niemansland einen Campingplatz geben. Frei stehen ist nicht möglich, da das gesamte Gebiet eingezäunt ist. Die Piste wird schmaler und huppeliger und führt nicht gerade in Richtung des Campingplatzes. Wir fahren sie dennoch weiter. Nach 5 km kommt tatsächlich ein Wegweiser Valle de Constellaciones, 11 km. Juhu! Wir folgen dieser Piste und finden den völlig abgeschiedenen Campingplatz. Auch er hat einen Pool, einige kleine hübsche Hütten sind zu vermieten. Von den Toiletten aus hat man einen weiten Panoramablick über die Steppe/Wüste, anstatt Türen gibt es Vorhänge, die man zuziehen könnte, aber weshalb denn, wir sind ja die Einzigen hier.

Als wir abends draußen kochen und bei Einbruch der Dämmerung die Türe kurz offen stehen lassen, hält eine geballte Biodiversität Einzug in den Hano: Falter in verschiedensten Größen und Formen. Und dann beginnt es zu regnen, die ganze Nacht hindurch. Keine idiotensichere Wüste -wir schaffen es mal wieder, auch hier schlechtes Wetter zu erwischen.

Am nächsten Morgen frage ich den Campingplatzwart, ob wir zurückfahren müssen, oder der Piste weiter folgen können. Die Piste gehe weiter, bestätigt er, beide Wege seien etwa gleich weit. Wir überlegen noch kurz, ob wir warten sollen, bis die Wege trocken sind. Allerdings sieht es nach weiterem Regen aus, nicht nach Trockenwetter, also fahren wir den unbekannten Pistenabschnitt weiter. Uns erwarten 25 km Matsch-Abenteuer. Da der Hano keine Differenzialsperre hat, und die Wege teilweise nur einseitig im Matsch liegen, während auf der anderen Seite fester Untergrund ist, kommen mal wieder besondere Maßnahmen zum Einsatz: Wo überhängende Bäume (wohlgemerkt in der Wüste!) uns in den Matsch zwingen wollen, haut die Machete uns den Weg frei. Wo zu starke Steigungen oder einseitiger Matsch unumgänglich sind, verfüllt der Spaten den Matsch so lange mit Steinen, bis der Hano gazellengleich darüberschweben kann. Wo ausnahmsweise keine Weide die Piste zäunt, bahnt sich der Hano seinen Weg über felsigen / sandigen Untergrund rechts und links der Piste.

Ein spannendes Abenteuer, doch wer hätte gedacht, dass wir unsere erste Schlammfahrt auf dieser Reise ausgerechnet in der Tatacoa-Wüste haben würden?

Die beschaulichen roten Felsen mit den grünen Kakteen-Farbtupfern haben wir nicht mehr besucht. Sie dürfen andere Besucher erfreuen, oder uns auf einer nächsten Reise… Dennoch ein toller Abstecher, den wir nicht missen möchten!

Alte Kulturen in Kolumbien

Alte Kulturen in Kolumbien

15.-17. Februar 2018

Die vorkolumbianischen Kulturen in Südamerika haben uns bisher nicht vom Hocker gerissen. Runde und eckige Grundmauern kennen wir aus Europa, irgendwie folgen menschliche Behausungen doch weltweit sehr ähnlichen Mustern. Auch die Tonscherben sehen sich überall auf der Welt irgendwie sehr ähnlich. Angenehm überrascht waren wir, als wir in Bolivien in einem abgelegenen Seitental, in dem wir eine Übernachtungsmöglichkeit suchten, auf Grabtürme aus Adobe stießen. Sie leuchteten rot in der Abendsonne, und da es nur etwa 10 Türme waren, fernab jeglicher Touristenrouten, waren außer uns dort nur einige Lamas. Ein herrlicher und ergreifender Anblick.

Die Festung Sayhuaman in Cusco, Peru, hatte uns mit ihren Mauern aus fugenlos ineinandergefügten riesigen Steinblöcken fasziniert.

Das waren bisher die Höhepunkte für uns gewesen, und wir waren nicht sicher, ob wir wirklich die Umwege über unerquickliche Pisten für die archäologischen Stätten in Süd-Kolumbien fahren sollten. Wie gut, dass wir die Huckelei auf uns genommen (und dem Hano zugemutet) haben!

Zuerst kommen wir nach Alto de los Idolos. Hier gibt es alte Gräber (1…1500 nach Christus), die an die Allees Couvertes in der Bretagne erinnern. Allerdings haben all diese Gräber einen Wächter aus Stein: in der Regel Steinplatten (wenige sind als Relief ausgearbeitet), in die (menschliche?) Figuren mit übergroßen und überbreiten Gesichtern eingemeißelt sind. Beeindruckende Wächter -mich hätten sie auf jeden Fall am Weitergehen gehindert. Das Faszinierendste an los Idolos ist, dass die Gräber mit Wächtern erhalten (bzw. wieder aufgestellt) sind. Außerdem sind wir allein und genießen die Ruhe an diesem andächtigen Ort.

Einen Tag später besichtigen wir die bekanntere und gut besuchte (wenn auch nicht überlaufene) archäologische Stätte in San Agustin. Hier stehen über 100 Grabwächter, jedoch ohne Gräber. Die Einbettung der Figuren in die Ruhestätten der Ahnen spürt man hier nicht so gut, wie in los Idolos. Eindrucksvoll ist die Vielfalt an Figuren, die Unterschiede in den Handhaltungen und in der Ausgestaltung der Gesichter: runde Augen, halbrunde, eckige, Schlitze. Fast alle Gesichter fletschen die Zähne und haben übergroße Eckzähne.

Frühere und ganz anders angelegte Grabstätten finden sich in Tierradentro. Laut Luftlinie ganz in der Nähe, jedoch muss man 200 km abenteuerliche Straßen und Pisten fahren, um hierher zu gelangen. Hier befinden sich einzigartige Grabhöhlen. Einige sind ausgegraben, viele weitere werden noch auf den umliegenden Feldern unter dem fruchtbaren Ackerboden vermutet. Man steigt über die originalen rundgewaschenen überhohen Stufen hinab in die Gräber. Noch ziert kein Geländer diese Zugänge, man muss schon etwas Geschicklichkeit walten lassen, um hinunter und wieder hinauf zu kommen. Allerdings wurden Lampen mit Bewegungsmeldern installiert, sodass man unten mit schwacher Beleuchtung die Verzierungen an den Wänden der Gräber erkennen kann. Jedes Grab hat einen zentralen Innenraum, umgeben von 7 Nischen, in denen teilweise Urnen gefunden wurden. Teilweise verfügen die Innenräume noch über Säulen. An den Säulen sind Ornamente oder Köpfe eingemeißelt, viele Wände der Nischen sind mit einfachen regelmäßigen Mustern verziert, in blauer und roter Farbe. Sehr beeindruckende Stätten!

Diese Gräber liegen in einem sehr fruchtbaren Gebiet, wir sehen rundum Kaffeeplantagen und Bananenstauden. Als wir ein paar vergessenen Kaffeekirschen öffnen und uns fröhliche Würmer entgegenschauen, wissen wir, dass der Kaffee hier echt bio ist. Und nachdem uns ein Architekt, der eine nahegelegene Kirche restauriert und glücklicherweise gut englisch spricht, bestätigt, dass der beste Kaffee Kolumbiens von hier stammt, und nicht aus dem berühmten Kaffegebiet um Manizales, ist klar, dass wir am Abend einen Einkaufsbummel in den Ort machen, um getrocknete, aber ungeröstete Kaffeesamen zu erstehen. Seit dem Kakaorösten hat sich unsere Technologie schon weiter entwickelt: Geröstet wird im heißen Luftstrom im Nudelsieb. Klein gepulvert wird beim ersten Versuch im Mörser, beim zweiten dann etwas feiner in der Pfeffermühle. Die Ergebnisse sind schon sehr lecker, ein superfeines Aroma. Nichtsdestotrotz werden wir bei weiteren Ansätzen das Verfahren weiter entwickeln. Es erfreut uns immer wieder, wenn wir an einem Ort nicht nur das finden, was uns die Karte, der Reiseführer, oder ein Tipp anderer Reisender versprochen haben, sondern wenn sich zu diesen großen Höhepunkten noch eine weitere unverhoffte kleine Entdeckung gesellt!

Festgefahren

Festgefahren

  1. Februar 2018

 

Andere Reisende können von spektakulären Situationen berichten, in denen sich ihre Gefährte so in den Untergrund eingewühlt hatten, dass sie nur mit fremder Hilfe wieder herauskamen. Wir haben von Reisebekannten faszinierende Fotos gesehen, wie ihr Gefährt im Salar Uyuni eingebrochen ist, und in vier Tagen von einer Kompanie Soldaten wieder ausgebuddelt werden musste. Was für ein Abenteuer!

Wir selbst sind durch viele sandige Untergründe gefahren in abgelegenen Wüsten und grandiosen Landschaften. Niemals hat sich der Hano festgewühlt. Bis heute. Und wie banal!

Wir fahren gerade vom Dschungel zurück Richtung Zivilisation auf einer relativ guten Betonstraße und sehen den ersten Handymasten. Wir beschließen, bei nächster Gelegenheit zu halten, und diese kommt schon nach 500 m in Form eines Feldweges. Weil Torsten so rücksichtsvoll ist, bleibt er nicht mitten auf dem Weg stehen, sondern rangiert neben den Weg ins Gras. Plötzlich gibt es einen starken Schaukler, und der Hano steht schräg. Was ist passiert? Das linke Hinterrad ist eingesunken, und der Hano sitzt auf zwei Staukisten auf – der hintersten linken sowie der hinteren.    Was man wegen des üppigen Grases nicht sehen konnte: hier läuft der Ablauf einer Kuhweide entlang: frisches Bergwasser – vermischt mit Gülle…

Danach erleben wir mal wieder absolute ecuadorianische Hilfsbereitschaft: Während Torsten zu schaufeln beginnt, gehe ich zum nächstgelegenen Hof, der glücklicherweise keinen Kilometer weit entfernt liegt. Zunächst sehe ich niemanden, die Hunde begrüßen mich Gott sei Dank mit freundlichem Schwanzwedeln, ohne Kläffen oder Hochspringen, und nach einigen Rufen kommt ein Mann mit Machete aus dem Unterholz. Ich erkläre ihm die Situation und er ruft einen Freund mit Traktor im nächsten Ort an. Er kommt aber erst noch einmal mit, um sich die Situation genau anzusehen und seinem Freund dann zu sagen, welchen Traktor er nehmen sollte. Während wir gemeinsam zum festgefahrenen Hano marschieren, sehen wir, wie ein LKW am Hano vorbeifährt, bremst, den Warnblinker setzt und dann rückwärts zurück in den Feldweg fährt. Die Fahrer haben an der starken Verschränkung der Achsen erkannt, dass der Hano festsitzt, und haben angehalten um zu helfen! Torsten schaufelt noch immer an der straßenabgewandten Seite und traut seinen Augen kaum, dass quasi zeitgleich von zwei Seiten Hilfe kommt.

Der LKW ist kaum größer als der Hano, dennoch schaffen sie es beim zweiten Anlauf, ihn aus der Gülle zu befreien. Sie machen vorher und nachher einige Fotos vom Hano und haben sichtbare Freude daran, uns zu helfen. Ein kleines Trinkgeld für einen Café lehnen sie strikt ab. Und der Mann von dem Hof, den wir mit dem Hano zurückfahren, bedankt sich tausendmal bei uns, das er im Hano mitfahren durfte.

Am nächsten Fluss halten wir an, spülen die beiden Staukästen und das Rad ab, und richten die Staukästen wieder – weiter geht’s! Nur die Lust auf Internet ist uns vergangen (der Handymast ist mittlerweile auch schon arg weit weg), weshalb diese Blogeinträge dann eben mal wieder warten müssen.

P.S. Diese Hilfsbereitschaft können wir gleich am nächsten Tag erwidern: Als wir mit rasanten 15 km/h eine lange Steigung hinauffahren, sehen wir ein Auto am Straßenrand stehen, aus dessen Motorhaube dichte Dampfschwaden herausziehen. Wir halten an, ich bleibe beim Hano und Torsten geht zu dem dampfenden Fahrzeug. Fahrer und Familie stehen ganz paralysiert neben dem Auto. Torsten öffnet die Motorhaube, sieht, dass das Kühlwasser übergekocht ist (übrigens auch ein Chevrolet, wie in Argentinien am Pass Abra el Acay…), holt unseren 10 Liter Faltkanister und füllt 5 Liter Wasser nach, mit dem Hinweis, bei nächster Gelegenheit Kühlerfrostschutz nachzufüllen. Die Familie ist immer noch schreckensstarr und dankbar, dass alles gerichtet ist.

Gegenüber liegt auch ein PKW, an dem zwei Männer reparieren. Als diese Gruppe junger Leute den Wasserbeutel sieht, schicken Sie das hübscheste Mädel rüber um Torsten um etwas Wasser zu bitten, damit sich die beiden Jungs die Hände waschen können. Die Reparatur haben sie schon hinbekommen, sind aber bis über die Ellenbogen hinauf schwarz.

So wäscht im wahrsten Sinne des Wortes eine Hand die andere!

Kakao rösten im Dschungel

Kakao rösten im Dschungel

7.-8. Februar 2018

 

Uns zieht es wieder in den Dschungel, um diese faszinierende Landschaft noch einmal auf eigene Faust zu erleben. Klar, dass wir dann – anders als bei der Manu-Tour – nur in die Kulturzone vordringen können, aber mehr ist für Anfänger wie uns ja auch nicht empfehlenswert.

Eigentlich wollten wir von Quito aus in den ecuadorianischen Dschungel fahren, und von dort nach Kolumbien weiterfahren. Als wir das unseren Freunden in Quito erzählen, werden sie bleich und raten uns heftig ab. Die kolumbianische Guerilla ist seit einigen Wochen wieder sehr aktiv im Süden des Landes, und kommt bisweilen auch über die Grenze. Vor einigen Wochen haben sie nachts im ecuadorianischen San Lorenzo eine Polizeistation samt wachhabenden Beamten in die Luft gesprengt. Nur die Panamericana sei im Grenzgebiet polizeilich hinreichend gesichert, die Küste sowie den Dschungel im Grenzgebiet sollten wir meiden. Das überzeugt uns. Was nun?

Wir beschliessen also, in Ecuador nochmals zurück nach Süden in den Dschungel zu fahren, dort kommt man bei Misahualli an den Rio Napo, der wie der Rio Manu ein direkter Zufluss des Amazonas ist. Ullrich vermittelt uns den Freund eines ehemaligen Studenten, bei dem wir im Hof wohnen können, und der dort eine Ausbildung zum Tourguide macht. So ganz auf eigene Faust ist dieser kurze Dschungelausflug nun also doch nicht, aber für uns eine perfekte Mischung: Als wir abends ankommen, vermittelt uns Mauricio gleich eine nächtliche Ruderbootfahrt auf einer Lagune. Nachts waren wir im Dschungel noch nicht auf dem Wasser – eine ganz neue Erfahrung. Es ist ziemlich ruhig, aber deswegen nicht weniger faszinierend. Wir sehen nur einen Klammeraffen von Weitem, und einige Vögel ganz dicht, die sich auf Ästen, die weit über das Wasser hängen, vor Fressfeinden in Sicherheit gebracht haben. Wir beleuchten sie nur vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken. Im Wasser platscht es – klar, dass man in der Lagune für die Touristen einige besondere Fische angesiedelt hat. Sie sind zwar nicht natürlich hierher gekommen, aber sie befinden sich in einem ausreichend großen natürlichen Lebensraum. So sehen wir also auch zwei „Paiches“ bzw. Arapaimas, die größten Süßwasserfische der Erde. Bis zu 3,50 m können Sie lang werden, unsere beiden Exemplare sind nur über einen Meter lang, aber dennoch beeindruckend.

Am nächsten Morgen sieht Mauricio beim Frühstück unser Kakaopulver sowie die Kakaoplätzchen, die man in Wasser oder Milch auflösen soll. Das ist doch gar nichts – macht uns Mauricio klar. Er holt die Samen, die wir schon tags zuvor aus seiner Mauer in der Sonne haben trocknen sehen. Kakaobohnen. Die rösten wir nun zusammen, damit wir echten frischen Dschungelkakao herstellen und genießen können. Die Bohnen werden zunächst geröstet, dann wird mit der Hand die Haut abgepuhlt, dann weiter geröstet. Dann wird der Kakao üblicherweise gemahlen. In Ermangelung einer Mühle hämmern die beiden Männer die Bohnen klein. Nun wird der (noch recht grobe) Kakao mit Zucker weiter geröstet, dann nochmals möglichst fein gehämmert, und nochmals geröstet. Viel Arbeit für drei Tassen Kakao! Während die Männer rösten und hämmern, bereite ich die Bohnen für die nächste Woche vor: Die Kakaofrucht wird gepflückt und aufgeklopft. Im Inneren befindet sich das weiße Fruchtfleisch, darin die Samen. Man kann die noch weichen Samen auch direkt essen, das Fruchtfleisch schmeckt erfrischend säuerlich, und beides zusammen köstlich. Aber dann bekommt man ja keinen Kakao. Also nimmt man den von Fruchtfleisch umgebenen Samen in den Mund, „zutzelt“ das Fruchtfleisch ab, und legt den Samen danach für etwa fünf Tage in die Sonne zum Trocknen. Dann wird er geröstet usw. wie oben beschrieben. Es ist unnötig zu erwähnen, dass dies der köstlichste Kakao war, den wir je getrunken haben. Meine gezutzelten Samen trocknen im Hano nur langsam, der nächste eigene Kakao lässt also noch auf sich warten.

Dann bringt uns Mauricio zu einem Dschungelpfad, auf dem wir in den nächsten Stunden eine Wanderung auf eigene Faust unternehmen. Auf den Pfaden ist man relativ sicher. Die Tiere meiden sie, nur einige Spinnweben hängen vereinzelt über den Weg. Aber bitte nichts anfassen, und sich nicht an die Bäume lehnen! Dort können versteckte Insekten, insbesondere Ameisen, in die Hand beißen. Der Biss der 4 cm großen Conga-Ameisen (Schreibweise nach Gehör), vor denen wir schon auf der Manu-Tour gewarnt wurden, verursacht nämlich zwei Stunden lang höllische Schmerzen und eine Woche lang Fieber. Also behalten wir unsere Hände gut bei uns! Wir sehen spannende Bäume, erkennen viele wieder, und konzentrieren uns bei diesem Spaziergang auf die Insekten. Erstens sind diese relativ einfach selbst zu entdecken, und zweitens kommen sie bei geführten Touren oft zu kurz, da die meisten Führer einem die spektakuläreren Tiere wie Vögel und Affen zeigen wollen. Wir genießen diese erste eigene Dschungeltour aus vollen Zügen, und kommen sogar bis zum Ufer des Rio Napo und an einen kleinen Wasserfall. Mauricio ist erstaunt, wie weit wir hin- und vor allem wieder zurück kamen, denn bis zum Wasserfall gibt es einige Abzweigungen, die auf dem Rückweg nicht immer einfach wiederzuerkennen sind…

Abends spazieren wir im Ort am Rio Napu entlang. Das Gefälle ist groß und die Strömung sehr schnell, vermutlich ist deswegen das Wasser so klar. Der deutlich langsamer fließende Rio Manu war ja eine trübe graue / braune Brühe gewesen. Wir schauen ein paar Fische vom Ufer aus an, aber baden gehen wir vorsichtshalber nicht, auch wenn andere Touristen das tun. Das war ein kurzer, aber intensiver Abstecher in den Dschungel, und wir hoffen, mit Mauricio Kontakt halten zu können. Wir drei sind uns gegenseitig richtig ans Herz gewachsen. Wir haben bei ihm im Obstgarten gewohnt, ihn dafür mit bekocht, es war eine völlig unkomplizierte Begegnung! Und das Feuer, das im Manu Nationalpark entfacht wurde, lodert nun noch heißer: Eine Dschungelreise ohne Hano in das Herzen Amazoniens steht auf dem Reiseplan der nächsten Jahre ganz oben!

Quito intensiv

Quito intensiv

5.-6. Februar 2018

 

Kurz und intensiv war der Besuch bei unserem Studienfreund Ullrich und seiner ecuadorianischen Familie. Die gesamte Familie hat uns sehr warmherzig und gastfreundlich aufgenommen, wir dürfen nicht im Hano schlafen, sondern in Ulli&Hildas Schlafzimmer!

Am 6.2. geht es früh raus, die Arbeitstage in Ecuador sind lang. Um 4:30 stehen wir auf, 5:00 gemeinsames Frühstück, 5:40 geht es los, um dem schlimmsten Verkehr in Quito zuvorzukommen. Um 7:00 sticht Ullrich an der Uni ein – die Professoren haben hier ein genaues Stundenpensum vorgegeben! Bis 9:00 besichtigen wir verschiedene Labors der Fakultät für Chemieingenieurswesen, sehr eindrucksvoll. Dann haben wir Freizeit: Jorge, der ehemalige Vize-Dekan, der auch im Ruhestand täglich an die Uni kommt, forscht heute ausnahmsweise mal nicht, sondern spielt Fremdenführer für uns. Wir fahren zusammen in die Altstadt, und besichtigen gefühlte 100 faszinierende Kirchen. Tatsächlich waren es glaube ich nur 8. Die verschiedenen Orden und Glaubensrichtungen haben sich hier versucht, gegenseitig zu übertrumpfen. So viele faszinierende Kirchen auf so engem Raum! Wir sehen auch das Haus, in dem Alexander von Humboldt gewohnt hat, die ehemalige Uni, in der jetzt das Kulturdezernat ist, und die schönsten Stadtteile von Quito. Punkt 3:00 Uhr sind wir nach einem leckeren landestypischen Mittagessen wieder an der Uni – es findet eine Vorbesprechung für ein Kakao-Schokolade-Projekt statt, an der wir teilnehmen dürfen. Sehr spannend, vielleicht sind hier Kooperationen möglich… Um 16:30 muss Ullrich eine schriftliche Prüfung abnehmen. Organik 3. Torsten schreibt mit (er antwortet allerdings auf Deutsch) und besteht gut, was bei einer reinen Lernklausur auf Spanisch nicht zwingend gegeben ist. Ich hatte mich vorsichtshalber in der Bibliothek verdrückt…

Um 18:00 ist der Arbeitstag für Ullrich zu Ende. Wir haben zwar nicht durchgehend gearbeitet, sind aber auch platt von all den Eindrücken. Und wir sind sehr begeistert, wie freundlich wir überall aufgenommen und integriert wurden.

Ein schnelles Abendessen, heiße Diskussionen, und ein entspanntes Bier – um 22:00 fallen wir alle todmüde ins Bett, um am nächsten Morgen wieder um 4:30 aufzustehen. Ullrich fährt dann wieder an die Uni, Hilda in ihre Kanzlei, und wir weiter Richtung Dschungel…

Vollmondnächte am Fuße von Chimborazo und Cotopaxi

Vollmondnächte am Fuße von Chimborazo und Cotopaxi

1.-4. Februar 2018

Der Chimborazo hat uns aus der Ferne schon immer begeistert: Alexander von Humboldt ist im Jahre 1803 fast bis auf seinen Gipfel gekommen, konnte seine Höhe dabei recht genau vermessen, und er wurde lange Zeit für den höchsten Berg der Erde gehalten. In gewisser Weise stimmt das auch noch heute: obwohl er „nur“ etwa 6.300 m über dem Meeresspiegel liegt, ist sein Gipfel dennoch weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als derjenige des Mount Everest, da die Erde ja bekanntlich keine Kugel ist, sondern eine Kartoffel, die am Äquator am dicksten ist.

Wir sind keine Gipfelstürmer, und uns war klar, dass uns eine fröhliche Wanderung am Fuße dieses faszinierenden Vulkans vollauf genügen würde. Nur eines machte uns stutzig: Der Gipfel liegt tagsüber fast immer in Wolken, wenn man Glück hat, kann man ihn nachts und frühmorgens sehen. Und wir hatten Glück!

Am ersten Februar fahren wir auf den Chimborazo zu. Mit dem Hano ein mehrstündiges Vergnügen. Den gesamten Nachmittag über sehen wir eigentlich nur die Wolken, unter denen sich der Vulkan verbirgt. Als wir abends in der Casa Condor am Fuße des Chimborazo ankommen, einigen Zimmern, die von einer indigenen Gemeinschaft bewirtet werden, und die auch Camper aufnehmen, ist der Gipfel immer noch nicht zu sehen. Wir wollen gerade anfangen, das Abendessen zu bereiten, als kurz vor Sonnenuntergang die Wolken aufreißen und den Blick auf die Kraterregion freigeben. Schnell packen wir Kamera und Stativ aus und beziehen auf einer nahegelegenen Alpaka-Weide Stellung. Der Vollmond geht mit Sonnenuntergang auf und taucht den Chimborazo in ein mystisches Licht. Was für ein Naturschauspiel! Und was für ein Glück!

In der Nacht und auch am nächsten Morgen ist der Gipfel noch zu sehen, dann hüllt er sich wieder in Wolken – bis wir abreisen. Wir machen tagsüber eine Wanderung querfeldein auf einen nahegelegenen Hügel und steigen dabei von 3.800 m auf über 4.200 m auf. Wir sind ganz verwundert, dass unsere Höhenkondition nach den vielen Wochen unterhalb 1.500 m noch so gut ist, aber das Hochsteigen geht selbstverständlich nur mit Pausen, dafür ohne Herzrasen vonstatten. Das schöne Gipfelfoto bekommen wir tagsüber aber nicht, dafür erfreuen wir uns an dem üppigen Ichu-Gras, wundersamen Kakteen und sonstigen Pflanzen. Hier in Äquatornähe ist die Natur auf rund 4.000 m Höhe weit grüner und üppiger als beispielsweise am Titicaca-See.

Als wir am Spätnachmittag zurück kommen, wundern wir uns über den Reisebus und die vielen Autos, die wir schon von Weitem gesehen haben. Sie haben jedoch keine Touristen gebracht, sondern Indigenas aus der Umgebung. Heute findet ein Treffen aller indigenen Communidades statt, die auf der Westseite des Chimborazo ansässig sind. Diese Treffen finden zwei bis dreimal im Jahr statt – und heute in dem Haus, neben dem der Hano steht!

Wir sehen die Frauen mit ihren weiten Röcken, Wollstrümpfen und den bunten Tüchern um die Schultern oft draußen stehen. Die Männer sind größtenteils moderner gekleidet: Jeans, T-Shirt und Poncho. Eine spannende Stimmung, auch wenn wir das Geschehen nur von außen verfolgen. Sie wollen nicht fotografiert werden, und das respektieren wir. Ein Auto hat Probleme mit der Bremsleitung, und Torsten hilft mit Rat, Tat und Werkzeug aus. Am Morgen hatten wir noch die Alpakas von einer Weide mit auf die nächste getrieben. Ich frage die Frauen, aus was ihre bunten Tücher sind. Die ernüchternde Antwort: die meisten sind aus Synthetik. Die Schafswolle färben sie in den bekannten bunten Farben ein, Alpaka belassen sie meist in Naturfarben oder färben es in gedeckten Farben. Selbst tragen sie eher die (preiswerteren und) schnelltrocknenden Synthetiktücher. Die Wollsachen versuchen sie zu verkaufen, weil das viel Geld für die Communidades bringt. Nur an besonderen Festtagen tragen alle ihre originale Wollkleidung.

In der nächsten Nacht und am nächsten Tag hängt der Chimborazo voll in Wolken, wir hatten also am ersten Abend riesiges Glück!

Auf geht es zur Kraterlagune Quilotoa. Bei unserer Ankunft regnet es, am nächsten Morgen ist sie aber frei. Wir steigen vor dem Frühstück auf bis zu dem ersten Mirador und warten auf den Sonnenaufgang. Ein wunderschönes Schauspiel. Es ist ein klarer sonniger Tag, daher verzichten wir auf die Kraterumrundung und fahren weiter Richtung Cotopaxi. Mit knapp 5.900 m Höhe der zweithöchste Berg Ecuadors, und der höchste frei stehende aktive Vulkankegel der Erde. Allerdings liegt er 150 km Fahrstrecke entfernt, und die Sonne reicht bei ihm nur bis auf etwa 4.000 m Höhe. Wir fahren eine abenteuerliche Piste Richtung Refugium, auf 4.590 m finden wir unterhalb des Refugiums einen guten Parkplatz. Den Cotopaxi sehen wir an diesem Tag nicht. Und alle anderen, die sich mit ihrem Auto so weit hoch quälen, fotografieren – in Ermangelung der Sicht auf den Vulkangipfel – den Hanomag! Wir jedoch haben den Vorteil, dass wir abends nicht in unsere Unterkunft zurück fahren müssen. Wir beschließen einfach, hier zu übernachten. Unser höchster Übernachtungsplatz bisher!

Um Mitternacht wachen wir auf, die Blase spannt. Wir haben wegen der Höhe viel Wasser getrunken und eine leckere Suppe im Dampftopf gekocht. Und was sehen wir beim Blick aus dem Fenster? – Den Cotopaxi im aufgehenden Mondlicht! Was für ein Anblick! Das aufgehende Mondlicht hat eine viel stärkere Plastizität als das Mondlicht später um 05:00 Uhr, als der Mond im Zenith steht. Also angezogen (weil es schnell gehen soll, unsere Tageskleidung), Kamera und Stativ ausgepackt, und nichts wie raus zum Fotos machen! Zum ersten Mal seit wir in Südamerika sind, sehen wir auch den großen Wagen – und der steht Kopf! Das Refugio ist erleuchtet, ich habe gelesen, dass die Seilschaften um 01:00 aufsteigen, um einerseits die klaren Phasen in der Nacht zu nutzen und weil andererseits der Schnee nur bis kurz nach Sonnenaufgang genügend Festigkeit bietet, um ihn begehen zu können. Als wir die ersten Taschenlampen draußen sehen, wissen wir, das es gegen 01:00 Uhr sein muss. Wir sind also eine Stunde lang bei -6 Grad Celsius draußen gestanden und merken plötzlich, dass Hände und Füße nur noch Eisklötze sind. Also nichts wie rein in die Schlafsäcke. Da machen wir die schmerzliche Erfahrung, dass Schlafsäcke nur isolieren, und nicht wärmen. Der Schlafsack hindert also eher die Luft im Hanomag, auf den gefühlten Gefrierpunkt am Ende unserer Arme und Beine herunterzukühlen, als dass uns wohlig warm wird. Aber der eindrucksvolle Anblick war das Frieren allemal wert!

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und genießen nochmal den schönen Anblick, doch als wir gegen 08:00 Uhr losfahren, zieht sich schon wieder der Nebel zu. Die entgegenkommenden Fahrzeuge haben Pech gehabt…