Monat: Dezember 2017

Evolution des Brotes

Evolution des Brotes

Bei vielen deutschen Langzeitreisenden scheint Brot als deutsches Kulturgut ein wichtiges Thema zu sein. Auch wir kommen nicht darum herum, uns Gedanken über Frühstück in abgelegenen Regionen und Wüsten zu machen. Wer will schon jeden Tag süße Kekse der Lebensmittelindustrie zu sich nehmen?!

Vorgefertigte Pita- oder sonstige Fladenbrote lassen sich gut in der Pfanne zubereiten und  in Form von Wraps als Grundlage für schnelle süße oder deftige Speisen verwenden.  Nur sind diese nicht flächendeckend erhältlich.

  1. Evolutionsschritt: Kaufe Mehl und Hefe und stelle den Teig für Fladen selbst her.
  2. Evolutionsschritt: Fertige aus dem Teig gefüllte Teigtaschen (Marmelade, Käse, Pizzabelag)
  3. Evolutionsschritt: Verwende mehr Öl und frittiere: Donuts und Berliner. Das benutzte Pflanzenöl kommt gefiltert in den Tank.
  4. Evolutionsschritt: Die Steinzeit. Entzünde ein Lagerfeuer auf flachen Steinen und verwende nach dem Herunterbrennen die erhitzten Steine zum Ausbacken von Fladen. Die Asche liefert wertvolle Mineralstoffe, die dem Weizenmehl Typ 000 fehlen.
  5. Evolutionsschritt: Technische Optimierung. Lasse dich von den vielen Adobe-Öfen der Altiplano-Dörfer (sieht wie ein Iglu aus) inspirieren. Über den flachen Steinen wird ein falsches Gewölbe aus Steinen des Titicaca-Sees in Kuppelform errichtet. Vorne eine verschließbare Öffnung, oben ein Loch zum Abziehen der Rauchgase. Nun muss viel Eukalyptusholz gesägt werden (Ilonas Aufgabe, da mühselig, zeitaufwendig und zermürbend), das mit einem kleinen Beil der beliebten Marke F….. gespalten wird (meine Aufgabe, da ich mich bei dem zähen Holz kaum vor Motivation zurückhalten kann). Man benötigt viel Holz bis die Steine alle eine sinnvolle Temperatur erreicht haben, die auch als Oberhitze bezeichnet werden kann. Nach etwa vier bis fünf Stunden ist es soweit: Glut und Asche werden beiseitegeschoben und bieten Platz für zwei kleine Pizzen oder vier Brötchen. Der Teig wird mit Röstzwiebeln (gibt’s angeblich bei Aldi und Lidl, aber nicht hier bei uns) verfeinert. Die Pizzen sind nach 5 min. und die Brötchen nach 15 min. fertig gebacken. Insgesamt konnten wir viermal den Ofen beschicken, wodurch wir leckere Brötchen auf Vorrat für den nächsten Tag erzeugten. Länger haben die Vorräte nie gehalten, weil sie so lecker waren.

Für mich selbst ging mit dem Ofenbau ein Kindheitstraum in Erfüllung: Die Kindergartentante meiner Gruppe (heute heißt das Erzieherin) erschreckte ich bereits mit dem Wunsch, einen Ofen zu bauen, statt Tiere aus Ton zu formen… Sehr genossen haben wir auf jeden Fall die Erfahrung, wie aufwendig es ist, mit elementaren Mitteln die Nahrungsmittel selbst herzustellen. Nun fehlte nur noch das eigenhändige Mahlen des Getreides und die Gewinnung von Sauerteig. Da wird sehr deutlich, dass in den Industrieländern kaum noch ein Bäcker ohne Backmischung und vorgebackenen Rohlinge auskommt.

Wald-Camp am Titicaca-See

Wald-Camp am Titicaca-See

28.11. bis 07.12.2017

Am Abend nach La Paz kommen wir bereits in dem lauschigen Eukalyptushain an. An der Ostseite des Titicaca-Sees liegt auf einer kleinen Halbinsel ein Vorsprung, der an drei Seiten vom See umgeben ist. Dieser ist natürlich stark windexponiert, hat aber einen unverstellten Blick in Richtung Sonnenaufgang, Süden und Sonnenuntergang. Natürlich wählen wir für den Hano diesen exponierten Stellplatz! Neun Nächte werden wir hier bleiben. Das absolute Camper-Paradies: Als einzige Infrastruktur gibt es Mülleimer. Und glasklares Wasser aus dem Titicaca-See.  Einige Bäume wurden gefällt, man kann sich hier mit Brennholz versorgen. An einigen Tagen kommen Tagesgäste. Die meisten Nächte sind wir allein, kurzzeitig campen auch zwei englische Pärchen hier, die mit chilenischen Transportern unterwegs sind.

Am ersten Abend kommen wir spät und erschöpft an, und kochen und essen im Hano. Rundum blitzt und gewittert es – im Süden über La Paz, im Osten über der Cordillera Real, im Westen über Copacabana. Über unseren Platz fegt nur ein heftiger eisiger Wind, nachts regnet es. Die Regenzeit kündigt sich an. Am nächsten Morgen wieder Sonnenschein. Die Nachttemperaturen liegen zwischen 7 und 11 C, tags zwischen 13 und 16 C. Warm ist es nicht, aber wenn die Sonne scheint ist die Strahlung enorm und täuscht T-Shirt-Wetter vor. Das Herumlaufen im T-Shirt führt aber nur zu roten Armen und dazu, dass man nach kurzer Zeit richtig durchgefroren ist.

Die ersten beiden Tage verbringen wir mit technischem Dienst am Hano. Nach fünf Wochen Wüstenpisten ist von Waschen, Saugen, Entstauben, lose Schrauben Festziehen, gebrochene Kühlerhalterung Reparieren über diverse Lackierarbeiten viel zu tun. Dafür können wir uns aber keinen schöneren und ruhigeren Platz als diesen vorstellen. Die „Arbeit“ gerät hier eher zur Meditation, man kann sich währenddessen immer am frischen Eukalyptusduft, am Rauschen der Wellen, und am  Anblick des sich kräuselnden Wassers erfreuen. Nach all den Wochen in der Wüste endlich Wasser im Überfluss!

Im Laufe des zweiten Tages beginnen wir dann neben den Wartungsarbeiten, uns „häuslich“ einzurichten: Ein Sägeplatz wird auf einem umgefallenen Baum angelegt, daneben ein Hackplatz, eine Feuerstelle für das Lagerfeuer, die sich im Laufe unseres Aufenthalts in die Steinzeit weiterentwickeln wird, und Torsten zimmert aus Eukalyptusholz ein Untergestell für den Faltkanister und unsere Falteimer – ein rustikaler Waschplatz entsteht. So macht Campen richtig Freude! Da wir keine 10 m vom Wasser entfernt stehen, kommen die Fischer erstaunlich nahe ans Ufer und bestaunen die Wandlung des Platzes. Alle winken fröhlich, manche rufen uns etwas zu, was wir nicht verstehen. Wir winken auch immer kräftig und rufen etwas über das schöne Wetter, den starken Wind, den Regen oder den herrlichen Platz zurück. Zwei Fischer wagen sich sogar an Land. Der erste ist recht kommunikativ und sehr neugierig. Nach einem Besuch ist er befriedigt und kommt nicht mehr. Der zweite ist eher schweigsam. Bei seinem ersten Besuch ist Torsten gerade dabei, die Schrauben unter dem Auto zu prüfen und festzuziehen. Er erklärt das dem Fischer und schraubt weiter. Fast eine Stunde lang steht unser Besucher neben dem Hano. Erst als ich mit dem Beschriften der Tachoscheiben fertig bin, aussteige, und mich zu Torsten herunterbücke, wagt auch er, unter das Auto zu sehen. Er beobachtet Torsten dann noch eine zeitlang und rudert nach einer kurzen Verabschiedung davon. Zwei Tage später kommt er wieder, mittlerweile sind wir voll eingerichtet. Er bleibt in respektvollem Abstand stehen. Da wir mittlerweile den Großteil unserer Pflichten abgearbeitet haben, nehmen wir uns mehr Zeit für unseren Gast. Wir bieten ihm einen Café an, den er erst beim zweiten Angebot annimmt. Wir setzen uns, er betrachtet etwas ungläubig das kleine Zuckerpäckchen, das wir ihm geben. Er spielt lange verlegen damit herum, bis die Packung an einer Stelle aufreißt, und leckt dann bedächtig den kleinen Zuckerkristall von seinem Finger ab, der sich aus der Packung befreit hat. Dann erst dämmert uns, dass er diese Zuckerpäckchen wohl gar nicht kannte und sich sicher gewundert hat, weshalb wir ihm anstelle des versprochenen Zuckers ein Papierpäckchen gereicht haben. Wieder verbringt er etwa eine Stunde bei uns. Er ist sehr schweigsam, genießt es aber, mit uns in der Sonne zu sitzen und schaut oft nach oben in die Wipfel der Eukalyptusbäume. Wir reden ein wenig über seinen Ort, seine Fischerei, das Wetter und die Natur hier und in Deutschland. Und schweigen und betrachten die Eukalyptusbäume. Keine Eile. Als er seinen Café bedächtig zu Ende getrunken hat, frage ich ihn nach seinem Boot. Er ist erfreut, dass wir uns dafür interessieren. Wir gehen zum See hinunter und er bedeutet uns wortlos einzusteigen. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber wir steigen erfreut ein. Er rudert mitten auf den See hinaus, eine unerwartete schöne Ausfahrt. Da er keine Anzeichen macht umzukehren und wir ihn nicht überstrapazieren wollen, fragt Torsten nach einer Weile, ob er rudern darf. Das Boot ist selbst gezimmert, und die beiden Ruder sind unterschiedlich groß. Der Fischer hat Übung darin, die Ruder unterschiedlich tief einzutauchen. Torsten muss sich erst einmal einrudern, bis der Geradeauslauf klappt. Dann wendet er und rudert uns ans Ufer zurück. Wir steigen aus, der Fischer rudert davon, sein letzter Besuch bei uns.

Jaime, der sich um den Platz kümmert, kommt ab und zu vorbei. Wir reden über das Wetter, die Kommunalwahlen, die neuen Baumaßnahmen der Regierung, die auch diesem kleinen Ort eine moderne Schule beschert haben, usw. Er freut sich, dass es uns so gut gefällt, und registriert, dass der Platz um den Hano herum immer sauberer wird. Die Bolivianer schmeißen ihren Plastikmüll meist recht sorglos in die Natur (wie alle anderen Südamerikaner auch), und wir räumen zumindest in unserem Bereich nach den Tagesgästen immer wieder auf. Außerdem machen wir kurzen Prozess mit dem trockenen Holz und den extrem brandgefährdeten heruntergefallenen Ästen, an denen noch Blätter hängen. Eukalyptusholz lässt sich sehr schwer Spalten, Bohren und Verschrauben. Zum Anfeuern eignen sich Rindenstücke, und sogar frische Blätter brennen gut und duften dabei lecker wegen der ätherischen Öle. Um so brennfreudiger sind die trockenen Blätter… Unser Lagerfeuer fassen wir in Steine und richten es nach dem Wind aus, um die Waldbrandgefahr zu bannen. Aber bei den teilweise recht nahen Gewittern wird uns mulmig… Wir machen auch wieder die Erfahrung, dass man für jede Stunde Lagerfeuer zwei bis drei Stunden Holz machen muss. Das gefällt uns aber – nach so vielen Fahrtagen toben wir uns acht Tage lang körperlich aus, und nach all den schnell wechselnden Eindrücken der letzten Wochen lernen wir diesen wunderschönen Flecken durch den langen Aufenthalt von allen Licht-, Wind- und Wettersituationen her kennen.

Das war mit Abstand der schönste Platz, auf dem wir je gecampt haben, und es fällt uns richtig schwer Abschied zu nehmen. Aber weitere Abenteuer rufen.

Mit dem Hano mitten durch La Paz

Mit dem Hano mitten durch La Paz

28.11.2017

Da wir eher Natur- als Städte-Liebhaber sind, hatten wir eigentlich beschlossen, La Paz in einem weiten Bogen zu umfahren. Auf unserem Weg vom Altiplano zum Titicaca-See hätte es ja auch gereicht, auf großen Durchfahrstraßen im hochgelegenen Stadtteil „El Alto“ zu bleiben, auf 4.100 m Höhe. Da wir aber die Ostseite des Titicaca-Sees anpeilen, an der es nur kleine Orte ohne große Infrastruktur gibt, beschließen wir, in La Paz nochmal Wasser- und Lebensmittel-Vorräte zu fassen. Wir peilen also einen Supermarkt an, der – wer hätte es gedacht  – auf 3.200 m in einem entspannten Vorort liegt. Die Zufahrtstraße ist auf unserer Gesamt-Bolivienkarte als kurzer gerader Strich eingezeichnet. Schon in El Alto beginnt das Abenteuer. Entlang der großen Einfallstraße wechseln sich Werkstätten, Gemüsestände, improvisierte Straßenküchen mit Bauchläden voller Handys, Schrauben oder Knöpfe ab. Plötzlich sehen wir sechs Esel am Straßenrand stehen. Ein Junge zapft sich von einer Eselstute frische Milch in einen kleinen Becher und trinkt sie. Milch direkt von der Eselin –  das habe ich noch nie zuvor gesehen. Die Einfallstraße ist zweispurig, und bis zu den ersten Häusern etwa 10 m Platz, sodass sich all diese Szenen in sicherer Entfernung neben der Straße abspielen. Dann kommt unsere Abzweigung. Es geht natürlich in steilen Serpentinen bergab. Zunächst kommen einige Steinbrüche, dann kleine Vororte, die jedoch immer wieder von kleineren oder größeren Gärten oder Brachland aufgelockert werden. Alles jedoch dicht an die Straße gebaut – wenn jemand aus einem Haus tritt, steht er fast direkt vor dem Hano. In manchen Gärten wird Gemüse angebaut, in anderen stehen Kühe, Schweine, Esel, Pferde. Wir fahren also 900 Höhenmeter bergab wie durch kleine Dörfer. Dann kommt der MiSuper, in der Tat der erste (und auch später einzige) Supermarkt, den wir auf näherem Weg durch diese Hauptstadt finden. Sie sind schon auf Reisende eingestellt, denn als ich der jungen Frau an der Kasse erkläre, dass wir nur Wasser, nicht aber die 20 Liter-Behälter benötigen, ruft sie sofort eine Kollegen, der mir vier dieser großen Wasserbehälter vor den Hano fährt und sie Torsten zum Einfüllen in unsere Wassertanks in den Hano reicht. Der junge Mann hat schon einige Casas Rodantes gesehen, sowas wie unseren Hano aber nicht. Da während des Wasser Füllens nur relativ große und neue Autos hier geparkt haben, schlussfolgern wir, dass wir in einem reichen und sicheren Vorort sind. Wir sichern das Fahrerhaus mit einer Kralle und wagen uns zu zweit in den Supermarkt. Hohes Preisniveau, dafür leckere italienische Importwaren als Ergänzung zu den einheimischen Lebensmitteln. Wir kaufen kräftig ein. Dann programmieren wir den Titicaca-See als nächstes Ziel ein. Unsere Navi-App hat jedoch leider die Angewohnheit, einen lieber den kürzeren Weg durch die Innenstadt als den schnelleren Weg über die großen Ausfallstraßen zu führen. Waren die Straßen hinab von El Alto schon eng (aber dafür dem Straßenverkehr vorbehalten), kommen wir jetzt in noch engere Gässchen, auf denen sich zusätzlich noch Markisen, Verkäufer mit Bauchläden, oder gleich ganzen Marktständen befinden. Und natürlich nicht nur die Verkäufer, sondern auch Heerscharen von Kaufwilligen, die natürlich Vorrang haben und überhaupt nicht auf den Verkehr achten. Eine zusätzliche Herausforderung bei dem Versuch, keine Passanten zu überfahren, ist die geringe Körpergröße der Bolivianer – aus dem erhöhten Hano-Führerhaus heraus sind Personen neben dem Auto kaum zu sehen. Eine weitere verkehrstechnische Herausforderung sind die Collectivos, kleine Sammeltaxibusse. Außer uns ist niemand so blöd, sich mit dem eigenen Auto in dieses Gassenchaos zu wagen. Man nimmt ein Collectivo. Man winkt, das Collectivo wechselt ohne zu blinken die Spur und hält an, gern auch vor roten Ampeln, mitten auf einer Kreuzung oder auf der Gegenspur. Dann wird diskutiert, ob das Collectivo die richtige Richtung hat, was bislang einige Zeit dauern kann. Das ganze Gewusel spielt sich bei Steigungen und Gefällen von bis zu 15% ab. Interessant ist auch, dass die Märkte hier sortenrein getrennt sind. Zunächst irren wir durch mehrere Straßenzüge mit Gemüseständen. Hier ist es am engsten, und die meisten Passanten rennen kreuz und quer vor dem Hano herum. Zum Glück sind die meisten Käuferinnen Indigenas, die ihre Käufe traditionell in ihre bunten Wolldecken einschlagen und auf dem Buckel tragen – so weisen trotz der geringeren Körpergröße die leuchtend bunten Muster wie Signalfarben auf die Passantinnen hin. Im nächsten Viertel werden Haushaltswaren verkauft. Töpfe, Elektrogeräte aller Art, einige Deko-Artikel. Dann kommt das Auto-Reparatur-Viertel: Reifen, Motorteile, Kühler, Stoßdämpfer, alles rund ums Auto wird in verschiedenen Gebrauchszuständen von neu (aber verstaubt) bis fast kaputt, aber gerade noch brauchbar, feilgeboten. Dazwischen laden Werkstätten zur Autowäsche oder zum Ölwechsel ein. Während bisher in der Stadt  niemand vom Hano Notiz genommen hat, winken uns hier die Mechaniker zu wie sonst nur die Landbevölkerung. Dann sehen wir plötzlich überall runde Holzrahmen und fragen uns, welches Viertel dies nun sei – natürlich das Musikerviertel, merken wir, als wir die erste fertige Trommel sehen. Vom Musikerviertel kommen wir endlich auf die große Ausfallstraße Richtung Titicaca-See. Geschafft – denken wir. Plötzlich halten einige Polizeiautos vor uns, wir halten auch. Wir dachten erst, sie bilden eine Kolonne, die wir vorlassen wollten, aber als ganze Mannschaften aus den Fahrzeugen aussteigen wird uns klar, dass die Straße für einen Einsatz komplett abgeriegelt wird. Torsten folgt dem Schwarm der Collectivos, die ja hier heimisch sind, und sich in den engen Seitengässchen auskennen. Sie finden bestimmt zielsicher eine gute Umgehung. Zunächst wirkt diese Umgehung auch ganz gut. Dann schwärmen die Collectivos falsch herum um einen Kreisverkehr, der Gegenverkehr kennt das offensichtlich schon und weicht aus. Alles fließt sehr organisch umeinander, der Hano hinterher. Bis ein Auto völlig quer fährt und das gefällige zweckmäßige Umeinanderfließen ohne Verkehrsregeln zum Stocken bringt. Die Collectivos können noch alle schnell abfließen, nur der Hano bleibt allein gegen den Strom zurück. Plötzlich greifen die Verkehrsregeln wieder, wir stehen als Einzige falsch, und lassen uns etwa 5 min umfahren und anhupen, bis eine kleine Lücke entsteht, in die Torsten laut hupend einfährt und uns wieder auf die richtige Seite bringt. Wir finden die Ausfallstraße wieder. Ich als Beifahrerin bin schachmatt, und wundere mich, wie gelassen Torsten die Fahrt durchgestanden hat. Dabei ist klar: wenn man als Fahrer anfängt, nervös zu werden, hat man in so einer Stadt verloren. Man kann nur cool durchfahren – oder aussteigen. Erstaunlicherweise hat auch der Hano keine Schramme davongetragen. Die Kupplung wurde durch den Stop-and-Go-Verkehr am steilen Berg vermutlich etwas beansprucht, aber das war es. Als wir aus La Paz heraus sind, trabt der Hano fröhlich die 4.000 m hohe Hochebene entlang wie eine junge übermütige Gazelle – endlich wieder Auslauf! Wir freuen uns auf die Einsamkeit am See, freuen uns aber auch über die schönen Erinnerungen an eine spannende Stadtdurchfahrt. Niemand kann uns nachsagen, dass wir La Paz nicht intensivst erlebt haben!

Lebewohl Chile

Lebewohl Chile

Ende November 2017

Der gesamte Blog spiegelt unsere punktuellen und persönlichen Erfahrungen und deren subjektiven Interpretationen wieder, wir erheben keinen Absolutheitsanspruch unserer Erlebnisse. Unsere unerquicklichen Begegnungen mit den Chilenen waren wohl nur Pech. Wir können uns aber nicht vorstellen, was uns jemals wieder dazu bewegen könnte, nochmals einen Fuß in dieses ungastliche Land zu setzen.

Der erste Eindruck bestimmt bekanntlich sehr viel. Wenn aber die sieben ersten Eindrücke von der negativsten Sorte sind – wie will man das wider kitten? Unsere sieben erste Eindrücke von Chile:

  1. Ein Maschinengewehr
  2. Regeln wider den gesunden Menschenverstand
  3. Klau unserer Lieblingsbohnen
  4. Bürokratie um der Bürokratie Willen
  5. Eine verschlossene Schranke
  6. Stacheldraht
  7. Wahl-Prohibition

Nun aber der Reihe nach: Als wir vor zwei Wochen von Bolivien nach Argentinien fuhren, mussten wir 120 km durch Chile fahren. Die Ausreise von Bolivien verlief problemlos. Aus chilenischer Seite stand ein Gebäude mit vielen Aufschriften, unter anderem Policia und Aduana. Bei der Aduana meldet man üblicherweise sein Fahrzeug an bzw. ab. Ich gehe auf das Gebäude zu, und werde am Eingang von einem Beamten mit Maschinengewehr am langen Arm empfangen. Da fühlt man sich natürlich gleich willkommen! Dieser Beamte erklärt mir, dass hier keine Aduana sei, und dass wir alle Angelegenheiten der Migracion (Ein-/Ausreise der Personen) und Aduana (Ein-/Ausreise des Hano) an der argentinischen Grenze in Jama klären könnten. Ich frage nochmal nach, weil ja auf dem Gebäude Aduana stand, worauf er mir unwirsch erklärte, dass hier definitiv keine Aduana sei. Wer argumentiert schon mit einem höchst unfreundlichen Beamten mit Maschinengewehr? Wir gehen davon aus, dass er zwar unfreundlich ist, aber weiß was er sagt, und fahren nach Jama. Dort stellt sich heraus, dass seine Aussage unwahr war. Wir hätten nach San Pedro de Atacama fahren müssen (40 km vom bolivianischen Grenzübergang und 160 km von Jama entfernt, wo wir das erfahren), um die Einreise bestätigen zu lassen. Der junge Mann der Migracion hat ein Einsehen. Er stempelt den Laufzettel ab, dass wir die chilenische Migracion erledigt haben, sodass wir in Argentinien einreisen können. Die Pässe stempelt er jedoch nicht ab – wir waren an diesem Tag also nicht in Chile. Eine pragmatische Lösung. Seine Kollegen von der Aduana wollen uns aber allen Ernstes nach San Pedro zurückschicken, um dort nach Chile einzureisen. Ich kürze die folgende über halbstündige Diskussion ab. Ich weiß nicht, ob es meine Argumente waren (wir haben doch nur befolgt, was uns der Beamte mit dem Maschinengewehr gesagt hat, Sie können doch auch die Einreise aus Argentinien bestätigen – dann können Sie uns doch auch unsere Einreise aus Bolivien bestätigen, …), oder meine Beharrlichkeit, oder vielleicht wollten sie einfach mein schlechtes Spanisch nicht mehr erdulden – nach langem Hin und Her, und nachdem endlich die oberste Chefin der Aduana dazukam, stellten sie dem Hano für diesen Tag Ein- und Ausreisepapiere aus. Der Hano war also offiziell in Chile, seine beiden Fahrer hingegen nicht. Uns egal, wir waren glücklich in Argentinien angekommen.

Als wir dann nach dem tränenreichen Abschied von Argentinien wieder nach Chile einreisten, eigentlich mit der Absicht, den Norden Chiles gründlich zu erkunden, mussten wir uns bei der Einreise der bisher schärfsten und unfreundlichsten Grenzkontrolle stellen. Dass der Beamte, der den Hano durchsuchte, trotz Aufforderung, auf dem ausgelegten Handtuch zu bleiben, alles mit seinen staubigen Stiefeln vollgetrampelt hat, war nur ein Gipfel seiner Respektlosigkeit. Die Zwiebel hatten wir als frisches Lebensmittel angemeldet, und es war klar, dass er sie uns abnehmen musste. Das sind die Spielregeln. Dann durchsuchte er noch die haltbaren Lebensmittel. Weshalb ausgerechnet die Porotos Negros (superleckere schwarze Bohnen) beschlagnahmt werden mussten, die Linsen und das Quinoa hingegen nicht, weiß nur der Himmel bzw. sein Speiseplan. Hätte er doch für sein Abendessen etwas genommen, was man in Chile nachkaufen könnte – aber Porotos Negros haben wir dort in der folgenden Woche nicht gesehen. Vermutlich wollte er sie genau deshalb haben…

Zwanzig Kilometer weiter eine Station der Carabinieros Chilenos. Torsten ging mit den Papieren hinein und ließ den warmen Motor laufen, da wir gerade mal wieder einen Pass erklommen hatten. So kurz nach der Grenze würde die Kontrolle ja nicht lange dauern – dachten wir. Sie wollten alles nochmal wissen, inklusive Beruf, Reiseroute, usw. und gaben alles nochmal in den Computer ein. Was soll man davon halten – da weiß die rechte Hand nicht, was die Linke tut – oder Zwist zwischen den Ämtern – oder schlichtweg vorbildliche Gewaltenteilung? Naja, es war mittlerweile spät und wir waren nach der unbegrenzten Freiheit in Argentinien gespannt, wie gut man in Chile Übernachtungsplätze findet. Wir folgten einem Schild zu einer Lagune, es waren Eintrittspreise angeschrieben. Nach zwei Kilometern Piste standen wir plötzlich vor einer verschlossenen Schranke. Die hätten sie ja gleich zu Beginn der Piste bauen können.

Wir fanden in der Nähe einen ruhigen Übernachtungsplatz, und waren nach einer erholsamen Nacht gern bereit, Chile heute mit neuen Augen zu sehen. Zur Mittagszeit folgten wir einem Schild „pueblo pictorico“ und ließen den Hano einen steilen Berghang hinauftraben. Der als malerisch ausgelobte Ort bestand jedoch aus heruntergekommenen Wellblechbehausungen. Nicht einmal die Landschaft war pittoresk. Immerhin gab es einen schattigen grünen Platz in der Mitte des Ortes – dort könnte man ja picknicken. Dieser kleine Grünstreifen war jedoch mit Stacheldraht umzäunt. Ist es verständlich, dass wir uns verkohlt vorkamen?

Dann ging es weiter nach San Pedro de Atacama. Die Reiseführer warnen ja schon, dass dies seit Jahren kein verträumtes Wüstenstädtchen mehr ist, sondern ein reiner Touristenort, an dem alles so teuer ist und jeder schöne Flecken Eintritt kostet, sodass die Einheimischen, die nicht vom Tourismus leben, sauer aus die Touristen sind. Was der Reiseführer jedoch verschwieg ist, dass auch diejenigen, die vom Tourismus leben, höchst unfreundlich sind. Von allen Touristenkäffern, die wir bisher gesehen haben, ist San Pedro mit Abstand der uncharismatischste. In Uyuni beispielsweise waren viele Touristen – aber dann kamen Scharen von Schulbuben in ihren schwarzen Anzügen, Mädels in ihren blauen Röcken und weißen Blusen, alle mit Zeichenblöcken unter dem Arm, und man merkte, dass es noch ein einheimisches Leben gab. San Pedro ist mit 2000 Einwohnern zu klein, um den Touristenscharen ein eigenes Profil entgegensetzen zu können – aber deswegen müssten sie nicht so unfreundlich sein und einem klarmachen, dass sie einen nur als Melkkuh sehen. Wir wechseln Geld, tanken, finden immerhin zwei Gemüsemarktstände zum Auffüllen unserer Lebensmittelvorräte – und dann kamen wir auf die Schnapsidee, noch nach chilenischem Wein zu suchen, den wir nach wie vor am leckersten von allen südamerikanischen Weinen finden. Nach langem Suchen finde ich den EINEN Laden, der eine Konzession zum Verkauf von Alkohol hat. In den Lokalen gibt es natürlich Wein und Bier, nicht aber in den normalen Läden. Dieser Laden ist heute jedoch geschlossen. Nicht etwa, weil heute Sonntag ist. Sondern weil heute Präsidentenwahl in Chile ist. Alkohol darf erst wieder verkauft werden, wenn die Wahllokale geschlossen haben. Wenn diejenigen, die diese Regel erlassen haben, ihren Landsleuten nicht einmal zutrauen, am Tag zuvor Alkohol zu bunkern, wenn sie sich denn am Wahltag die Kante geben wollen – was für ein Bild sollen wir dann von den Chilenen bekommen? Naja, jetzt ist uns jedenfalls klar, weshalb so viele Plakate mit verlogen-schleimig grinsenden Konterfeien die Straßenränder zierten…

Soviel zu unseren sieben ersten Eindrücken. Wir haben auch einige nette Leute in Chile getroffen. Aber insgesamt hatten wir eher den Eindruck, dass jeder nur nach sich schaut, ein möglichst großes Auto haben will (das erinnerte uns an ein bestimmtes Land in Europa…), und sich nicht um seine Mitmenschen kümmert. In Calama besuchen wir die größte Tagebau-Kupfermine der Erde, Chucuicamata. Die Führung ist lieblos von der Stange, das Loch jedoch beeindruckend: fast 5 km lang, 3 km breit und mittlerweile 1.200 m tief. Die Schwerlader benötigen 30 min um hinunterzufahren, und eine Stunde um vollbeladne wieder heraufzukommen. Wegen des hohen Dieselverbrauchs lohnt sich der Tagebau bald nicht mehr, Stollen mit Förderbändern sind in Planung.

Landschaftlich-kulturell herausragend war der Gigante de Atacama – eine über 100 m hohe indigene Petroglyphe auf einem Berghang, die einen Menschen (oder menschenähnlichen Gott?) darstellt. In dem weniger bekannten und daher ruhigen Nationalpark Isluga fanden wir noch weitere schöne Flecken. Allerdings fiel uns auf, dass die kleinen Dörfer auf dem Land, insbesondere in den Wüstenregionen elendig zerfallen. Während in Bolivien alles gegen die Landflucht getan wird: Schulen und Sporthallen gebaut, Orte mit Wasser und Strom versorgt, … kümmert sich in Chile wohl niemand um die überwiegend von Indigenas bewohnten zerfallenden Dörfer. Schnelles Geld scheint angesagt zu sein.

Als wir uns gerade in hübschen heißen Quellen zu einem Bade in niedergelassen hatten, kamen vier junge Erwachsene: eine Frau und drei Männer. Als sie 30 (!!) Bierdosen an den Beckenrand tragen, schwant uns, dass die Ruhe bald vorbei sein wird, aber was dann kommt, hatten wir wirklich nicht erwartet: sie gehen in voller Kleidung ins Wasser, zerhauen mitten in der heißen Quelle einem jungen Mann 12 rohe Eier über dem Kopf, fangen dann an, Süßigkeiten zu fressen und werfen den Plastikmüll einfach ins Wasser. Innerhalb von 10 Minuten machen sie aus dem heißen Bad, das sich viele Menschen in Frieden teilen sollten, einen Saustall. Eigentlich hatten wir vorgehabt, noch einige Tage in dem Nationalpark zu verweilen, aber da er grenznah gelegen ist, beschließen wir, nach Bolivien zu wechseln. Die Grenzbeamten sind wieder typisch Chilenisch: obwohl wir alle Papiere vorlegen, wollen Sie den Hano nicht auschecken. Wir verstehen nicht, was der Beamte uns sagt, aber das kümmert ihn nicht, er nimmt den Nächsten dran. Ein chilenischer LKW-Fahrer erklärt uns, dass wir noch ein chilenisches Formular ausfüllen müssen, das am anderen Ende des Gebäudes vor dem bolivianischen Aduana-Schalter (?!?) ausliegt. Ein sehr netter Chilene – es gibt sie also doch! Die bolivianischen Beamten sind so nett und herzlich, wie wir sie auch zuvor schon erlebt hatten. Der Beamte, der unseren Hano nach frischen Lebensmitteln durchsucht, bleibt respektvoll auf dem Handtuch stehen. Er will wissen, wo wir denn schlafen, ist fasziniert von der Dusche, und nachdem wir ihm unseren Kühlschrank und das Gemüsefach zeigen, nimmt er die angemeldete Zwiebel an sich. Unsere Hülsenfrüchte interessieren ihn nicht. Und bei der anschließenden Fahrt in ein Seitental, in dem wir die Nacht verbringen werden, sehen wir mehrere neu entstehende Ortschaften, mit Wasser, Strom, im zentralen Ort eine neue Schule und Sporthalle, und die Menschen auf der Straße und auf den Feldern winken dem alten ausländischen Fahrzeug freudig zu. Hurra, wir sind wieder im richtigen Land!

Der wilde Nordwesten Argentiniens

Der wilde Nordwesten Argentiniens

Mitte November 2017

Nach dem Touristenrummel in Purmamarca zieht es uns wieder in die Einsamkeit. Die nördliche Weinhauptstadt Argentiniens Cafayate lassen wir daher schnell hinter uns und fahren die bekannte “Ruta 40“ nach Norden, die nördlich Cafayate nur noch Piste ist. Möglicherweise liegt es daran, dass dort kaum Verkehr herrscht. Im Laufe von vier Tagen begegnen uns dort sechs Motorräder, der Geländewagen von Gabi und Hans, einem vor 30 Jahren nach Argentinien ausgewanderten Paar, das wir bereits in Bolivien getroffen hatten, – das waren vermutlich die Touristen. Ansonsten begegnen uns eher Traktoren und kleine Geländewagen, deren Fahrer beim übernächsten Acker halten und Feldarbeit verrichten. Entlang der Ruta 40 verläuft hier nämlich der Rio Calchaqui, an dessen Ufern fruchtbare Täler liegen, in denen sogar Trauben gedeihen. Der Fluss ist am Ende der Trockenzeit nur mehr ein kleines Rinnsal, aber das reicht, um die Felder zu bewässern, und die Regenzeit ist ja nicht mehr fern. Wir übernachten sichtgeschützt in kleinen Seitentälern, die jeweils völlig verschieden sind: Das erste zur Übernachtung auserkorene Tal ist wüstenartig, es gibt außer spannenden Felsformationen nur dornige, blattlose Sträucher, welche die Erkundung der Felsen stark erschweren. Das zweite Übernachtungstal nennen wir Eselstal, da sieben wilde Esel unter lautem Protest vor dem Hano davontrotten. Den ganzen Abend, bis in die Nacht hinein, stehen sie auf den umliegenden Hügeln und beschallen uns mit „I-Aaa“ sowie einem ärgerlichen Schnauben, wie ich es noch nie von Pferden oder Eseln gehört habe. Dieses Tal ist voller Bäume und Sträucher und duftet herrlich kräutrig – kein Wunder, dass die Esel hier gern hausen. Der dritte Übernachtungsplatz sieht auf den ersten Blick nicht sehr einladend aus – eine Stichpiste führt 150 m von der Hauptpiste weg und endet dort vor einer Felswand. Wir sind zwar von der Hauptpiste weg, fühlen uns aber etwas eingeengt – hatten wir doch die beiden letzten Nächte in einsamen weiten Tälern übernachtet. Das Engegefühl legt sich jedoch, als wir die Felswand hinaufklettern – und eine kleine mit Kandelaberkakteen bewachsene Hochebene vorfinden. Fast zwei Stunden wandern wir von Kakteen- Ebene zu Kakteen-Ebene, sanft geht es immer höher bergauf. Diese Übernachtungsplätze lagen alle auf 1.800 m bis 2.600 m. Am vierten Tag verbringen wir den Morgen in den Kakteen und wollen eigentlich wieder eine kurze Etappe fahren, bis wir plötzlich merken, dass wir schon auf einer Passstraße sind. Etwa alle vier Kilometer gibt es auf der einspurigen Piste eine Ausweichbucht, keine Seitenpisten. Wir müssen also über den Pass, obwohl es schon spät ist. Der Pass Abra el Acay ist laut Straßenschild 4.895 m hoch, laut Navigationssystem 4.950 m. Wie hoch er auch immer sei – es sind sehr viele Höhenmeter auf kurzer Fahrstrecke, auf einer engen einspurigen Piste, die sich in halsbrecherischen Serpentinen den Berg hinauf windet… Die dünne trockene Luft kühlt kaum, der Motor ist zwar willig, aber sehr heiß. Dann sehen wir vor uns einen kleinen weißen Wagen, der bei jedem Rinnsal hält und Wasser in den Kühler nachschüttet. Eine sechsköpfige Familie aus San Antonio de los Cobres, dem nächstgelegenen größeren Ort. Wir bleiben hinter ihnen – für den Fall der Fälle, und weil dem Hano die Ruhepausen auch gut tun. Torsten schneidet Ihnen eine neue Dichtung für den Kühlerdeckel, was ein wenig hilft. Als der Kühler wieder überkocht (reines Wasser kocht in diesen Höhen ja bei unter 80C) und gerade kein Bach in der Nähe ist, helfen wir mit Wasser aus, und Torsten bietet an, sie abzuschleppen. Wir finden an dem Auto jedoch keine Befestigungsmöglichkeit für unser Abschleppseil. Also geht es im Schneckentempo weiter bergauf, mit vielen Kühlungs- und Fotopausen. Im letzten Abendlicht erreichen wir den Pass (und machen ein „Passfoto“), die Argentinier fahren schnell bergab nach Hause, während wir uns im Dunkeln einen Übernachtungsplatz suchen. Endlich finden wir eine größere Parkbucht am Rande der Straße, an einem Murmelbach, in 4.200 m Höhe. Da hier nachts kein Verkehr herrscht, verbringen wir eine ruhige Nacht. Am nächsten Morgen tanken wir in San Antonio nochmal voll, bevor wir uns weiter in die Wüste begeben. Danach sehen wir tagelang kein Wasser mehr – nur form- und farbschöne Berge, aus denen früher  verschiedene Mineralien oder Schwefel gefördert wurden. Die meisten Minen sind geschlossen, einige Orte, die noch auf der Landkarte verzeichnet sind, sind seit Jahrzehnten aufgegeben – mehrere Geisterstädte auf engem Raum! Dank der Salare, den oberflächlich ausgetrockneten Salzseen, aus denen Lithium gefördert wird, gibt es doch noch einige bewohnte Siedlungen. Wir wären gern noch länger in dieser herrlichen leeren Landschaft geblieben, in der wir an manchen Tagen nur von Weitem ein Auto sahen – aber wir konnten die Piste nach Süden zum nächsten bewohnten Ort nicht sicher finden, und sind wegen der schwindenden Diesel- und Wasservorräte sicherheitshalber umgekehrt. In diesem wunderschönen und wilden Landstrich Argentiniens warten auf einer nächsten Reise oder in einem nächsten Leben noch weitere Abenteuer auf uns!