Seereise auf einem Frachter

Seereise auf einem Frachter

  1. September 2017

Eine Seereise hat durchaus interessante Aspekte, die so ohne weiteres kaum erwartbar sind. Als es noch keine Flugreisen gab, musste ein Reisender mit dem Schiff lange Zeit verbringen – mit anderen Passagieren das Schiff und den begrenzten Platz teilen. Die Literatur Anfang des 20. Jahrhunderts ist voll davon. Heutzutage ist man gewohnt, innerhalb von Stunden höchstens weniger Tage das gewünschte Ziel auf der Welt zu erreichen. Telekommunikationsmittel ermöglichen die ständige Erreichbarkeit. Der heute Reisende hält so ständig Kontakt mit der Heimat.

Auf einem Frachter ist das anders. Automatisch wird jeder auf sich selbst zurückgeworfen. Was man nicht dabei hat, kann man auch nicht nutzen. Es gibt keine Internetverbindung, kein Telefon, kein Fernsehen – nichts, womit man Kontakt mit Außenwelt aufnehmen könnte. Auf dem Ozean gibt es keine Ablenkung, keine Zerstreuung. Nur das und das, was eben zu bieten hat. Gelegentlich eine Schule Delfine, ein Schwarm fliegender Fische. Eigentlich eine gute Voraussetzung für jede Form von Kreativität.

Dem entgegen steht die Gefahr, sich über Nebensächliches zu unterhalten oder mit Nichtigem zu beschäftigen. Allzu leicht rutschen die Gespräche unter den wenigen Passagieren in Allgemeinplätze ab. „Gibt es Wein zum Essen? Der Stewart hat einen Kaffee zu viel bereitet. Es ist doch ziemlich windig, weniger als bei früheren Seereisen. Unser Zimmer ist zu kalt …“ Andererseits ist man dem Regiment des Kapitäns vollkommen ausgeliefert. Er allein entscheidet über die Freiheiten aller Personen an Bord. Da kann es schon wichtig sein, dass man einen geschickten Moment ausnutzt, um beispielsweise das Innere des Frachters mit seinem Antrieb besichtigen zu dürfen. Grundsätzlich ist der Stewart der erste Ansprechpartner für Passagiere, erst mit der Zeit tauen die Offiziere auf. Die Mannschaft, fast nur aus Philippinen bestehend, ist durchweg freundlich, zugänglich und hilfsbereit.

Eine gewisse psychische Stabilität ist durchaus sehr hilfreich, zumal auch bei wenigen Passagieren gruppendynamische Prozesse so manche Stilblüte treibt.

Die Hälfte der zehn Passagiere sind deutsche Lehrer (!), die meisten pensioniert. Normalerweise ist der Beruf ja unerheblich … Auf jeden Fall achten alle auf einander.

Nach zweieinhalb Wochen auf See, schaffen wir es, eine Führung durch das Schiff und vor allem zur Maschine zu erwirken. Glücklicherweise wechselte im vorletzten Hafen (Dakar) der Kapitän. Sein Vorgänger ließ mit sich nicht reden.

Das Schiff wird von sieben Zylindern angetrieben, die bei Höchstgeschwindigkeit 17 bis 18 Knoten Fahrt ermöglichen. Die etwa 40 Zentimeter dicke Welle treibt eine Schiffsschraube an, deren Propeller verstellbar sind. Während Liegezeiten in Häfen wird jeweils ein Kolben zu Reinigungszwecken ausgebaut und getauscht. Mehrere Laufbuchsen stehen als Reserve bereit. Das sind ein paar technische Eckdaten, die jeder nachlesen kann. Das eigentlich Spannende ist, die Maschine zu erleben, während sie den Frachter vorantreibt. Rhythmisches Stampfen, Lärm, Geruch. Nach dieser Erfahrung nehme ich die Vibrationen im Schiff, das Zittern und Brummen anders wahr: Ich sehe die Maschine vor mir.

50 Tonnen Treibstoff werden pro Tag umgesetzt, um 250 000 t Fracht zum Ziel zu bringen.

Der Frachter ist 20 Jahre alt und kann gemischte Fracht (Container, Fahrzeuge und Sperrgut) transportieren. Gebrauchte Fahrzeuge gehen in Afrika von Bord: Diejenigen in gutem Zustand bleiben im Senegal, Schrottkisten werden Sierra Leone ausladen. Neue Fahrzeuge, Luxusautos aus deutscher Herstellung kommen nach Argentinien. Auf neun Decks sieht es aus wie in einem Parkhaus, mit dem Unterschied, dass alle original verpackt und neu sind. Neben den vier Expeditionsmobilen (MAN, Unimog, Landrover und unser Hanomag) der Passagiere sind nur zwei weitere Wohnmobile im Schiffbauch. Alle haben das Ziel Montevideo.

 


Comments are closed.