Autor: Torsten Eggert

Der Blog unserer Südamerikareise mit dem Hanomag A-L 28 endet hier.

Unsere aktuelle Islandreise werden wir nicht mehr in Blog-Form dokumentieren,

dafür lassen wir Bilder sprechen.

Unter der Rubrik „Galerie“ findet  mandie aktuellen Islandbilder unter

Galerie

  Island 2018

Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

Bremerhaven – die nördlichste Stadt Südamerikas?

09.04. bis 16.04.2018

Darin, dass Cartagena die letzte Station in Südamerika sei, hatten wir uns gewaltig getäuscht.

Der Hano soll ja in Bremerhaven anlanden, in geordneten deutschen Verhältnissen, und mit deutscher Pünktlichkeit. Dachten wir. Vermutlich war es jedoch eine gütige Fügung des Schicksals, dass die Reise so südamerikanisch zu Ende ging – damit wir nicht im deutschen Alltagstrott gerinnen, sondern lebendig daran erinnert werden, unter welchen organisatorischen Randbedingungen wir das letzte halbe Jahr verbracht haben.

Eine Woche vor Ankunft des Schiffes erhalten wir eine Information der Rederei, dass der Hano in der folgenden Woche am Dienstag in Bremerhaven ankommt und zwischen Mittwoch und Freitag beim Zoll ausgelöst werden kann. Torsten bucht also eine Bahnfahrt für den Mittwoch, eine Hostal-Übernachtung im Hafen, und vereinbart einen Abholtermin für Donnerstag. Ein Tag Sicherheitspuffer sollte in Europa ja reichen.

Voller Vorfreude verfolgen wir täglich das Schiffstracking und vergleichen es mit den Wetterdaten auf dem Atlantik um nachzufühlen, wie stark der Hano durch Stürme geschaukelt, oder ob der Schiffsrumpf durch Sonne gewärmt wird. Am Sonntag stellen wir plötzlich fest, dass das Schiff in Antwerpen angelegt hat. Antwerpen war auf dem Fahrplan gar nicht vorgesehen gewesen. Naja, zum Glück hat Torsten ja einen Tag Puffer eingeplant, bis Donnerstag sollte der Hano längst ausgeladen sein. Sollte.

Ist er möglicherweise auch, aber an einen Zolltermin am Donnerstag ist trotzdem nicht zu denken, erfährt Torsten am Donnerstag früh. Im Laufe des Tages wird er einen Termin für Freitag erhalten. Also verlängert er das Zimmer um eine Nacht, und erschließt die hochspannende Metropole Bremerhaven touristisch. Auch dem Aldi stattet er einen Besuch ab, da er sein brandneues Handy mitgenommen hat, das noch keine SIM-Karte hat. Alditalk gibt es ja schließlich auch im Norden zu kaufen. Das stimmt zwar, aber irgendetwas funktioniert mit der Aktivierung nicht. Also ist er telefonisch nicht zu erreichen. Als er am späten Nachmittag zurück zum Hostal kommt und über WLAN seine mails abruft, sieht er eine Nachricht von der Reederei, dass er doch bitte bis 17:00 Uhr zurückrufen soll (wofür es zu spät ist), oder morgen ab 8:30 Uhr. Der Zoll hat ein Verfügungsverbot über unseren Hanomag ausgesprochen.

Wieso denn anrufen? Er checkt am Freitag morgen aus und spaziert mit dem Rucksack 2 km bis zum Büro der Reederei. Taxi ist doch was für Weicheier, auch wenn er keine Wanderschuhe dabei hat und der Rucksack recht schwer ist, da er noch einige Sachen für den Hano mitnehmen musste. Überpünktlich  kommt er um 8:15 bei der Reederei an. Dort erwartet ihn die fröhliche Nachricht, dass der Zolltermin (in der Fachsprache heißt das „Beschau“ – als sei der Hano ein Stück Fleisch…) erst am Montag möglich sei. Wie bitte? Torsten bittet die Dame mit Nachdruck, noch heute einen Termin möglich zu machen, deponiert dann seinen Rucksack bei der Reederei und spaziert zum Terminal, an dem der Zolltermin stattfinden soll – ohne Ergebnis. Gegen Mittag wird er nochmal bei der Reederei vorstellig und äußert seinen Unmut über die Verzögerung. Dabei fällt ihm auch auf, dass die Reederei einen Beschau-Termin ohne ihn ausmachen wollte. Das geht ja gar nicht, da nur er die Schlüssel für den Aufbau und die Staufächer hat. Auf dem Schiff befindet sich lediglich der Schlüssel für das Führerhaus. Also erbitten sie nun vom Zoll einen Termin im Beisein des Fahrzeughalters. Im Laufe des Tages erhält Torsten dann die Nachricht, die ihn endgültig noch ein Wochenende in Bremerhaven beschert: Der Zolltermin kann erst am Montag stattfinden, da das „notwendige Instrumentarium“ für die Beschau nicht bereitgestellt werden kann.

Also bucht er drei weitere Nächte für knapp 200 € im selben Hostal… Da er nur mit einer Nacht gerechnet hat, hat er auch nur eine frische Wäschegarnitur mitgenommen – im Hano wartete ja noch genügend Wäsche darauf, mal wieder gebraucht zu werden. Hätte ihn die Reederei rechtzeitig von der Verzögerung unterrichtet, hätte er ja das Zugticket verfallen lassen und für Sonntag ein neues buchen können, das wäre deutlich billiger gewesen. Aber dann hätte er ja nicht alle Museen von Bremerhaven kennen gelernt… Viele neue Anregungen gibt es im Schifffahrtsmuseum. Vielleicht kaufen wir uns irgendwann ein U-Boot aus dem letzten Krieg als Reisegefährt.

Von der Reederei kommt eine mail, dass die Beschau zwischen 7:45 und 8:30 stattfinden soll.

Am Montag um 7:30 Uhr ist Torsten folglich beim Zoll. Und sie haben auch gleich Zeit für ihn, sowie das „notwendige Instrumentarium“. Das schaut ihn mit neugierigen Augen an. Es handelt sich nämlich um die Drogenhündin, die am Freitag nachmittag keine Zeit hatte, da sie auf Schulung musste. Torsten bleibt die Spucke weg – er hatte hinter dem „notwendigen Instrumentarium“ vielmehr ein Röntgengerät o.ä. vermutet. Das Schnüffeln der Hündin geht auch ganz schnell. Er muss nicht einmal die Fächer öffnen, sie schnüffelt einfach nur an allen Schranktüren, hüpft auf allen Polstern herum, und das war’s. Die vier Zollbeamte, die für diese Beschau nötig sind, schauen freundlich und gelassen zu. Dafür hat Torsten fünf lange Tage und Nächte hier gewartet!

Die Heimreise verläuft gut, der Hano trabt fröhlich und genießt den glatten Fahrbahnbelag der deutschen Bundesautobahnen.

In Hannover, der Produktionsstätte des Hanomags, ist ein Zwischenstopp mit Foto geplant. Kurz vor Erreichen der Hanomagstraße fällt der Luftsdruck im Reifen links hinten rapide ab. Auf einem Friedhofparkplatz ist genug Ruhe für einen Radwechsel. Dann das geplante Foto: Auch in der Hanomagstraße ist die Welt verändert: Die Gebäude und Werkshallen stehen noch, allerdings sind sie neuen Zwecken zugeführt worden. Der Hanomagschriftzug ist halb verschwunden hinter neuen Gebäudekomplexen.

Weiter geht es in den Abendstunden auf der A7. In Göttingen besucht Torsten spontan eine Tante und übernachtet dort auf dem Reiterhof. Ein unverhoffter netter Abend lässt die Vergangenheit von Kindheit und Jugend lebendig werden.

Am Abend des 17. April kommen die beiden wohlbehalten in Leopoldshafen an. Nun endlich ist die große Reise zu Ende, die uns dreien so unvergessliche Erinnerungen beschert hat.

Ankunft zu Hause

Ankunft zu Hause

16.3.2018

Die Ankunft zu Hause verläuft erschreckend normal. Wir kommen am Freitag Mittag an. Hannes „Welcome home“-Schild mit bunten Luftballons lässt uns vermuten, dass wir länger weg waren. Aber als wir das Haus betreten und die Treppe in unsere Wohnung hinaufsteigen, fühlt es sich an, als kämen wir wie jeden Freitag von der Arbeit nach Hause. Alles ist so vertraut und unverändert, als ob wir am Morgen noch hier gefrühstückt hätten.

Zielsicher gehe ich zu Schränken und Schubladen, hole Geschirr und Besteck heraus, verstaue Jacken und Wäsche, als seien wir nie weg gewesen. Das erschreckt uns ziemlich – kann nach solch einer Reise alles einfach so normal weiter gehen? Haben wir uns denn gar nicht verändert? Die Fische brauchen einige Zeit zum Eingewöhnen, bis sie wieder aus der Hand fressen. Der zweite kleine Hinweis auf die lange Abwesenheit.

„Wartet ab, der Kulturschock kommt noch“ berichten uns fernreiseerfahrene Freunde und Kollegen.

Und es stimmt – es kommt unverhofft, in schwachen oder stärkeren Wellen. Die ersten fünf Tage stehe ich morgens auf und bereite wie immer das Frühstück schlafwandelnd vor – mit exakt denselben Handgriffen wie vor der Reise. Am sechsten Tag gehe ich in die Küche – und weiß gar nichts mehr. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Was wollte ich gerade machen? Nach einigen Minuten völliger Verwirrung fällt mir wenigstens wieder ein, dass ich Tee kochen wollte. Aber wo ist der Gasherd? Der Wasserkocher? Der Hochschrank mit unserem Campinggeschirr? Weshalb ist in diesen merkwürdigen Schränken nur Porzellan? Und an so ungewohnter Stelle? Nach der Tasse Tee bin ich wieder vollkommen im Lot. Weiter geht es im gewohnten Trott.

Wirklich? Nach und nach merken wir, dass doch einiges anders ist. Teilweise Kleinigkeiten, die jedoch manchmal einen spürbaren Unterschied machen. Unser Ärger über das nervtötende Kruschteln im Hanomag hat beispielsweise dazu geführt, dass viele Entscheidungen schneller getroffen werden. Was weder Platz noch Verwendung findet, wird weggeworfen oder verschenkt. Sollten wir es doch nochmal benötigen, müssen wir uns eben etwas anderes einfallen lassen oder es im schlimmsten Fall neu kaufen. Aber dass nutzlose Dinge jahrelang eine Schublade blockieren, weil man sie vielleicht irgendwann noch mal brauchen könnte, tolerieren wir nicht mehr. Und einiges Anderes hat sich geändert. Manches merklich, manches unmerklich.

Drei Wochen nach Rückkehr habe ich einen „Was mache ich denn hier in dieser Welt?’“ Tag. Aber der verfliegt schnell, am nächsten Tag freue ich mich wieder, in Deutschland und bei meiner Arbeit zu sein.

Möglicherweise kommt der tiefe Einbruch noch, meist so drei bis vier Monate nach der Rückkehr, haben uns Freunde berichtet. Warten wir‘s ab!

Vorerst warten wir voller Ungeduld auf den Hano – denn erst wenn er wieder bei uns ist, wird die Reise wirklich zu Ende sein! Wir sind ja nur der (unbedeutendere) Teil der gesamten Expedition – schließlich hat er den Großteil der Arbeit verrichtet: Er hat uns mehr als 17.000 km durch einen faszinierenden Kontinent geschaukelt, wobei er über 200.000 Höhenmeter überwinden musste! Er hat stundenlang geduldig stillgehalten, wenn Torsten wieder mal repariert hat. Er ist auch bei mehr als 5.000 m.ü.N.N. oder Temperaturen von -15°C wieder angesprungen – manchmal mit Leiern, Stottern und Rauchen, aber immer treu. Und hat nachts Wache gehalten und mit den Sternen geflüstert, während wir selig geschlafen und von neuen Abenteuern geträumt haben. Wir haben ihm viel zu verdanken.

Letzte Station in Südamerika: Cartagena

Letzte Station in Südamerika: Cartagena

9.-15.3. 2018

Am 9.3. geben wir den Hano im Hafen von Cartagena ab. Ein mulmiges Gefühl nach 6 Monaten engster räumlicher Verbundenheit. Wie wird es sein, in einem normalen Bett zu schlafen? Auswärts zu essen? Das Duschwasser nicht rationieren zu müssen – werden wir dem Wasser dieselbe hohe Bedeutung beimessen wie unterwegs, oder es einfach unachtsam laufen lassen, weil es ja plötzlich im Überfluss aus dem Hahn kommt, so wie Strom aus der Steckdose?

Über die Auflagen der Reederei, des Zolls und der Hafenbehörden, die Vorbereitung und Abgabe des Hano könnte man ein eigenes Buch schreiben. Möglicherweise folgt zu einem späteren Zeitpunkt ein rückblickender Blogeintrag.

Nach dem Abschied werden wir von unserem Hafenagenten zu unserem Hostal „La Magdalena“ gefahren. Ein hübsches kleines Hostal, keine zehn Gehminuten vom berühmten Uhrturm entfernt, hinter dem die eigentliche Altstadt Cartagenas beginnt.

Die Altstadt ist recht hübsch, aber im Grunde hat man nach einem Tag vielleicht nicht alles, aber genug gesehen. Enge Gässchen, hübsche alte Kolonialhäuser (na ja – was gut aussieht, sind moderne Betonbauten auf alt gemacht, und die Häuser, die tatsächlich schon 200 Jahre alt sind, wirkten meist eher baufällig als ansprechend…). Da wir oft gelesen haben, dass Cartagena eine der schönsten Städte in Südamerika sein soll, sind wir im Nachhinein nicht traurig, dass wir so wenige besichtigt haben. In den engen Gässchen der Altstadt heizen tagsüber die Autos. Nachts fahren hier Kutschen Besucher spazieren. Die Bürgersteige sind sehr schmal, und zur Hälfte oder ganz von Kunsthandwerk und dessen Verkäufern belegt. So muss man also Slalom laufen, aufpassen, dass man nicht überfahren wird, und jede Unterhaltung wird nach spätestens zwei Sätzen dadurch unterbrochen, dass einem jemand etwas verkaufen will, eine Mahlzeit anbieten will, … Einige Verkäufer bieten wohl tatsächlich original kolumbianische Handarbeit an. Bei anderen Ständen gleichen sich die Artikel so sehr, dass wir eher auf Massenproduktion aus China tippen. Als Laie ist es unmöglich, unter all dem Feilgebotenen das Echte vom Nachgemachten zu unterscheiden.

Wir müssen noch bis zur Drogenkontrolle des Hano im Hafen warten und können dann erst den Rückflug buchen. Die Drogenkontralle darf frühestens 24 Stunden vor Abfahrt des Schiffs mit Anwesenheitspflicht des Fahrzeughalters erfolgen. Also nehmen wir uns Zeit, einige Museen zu besuchen. Absolut spannend und lohnenswert war aus unserer Sicht das „Museo Naval del Caribe“, das parallel zur Geschichte der Schifffahrt und der Hafenanlagen die Geschichte der Stadt erzählt, welche wiederum in die europäische Geschichte eingebettet wird. Außerdem erfährt man viele Fakten und Anekdötchen über Angriffe auf die Stadt durch Freibeuter und Piraten – von Sir Francis Drake im Auftrag Elizabeths der I. bis hin zum Baron de Pointis im Auftrag Ludwigs des XIV wollten sich alle hier bereichern.

Im Goldmuseum kann man viele liebevoll arrangierte Exponate bewundern, die sorgfältig zu Epochen und Landstrichen zugeordnet sind, sodass wir viele Exponate den Stationen unserer Reise zuordnen können. Die Miniaturen aus San Agustín und Tierradentro erkennen wir auch ohne Begleittext wieder – die Figuren, die dort meterhoch in Stein gemeißelt waren, finden wir hier als kunstvoll in Gold getriebene Amulette wieder. Das ermöglicht uns einen schönen Rückblick auf unsere Zeit in Kolumbien, und die Stationen erstrahlen plötzlich in unserer Erinnerung in noch schönerem Glanz. Zudem gibt es drei kurze, sehr aufschlussreiche Lehrfilme über die alten Verfahren der Goldgewinnung und –verarbeitung. Endlich mal nicht stundenlanges Blabla, sondern hervorragend aufbereitete Informationen über das Wesentliche. Eine echte Wohltat. Wir waren zweimal dort!

Nur mäßig beeindruckend fanden wir hingegen das Castillo de San Felipe, immerhin die größte Festung in Südamerika. Auf massivem Fels wurde in mehreren Bauabschnitten ein verwirrendes System aus Mauern, Tunneln und Innenhöfen geschaffen, wodurch es uneinnehmbar wurde. Das ist schon nicht ganz unbeeindruckend. Allerdings wurde diese Festung zwischenzeitlich aufgegeben und als Baumaterial ausgeschlachtet. D.h. die Mauern, auf denen man heute wieder herumlaufen kann, sind nicht original, sondern wurden ab den 1930’er Jahren restauriert. Das erinnert uns irgendwie an die kolonialen Betonhäuser in der Altstadt… Uns kommt es vor, als würde man die Restauration nicht nur sehen, sondern auch fühlen – echte Ehrfurcht wie an anderen historischen Stellen stellt sich nicht ein.

Endlich lässt der Termin für die Drogenkontrolle dann ein Ende unseres Aufenthaltes absehen. Der gesamte Verschiffungsvorgang würde einen eigenen überlangen Blogeintrag beanspruchen, hier nur die komprimierte Version. Die Kontrolle verlief glücklicherweise weniger scharf als erwartet. Bisweilen kommt es vor, dass der Fahrzeughalter allein (denn nur der Halter darf zur Kontrolle in den Hafen!) den gesamten Fahrzeuginhalt ausräumen muss. Der Hano wurde zwar gründlich inspiziert, aber das komplette Ausräumen blieb Torsten zum Glück erspart. Die besonders gründliche Kontrolle begründet sich an der Abwesenheit des Drogenhundes wegen Unpässlichkeit. So wurde es im Protokoll des Zollbeamten vermerkt. Am Abend haben wir dann unseren Rückflug gebucht, und den guten Abschluss der Verladeformalitäten mit unserem Lieblingsbier „Club Colombia“ gefeiert und mit einem leckeren „Ron de Medellín“ ausklingen lassen.

Beim Rückflug gab es noch eine kleine Zitterpartie, es wäre ja zu langweilig gewesen und hätte den Charakter der Reise nicht getroffen, wenn alles reibungslos abgelaufen wäre. Wir hatten eine Code-Nummer für das Online-Tracking des Hano erhalten, die es uns ermöglichen sollte, seinen Aufenthaltsort jederzeit zu verfolgen. Das setzt natürlich voraus, dass alle Vorgänge ordnungsgemäß ins Tracking-System eingetragen werden. Als in Cartatgena das Boarding beginnt, ist das Schiff laut Homepage der Reederei bereits unterwegs Panama, der Hano steht aber laut Tracking noch im Hafen. Steht er dort tatsächlich noch oder ist er nur noch nicht eingebucht? Wir überlegen kurz, ob wir fliegen sollen – denn wenn der Hano tatsächlich nicht auf dem Schiff ist, wird Torsten nochmal beim Hafen vorsprechen müssen. Wir fliegen dann, mit nicht zu leugnender Anspannung. Als wir dann beim Umsteigen in Miami dann die Nachricht von unserem Agenten erhalten, dass der Hano verladen wurde und sanft auf den Wogen der Karibik schaukelt, fällt uns ein riesengroßer Stein vom Herzen. In Ermangelung einer Alternative begießen wir das fröhliche Ereignis mit dem schlechtesten und teuersten Bier aller Zeiten: einem amerikanischen Budweiser, das uns satte 9 US$ pro Pint kostet. Dadurch wird es uns aber lange in Erinnerung bleiben – und wir wertschätzen rückwirkend noch mal die Qualität der Biere in Südamerika.

Karibik

Karibik

27.2.-5.3.2018

Wir eilen in zweieinhalb Fahrtagen von dem Kaffeeanbaugebiet bei Salento nach Norden. Bergauf, bergab keucht der Hano ins Tal des Rio Magdalena, dann sind wir in der Ebene angekommen und der Hano galoppiert wie eine Gazelle nach Norden in Richtung Karibik-Küste. Während wir im Süden des Landes noch viele kleine Häuschen und Höfe mit kleinen, aber feinen abwechslungsreichen Plantagen gesehen haben, bekommen wir entlang der Ruta 45 nördlich von La Dorada einen ziemlichen Schock: Wie wir schon vermutet hatten, ist der ursprüngliche Tropenwald seit Jahrzehnten abgeholzt, stattdessen reiht sich etwa 1000 km lang Großplantage an Großplantage – selbstredend afrikanische Ölpalmen, keine einheimischen. Im Norden dann zur Abwechslung auch mal Bananen, die Fruchtstände sorgfältig unter Plastikfolie geschützt. Und der Müll in der Landschaft nimmt zu, um an der touristisch überlaufenen Karibik-Küste sein Maximum zu erreichen.

An der Küste erreichen wir Santa Marta, eine der ältesten Städte Kolumbiens, mit einigen angrenzenden Nationalparks. Zunächst fahren wir in das kleine Bergdorf Minca, von wo aus man gut wandern und den Nationalpark Sierra Nevada besuchen kann, der sehr schön sein soll. Für Backpacker wohl genial, es gibt viele nette kleine Fincas zum Übernachten. Der Ort ist aber nicht auf Camper eingestellt. Die Zufahrten zu den Fincas haben niedrige Tore, sodass als einzige Übernachtungsmöglichkeit drei kleine Parkplätze direkt an der Straße bleiben. Nicht dass die Straße stark befahren wäre – aber es flanieren Heerscharen von Spaziergängern auf dieser kleinen Straße, und wir sind es so langsam leid, dass jeder unseren Hano bewundert und das Gespräch mit uns sucht. Also lassen wir die Berge Berge sein und fahren wieder Richtung Strand nach Taganga. Laut Beschreibung im Internet ein romantischer kleiner Fischerort mit dem Charme eines verschlafenen Seeräubernests, klingt ja spannend. Die Realität ist dann etwas ernüchternd – in Strandnähe wird man unentwegt angequatscht, ob man nicht hier oder dort essen oder einen Café trinken will, ob man nicht eine Bootsausfahrt zu den einsamen Stränden im angrenzenden Tayrona-Nationalpark machen will, usw. Wir hätten lieber dem Rauschen des Meeres und des Windes zugehört, aber als Gringo ist man hier Freiwild für die Marktschreier… Immerhin finden wir eine sehr ansprechende Tauchbasis und wollen ein paar Tauchgänge machen. Doch wir haben Pech, die See ist gerade aufgewühlt mit geringen Sichtweiten. Wir freuen uns über die Ehrlichkeit des Basisbesitzers und beschließen, für ein paar Tage weiter nach Osten zu fahren, und dann nach Abflauen der starken Winde zum Tauchen zurück zu kommen. Am anderen Ende des Tayrona Nationalparks finden wir dann auf einem Campingplatz mit dem klangvollen Namen „Los Angeles“ die ersehnte Ruhe und Naturnähe und verbringen drei entspannte Tage. Den Stellplatz des Hano mit Meeresblick suchen wir sorgfältig zwischen den Kokospalmen aus – es ist gar nicht so einfach, einen Platz zu finden, an dem man ausreichend kühlenden Baumschatten hat, aber nicht durch herabfallende Kokosnüsse gefährdet ist. Mehrmals täglich lösen sich Früchte und stürzen unter respekteinflößendem Gepolter auf den Boden. Nicht auszudenken, was passiert, wenn einem solch eine beschleunigte Nuss auf den Kopf fällt! Was für viele der Inbegriff der Romantik ist, wird hier zur handfesten Bedrohung!

Ein paar schräge Gesellen gibt es auf diesem Platz auch, aber so wenige, dass sie eher eine willkommene Abwechslung sind. Am ersten Nachmittag kommt ein Kolumbianer und referiert über Gott, den Teufel und den Tod. Natürlich auf Spanisch, daher habe ich von seiner Ansprache kaum mehr als diese drei Schlagworte verstanden. Dann klettert er mit nackten Füßen auf eine Kokospalme, hackt eine trinkreife Frucht los, wieselt wieder hinab und überreicht sie uns. Wir sind verdutzt, und noch ehe ich ein paar Pesos aus meiner Tasche kramen kann, ist er schon verschwunden. Er wollte uns offensichtlich wirklich nur selbstlos missionieren und beschenken. Netter Kerl, und schade, dass unser Spanisch nicht ausreichte, um seine Botschaften zu verstehen! Torsten freut sich über die neuerliche Aufgabe für unsere Machete. Schon auf der 2 km langen Zufahrt zu diesem Campingplatz hat sie den Weg für den Hano frei gehauen. Mit ein paar gekonnten Schlägen öffnet Torsten die Nuss und wir trinken den leckeren Saft. Die nächste kuriose Gestalt: An allen drei Morgen kommt ein Frühstücks-Verkäufer über den Platz. Jedesmal kommt er erst dann, wenn sich unser Frühstück schon zu Ende neigt, die Teller und Tassen aber noch halb gefüllt sind. Er bietet uns etwas zu Essen und heiße Getränke an und zeigt sich ganz verdutzt, dass wir ablehnen. Bewundernswerte Beharrlichkeit!

Wir genießen das warme Wetter, den Wind und die Strandspaziergänge. Aber wie schon in vorangegangenen Tauchurlauben merken wir, dass die Karibik über Wasser nicht unsere Welt ist. Schön, beschaulich, aber nicht wirklich mitreißend. Nach drei Tagen sind wir mehr als „satt“. Zudem ist der Norden Kolumbiens vollkommen vom US-amerikanischen Tourismus überformt. Daher sind wir auch nicht allzu böse, als wir erfahren, dass unser Schiff gestrichen wurde, und wir nun die Möglichkeit haben, eine Woche früher oder vier Wochen später nach Hause zu fahren. Wir entscheiden uns für eine Woche früher – zwar bleibt uns dadurch leider keine Zeit mehr, um Tauchen zu gehen, aber irgendwie wissen wir nicht, was wir hier noch vier Wochen lang machen sollten. Schade, dass der Altiplano so weit weg ist – in den hochgelegenen Wüsten zwischen Bolivien und Nordargentinien wären wir sofort noch mal vier Wochen auf Tour gegangen!

 

Eingeseift in der Wüste

Eingeseift in der Wüste

  1. Februar 2018

 

Wir sind zwar keine Geologen, aber unter einer Wüste haben wir uns eine trockene Landschaft mit sehr wenig Fauna und Flora vorgestellt. Als wir von Villavieja in die Tatacoa-Wüste abbiegen, staunen wir nicht schlecht: Entlang der immer abenteuerlicher werdenden Piste wechseln sich Kuh- und Schafweiden ab. Apart mit Stacheldraht eingezäunt. Gräser und Büsche zieren diese Weiden. Wir Geologie-Banausen hätten diese Landschaft als Steppe eingestuft. Etwa jeden Kilometer trifft man auf ein Restaurant / Hospedaje mit Campingmöglichkeit und Pool. Nach 6 km kommt der erste „Wüsten“-Abschnitt: rote Felsen, die mit meterhohen Kakteen bewachsen sind. Bei einem Restaurant kann man parken und einen 2…6 km langen Rundweg durch diesen kleinen Wüstenabschnitt spazieren. Sehr beschaulich, aber es prickelt uns nicht wirklich, zumal heute Sonntag ist und somit sehr viele Besucher hier sind. Wir beschließen weiter zu fahren, uns einen ruhigen Platz für die Nacht zu suchen und ggf. morgen vor Sonnenaufgang wiederzukommen.

Also wer weite leere Wüstenlandschaften mit unendlich scheinender Freiheit sucht, fahre besser nach Südwest-Bolivien oder Nordwest-Argentinien. Wer einfach eine farbliche Abwechslung zu dieser üppigen grünen Landschaft sucht, ist hier genau richtig.

Wir fahren weiter, bis ans Ende der in GoogleMaps verzeichneten Piste. 7 km entfernt soll es im Niemansland einen Campingplatz geben. Frei stehen ist nicht möglich, da das gesamte Gebiet eingezäunt ist. Die Piste wird schmaler und huppeliger und führt nicht gerade in Richtung des Campingplatzes. Wir fahren sie dennoch weiter. Nach 5 km kommt tatsächlich ein Wegweiser Valle de Constellaciones, 11 km. Juhu! Wir folgen dieser Piste und finden den völlig abgeschiedenen Campingplatz. Auch er hat einen Pool, einige kleine hübsche Hütten sind zu vermieten. Von den Toiletten aus hat man einen weiten Panoramablick über die Steppe/Wüste, anstatt Türen gibt es Vorhänge, die man zuziehen könnte, aber weshalb denn, wir sind ja die Einzigen hier.

Als wir abends draußen kochen und bei Einbruch der Dämmerung die Türe kurz offen stehen lassen, hält eine geballte Biodiversität Einzug in den Hano: Falter in verschiedensten Größen und Formen. Und dann beginnt es zu regnen, die ganze Nacht hindurch. Keine idiotensichere Wüste -wir schaffen es mal wieder, auch hier schlechtes Wetter zu erwischen.

Am nächsten Morgen frage ich den Campingplatzwart, ob wir zurückfahren müssen, oder der Piste weiter folgen können. Die Piste gehe weiter, bestätigt er, beide Wege seien etwa gleich weit. Wir überlegen noch kurz, ob wir warten sollen, bis die Wege trocken sind. Allerdings sieht es nach weiterem Regen aus, nicht nach Trockenwetter, also fahren wir den unbekannten Pistenabschnitt weiter. Uns erwarten 25 km Matsch-Abenteuer. Da der Hano keine Differenzialsperre hat, und die Wege teilweise nur einseitig im Matsch liegen, während auf der anderen Seite fester Untergrund ist, kommen mal wieder besondere Maßnahmen zum Einsatz: Wo überhängende Bäume (wohlgemerkt in der Wüste!) uns in den Matsch zwingen wollen, haut die Machete uns den Weg frei. Wo zu starke Steigungen oder einseitiger Matsch unumgänglich sind, verfüllt der Spaten den Matsch so lange mit Steinen, bis der Hano gazellengleich darüberschweben kann. Wo ausnahmsweise keine Weide die Piste zäunt, bahnt sich der Hano seinen Weg über felsigen / sandigen Untergrund rechts und links der Piste.

Ein spannendes Abenteuer, doch wer hätte gedacht, dass wir unsere erste Schlammfahrt auf dieser Reise ausgerechnet in der Tatacoa-Wüste haben würden?

Die beschaulichen roten Felsen mit den grünen Kakteen-Farbtupfern haben wir nicht mehr besucht. Sie dürfen andere Besucher erfreuen, oder uns auf einer nächsten Reise… Dennoch ein toller Abstecher, den wir nicht missen möchten!

Alte Kulturen in Kolumbien

Alte Kulturen in Kolumbien

15.-17. Februar 2018

Die vorkolumbianischen Kulturen in Südamerika haben uns bisher nicht vom Hocker gerissen. Runde und eckige Grundmauern kennen wir aus Europa, irgendwie folgen menschliche Behausungen doch weltweit sehr ähnlichen Mustern. Auch die Tonscherben sehen sich überall auf der Welt irgendwie sehr ähnlich. Angenehm überrascht waren wir, als wir in Bolivien in einem abgelegenen Seitental, in dem wir eine Übernachtungsmöglichkeit suchten, auf Grabtürme aus Adobe stießen. Sie leuchteten rot in der Abendsonne, und da es nur etwa 10 Türme waren, fernab jeglicher Touristenrouten, waren außer uns dort nur einige Lamas. Ein herrlicher und ergreifender Anblick.

Die Festung Sayhuaman in Cusco, Peru, hatte uns mit ihren Mauern aus fugenlos ineinandergefügten riesigen Steinblöcken fasziniert.

Das waren bisher die Höhepunkte für uns gewesen, und wir waren nicht sicher, ob wir wirklich die Umwege über unerquickliche Pisten für die archäologischen Stätten in Süd-Kolumbien fahren sollten. Wie gut, dass wir die Huckelei auf uns genommen (und dem Hano zugemutet) haben!

Zuerst kommen wir nach Alto de los Idolos. Hier gibt es alte Gräber (1…1500 nach Christus), die an die Allees Couvertes in der Bretagne erinnern. Allerdings haben all diese Gräber einen Wächter aus Stein: in der Regel Steinplatten (wenige sind als Relief ausgearbeitet), in die (menschliche?) Figuren mit übergroßen und überbreiten Gesichtern eingemeißelt sind. Beeindruckende Wächter -mich hätten sie auf jeden Fall am Weitergehen gehindert. Das Faszinierendste an los Idolos ist, dass die Gräber mit Wächtern erhalten (bzw. wieder aufgestellt) sind. Außerdem sind wir allein und genießen die Ruhe an diesem andächtigen Ort.

Einen Tag später besichtigen wir die bekanntere und gut besuchte (wenn auch nicht überlaufene) archäologische Stätte in San Agustin. Hier stehen über 100 Grabwächter, jedoch ohne Gräber. Die Einbettung der Figuren in die Ruhestätten der Ahnen spürt man hier nicht so gut, wie in los Idolos. Eindrucksvoll ist die Vielfalt an Figuren, die Unterschiede in den Handhaltungen und in der Ausgestaltung der Gesichter: runde Augen, halbrunde, eckige, Schlitze. Fast alle Gesichter fletschen die Zähne und haben übergroße Eckzähne.

Frühere und ganz anders angelegte Grabstätten finden sich in Tierradentro. Laut Luftlinie ganz in der Nähe, jedoch muss man 200 km abenteuerliche Straßen und Pisten fahren, um hierher zu gelangen. Hier befinden sich einzigartige Grabhöhlen. Einige sind ausgegraben, viele weitere werden noch auf den umliegenden Feldern unter dem fruchtbaren Ackerboden vermutet. Man steigt über die originalen rundgewaschenen überhohen Stufen hinab in die Gräber. Noch ziert kein Geländer diese Zugänge, man muss schon etwas Geschicklichkeit walten lassen, um hinunter und wieder hinauf zu kommen. Allerdings wurden Lampen mit Bewegungsmeldern installiert, sodass man unten mit schwacher Beleuchtung die Verzierungen an den Wänden der Gräber erkennen kann. Jedes Grab hat einen zentralen Innenraum, umgeben von 7 Nischen, in denen teilweise Urnen gefunden wurden. Teilweise verfügen die Innenräume noch über Säulen. An den Säulen sind Ornamente oder Köpfe eingemeißelt, viele Wände der Nischen sind mit einfachen regelmäßigen Mustern verziert, in blauer und roter Farbe. Sehr beeindruckende Stätten!

Diese Gräber liegen in einem sehr fruchtbaren Gebiet, wir sehen rundum Kaffeeplantagen und Bananenstauden. Als wir ein paar vergessenen Kaffeekirschen öffnen und uns fröhliche Würmer entgegenschauen, wissen wir, dass der Kaffee hier echt bio ist. Und nachdem uns ein Architekt, der eine nahegelegene Kirche restauriert und glücklicherweise gut englisch spricht, bestätigt, dass der beste Kaffee Kolumbiens von hier stammt, und nicht aus dem berühmten Kaffegebiet um Manizales, ist klar, dass wir am Abend einen Einkaufsbummel in den Ort machen, um getrocknete, aber ungeröstete Kaffeesamen zu erstehen. Seit dem Kakaorösten hat sich unsere Technologie schon weiter entwickelt: Geröstet wird im heißen Luftstrom im Nudelsieb. Klein gepulvert wird beim ersten Versuch im Mörser, beim zweiten dann etwas feiner in der Pfeffermühle. Die Ergebnisse sind schon sehr lecker, ein superfeines Aroma. Nichtsdestotrotz werden wir bei weiteren Ansätzen das Verfahren weiter entwickeln. Es erfreut uns immer wieder, wenn wir an einem Ort nicht nur das finden, was uns die Karte, der Reiseführer, oder ein Tipp anderer Reisender versprochen haben, sondern wenn sich zu diesen großen Höhepunkten noch eine weitere unverhoffte kleine Entdeckung gesellt!

Festgefahren

Festgefahren

  1. Februar 2018

 

Andere Reisende können von spektakulären Situationen berichten, in denen sich ihre Gefährte so in den Untergrund eingewühlt hatten, dass sie nur mit fremder Hilfe wieder herauskamen. Wir haben von Reisebekannten faszinierende Fotos gesehen, wie ihr Gefährt im Salar Uyuni eingebrochen ist, und in vier Tagen von einer Kompanie Soldaten wieder ausgebuddelt werden musste. Was für ein Abenteuer!

Wir selbst sind durch viele sandige Untergründe gefahren in abgelegenen Wüsten und grandiosen Landschaften. Niemals hat sich der Hano festgewühlt. Bis heute. Und wie banal!

Wir fahren gerade vom Dschungel zurück Richtung Zivilisation auf einer relativ guten Betonstraße und sehen den ersten Handymasten. Wir beschließen, bei nächster Gelegenheit zu halten, und diese kommt schon nach 500 m in Form eines Feldweges. Weil Torsten so rücksichtsvoll ist, bleibt er nicht mitten auf dem Weg stehen, sondern rangiert neben den Weg ins Gras. Plötzlich gibt es einen starken Schaukler, und der Hano steht schräg. Was ist passiert? Das linke Hinterrad ist eingesunken, und der Hano sitzt auf zwei Staukisten auf – der hintersten linken sowie der hinteren.    Was man wegen des üppigen Grases nicht sehen konnte: hier läuft der Ablauf einer Kuhweide entlang: frisches Bergwasser – vermischt mit Gülle…

Danach erleben wir mal wieder absolute ecuadorianische Hilfsbereitschaft: Während Torsten zu schaufeln beginnt, gehe ich zum nächstgelegenen Hof, der glücklicherweise keinen Kilometer weit entfernt liegt. Zunächst sehe ich niemanden, die Hunde begrüßen mich Gott sei Dank mit freundlichem Schwanzwedeln, ohne Kläffen oder Hochspringen, und nach einigen Rufen kommt ein Mann mit Machete aus dem Unterholz. Ich erkläre ihm die Situation und er ruft einen Freund mit Traktor im nächsten Ort an. Er kommt aber erst noch einmal mit, um sich die Situation genau anzusehen und seinem Freund dann zu sagen, welchen Traktor er nehmen sollte. Während wir gemeinsam zum festgefahrenen Hano marschieren, sehen wir, wie ein LKW am Hano vorbeifährt, bremst, den Warnblinker setzt und dann rückwärts zurück in den Feldweg fährt. Die Fahrer haben an der starken Verschränkung der Achsen erkannt, dass der Hano festsitzt, und haben angehalten um zu helfen! Torsten schaufelt noch immer an der straßenabgewandten Seite und traut seinen Augen kaum, dass quasi zeitgleich von zwei Seiten Hilfe kommt.

Der LKW ist kaum größer als der Hano, dennoch schaffen sie es beim zweiten Anlauf, ihn aus der Gülle zu befreien. Sie machen vorher und nachher einige Fotos vom Hano und haben sichtbare Freude daran, uns zu helfen. Ein kleines Trinkgeld für einen Café lehnen sie strikt ab. Und der Mann von dem Hof, den wir mit dem Hano zurückfahren, bedankt sich tausendmal bei uns, das er im Hano mitfahren durfte.

Am nächsten Fluss halten wir an, spülen die beiden Staukästen und das Rad ab, und richten die Staukästen wieder – weiter geht’s! Nur die Lust auf Internet ist uns vergangen (der Handymast ist mittlerweile auch schon arg weit weg), weshalb diese Blogeinträge dann eben mal wieder warten müssen.

P.S. Diese Hilfsbereitschaft können wir gleich am nächsten Tag erwidern: Als wir mit rasanten 15 km/h eine lange Steigung hinauffahren, sehen wir ein Auto am Straßenrand stehen, aus dessen Motorhaube dichte Dampfschwaden herausziehen. Wir halten an, ich bleibe beim Hano und Torsten geht zu dem dampfenden Fahrzeug. Fahrer und Familie stehen ganz paralysiert neben dem Auto. Torsten öffnet die Motorhaube, sieht, dass das Kühlwasser übergekocht ist (übrigens auch ein Chevrolet, wie in Argentinien am Pass Abra el Acay…), holt unseren 10 Liter Faltkanister und füllt 5 Liter Wasser nach, mit dem Hinweis, bei nächster Gelegenheit Kühlerfrostschutz nachzufüllen. Die Familie ist immer noch schreckensstarr und dankbar, dass alles gerichtet ist.

Gegenüber liegt auch ein PKW, an dem zwei Männer reparieren. Als diese Gruppe junger Leute den Wasserbeutel sieht, schicken Sie das hübscheste Mädel rüber um Torsten um etwas Wasser zu bitten, damit sich die beiden Jungs die Hände waschen können. Die Reparatur haben sie schon hinbekommen, sind aber bis über die Ellenbogen hinauf schwarz.

So wäscht im wahrsten Sinne des Wortes eine Hand die andere!

Kakao rösten im Dschungel

Kakao rösten im Dschungel

7.-8. Februar 2018

 

Uns zieht es wieder in den Dschungel, um diese faszinierende Landschaft noch einmal auf eigene Faust zu erleben. Klar, dass wir dann – anders als bei der Manu-Tour – nur in die Kulturzone vordringen können, aber mehr ist für Anfänger wie uns ja auch nicht empfehlenswert.

Eigentlich wollten wir von Quito aus in den ecuadorianischen Dschungel fahren, und von dort nach Kolumbien weiterfahren. Als wir das unseren Freunden in Quito erzählen, werden sie bleich und raten uns heftig ab. Die kolumbianische Guerilla ist seit einigen Wochen wieder sehr aktiv im Süden des Landes, und kommt bisweilen auch über die Grenze. Vor einigen Wochen haben sie nachts im ecuadorianischen San Lorenzo eine Polizeistation samt wachhabenden Beamten in die Luft gesprengt. Nur die Panamericana sei im Grenzgebiet polizeilich hinreichend gesichert, die Küste sowie den Dschungel im Grenzgebiet sollten wir meiden. Das überzeugt uns. Was nun?

Wir beschliessen also, in Ecuador nochmals zurück nach Süden in den Dschungel zu fahren, dort kommt man bei Misahualli an den Rio Napo, der wie der Rio Manu ein direkter Zufluss des Amazonas ist. Ullrich vermittelt uns den Freund eines ehemaligen Studenten, bei dem wir im Hof wohnen können, und der dort eine Ausbildung zum Tourguide macht. So ganz auf eigene Faust ist dieser kurze Dschungelausflug nun also doch nicht, aber für uns eine perfekte Mischung: Als wir abends ankommen, vermittelt uns Mauricio gleich eine nächtliche Ruderbootfahrt auf einer Lagune. Nachts waren wir im Dschungel noch nicht auf dem Wasser – eine ganz neue Erfahrung. Es ist ziemlich ruhig, aber deswegen nicht weniger faszinierend. Wir sehen nur einen Klammeraffen von Weitem, und einige Vögel ganz dicht, die sich auf Ästen, die weit über das Wasser hängen, vor Fressfeinden in Sicherheit gebracht haben. Wir beleuchten sie nur vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken. Im Wasser platscht es – klar, dass man in der Lagune für die Touristen einige besondere Fische angesiedelt hat. Sie sind zwar nicht natürlich hierher gekommen, aber sie befinden sich in einem ausreichend großen natürlichen Lebensraum. So sehen wir also auch zwei „Paiches“ bzw. Arapaimas, die größten Süßwasserfische der Erde. Bis zu 3,50 m können Sie lang werden, unsere beiden Exemplare sind nur über einen Meter lang, aber dennoch beeindruckend.

Am nächsten Morgen sieht Mauricio beim Frühstück unser Kakaopulver sowie die Kakaoplätzchen, die man in Wasser oder Milch auflösen soll. Das ist doch gar nichts – macht uns Mauricio klar. Er holt die Samen, die wir schon tags zuvor aus seiner Mauer in der Sonne haben trocknen sehen. Kakaobohnen. Die rösten wir nun zusammen, damit wir echten frischen Dschungelkakao herstellen und genießen können. Die Bohnen werden zunächst geröstet, dann wird mit der Hand die Haut abgepuhlt, dann weiter geröstet. Dann wird der Kakao üblicherweise gemahlen. In Ermangelung einer Mühle hämmern die beiden Männer die Bohnen klein. Nun wird der (noch recht grobe) Kakao mit Zucker weiter geröstet, dann nochmals möglichst fein gehämmert, und nochmals geröstet. Viel Arbeit für drei Tassen Kakao! Während die Männer rösten und hämmern, bereite ich die Bohnen für die nächste Woche vor: Die Kakaofrucht wird gepflückt und aufgeklopft. Im Inneren befindet sich das weiße Fruchtfleisch, darin die Samen. Man kann die noch weichen Samen auch direkt essen, das Fruchtfleisch schmeckt erfrischend säuerlich, und beides zusammen köstlich. Aber dann bekommt man ja keinen Kakao. Also nimmt man den von Fruchtfleisch umgebenen Samen in den Mund, „zutzelt“ das Fruchtfleisch ab, und legt den Samen danach für etwa fünf Tage in die Sonne zum Trocknen. Dann wird er geröstet usw. wie oben beschrieben. Es ist unnötig zu erwähnen, dass dies der köstlichste Kakao war, den wir je getrunken haben. Meine gezutzelten Samen trocknen im Hano nur langsam, der nächste eigene Kakao lässt also noch auf sich warten.

Dann bringt uns Mauricio zu einem Dschungelpfad, auf dem wir in den nächsten Stunden eine Wanderung auf eigene Faust unternehmen. Auf den Pfaden ist man relativ sicher. Die Tiere meiden sie, nur einige Spinnweben hängen vereinzelt über den Weg. Aber bitte nichts anfassen, und sich nicht an die Bäume lehnen! Dort können versteckte Insekten, insbesondere Ameisen, in die Hand beißen. Der Biss der 4 cm großen Conga-Ameisen (Schreibweise nach Gehör), vor denen wir schon auf der Manu-Tour gewarnt wurden, verursacht nämlich zwei Stunden lang höllische Schmerzen und eine Woche lang Fieber. Also behalten wir unsere Hände gut bei uns! Wir sehen spannende Bäume, erkennen viele wieder, und konzentrieren uns bei diesem Spaziergang auf die Insekten. Erstens sind diese relativ einfach selbst zu entdecken, und zweitens kommen sie bei geführten Touren oft zu kurz, da die meisten Führer einem die spektakuläreren Tiere wie Vögel und Affen zeigen wollen. Wir genießen diese erste eigene Dschungeltour aus vollen Zügen, und kommen sogar bis zum Ufer des Rio Napo und an einen kleinen Wasserfall. Mauricio ist erstaunt, wie weit wir hin- und vor allem wieder zurück kamen, denn bis zum Wasserfall gibt es einige Abzweigungen, die auf dem Rückweg nicht immer einfach wiederzuerkennen sind…

Abends spazieren wir im Ort am Rio Napu entlang. Das Gefälle ist groß und die Strömung sehr schnell, vermutlich ist deswegen das Wasser so klar. Der deutlich langsamer fließende Rio Manu war ja eine trübe graue / braune Brühe gewesen. Wir schauen ein paar Fische vom Ufer aus an, aber baden gehen wir vorsichtshalber nicht, auch wenn andere Touristen das tun. Das war ein kurzer, aber intensiver Abstecher in den Dschungel, und wir hoffen, mit Mauricio Kontakt halten zu können. Wir drei sind uns gegenseitig richtig ans Herz gewachsen. Wir haben bei ihm im Obstgarten gewohnt, ihn dafür mit bekocht, es war eine völlig unkomplizierte Begegnung! Und das Feuer, das im Manu Nationalpark entfacht wurde, lodert nun noch heißer: Eine Dschungelreise ohne Hano in das Herzen Amazoniens steht auf dem Reiseplan der nächsten Jahre ganz oben!

Quito intensiv

Quito intensiv

5.-6. Februar 2018

 

Kurz und intensiv war der Besuch bei unserem Studienfreund Ullrich und seiner ecuadorianischen Familie. Die gesamte Familie hat uns sehr warmherzig und gastfreundlich aufgenommen, wir dürfen nicht im Hano schlafen, sondern in Ulli&Hildas Schlafzimmer!

Am 6.2. geht es früh raus, die Arbeitstage in Ecuador sind lang. Um 4:30 stehen wir auf, 5:00 gemeinsames Frühstück, 5:40 geht es los, um dem schlimmsten Verkehr in Quito zuvorzukommen. Um 7:00 sticht Ullrich an der Uni ein – die Professoren haben hier ein genaues Stundenpensum vorgegeben! Bis 9:00 besichtigen wir verschiedene Labors der Fakultät für Chemieingenieurswesen, sehr eindrucksvoll. Dann haben wir Freizeit: Jorge, der ehemalige Vize-Dekan, der auch im Ruhestand täglich an die Uni kommt, forscht heute ausnahmsweise mal nicht, sondern spielt Fremdenführer für uns. Wir fahren zusammen in die Altstadt, und besichtigen gefühlte 100 faszinierende Kirchen. Tatsächlich waren es glaube ich nur 8. Die verschiedenen Orden und Glaubensrichtungen haben sich hier versucht, gegenseitig zu übertrumpfen. So viele faszinierende Kirchen auf so engem Raum! Wir sehen auch das Haus, in dem Alexander von Humboldt gewohnt hat, die ehemalige Uni, in der jetzt das Kulturdezernat ist, und die schönsten Stadtteile von Quito. Punkt 3:00 Uhr sind wir nach einem leckeren landestypischen Mittagessen wieder an der Uni – es findet eine Vorbesprechung für ein Kakao-Schokolade-Projekt statt, an der wir teilnehmen dürfen. Sehr spannend, vielleicht sind hier Kooperationen möglich… Um 16:30 muss Ullrich eine schriftliche Prüfung abnehmen. Organik 3. Torsten schreibt mit (er antwortet allerdings auf Deutsch) und besteht gut, was bei einer reinen Lernklausur auf Spanisch nicht zwingend gegeben ist. Ich hatte mich vorsichtshalber in der Bibliothek verdrückt…

Um 18:00 ist der Arbeitstag für Ullrich zu Ende. Wir haben zwar nicht durchgehend gearbeitet, sind aber auch platt von all den Eindrücken. Und wir sind sehr begeistert, wie freundlich wir überall aufgenommen und integriert wurden.

Ein schnelles Abendessen, heiße Diskussionen, und ein entspanntes Bier – um 22:00 fallen wir alle todmüde ins Bett, um am nächsten Morgen wieder um 4:30 aufzustehen. Ullrich fährt dann wieder an die Uni, Hilda in ihre Kanzlei, und wir weiter Richtung Dschungel…

Vollmondnächte am Fuße von Chimborazo und Cotopaxi

Vollmondnächte am Fuße von Chimborazo und Cotopaxi

1.-4. Februar 2018

Der Chimborazo hat uns aus der Ferne schon immer begeistert: Alexander von Humboldt ist im Jahre 1803 fast bis auf seinen Gipfel gekommen, konnte seine Höhe dabei recht genau vermessen, und er wurde lange Zeit für den höchsten Berg der Erde gehalten. In gewisser Weise stimmt das auch noch heute: obwohl er „nur“ etwa 6.300 m über dem Meeresspiegel liegt, ist sein Gipfel dennoch weiter vom Erdmittelpunkt entfernt als derjenige des Mount Everest, da die Erde ja bekanntlich keine Kugel ist, sondern eine Kartoffel, die am Äquator am dicksten ist.

Wir sind keine Gipfelstürmer, und uns war klar, dass uns eine fröhliche Wanderung am Fuße dieses faszinierenden Vulkans vollauf genügen würde. Nur eines machte uns stutzig: Der Gipfel liegt tagsüber fast immer in Wolken, wenn man Glück hat, kann man ihn nachts und frühmorgens sehen. Und wir hatten Glück!

Am ersten Februar fahren wir auf den Chimborazo zu. Mit dem Hano ein mehrstündiges Vergnügen. Den gesamten Nachmittag über sehen wir eigentlich nur die Wolken, unter denen sich der Vulkan verbirgt. Als wir abends in der Casa Condor am Fuße des Chimborazo ankommen, einigen Zimmern, die von einer indigenen Gemeinschaft bewirtet werden, und die auch Camper aufnehmen, ist der Gipfel immer noch nicht zu sehen. Wir wollen gerade anfangen, das Abendessen zu bereiten, als kurz vor Sonnenuntergang die Wolken aufreißen und den Blick auf die Kraterregion freigeben. Schnell packen wir Kamera und Stativ aus und beziehen auf einer nahegelegenen Alpaka-Weide Stellung. Der Vollmond geht mit Sonnenuntergang auf und taucht den Chimborazo in ein mystisches Licht. Was für ein Naturschauspiel! Und was für ein Glück!

In der Nacht und auch am nächsten Morgen ist der Gipfel noch zu sehen, dann hüllt er sich wieder in Wolken – bis wir abreisen. Wir machen tagsüber eine Wanderung querfeldein auf einen nahegelegenen Hügel und steigen dabei von 3.800 m auf über 4.200 m auf. Wir sind ganz verwundert, dass unsere Höhenkondition nach den vielen Wochen unterhalb 1.500 m noch so gut ist, aber das Hochsteigen geht selbstverständlich nur mit Pausen, dafür ohne Herzrasen vonstatten. Das schöne Gipfelfoto bekommen wir tagsüber aber nicht, dafür erfreuen wir uns an dem üppigen Ichu-Gras, wundersamen Kakteen und sonstigen Pflanzen. Hier in Äquatornähe ist die Natur auf rund 4.000 m Höhe weit grüner und üppiger als beispielsweise am Titicaca-See.

Als wir am Spätnachmittag zurück kommen, wundern wir uns über den Reisebus und die vielen Autos, die wir schon von Weitem gesehen haben. Sie haben jedoch keine Touristen gebracht, sondern Indigenas aus der Umgebung. Heute findet ein Treffen aller indigenen Communidades statt, die auf der Westseite des Chimborazo ansässig sind. Diese Treffen finden zwei bis dreimal im Jahr statt – und heute in dem Haus, neben dem der Hano steht!

Wir sehen die Frauen mit ihren weiten Röcken, Wollstrümpfen und den bunten Tüchern um die Schultern oft draußen stehen. Die Männer sind größtenteils moderner gekleidet: Jeans, T-Shirt und Poncho. Eine spannende Stimmung, auch wenn wir das Geschehen nur von außen verfolgen. Sie wollen nicht fotografiert werden, und das respektieren wir. Ein Auto hat Probleme mit der Bremsleitung, und Torsten hilft mit Rat, Tat und Werkzeug aus. Am Morgen hatten wir noch die Alpakas von einer Weide mit auf die nächste getrieben. Ich frage die Frauen, aus was ihre bunten Tücher sind. Die ernüchternde Antwort: die meisten sind aus Synthetik. Die Schafswolle färben sie in den bekannten bunten Farben ein, Alpaka belassen sie meist in Naturfarben oder färben es in gedeckten Farben. Selbst tragen sie eher die (preiswerteren und) schnelltrocknenden Synthetiktücher. Die Wollsachen versuchen sie zu verkaufen, weil das viel Geld für die Communidades bringt. Nur an besonderen Festtagen tragen alle ihre originale Wollkleidung.

In der nächsten Nacht und am nächsten Tag hängt der Chimborazo voll in Wolken, wir hatten also am ersten Abend riesiges Glück!

Auf geht es zur Kraterlagune Quilotoa. Bei unserer Ankunft regnet es, am nächsten Morgen ist sie aber frei. Wir steigen vor dem Frühstück auf bis zu dem ersten Mirador und warten auf den Sonnenaufgang. Ein wunderschönes Schauspiel. Es ist ein klarer sonniger Tag, daher verzichten wir auf die Kraterumrundung und fahren weiter Richtung Cotopaxi. Mit knapp 5.900 m Höhe der zweithöchste Berg Ecuadors, und der höchste frei stehende aktive Vulkankegel der Erde. Allerdings liegt er 150 km Fahrstrecke entfernt, und die Sonne reicht bei ihm nur bis auf etwa 4.000 m Höhe. Wir fahren eine abenteuerliche Piste Richtung Refugium, auf 4.590 m finden wir unterhalb des Refugiums einen guten Parkplatz. Den Cotopaxi sehen wir an diesem Tag nicht. Und alle anderen, die sich mit ihrem Auto so weit hoch quälen, fotografieren – in Ermangelung der Sicht auf den Vulkangipfel – den Hanomag! Wir jedoch haben den Vorteil, dass wir abends nicht in unsere Unterkunft zurück fahren müssen. Wir beschließen einfach, hier zu übernachten. Unser höchster Übernachtungsplatz bisher!

Um Mitternacht wachen wir auf, die Blase spannt. Wir haben wegen der Höhe viel Wasser getrunken und eine leckere Suppe im Dampftopf gekocht. Und was sehen wir beim Blick aus dem Fenster? – Den Cotopaxi im aufgehenden Mondlicht! Was für ein Anblick! Das aufgehende Mondlicht hat eine viel stärkere Plastizität als das Mondlicht später um 05:00 Uhr, als der Mond im Zenith steht. Also angezogen (weil es schnell gehen soll, unsere Tageskleidung), Kamera und Stativ ausgepackt, und nichts wie raus zum Fotos machen! Zum ersten Mal seit wir in Südamerika sind, sehen wir auch den großen Wagen – und der steht Kopf! Das Refugio ist erleuchtet, ich habe gelesen, dass die Seilschaften um 01:00 aufsteigen, um einerseits die klaren Phasen in der Nacht zu nutzen und weil andererseits der Schnee nur bis kurz nach Sonnenaufgang genügend Festigkeit bietet, um ihn begehen zu können. Als wir die ersten Taschenlampen draußen sehen, wissen wir, das es gegen 01:00 Uhr sein muss. Wir sind also eine Stunde lang bei -6 Grad Celsius draußen gestanden und merken plötzlich, dass Hände und Füße nur noch Eisklötze sind. Also nichts wie rein in die Schlafsäcke. Da machen wir die schmerzliche Erfahrung, dass Schlafsäcke nur isolieren, und nicht wärmen. Der Schlafsack hindert also eher die Luft im Hanomag, auf den gefühlten Gefrierpunkt am Ende unserer Arme und Beine herunterzukühlen, als dass uns wohlig warm wird. Aber der eindrucksvolle Anblick war das Frieren allemal wert!

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf und genießen nochmal den schönen Anblick, doch als wir gegen 08:00 Uhr losfahren, zieht sich schon wieder der Nebel zu. Die entgegenkommenden Fahrzeuge haben Pech gehabt…

Ersatzteilstory dritter und letzter Teil

Ersatzteilstory dritter und letzter Teil

Durch die Familie Cano in Lima haben wir viel warmherzige Hilfe erfahren dürfen. Herr Cano importiert und verkauft Elektronikteile für Autos, Einspritzsysteme. Alle seine beherzten Versuche, die Radnabe aus Deutschland durch den Zoll zu bekommen, scheiterten. Schlussendlich wurde klar, dass gebrauchte Ersatzteile nicht nach Peru eingeführt werden dürfen.

Vom ADAC, der den Transfer von Deutschland nach Peru übernommen hatte, haben wir bis heute keine dahingehende Nachricht erhalten. Seit 26.01.2018 befindet sich die Radnabe wieder bei der vom ADAC beauftragten Spedition FEDEX im Transit.

Was mit der Radnabe im Transit passiert, wissen wir nicht und haben wir keinen Einfluss darauf.

 

Um die weiteren Geschehnisse  vorwegzunehmen:

Die geschweißte Radnabe musste bis nach Hause halten, was sie auch tat. Wie gut war unsere Entscheidung, nach drei Wochen Wartezeit auf das Ersatzteil weiterzufahren, unsere Reise fortzusetzen. In der Hoffnung, dass die geschweißte Radnabe durchhält.

Die Ersatznabe hatte bis in den Mai 2018 noch den Status „im Transit“ in Lima.

Beim ADAC wurde durch dessen hauseigenes Qualitätsmanagement nach mehrmaligem Nachhaken unsererseits entschieden, unsere Unkosten (Ersatzteilbeschaffung, Versand und Entsorgung der im Transit in Lima befindlichen Nabe) zu übernehmen.

Zu Hause wurde unverzüglich die Radnabe durch ein Austauschteil ersetzt, dabei auch gleich das Radlager erneuert.

Warten auf die Radnabe – Minenstreik und Truthähne

Warten auf die Radnabe – Minenstreik und Truthähne

19.-22. Januar 2018

 

Um es vorweg zu nehmen – wir warten noch bis heute (Veröffentlichungsdatum).

Am Freitag, den 19. Januar fuhren wir mal wieder so richtig Einkaufen, Gemüse auf dem Markt, Getränke im Supermarkt. Dann erhielten wir die Nachricht, dass der Zoll noch 48….72 Stunden für die Prüfung benötigen wird. Also war klar, dass wir das Wochenende herumreisen können, da läuft ja ohnehin nichts. Wir beschlossen, auf der Carretera Central weiter in die Berge zu fahren, und guckten uns „der“ Fernreiseapp IOverlander einige Übernachtungsplätze auf moderaten Höhen aus. Wir denken immer, wir haben den schlimmsten Verkehr schon kennen gelernt – und lernen doch tagtäglich hinzu. Die Carretera Central windet sich östlich von Lima in die Berge. Gleichzeitig ist sie Hauptverbindungsstraße in die Berge und voller sehr großer LKWs. Die wenigsten LKW-Fahrer allerdings kennen die Maße ihres Fahrzeugs, d.h. Sie schneiden vorsichtshalber mal alle Kurven, und von denen gibt es viele. Es ist also der Normalfall und nicht die Ausnahme, dass dir in der Kurve ein sehr viel schwereres Gefährt auf deiner Spur entgegenkommt. Was für eine entspannte Fahrt ins Grüne…

Darüber hinaus müssen wir feststellen, dass die meisten Seitenstraßen, die in GoogleMaps zu finden sind, den Regengüssen der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind, es sind jeweils nur kurze Straßenreste übrig. Alle ruhigen Übernachtungsplätze sind also dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Auf 3.000 m Höhe hatten wir uns einen Trucker-Übernachtungsplatz ausgeguckt. Der liegt allerdings direkt an der Straße, sodass wir weiterfahren, in der Hoffnung, es müsse doch „demnächst“ eine ruhige Schlafgelegenheit zu finden sein. Die erste Gelegenheit bietet sich auf 4.150 m Höhe, wir biegen dann in Richtung einer Mine ab. Es ist schon dunkel, und wir finden weit ab von der großen Straße einen Parkplatz. Daneben steht ein Wächterhäuschen, etwas weiter zwei Minenarbeiter bei einer Tonne, in der ein Feuer glimmt, noch etwas weiter 10 Polizisten. Ich steige aus und frage den Wächter, der verweist mich auf die beiden Männer neben der Tonne. Erst als ich sie frage, ob wir hier übernachten dürfen, kapiere ich, dass die Mine bestreikt wird, und ich mit dem Streikposten rede. Lachend erwidern sie, dass wir hier willkommen und absolut sicher seien – sie würden die ganze Nacht hier stehen. Wir sind völlig erschöpft und froh, hier bleiben zu können – ruhig und sicher! Wir füllen die 80 Liter Trinkwasser, die wir gekauft hatten, in  unseren Wassertank und bringen der Streikwache die leeren Kartons zum Verbrennen – sie freuen sich über das bisschen zusätzliche Wärme, denn hier oben ist die Temperatur schon unter den Gefrierpunkt gesunken.

Am nächsten Morgen haben wir natürlich beide einen Brummschädel- Höhenkrankheit vom zu schnellen Aufstieg. Noch vor dem Frühstück fahren wir auf unter 3.000 m hinab, und als auch nach dem Frühstück der Kopf noch drückt, fahren wir wieder tiefer und finden  ganz in der Nähe von Lima eine Seitental mit einem Campingplatz. Der größte Teil des Platzes wurde im März 2017 von einer Flutwelle weggerissen. Aber da außer uns nur noch Jose mit seiner Suzuki und seinem Zelt da ist, reicht der übrig gebliebene Platz locker für uns alle.

Jose wohnt in Lima, ist aber während der Papst dort ist, aus der völlig irren Stadt hierher in die Ruhe geflohen. Glücklicherweise spricht er Englisch, und wir verbringen zwei super angenehme Tage. Wir lernen viel über Messerschliffe, Torsten verpasst gleich seinem Taschenmesser (mit dem Schleifstein) und unserem kleinen Beil (mit Generator und Flex) einen neuen Schliff. Wir unterhalten uns auch viel über die Peruaner – viele unserer Beobachtungen bestätigen sich, und er liefert uns viele Hintergrundinformationen, auch über die politischen Verflechtungen in Peru. Eine unserer tollsten und lehrreichsten Begegnungen auf dieser Reise!

Ganz so ruhig wie erwartet ist der Platz dann doch nicht: die Regierung hat ein dreiviertel Jahr lang nichts gegen die verheerende Verwüstung der Flut im letzten Jahr getan. Da jetzt aber erwartet wird, dass die starken Regengüsse in diesem Jahr schon im Januar und nicht erst im März einsetzen, „arbeiten“ die Bagger nun jeden Wochentag. Unter arbeiten versteht man hier, dass einige Männer  einen teuren Leica-Theodolit durch die Gegend tragen, ab und zu eine Peilung nehmen und KEINE Notizen machen. Zwei Bagger graben an einer ganz anderen Stelle eine schmale Rinne. Wir wundern uns, denn in der Rheinebene haben die Menschen über Jahrhunderte schmerzlich gelernt, dass das Flussbett breit sein muss, mit Buhnen, um das Wasser zu verlangsamen. Die meisten Arbeiter stehen herum, sie meditieren wohl über eine Problemlösung…

Das ältere Ehepaar, das den Campingplatz betreibt und mit Hilfe ihrer Söhne wieder aufbaut, hält sich noch einige Tiere, die uns regelmäßig einen Besuch abstatten: Vier Truthähne mit ihren Hennen und Jungen gockeln den ganzen Tag über den Platz. Insbesondere wenn wir ihr Gurren imitieren, schlagen Sie ihr Rad und geben alles Imponiergehabe von sich, das sie beherrschen. Eines der Schafe pirscht sich beim Frühstück an und versucht, meine Banane vom Teller zu klauen.

Wir bleiben einfach am Platz, um die Tiere abwehren zu können, und die spannenden Unterhaltungen mit Jose lassen uns auch den Baggerlärm vergessen.

Als wir am Montag früh abreisen, ist der Fluss schon wieder von einem kleinen Rinnsal zu einem breiten braunen Fluss angeschwollen – und er sucht sich natürlich sein eigenes Bett.

Und das Warten auf die Radnabe wird an anderer Stelle im nächsten Blogeintrag weiter gehen.

Warten auf die Radnabe – auf dem Aussteiger-Bauernhof

Warten auf die Radnabe – auf dem Aussteiger-Bauernhof

8.1.2018-19.1.2018

 

Am 8.1. erst erhält der ADAC die Radnabe und kann sie nach Lima versenden. Sie fliegt von München über Köln, Memphis, Bogota nach Lima. Dort kommt sie am 11.1. an und hängt seitdem zur Freigabe im Zoll. Es ist schon ein sehr kompliziertes Teil, das man offensichtlich aufs Sorgfältigste prüfen muss…

Wir suchen uns einen Platz, der einerseits Internetzugang bietet, andererseits aber weit genug von der lauten und kriminellen Hauptstadt entfernt ist, sodass man ruhig und sicher stehen kann. Allzu weit wollen wir ohne das Ersatzteil nicht fahren, obwohl wir den Schweißkünsten des Mechanikers voll vertrauen. Vermutlich kommen wir mit der geschweißten Nabe bis zum Mond – aber wie ermüdet ist die andere Nabe?

Irgendwo lesen wir von einem Campingplatz, der 60 km vom Zentrum entfernt am Rio Rimac gelegen ist. Das klingt super. Leider ist der Platz verschlossen, es ist schon abends. Auf dem kleinen Hof nebenan sind Leute, ich frage nach dem Campingplatz. Wir dürfen über Nacht auf ihrem Hof stehen, am nächsten Morgen besorgt uns die Familie den Schlüssel zum Campingplatz. Und zur Begrüßung bekommen wir abends gleich einen Teller Kürbissuppe! 2 Meter vor dem Hano steht ein Kalb, das an diesem Morgen erst zur Welt kam. Mir kommt ein Gedanke, den Torsten absurd findet: Ich musste fast 46 Jahre alt werden, bis ich erfuhr, was ein Hano ist. Dieses Kalb lernt den Hano schon am ersten Tag seines Lebens kennen. Aber vermutlich ist das dem Kalb wirklich egal, es wird wohl niemals in einem Hano durch Europa touren…

Die Familie hat vor 5 Monaten ihre Bäckerei in Lima verkauft, das Melken gelernt, 5 Kühe gekauft und ist hierher aufs Land gezogen. Hier auf 1.500 Höhenmetern ist das Klima sehr viel besser als in der Hauptstadt. Haus und Hof befinden sich noch im Aufbau. Für uns bedeutet das mal wieder zweimal täglich melkfrische Milch. Wie lecker!

Wir lassen es uns hier eine Woche lang gut gehen. Kurze Spaziergänge, gut kochen, ausruhen. Am Fluss steht ein Bagger, der drei Tage lang repariert wird. Wir freuen uns ein wenig, dass die Reparatur so lange dauert, weil wir nach Fertigstellung emsigen Baggerlärm erwarten. Doch dem ist nicht so. Der Bagger soll zwar das Flussbett befestigen, damit es in der Regenzeit nicht zu Überschwemmungen kommt, aber er baggert erstens weit weg von unserem Stellplatz, und zweitens nicht allzuviele Stunden (Minuten) am Tag. Nach zwei Tagen ist er auch schon wieder kaputt… Es sind vier Mechaniker zugange, die versuchen, die defekte Einspritzpumpe auszubauen. 

Auf der flussabgewandten Seite befindet sich ein Rangierbahnhof. Von den Minen in den Bergen werden Erze gebracht, die von Lima aus verschifft werden. Die Züge fahren mit Dieselloks aus Nordamerika und England, aus den 50er und 60er Jahren. Einmal kommt ein Zug mit zwei Loks vorne und 49 (!) Waggons den Berg hinunter gekrochen. Die vordere Lok wird abgekoppelt und auf einem Drehkreuz von Hand gedreht (je drei bis vier Bahnarbeiter drehen die 120 Tonnen schweren Loks!). Dann wird der Zug geteilt und fährt weiter in die Hauptstadt. Vom Zuschauen erschöpft, öffnen wir eine Flasche peruanischen Wein und kochen ein wunderbares Gemüse. Wir statten der Bahn täglich einen Besuch ab, es gibt immer etwas Spannendes zu beobachten.

Nachmittags kommen die Kühe auf den Campingplatz zum Weiden. Eigentlich romantisch, aber da wir unser Vorzelt aufgespannt haben, öfters mal Wäsche waschen, und froh sind, wenn die Fliegen bei den Kühen bleiben, halten wir sie auf Distanz. In den ersten Tagen kein leichtes Unterfangen, da insbesondere unser Vorzelt sowohl bei Sonne als auch bei Regen der attraktivste Platz auf dem ganzen Terrain zu sein scheint. Ab dem vierten Tag jedoch kennen die Kühe das Ritual, und wir müssen nur ein paar Schritte auf sie zugehen und in die Hände klatschen und schon trollen sie sich an das andere Ende des Platzes.

Nach einer Woche wird das Warten wirklich öd, zumal unsere Vorräte zur Neige gehen und ich mit drei Zwiebeln und 7 Kartoffeln sowie 4 Tomaten und einer hutzeligen Paprika beide Läden im Ort leergekauft habe.

Dann plötzlich tut sich etwas auf der Sendungsverfolgung: der Status steht nach wie vor auf „Freigabeverzögerung beim Zoll“, jedoch ändert sich der Kommentar von „muss noch vom Zoll geprüft werden“ auf „wird vom Zoll geprüft“, und Tags darauf auf „der Empfänger muss den Warenwert bestätigen“. Endlich können wir im Prozess etwas tun, wir schicken die Rechnung elektronisch an unseren Importeur, der sie umgehend an FedEx weiterleitet – und dann passiert wieder nichts… Dennoch beschließen wir, morgen ein Stück Richtung Lima zurück zu fahren. Dort kennen wir mittlerweile einen gut sortierten Markt, auf dem wir wieder Vorräte auffüllen können, und eine Tankstelle mit WLAN, wo wir diesen Blogeintrag hochladen und Mails abrufen wollen, ob die Radnabe endlich zur Abholung bereit ist.

 

Chasquitambo – Relaisstation für die Inka-Staffettenläufer und den Hano

Chasquitambo – Relaisstation für die Inka-Staffettenläufer und den Hano

Chasquitambo – Relaisstation für die Inka-Staffettenläufer und den Hano

oder Silvester auf drei Beinen

30.12.2017-…

 

Chasquitambo war zur Inkazeit eine Station der Staffettenläufer, mit deren Hilfe Nachrichten binnen weniger Tage im gesamten Reich verbreitet werden konnten. Heute ist es ein kleiner Ort ohne Sehenswürdigkeiten, dessen Obststände und Restaurants am Straßenrand zu einer kurzen Rast auf dem Weg von der Küste in die Cordillera Blanca einladen. Ein netter Ort mit sehr freundlichen Einwohnern, aber dennoch hätten wir ihn nicht für einen Zwischenstopp ausgesucht. Chasquitambo hat uns ausgesucht.

Nach der Temposchwelle am Ortseingang, die Torsten ganz sanft genommen hatte, hatte der Hano im Straßengang plötzlich keine Traktion mehr. Mit Allrad konnte Torsten ihn vorsichtig etwa 10 m zurücksetzen, auf ein kleines Stück Brachland zwischen zwei Häusern. Ich gehe zum Obststand gegenüber, kaufe ein paar superleckere Bananen, und erkläre den Verkäufern, dass wir ein Problem haben, und wohl ein Paar Stunden hier stehen müssen. Auch den Besitzer des Hauses nebenan erkläre ich die Situation. Er hat einen Laden für Tierfutter, bei ihm kaufe ich also nichts. Alle sind sehr nett und sagen uns, dass wir problemlos hier stehen könnten.

Erster Verdacht: Das Kegelrad des Hinterachsdifferenzials. Das macht öfters mal den Müdmeier, also haben wir es als Ersatzteil dabei. Als Torsten es ist einiger Mühe freiprepariert hat, strahlt es uns unversehrt entgegen. Zweiter Verdacht: die Steckachse. Auch sie haben wir als Ersatzteil dabei, aber auch sie ist unversehrt. Als Torsten sie wieder festschrauben will, bemerkt er, dass die Radnabe durchdreht. Die Radnabe ist gebrochen! Das kam nach Aussagen von Hano-Spezialisten noch nie vor, und wir haben keine Radnabe dabei. Wir hatten auf der Fahrt schon viele kleinere und größere Reparaturen, und selbst als der Motor sich zweimal aus seiner Halterung gelöst hat, war der Schaden in 30 min bzw. 3 Stunden behoben gewesen. Und nun das. Der Hano liegt definitiv still!

Ich straffe etwas: Am Tag darauf (31.12.) schafft Torsten es, die Radnabe auszubauen, und kontaktiert mit dem letzten Guthaben unserer deutschen Handykarte einen Hano-Spezialisten, der uns eine Nabe als Ersatzteilbereitstellen kann. Am 1.1. ist leider Feiertag und somit Stillstand. Zu allem Übel funktioniert unsere peruanische SIM-Karte hier nicht, wir haben die falsche Marke, und die funktionierende debitel-Karte will uns die Verkäuferin nicht verkaufen, weil sie zur Anmeldung eine peruanische Steuernummer bräuchte. Glücklicherweise richtet uns eine nette Polizistin auf dem Revier WLAN ein, unglücklicherweise ist es ihr privates WLAN und sie hat ab dem 2.1. keinen Dienst mehr. Am 2.1. kontaktieren wir den ADAC (kurz bevor die nette Dame ihren Dienst beendet), er kann uns die Nabe nach Lima schicken. Allerdings müssen wir vor Ort eine Werkstatt auftreiben, die das Teil für uns importiert, denn Ausländer dürfen das in Peru nicht. Wie macht man das von einem kleinen Ort im Nirgendwo aus, ohne Internet? Freundlicherweise organisiert uns ein netter Polizist dann eine Werkstatt im nächstgelegenen größeren Ort, in der wir die Nabe schweißen lassen können. Dann wäre der Hano wieder flott, und wir könnten nach Lima fahren, um alles Weitere zu regeln. Wir steigen also in ein Collectivo, einen kleinen Sammeltransporter, und fahren für umgerechnet 1,50 Euro die 70 km nach Barranca. In der Stadt nehmen wir dann ein Tucktuck, eines dieser kleinen dreirädrigen Taxis bis zur Werkstatt. Nach längerem Meditieren über der Nabe, werden die beiden Teilstücke mit dem Schweißgerät geheftet. Dann wird wie beim Zahnarzt das nicht tragende „Gewebe“ entfernt. Statt Bohrer erledigt das eine große Drehbank aus den 50ern. Dann wird mit einer beträchtlichen Anzahl an 4mm-Schweißelektroden das abgedrehte Material durch eine Auftragsschweißnaht in mehreren Lagen ersetzt. Alle Überstände werden mehr oder weniger Maßgenau wieder mit der Drehbank entfernt. Dann kommt noch eine zweite Schweißnaht von der anderen Seite hinzu, abdrehen, fertig. Zwei Stunden konzentrierte Arbeit spielt uns das heiße Nabenteil wieder in die Hände. Um 20:00 Uhr sind wir wieder beim Hano zurück und froh, dass wir nun mit Option 2 weitergekommen sind. Außerdem sind wir jetzt auch mal mit den „Öffentlichen“ in Peru gefahren das wäre sonst ja eine Bildungslücke gewesen.

Am 3.1. montiert Torsten die Nabe, es soll den ganzen Tag dauern. Eine ziemliche Nerverei, da doch mit der Schlüsselfeile nachgearbeitet werden muss, bis die Bremstrommel wieder passt.

Nun steht der Hano wieder auf vier Pfoten.

Aber wie lange hält die Reparatur?

Mit einem Ersatzteil fühlen wir uns doch etwas wohler. Also ab nach Lima, abends los, vor Mitternacht übernachten wir an einer gut bewachten Mautstation. Am nächsten Morgen kommt der Berufsverkehr quer durch Lima auf uns zu, bis wir endlich nach endlosem Stop-and-Go vor einem kleinen Geschäft landen. Diese Adresse hatte uns der Polizeitechniker in Chasquitambo vermittelt – ein Cousin. Wir werden abgeholt und weiter geht es zum richtigen Geschäft. Dort nimmt man uns supernett in Empfang. Wir können nun mit ADAC und Ersatzteillieferant telefonieren, die Verschickung in die Wege leiten.

Aber wo übernachtet man im Großraum Lima. Da ist guter Rat teuer.

Wir fahren in Richtung Berge, finden dort für die nächsten vier Tage eine sichere Unterkunft in einem privaten Schwimmbad. Leider keine Internetmöglichkeit, auch nicht über das Mobilfunknetz.

Am 8.1.2018 wird endlich das Ersatzteil vom ADAC versandt. Lieferdatum 15.1.!!!

Was nun? Noch eine Woche ins Schwimmbad? Wir werden sehen.

Manu-Nationalpark

Manu-Nationalpark

17.-22.12.2017

Zu Gast bei Klammeraffe, Tapir und Hornfrosch

Wir hatten uns schon oft gewünscht, so richtig tief in den Urwald vorzudringen, aber die Scheu vor den unbekannten Gefahren hatte uns bisher davon abgehalten. Zudem kann man auf eigene Faust (also mit dem Hano) ja nur auf den Straßen fahren und somit nicht bis ins „Herz des Urwalds“ vordringen. Also ist uns klar, dass wir eine geführte Tour machen müssen. Die erste gebuchte Tour in unserem Leben! Aber wir haben in jeder Hinsicht Glück:

  1. Die einzigen Mitreisenden sind ein supernettess und ruhiges junges Pärchen. Also perfekt für Tierbeobachtungen und das intensive Erleben der üppigen Natur, die uns in den sechs Tagen begegnen wird.
  2. Die gesamte Crew ist nett und extrem aufmerksam – und von der Liebe zur Fauna und Flora des Dschungels beseelt. Nicht nur Alex, der Tourguide, zeigt uns Pflanzen und Tiere, sondern auch die Fahrer achten auf Tiere und machen langsam bzw. halten an, wenn es etwas Spannendes zu sehen gibt, oder wenn sie merken, dass einer von uns sein Fernglas oder seine Kamera zückt. Bernardino, der Koch, zaubert aus regionalen Zutaten mit den bescheidenen Koch-Möglichkeiten im Dschungel dreimal täglich Köstlichkeiten, mit denen er uns verwöhnt (mästet), kennt aber auch die Tiere. Somit haben wir eine intensive Betreuung, und alle teilen vollen Herzens ihre Kenntnisse und Naturliebe mit uns.
  3. Es ist die letzte Tour in der Saison, wir kamen also gerade noch rechtzeitig. Die Regenzeit hat bereits begonnen, und einige Erdrutsche haben die Straßen schon schwer passierbar gemacht. Auf dem Rückweg müssen wir sogar einen Umweg fahren (über die Inka-Terassen von Pisaq, wie praktisch für uns!), weil die eigentliche Straße nicht mehr passierbar ist.
  4. Das Wetter spielt auch mit: Es ist Regenzeit, und an drei von sechs Tagen regnet es teilweise. Was wäre auch der Regenwald so ganz ohne Regen? Der meiste Regen fällt jedoch nachts, sodass wir für diese Jahreszeit erstaunlich viele Tiere zu sehen bekommen.

Ich habe also schon vorweg genommen, dass es eine gelungene Tour war, bei der wir wirklich viel über den Lebensraum und die Tiere gelernt haben. Und wir haben so etwa in der Halbzeit unserer Reise mal „Urlaub vom Hano“ gemacht. Nicht dass wir das dringende Bedürfnis danach gehabt hätten, aber es tut immer gut, ein eingespieltes System zu durchbrechen, um dann wieder mit neuen Augen auf dasselbe blicken zu können.

Nun aber zurück zur Tour: Am ersten Tag verlassen wir Cusco (3.300 m) morgens um 4:30 Uhr, damit wir pünktlich zum Sonnenaufgang im Nebelwald sind. In einer steilen Schlucht durchfahren wir langsam den Nebelwald. Es sind dichte Wälder aus buchenähnlichen Bäumen (die Biologen mögen mir diese ungenaue Bezeichnung verzeihen), einzelnen Baumfarnen (siehe Blogeintrag über den Amboro-Nationalpark), Cecropien, pinkfarben blühenden oreocalis frutilis, usw. Wie der Name sagt, nebelverhangen, und durch die steile enge Schlucht hat man einen faszinierenden Blick auf die gegenüberliegende Seite – und kann dort mit dem Fernglas sogar große Vögel und herumtollende Affen in den Bäumen erkennen! Alex zeigt uns voller Hingabe viele Vögel, von kolibri-klein bis Guan-groß. Wir sehen auch den peruanischen Nationalvogel, den Felshahn (coq in the rock). Die Männchen sind in der vorderen Hälfte knallrot, hinten schwarz, und tragen vor der Brutzeit wohl herzergreifende Werbe-Tänze auf, um die Gunst der schönsten Weibchen zu erwerben. Die Weibchen haben ein verhalten weinrotes Gefieder – wenn sie denn mal auf den Eiern sitzen, sollen sie gut getarnt sein, und nicht optisch so hervorleuchten wie die Männchen. Nach den vielen Vögeln sind wir begeistert, als auf der gegenüberliegenden Seite viele nebeneinanderliegende Bäume wackeln. Eine Wollaffen-Familie macht gerade die Baumkronen unsicher. Äste brechen ab und fallen zu Boden. In den nächsten Tagen sollen wir dieses Spektakel  dann noch öfters hautnah erleben. Wollaffen sind nämlich sehr aggressiv und kaum scheu. Als wir dann drei Tage später im Regenwald unter einer Herde Wollaffen hindurchlaufen, und Alex das Alfa-Männchen durch perfekte „Uh-Uh-Uh“-Laute reizt, tollt das Männchen direkt über uns herum, sodass wir den herunterfallenden Ästen ausweichen müssen. Doch lassen wir uns durch diese Demonstration seiner Dominanz leider nicht vertreiben, sondern zücken unsere Ferngläser, um die Mimik des aufgebrachten Männchens zu studieren. Das bringt ihn natürlich noch mehr in Fahrt…

Die Urwald-Lodges, in denen wir übernachten, sind faszinierend: Die Wände sind aus Tropenhölzern und Fliegengittern gefertigt. Darüber ein überlappendes Dach aus Stroh oder Palmblättern. Zwischen Wänden und Dach ist jeweils ein breiter Spalt offen. Das hat den Vorteil, dass Insekten, die aus Versehen in die Hütte fliegen, auch wieder herauskommen – ansonsten würden sie sich unter dem Dach sammeln. Ich bin überrascht, dass wir tatsächlich sehr wenige Tiere in den Zimmern finden. Diese wenigen werden dann durch die Moskitonetze abgehalten, unter denen wir schlafen.

Draußen tobt in der Nacht das pralle Leben. Die Eulen hören wir nur, bekommen sie aber nicht zu Gesicht. Beim Spaziergang um den kleinen Teich der Lodge sehen wir eine dicke Kröte, einen kleinen Frosch, eine „Gottesanbeterin“, die gerade ihre Beute verspeist, und einige recht große Wolfsspinnen. Dann noch eine „schwarze Hexe“ und andere große Nachtfalter. Der Höhepunkt des Nachtspaziergangs sind natürlich die Vogelspinnen. Zwischen den Häusern (nur 20 m von unserem Zimmer entfernt!) ist ein Erdhaufen, in dem die Vogelspinnen wohnen. Alex lockt sie mit einem nur 30 cm langen Grashalm aus den Löchern. Trotz Spinnenphobie kann ich sie aus 2 m Entfernung beobachten, ohne das Grausen zu bekommen. Ich bin ganz verwundert, dass ich danach auch ruhig schlafen kann, denn das Zimmer ist wie gesagt oben offen und theoretisch könnten die Vogelspinnen ja zu mir ins Bettchen krabbeln. Aber sie tun es nicht – ich passe nicht ins Beuteschema, und die Zimmer sind viel zu aufgeräumt und tierarm, als dass sie für die Vogelspinnen interessant wären.

Am nächsten Tag steigen wir dann ins Boot um und verlassen somit die allgemein zugängliche „Kulturzone“ des Nationalparks, um in das Herz des Reservats vorzudringen. Zunächst fahren wir auf dem großen Fluss „Madre de Dios“ nach Osten. Er fließt recht schnell und hat eine graue Farbe. In den vielen Schleifen sind die „äußeren“ Ufer oft zu Steilwänden ausgewaschen, in den „inneren“ Ufern haben sich meist Sand-, Kies- oder Steinbänke gebildet. Herabgefallene Bäume sorgen für Untiefen und teilweise starke Strudel. Die Bootsfahrer sind sehr erfahren und umfahren die kritischen Stellen weitläufig. Nach etwa 70 km biegen wir nach Norden in den Rio Manu ein. Dieser hat eine bräunlich-schlammige Färbung und fließt deutlich langsamer. Die nächste Lodge ist nach wenigen Kilometern auf dem Manu-Fluss erreicht. Um die Häuser herum sind Bananen und sonstige Früchte gepflanzt – wodurch wir diverse Affen hautnah erleben können: Totenkopfaffen und Kapuzineraffen kommen und räubern die Früchte. Und wie! Von einer Bananenstaude beißen sie jede Banane an, und springen dann in den nächsten Baum, um ihn zu plündern. Mit wenigen Bissen sind also alle Bananen dem menschlichen Gebrauch entzogen! In dieser Lodge werden wir aber nicht schlafen. Nach der Ankunft haben wir eine knappe Stunde Zeit zum Ausruhen und Nachtrucksack Packen. Dann wandern wir etwa eine Stunde lang zu einem Tümpel, zu dem nachts gern Tapire kommen. Daneben hat man eine mehrere Meter hohe überdachte Beobachtungsplattform gebaut, ohne Wände. Einige Matratzen hängen unter dem Dach, die wir ausschütteln und aus denen wir uns ein Bettlager bauen. Jeder hängt sein Moskitonetz über seine Matratze. Wir werden Nachtwache halten: Jeder muss anderthalb Stunden lang wachen und alle 10 Minuten, bzw. wenn er etwas hört, vorsichtig den Tümpel ableuchten. Sollten tolle Tiere, z.B. Tapire dort sein, macht man die Lampe sofort wieder aus und weckt beide Nachbarn. Wenn alle wach sind, macht Alex seine starke Lampe an und leuchtet vorsichtig  den Tümpel ab. Er hat viel Erfahrung darin, die Tiere nicht mit dem Licht zu erschrecken. Aber da es in Strömen regnet, macht er uns nicht viel Hoffnung auf Tapire. Doch wir haben Glück – sieben Tapire werden wir sehen. Die Tapire sind wirklich faszinierend: Leichtfüßig steigen diese Kolosse in den Tümpel und wieder aus diesem heraus. Beim Laufen im Tümpel platscht es ein wenig, aber die Tapire sind viel leiser als die Frösche, die an den Rändern des Tümpels  hausen und sich die ganze Nacht lang wichtig machen. Der Tümpel soll mineralreich sein, weswegen die Tapire (und tagsüber auch Affen und andere Tiere) gern hierher kommen, um davon zu trinken. Irgendwie merken sie unsere Anwesenheit, sei es den nicht dschungeltypischen Geruch, sei es die Lampe, die Alex vorsichtig einsetzt. Ab und zu sehen sie nämlich zu unserer Plattform herauf und wittern, wobei sie ihr Mäulchen öffnen und den kurzen Rüssel rümpfen, um ja den Geruch vollständig zu erfassen. Ihre kurze struppige Mähne steht dabei lustig in die Höhe. Aber sie nehmen uns nicht als bedrohlich wahr, denn viele verbringen viele Minuten in dem Tümpel, schlürfen, wittern, schlürfen und wittern wieder, und steigen dann ganz langsam und vorsichtig ans Ufer, um im Dickicht zu verschwinden. Das letzte, was man von ihnen sieht, ist der runde aparte Hintern mit dem kurzen dünnen Schwänzchen. Ich fand Tapire wegen ihrer absurden Kopfform schon immer faszinierend – aber in dieser Nacht habe ich sie richtig lieb gewonnen. Diese Tapire haben nichts gemeinsam mit den Bildern, die ich aus den Zoos kenne:  massige Tiere, die teilnahmslos mit hängendem Kopf dastehen. Vermutlich sind auch die Tapire in den Zoos eher nachts aktiv – aber weshalb setzt man sie dann tags den neugierigen Blicken aus?

Um 4:00 ist die letzte Nachtwache rum und wir brechen auf zurück zur Lodge, um unser restliches Gepäck zu holen und bei Sonnenaufgang schon wieder auf dem Boot zu sein – gefrühstückt wird auf dem Boot! Es geht weiter den Rio Manu hinauf, bis zu einer Lodge, die von Urwald-Indianern betrieben wird. Als der Nationalpark eingerichtet wurde, wurden natürlich nicht nur Tiere und Pflanzen geschützt, sondern auch die dort lebenden Menschen. Zum Zeitpunkt der Parkgründung waren mehrere Stämme bekannt, die zwar seit (einigen) hundert Jahren losen Kontakt zur Zivilisation hatten, aber doch noch ihre eigene Kultur mit nur wenigen Anpassungen wie Kleidung, Häusern und Plantagen behalten haben. Sie haben heute Zugang zu Arztstationen, helfen sich aber nach wie vor lieber mit den ihnen wohl bekannten Pflanzen aus dem Wald. Nur bei lebensgefährlichen Schlangenbissen,  Verletzungen usw. kommen sie zu den Medizinstationen. Diese Stämme sind auch weitgehend immun gegen unsere Krankheiten, weshalb ein geringer loser Kontakt wie beispielsweise in der Lodge möglich ist. Zwei Männer des Matchiguenka-Stammes betreuen die Lodge, die übrigen (über 100) meiden uns lieber. Diese Stämme dürfen in gewissen Gebieten auch jagen und fischen, die Kerngebiete des Parks sollten auch sie meiden. 2009 tauchten dann plötzlich einige nackte Indianer am Flussufer auf, die eine Rangerstation mit Pfeil und Bogen beschossen. Ein bisher unbekannter Stamm war aufgetaucht. Mit einer unbekannten Sprache. Dieser Stamm betreibt keine Plantagen, sie leben noch völlig als Jäger und Sammler. Das wurde zum Problem, als sie merkten, wie einfach es sich in den Plantagen der sesshaften Indianerstämme sammeln lässt. Mittlerweile hat die Regierung einen Anthropologen damit betraut, Kontakt mit ihnen aufzunehmen und ihnen klarzumachen, dass sie in einem Nationalpark leben (wie sagt man das in einer Sprache, die man gerade erst lernt…?), dass sie in einem gewissen Gebiet bleiben sollen, und nicht die Plantagen der anderen Stämme plündern sollen (wie sagt man das Menschen, die keinen Begriff für „Besitz“ haben…?). Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Zumal außer den 7 Personen, die Kontakt zu dem Anthropologen haben, noch über hundert weitere Angehörige dieses Stammes vermutet werden. Immerhin ist der Anthropologe so weit gekommen, dass er ihnen die Angst vor uns genommen hat und sie aufgehört haben, Ranger, andere Indianer und Touristen mit Pfeilen zu beschießen. Es hat uns gefreut zu hören, dass hier sehr subtil mit allen Park-Bewohnern umgegangen wird, und nicht die Menschen und Tiere für eine Touristenshow mehr als nötig gestört werden.

In der Nähe dieser Lodge, in der wir 2 Nächte verbringen, befinden sich zwei Seen, die Touristen zugänglich gemacht werden. Der Cocha Salvador darf mit einem Katamaran befahren werden, die Ruder muss man jedoch selbst mitbringen. Den Cocha Otorongo kann man nur von einer Plattform aus überblicken. Hier sind manchmal Riesenotter zu finden. Um es abzukürzen: wir sehen die Otter nicht, obwohl wir viermal den Cocha Salvador abrudern. In der Hochsaison hat jede Gruppe ein Zeitkontingent und darf nur einmal rudern. Weil Alex uns unbedingt den Riesenotter zeigen will, ändert (verlängert) er den Plan und wir rudern am Nachmittag des Ankunftstages, am Morgen und Abend des Tages, den wir dort verbringen, und bei Sonnenaufgang am Abreisetag auf dem See. Wir bestätigen ihm, dass es für uns keine Enttäuschung ist, den Riesenotter nicht gesehen zu haben, aber eine echte Bereicherung, diesen See an vier verschiedenen Tageszeiten gesehen zu haben. Viele Tiere sehen wir auf allen Fahrten, aber sie haben teilweise ein tageszeitspezifisch unterschiedliches Verhalten. Außerdem merken wir, wie unser Blick sich durch die Wiederholung schärft, sodass wir wissen, worauf wir zu achten haben, und einige Tiere schon wiedererkennen. Viele Leute, die im Urwald waren, beklagen sich, dass er so „leer“ sei. Aber das stimmt nicht. Der Urwald ist voller Tiere – aber er ist sehr blickdicht, und die Tiere haben Angst vor Fressfeinden und zeigen sich daher nicht so prominent. Man muss sorgsam auf Geräusche achten, die vom Wind herrühren können, aber eben meist von Tieren stammen, auf Blätterrascheln, und sonstige Laute. Viele Vögel verraten sich durch ihren Gesang, andere nur durch Bewegungsrascheln, und wenn mehrere Bäume wackeln und Äste fallen, dann ist es meist eine Affenherde. Brüllaffen markieren ihre Reviere durch das Geschnarre des ranghöchsten Männchens. Als wir das Geräusch zum ersten Mal hören, denken wir an elektronische Gruselmusik aus einem Science Fiction Film. Wie jemand auf den Namen „Brüll“affe kommen konnte, ist uns unerklärlich. Als wir das Geräusch zum zweiten Mal hören, verkünden wir Alex stolz „howling monkeys“ und er nickt bestätigend. Irgendwann bekommen wir sie auch von Nahem zu sehen. Ebenso wie die schlanken gelenkigen Klammeraffen, die so viel herumtollen, dass sie ganz muskulös sind, und ihr Fleisch daher von den Urwald-Indianern als das zarteste aller Affengerichte geschätzt wird. Am letzten Tag sehen wir auch zwei Tamarin-Arten, darunter den Kaiserschnurrbart-Tamarin. Alex hält ihn für den schönsten aller Affen, ich finde ihn potthässlich – weshalb trägt ein Affe einen langen herabhängenden Robbenbart? Ich merke mal wieder, dass ich das Zeug zur Biologin nicht besitze.

Zum Frühstück kommen Totenkopf-Affen zu verschiedenen Obstbäumen direkt am Seeufer und plündern diese. Dabei fallen auch viele Früchte ins Wasser. Das lockt Fische an, die wir platschen sehen, diese wiederum locken die Brillen-Kaimane an, die schon etwas weiter aus dem Wasser schauen. Auch die Affen kommen so zu einer Fischmahlzeit, wenn sie geschickt sind und sich trauen, zwischen den Kaimanen zu fischen. Um die Mittagszeit sehen wir sehr viele Baumwipfel wackeln und hören wildes Affengeschrei – wir werden Zeugen eines Kampfes Klammeraffen gegen Wollaffen. Abends hangeln sich die Klammeraffen zum Trinken ans Wasser hinunter. Wir sehen am Seeufer natürlich auch viele Vögel: Eisvögel, Reiher, Seeadler, usw. Am absurdesten sind die Hoatzin. Es sind entwicklungsgeschichtlich sehr alte Vögel, die mit ihrem willenlosen Haarschopf etwas dümmlich aussehen, und sich laut Alex gegen Fressfeinde dadurch schützen, dass sie extrem stinken. So nah kommen wir aber nicht heran, um letzteres überprüfen zu können. Unsere Bootsleute fangen für uns einen Piranha, Alex hält ihm ein Blatt hin. In Windeseile hat das Blatt zwei Bissspuren – der Piranha hat so schnell zugebissen, dass wir es gar nicht sehen konnten!

Als wir wieder vom See zur Lodge zurückwandern, sehen wir den seltenen Hornfrosch. Was für eine Freude! Er sitzt unbeweglich da und wackelt mit dem mittleren Vorderzeh, um Beutetiere anzulocken. Fällt ein Tier auf den Trick herein und will den Zeh fressen, schnellt die Zunge des Hornfrosches hervor und es ist um das arme Tier geschehen. Weil der Hornfrosch aber so still sitzt, bis Beute kommt, ist er von Menschen auch leicht zu fangen und daher sehr bedroht. Wir fotografieren ihn wirklich von allen Seiten, und er rührt sich gar nicht.

Bei Nachtspaziergängen sehen wir auch die Geißelspinne – unser größtes Exemplar hat eine Beinspanne von 30 cm, sie sollen aber bis zu 60 cm lang werden können! Da sie gar nicht spinnenartig aussehen, sondern eher wie Krabben, habe auch ich meine Freude an ihnen. Wir finden auch ein kleines Maus-Opossum, Bambusratten, und eine südamerikanische Wasserschlange.

Das Hauen und Stechen im Urwald beschränkt sich aber nicht nur auf die Tiere, sondern setzt sich im Pflanzenreich fort: Würgefeigen klammern sich um bestehende Bäume, erwürgen diese im Laufe vieler Jahre und sichern sich so ihren Platz an der Sonne. Wir finden eine hohle Würgefeige, deren innerer Baum mittlerweile verrottet ist, und in der gut und gern 5 Personen Platz fänden. Da alle Winkel aber voller Spinnennetze sind, gehen wir nur einzeln hinein – keiner will im Eck stehen! Der Capirona-Baum schützt sich vor solchen Kletterern, indem er regelmäßig seine Rinde abwirft. Die Palmera caminante  ergattert sich „passiv“ die beste Sonnenstelle: sie wächst auf einem Ring aus Stelzenwurzeln, die sich mit einem Radius von über einem Meter um eine Hauptwurzel herum scharen. So kann sie durch unterschiedlich starkes Wachstum der Stelzen ihren Standort verlagern – um 1…2 Meter, und natürlich über viele Jahre hinweg.

Es gäbe noch viel zu berichten, und wir wären gern noch länger geblieben, um noch mehr zu erleben und an Zusammenhängen zu begreifen. Am letzten Abend besteigen wir eine etwa 30 m hohe Plattform, die in einem lichten Waldstück steht. Die höchsten Bäume sind 60 m hoch, wir sehen also den kleineren Bäumen in die Wipfel hinein, die großen aus halber Höhe. Leider regnet es, was einerseits den Aufstieg schwierig macht, und andererseits die Tiere in den Schutz der Blätterdächer treibt. Wir sehen einige Aras, durch die Nähe sieht man auch deren schöne Farben, und sonstige Vögel. Die Lichtstimmung ist gigantisch, als der Regen aufhört – und obwohl wir nicht so viele Tiere gesehen haben, war das Erlebnis des Regenwaldes hier sehr intensiv. Ein wunderbarer Ausklang unseres kurzen Abstechers in den Regenwald!

Weihnachts-Kondore auf der Vicuña-Station

Weihnachts-Kondore auf der Vicuña-Station

24.-26.12.2017

Am Weihnachtsabend erreichen wir nach einem langen Fahrtag auf dem Weg von Cusco nach Nasca das Nationalreservat Pampa Galeras. Es ist schon dunkel, als wir im Innenhof parken, die Station kommt uns unbewohnt vor, doch plötzlich stehen Milli, die Rangerin, und Santiago, der Biologe, vor uns. Ja, bei dieser Forschungsstation darf man kostenlos übernachten, nach Voranmeldung auch in deren Gästezimmern, und man steht hier absolut sicher. Welche Erleichterung!

Wir kochen zunächst unser Weihnachtsmenü: ein leckeres Gemüse mit frischem Choclo (spezielle Maissorte), den wir eine Stunde zuvor einem kleinen Jungen abgekauft haben, der mit den erntefrischen Maiskolben gewunken hatte. Als Nachtisch zaubert Torsten mit Pisco flambierte Mango (auch erntefrisch) mit Kakaosauce. Der Preis für den Gaumenschmaus: die Hitze – nicht die Flammen! – haben die Moskitonetze an den beiden Dachluken angeschmort, am nächsten Tag nähe ich drei Stunden lang Flicken auf die Löcher. Das war es aber allemal wert! Die Station liegt auf 3.900 m Höhe, und als wir einen kleinen Verdauungsspaziergang machen, sehen wir den bisher tollsten Sternenhimmel in den Anden. Zuvor waren wir von dem Sternenhimmel immer etwas enttäuscht gewesen: zwar reichten die Sterne von Horizont zu Horizont, aber es waren immer „so wenige“. In entlegenen Flecken Europas (Ísland, Sardinien, Nordspanien) hatten wir schon viel „vollere“ Sternenhimmel gesehen, und hatten hier noch mehr Sterne erwartet. Klar – wir sehen ja auf der Nordhalbkugel immer die Milchstraße, die „füllt“ gut, und die hatten wir bisher in Südamerika nicht gesehen. In Nord-Chile beispielsweise hatte Orion ungewohnt auf der Seite gelegen, quasi auf dem Horizont geschlafen, und Cassiopeia war als „M“ anstatt wie bei uns als „W“ zu sehen. Heute abend steht Orion schon recht hoch, und wir sehen ein Stückchen Milchstraße, also endlich haben wir das, was wir immer gelesen und somit erhofft hatten: einen „vollen“ Sternenhimmel in den Anden. Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk.

Am nächsten Morgen zeigt uns Santiago das Museum mit einigen ausgestopften Tieren aus der Region,  und Fotos von der Vicuña-Zucht und –Schur. Die Station wurde in den 60’er Jahren aufgebaut, um die damals nur etwa 500 Vicuñas zu schützen. In den 70’ern fielen viele der Tiere und auch einige Ranger dem Sendero Luminoso zum Opfer, daher wurde die Station aufgegeben und 1979 mit deutscher Unterstützung wieder aufgebaut. Mittlerweile leben wieder 200.000 Vicuñas in Peru. Diese zierlichsten der Andenkamele haben das feinste Fell (1 kg Wolle bringt 500 USD ein!) und wurden deshalb gejagt, heute hat man die Jagd ziemlich zurückgedrängt und sichert so einigen indigenen Commiunidades in den Anden, die diese Tiere halten und einmal im Jahr „sanft“ scheren, ihr Auskommen. Das ist der Unterschied zwischen Nationalparks, wie Manu (siehe voriger Blogeintrag), in denen die Tiere nicht gestört oder genutzt werden dürfen, und den Nationalreservaten, in denen Forschungsstationen angesiedelt sind, und die Tiernutzung, z.B. Schur,  erlaubt ist.

Eigentlich wollten wir nach dem Museumsbesuch weiterfahren, als uns Santiago von den Kondoren erzählt. Ganz in der Nähe befindet sich ein Berg, an dem sich die Kondore bei Sonnenaufgang sammeln, um von hier aus gemeinsam ihren täglichen Flug zu starten. Sie fliegen dabei bis ans Meer, 150 km, in die Nähe von Nasca. Im Dezember sind es meist nur um die 20 Kondore, im Juni bis zu 50. Abends treffen sie sich wieder bei diesem Berg, bevor die einzelnen Familien ihre Unterkünfte beziehen.  Heute abend will er wieder Kondore zählen gehen. Also beschließen wir, den Tag hier zu verbringen und abends  mit ihm Zählen zu gehen! Wir verrichten einige technische Dienste (Moskitonetz flicken, bzw. Torsten bringt den Hano wieder auf Vordermann) und machen einen schönen langen Spaziergang über die Hochebene, um die frei lebenden Vicuña-Familien zu beobachten. Zwei Vicuñas, die von ihren Familien aufgegeben wurden, werden auf der Station geroßgezogen: Nena, 7 Monate alt, und ganz „hembra“: scheu und verschmust; sowie „Juanito“, 6 Monate alt, und ganz „macho“: er beißt gern in Schuhe, Knie, oder von hinten und guckt einen dann mit großen unschuldigen Augen an… Da sie beide im Alter von wenigen Tagen gefunden und auf die Station gebracht wurden, und seitdem von Milli mit Milch aufgezogen werden, folgen sie ihr auf Schritt und Tritt, bis ins Büro.

Am Nachmittag dann die Enttäuschung: dicke Wolken verhängen den Berg und versperren die Sicht. Wir beschließen dann, am nächsten Morgen früh zum Kondorberg zu starten, und ich frage zweimal nach, ob es ausreicht, um 6:00 loszufahren, was Santiago bejaht. Am nächsten Morgen haben wir auch tatsächlich Glück mit dem Wetter: klarer Himmel, dafür -4°C. Für uns mit unserer Standheizung kein Problem, aber die Rangerstation ist unbeheizt… Verfroren kommen die beiden zum Hano und freuen sich dann über den Wärmekomfort bei der Fahrt. 5 km rennt der Hano über die geteerte Straße, und schaukelt dann langsam weitere 3 km über eine rumpelige Piste, die wir allein nie gefunden hätten. Als wir am Kondorberg ankommen, sind die meisten Tiere schon abgezogen. Ich erwische mich bei dem typisch deutschen Gedanken „wären wir doch eine Stunde früher losgefahren, und hätten lieber bis Sonnenaufgang im Dunkeln und Kalten gefroren, um ja keines der Tiere zu verpassen“, und bin mir nicht ganz sicher, ob Santiago sich mit der Zeit verhauen hat, uns das frühe Aufstehen nicht zumuten wollte, oder einfach nicht frieren wollte. Die Kondore haben eine festgelegte Startreihenfolge: zuerst die erwachsenen Männchen, dann die erwachsenen Weibchen, dann die Jungs, zuletzt die Mädels. Zwei dieser Mädels machen uns aber eine Riesenfreude: Sie setzen sich ganz in unserer Nähe auf einen kleinen Hügel, um sich vor dem Start in den ersten Sonnenstrahlen aufzuwärmen. Sie lassen uns ganz nah herankommen. Nach etwa 15 Minuten breiten sie ihre Schwingen aus und entfliegen dann majestätisch in Richtung Küste. Ein Super-Erlebnis, gewissermaßen „Klasse“ statt „Masse“.  

Da Santiago heute in das Büro nach Nasca fahren muss, freut er sich über unser Angebot, ihn mitzunehmen. In so einem tollen Fahrzeug wie dem Hano ist er noch nie mitgefahren, und die Fahrweise der Collectivo-Fahrer ist auch den meisten Peruanern ungeheuer: überhöhte Geschwindigkeit, und bei jeder Gelegenheit wird überholt, bevorzugt in Kurven und vor Hügelkuppen… Zwei Stunden gibt er uns als normale Fahrzeit an, wir warnen ihn vor, dass es mit dem Hano dann vier Stunden dauern könnte, aber das reicht ihm, er muss erst am Nachmittag im Büro sein. Die Straße ist jedoch prima, und wir sind in zwei Stunden da. Ein wenig schade, denn auf der Fahrt gehen uns die Gespächsthemen nicht aus. Wir erfahren zum Beispiel, dass man einen Führerschein für 300 Soles kaufen kann, das ist billiger als Fahrstunden zu nehmen. Daher kennen viele Autofahrer die Verkehrsregeln überhaupt nicht, und das erklärt uns das Chaos auf den Straßen. Wir sind mal wieder froh über unsere nachgerüstete Hupe, sie hilft schon gut, um entgegenkommende Fahrzeuge auf ihre Seite zurückzutreiben.

Wie kann man sich ein schöneres Weihnachtsfest vorstellen, als ohne Handynetz und Internet den ersten Feiertag mit Vicuñas zu verbringen, und den zweiten mit Kondoren zu beginnen? Als wir wenige Kilometer nördlich von Nasca (ca. 500 m.ü.N.N.) auf einen Aussichtsturm steigen, um drei der berühmten Figuren anzusehen, sehen wir zwei Kondore fliegen. An dem dunklen Federkleid erkennen wir, dass es Jungtiere sind (Erwachsene bekommen eine weiße Zeichnung an den Schwingen und die typische weiße Halskrause), und an dem geraden Kopf ohne „Beule“, dass es Mädchen sind. Die Nasca-Linien liegen genau in der Luftlinie zwischen dem Kondorberg von heute morgen, und dem Strand, an dem die Tiere schon öfter gesichtet wurden. Höchstwahrscheinlich sind es also unsere Freundinnen, deren Start wir vor drei Stunden in den Bergen beobachtet haben!

Die Wiederentdeckung der Milch

Die Wiederentdeckung der Milch

10.12.2017 in Tinajani, Peru

Der Grenzübertritt von Bolivien nach Peru war interessant. Auf beiden Seiten waren die Grenzbeamten sehr nett, alles lief glatt. Der peruanische Beamte der Aduana versuchte vergeblich, „Rheinstahl-Hanomag“ als Automarke in das Pull-Down-Menü einzugeben, und begnügte sich dann mit „otro/other“. Dann war er ganz stolz, als er den Wohnort „Eggenstein-Leopoldshafen“ fehlerfrei eingegeben hatte. Ein kurzer Blick in den Hano, wir dürfen passieren. In Peru gibt es plötzlich Fahrrad-Rikschas, dreirädrige Autos ähnlich den italienischen Apes, allerdings aus China, usw. Das Bild der Orte wandelte sich wirklich von einem Meter auf den anderen, auch die Menschen sehen anders aus., viele kleiden sich westlicher. Und die Märkte – waw!! Während es in Bolivien all das gab, was um den Titicaca-See herum angebaut wurde, also Kartoffeln, Bohnen, Mais, … , gibt es hier nun zusätzlich alle Früchte und Gemüse der Küsten- und Urwaldregionen. Ein totaler Augen- und Gaumenschmaus!

Was es aber nicht gibt, ist Milch. Nur Kondensmilch. Ich trinke ohnehin Tee, Torsten nun seinen Kaffe schwarz. Als wir vom Titicaca-See nach Norden Richtung Cusco fahren, machen wir einen Zwischenstopp zum Wandern im Tinajani-Tal, auf 3.950 m gelegen. Nette Felsformationen, die zu einer kleinen Tageswanderung einladen, also verbringen wir zwei Nächte auf einem Bauernhof, der ein kleines Museum eingerichtet hat und Tagesgäste sowie Camper beherbergt. Als wir draußen unser Abendessen kochen, werden die Kühe von der Weide in den Stall getrieben. Wir reagieren nicht sofort. Als am nächsten Morgen ein kleiner dreirädriger Transporter hält und die Morgenmilch abholt, gehen wir sofort hin. Die Morgenmilch ist aber schon verkauft. Der Käufer ist der Bauer von nebenan, der eine Käserei betreibt. Kurze Zeit später treibt die Bäuerin die Kühe aus dem Stall. Durch einen kleinen Fluss auf eine Weide mit Ichu-Gras und Binsen. Stolz erzählt sie mir, dass dies ihr Beruf ist, Kühe hüten. Den ganzen Tag lang betreut sie die Kühe, treibt sie jeweils nach einer gewissen Zeit des Grasens weiter. Die Kühe haben keine übervollen Euter, sie sind nicht auf Hochleistung gezüchtet.

Nach unserer Wanderung bringen wir eine leere 1,5 Liter Flasche zum Bauernhof. Kurze Zeit, nachdem die Kühe abends wieder in den Stall kommen, bekommen wir die melkwarme Milch gebracht. Der Bauer mahnt uns, die Milch zu kochen. Es erfreut uns, dass er ähnliche Hygienevorstellungen hat wie wir. Aus der einen Hälfte kochen wir uns einen Schokoladenpudding. Großartig! Die andere Hälfte kochen wir ab und verwenden Sie für den Café. Die Milch riecht wunderbar und frühste Kindheitserinnerungen von Urlauben in den Bergen werden bei uns beiden wach. Ich mache mich voller Freude über die Milchhaut her. Ja, auch ich trinke einen  Michcafé . Der sahnige Geschmack ist unglaublich. So einen leckeren Café haben wir beide seit langer Zeit nicht mehr getrunken. Leider ist sie am Tag danach schon ausgetrunken, aber wir sind schon gespannt, wann wir wieder mal einen solchen Bauernhof finden. Auf jeden Fall fahren wir am nächsten Morgen bei der Käserei vorbei und kaufen von jeder Sorte ein Käserad: Jung, reif, mit Kräutern aus der Umgebung, mit rotem Quinoa. Letzteren haben wir mittlerweile Bissen für Bissen genossen, es war – außer zwei leckeren Ziegenkäsen – mit Abstand der beste Käse in Südamerika! Und wir freuen uns schon auf die übrigen. Einfach herrlich, Milch und Käse von Kühen zu genießen, die man auf der Weide gesehen hat.

Evolution des Brotes

Evolution des Brotes

Bei vielen deutschen Langzeitreisenden scheint Brot als deutsches Kulturgut ein wichtiges Thema zu sein. Auch wir kommen nicht darum herum, uns Gedanken über Frühstück in abgelegenen Regionen und Wüsten zu machen. Wer will schon jeden Tag süße Kekse der Lebensmittelindustrie zu sich nehmen?!

Vorgefertigte Pita- oder sonstige Fladenbrote lassen sich gut in der Pfanne zubereiten und  in Form von Wraps als Grundlage für schnelle süße oder deftige Speisen verwenden.  Nur sind diese nicht flächendeckend erhältlich.

  1. Evolutionsschritt: Kaufe Mehl und Hefe und stelle den Teig für Fladen selbst her.
  2. Evolutionsschritt: Fertige aus dem Teig gefüllte Teigtaschen (Marmelade, Käse, Pizzabelag)
  3. Evolutionsschritt: Verwende mehr Öl und frittiere: Donuts und Berliner. Das benutzte Pflanzenöl kommt gefiltert in den Tank.
  4. Evolutionsschritt: Die Steinzeit. Entzünde ein Lagerfeuer auf flachen Steinen und verwende nach dem Herunterbrennen die erhitzten Steine zum Ausbacken von Fladen. Die Asche liefert wertvolle Mineralstoffe, die dem Weizenmehl Typ 000 fehlen.
  5. Evolutionsschritt: Technische Optimierung. Lasse dich von den vielen Adobe-Öfen der Altiplano-Dörfer (sieht wie ein Iglu aus) inspirieren. Über den flachen Steinen wird ein falsches Gewölbe aus Steinen des Titicaca-Sees in Kuppelform errichtet. Vorne eine verschließbare Öffnung, oben ein Loch zum Abziehen der Rauchgase. Nun muss viel Eukalyptusholz gesägt werden (Ilonas Aufgabe, da mühselig, zeitaufwendig und zermürbend), das mit einem kleinen Beil der beliebten Marke F….. gespalten wird (meine Aufgabe, da ich mich bei dem zähen Holz kaum vor Motivation zurückhalten kann). Man benötigt viel Holz bis die Steine alle eine sinnvolle Temperatur erreicht haben, die auch als Oberhitze bezeichnet werden kann. Nach etwa vier bis fünf Stunden ist es soweit: Glut und Asche werden beiseitegeschoben und bieten Platz für zwei kleine Pizzen oder vier Brötchen. Der Teig wird mit Röstzwiebeln (gibt’s angeblich bei Aldi und Lidl, aber nicht hier bei uns) verfeinert. Die Pizzen sind nach 5 min. und die Brötchen nach 15 min. fertig gebacken. Insgesamt konnten wir viermal den Ofen beschicken, wodurch wir leckere Brötchen auf Vorrat für den nächsten Tag erzeugten. Länger haben die Vorräte nie gehalten, weil sie so lecker waren.

Für mich selbst ging mit dem Ofenbau ein Kindheitstraum in Erfüllung: Die Kindergartentante meiner Gruppe (heute heißt das Erzieherin) erschreckte ich bereits mit dem Wunsch, einen Ofen zu bauen, statt Tiere aus Ton zu formen… Sehr genossen haben wir auf jeden Fall die Erfahrung, wie aufwendig es ist, mit elementaren Mitteln die Nahrungsmittel selbst herzustellen. Nun fehlte nur noch das eigenhändige Mahlen des Getreides und die Gewinnung von Sauerteig. Da wird sehr deutlich, dass in den Industrieländern kaum noch ein Bäcker ohne Backmischung und vorgebackenen Rohlinge auskommt.

Wald-Camp am Titicaca-See

Wald-Camp am Titicaca-See

28.11. bis 07.12.2017

Am Abend nach La Paz kommen wir bereits in dem lauschigen Eukalyptushain an. An der Ostseite des Titicaca-Sees liegt auf einer kleinen Halbinsel ein Vorsprung, der an drei Seiten vom See umgeben ist. Dieser ist natürlich stark windexponiert, hat aber einen unverstellten Blick in Richtung Sonnenaufgang, Süden und Sonnenuntergang. Natürlich wählen wir für den Hano diesen exponierten Stellplatz! Neun Nächte werden wir hier bleiben. Das absolute Camper-Paradies: Als einzige Infrastruktur gibt es Mülleimer. Und glasklares Wasser aus dem Titicaca-See.  Einige Bäume wurden gefällt, man kann sich hier mit Brennholz versorgen. An einigen Tagen kommen Tagesgäste. Die meisten Nächte sind wir allein, kurzzeitig campen auch zwei englische Pärchen hier, die mit chilenischen Transportern unterwegs sind.

Am ersten Abend kommen wir spät und erschöpft an, und kochen und essen im Hano. Rundum blitzt und gewittert es – im Süden über La Paz, im Osten über der Cordillera Real, im Westen über Copacabana. Über unseren Platz fegt nur ein heftiger eisiger Wind, nachts regnet es. Die Regenzeit kündigt sich an. Am nächsten Morgen wieder Sonnenschein. Die Nachttemperaturen liegen zwischen 7 und 11 C, tags zwischen 13 und 16 C. Warm ist es nicht, aber wenn die Sonne scheint ist die Strahlung enorm und täuscht T-Shirt-Wetter vor. Das Herumlaufen im T-Shirt führt aber nur zu roten Armen und dazu, dass man nach kurzer Zeit richtig durchgefroren ist.

Die ersten beiden Tage verbringen wir mit technischem Dienst am Hano. Nach fünf Wochen Wüstenpisten ist von Waschen, Saugen, Entstauben, lose Schrauben Festziehen, gebrochene Kühlerhalterung Reparieren über diverse Lackierarbeiten viel zu tun. Dafür können wir uns aber keinen schöneren und ruhigeren Platz als diesen vorstellen. Die „Arbeit“ gerät hier eher zur Meditation, man kann sich währenddessen immer am frischen Eukalyptusduft, am Rauschen der Wellen, und am  Anblick des sich kräuselnden Wassers erfreuen. Nach all den Wochen in der Wüste endlich Wasser im Überfluss!

Im Laufe des zweiten Tages beginnen wir dann neben den Wartungsarbeiten, uns „häuslich“ einzurichten: Ein Sägeplatz wird auf einem umgefallenen Baum angelegt, daneben ein Hackplatz, eine Feuerstelle für das Lagerfeuer, die sich im Laufe unseres Aufenthalts in die Steinzeit weiterentwickeln wird, und Torsten zimmert aus Eukalyptusholz ein Untergestell für den Faltkanister und unsere Falteimer – ein rustikaler Waschplatz entsteht. So macht Campen richtig Freude! Da wir keine 10 m vom Wasser entfernt stehen, kommen die Fischer erstaunlich nahe ans Ufer und bestaunen die Wandlung des Platzes. Alle winken fröhlich, manche rufen uns etwas zu, was wir nicht verstehen. Wir winken auch immer kräftig und rufen etwas über das schöne Wetter, den starken Wind, den Regen oder den herrlichen Platz zurück. Zwei Fischer wagen sich sogar an Land. Der erste ist recht kommunikativ und sehr neugierig. Nach einem Besuch ist er befriedigt und kommt nicht mehr. Der zweite ist eher schweigsam. Bei seinem ersten Besuch ist Torsten gerade dabei, die Schrauben unter dem Auto zu prüfen und festzuziehen. Er erklärt das dem Fischer und schraubt weiter. Fast eine Stunde lang steht unser Besucher neben dem Hano. Erst als ich mit dem Beschriften der Tachoscheiben fertig bin, aussteige, und mich zu Torsten herunterbücke, wagt auch er, unter das Auto zu sehen. Er beobachtet Torsten dann noch eine zeitlang und rudert nach einer kurzen Verabschiedung davon. Zwei Tage später kommt er wieder, mittlerweile sind wir voll eingerichtet. Er bleibt in respektvollem Abstand stehen. Da wir mittlerweile den Großteil unserer Pflichten abgearbeitet haben, nehmen wir uns mehr Zeit für unseren Gast. Wir bieten ihm einen Café an, den er erst beim zweiten Angebot annimmt. Wir setzen uns, er betrachtet etwas ungläubig das kleine Zuckerpäckchen, das wir ihm geben. Er spielt lange verlegen damit herum, bis die Packung an einer Stelle aufreißt, und leckt dann bedächtig den kleinen Zuckerkristall von seinem Finger ab, der sich aus der Packung befreit hat. Dann erst dämmert uns, dass er diese Zuckerpäckchen wohl gar nicht kannte und sich sicher gewundert hat, weshalb wir ihm anstelle des versprochenen Zuckers ein Papierpäckchen gereicht haben. Wieder verbringt er etwa eine Stunde bei uns. Er ist sehr schweigsam, genießt es aber, mit uns in der Sonne zu sitzen und schaut oft nach oben in die Wipfel der Eukalyptusbäume. Wir reden ein wenig über seinen Ort, seine Fischerei, das Wetter und die Natur hier und in Deutschland. Und schweigen und betrachten die Eukalyptusbäume. Keine Eile. Als er seinen Café bedächtig zu Ende getrunken hat, frage ich ihn nach seinem Boot. Er ist erfreut, dass wir uns dafür interessieren. Wir gehen zum See hinunter und er bedeutet uns wortlos einzusteigen. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber wir steigen erfreut ein. Er rudert mitten auf den See hinaus, eine unerwartete schöne Ausfahrt. Da er keine Anzeichen macht umzukehren und wir ihn nicht überstrapazieren wollen, fragt Torsten nach einer Weile, ob er rudern darf. Das Boot ist selbst gezimmert, und die beiden Ruder sind unterschiedlich groß. Der Fischer hat Übung darin, die Ruder unterschiedlich tief einzutauchen. Torsten muss sich erst einmal einrudern, bis der Geradeauslauf klappt. Dann wendet er und rudert uns ans Ufer zurück. Wir steigen aus, der Fischer rudert davon, sein letzter Besuch bei uns.

Jaime, der sich um den Platz kümmert, kommt ab und zu vorbei. Wir reden über das Wetter, die Kommunalwahlen, die neuen Baumaßnahmen der Regierung, die auch diesem kleinen Ort eine moderne Schule beschert haben, usw. Er freut sich, dass es uns so gut gefällt, und registriert, dass der Platz um den Hano herum immer sauberer wird. Die Bolivianer schmeißen ihren Plastikmüll meist recht sorglos in die Natur (wie alle anderen Südamerikaner auch), und wir räumen zumindest in unserem Bereich nach den Tagesgästen immer wieder auf. Außerdem machen wir kurzen Prozess mit dem trockenen Holz und den extrem brandgefährdeten heruntergefallenen Ästen, an denen noch Blätter hängen. Eukalyptusholz lässt sich sehr schwer Spalten, Bohren und Verschrauben. Zum Anfeuern eignen sich Rindenstücke, und sogar frische Blätter brennen gut und duften dabei lecker wegen der ätherischen Öle. Um so brennfreudiger sind die trockenen Blätter… Unser Lagerfeuer fassen wir in Steine und richten es nach dem Wind aus, um die Waldbrandgefahr zu bannen. Aber bei den teilweise recht nahen Gewittern wird uns mulmig… Wir machen auch wieder die Erfahrung, dass man für jede Stunde Lagerfeuer zwei bis drei Stunden Holz machen muss. Das gefällt uns aber – nach so vielen Fahrtagen toben wir uns acht Tage lang körperlich aus, und nach all den schnell wechselnden Eindrücken der letzten Wochen lernen wir diesen wunderschönen Flecken durch den langen Aufenthalt von allen Licht-, Wind- und Wettersituationen her kennen.

Das war mit Abstand der schönste Platz, auf dem wir je gecampt haben, und es fällt uns richtig schwer Abschied zu nehmen. Aber weitere Abenteuer rufen.