Kategorie: Blog

Kathrina und Berta feiern freudiges Wiedersehen 15.04.2022

Kathrina und Berta feiern freudiges Wiedersehen 15.04.2022

Als wir Kathrina verraten, dass sie in Südafrika Berta wiedersehen wird, stellt sie einmal mehr unter Beweis, dass sie keine seelenlose Maschine ist, sondern über eine freudig-ängstlich-erregbare Persönlichkeit verfügt.

Am Tag, an dem wir Berta treffen wollen, laufen Kathrinas Bremsen heiß und zur Problemlösung sind zwei Service-Stopps von insgesamt vier Stunden Dauer notwendig. Aber selbstverständlich liegt das nicht an Kathrinas Nervosität, sondern an den vielen Schlammdurchfahrten, insbesondere in letzter Zeit in Botswana, die den Radbremszylindern bösen Rost angehext haben! Als wir dann auf dem verabredeten Campingplatz ankommen, haben sich sowohl die Gefährte als auch die Insassen viel zu erzählen. Bei Berta zickt beispielsweise der Vergaser… Was die beiden sonst noch so getuschelt haben, haben sie uns nicht verraten.

Wir diskutieren mit Solomon ausgiebig unsere Erfahrungen auf der Reise – mit den Menschen am Campingplatz, in den Dörfern, sowie Amtsträgern wie Zoll- und Polizeibeamten. Erstaunlich, wie viele Dinge wir sehr ähnlich wahrnehmen. Andere Situationen haben wir jedoch völlig unterschiedlich interpretiert. Wir sind vielleicht manchmal neutraler und unvoreingenommener, während die Südafrikaner natürlich ein profundes Vorwissen haben.

Neun Abende intensiver Gedankenaustausch, umrahmt von leckeren Kochorgien und Wanderungen in unbekannten wunderbaren Plätzen wie z.B. dem Loerkop, auf dem das Blogfoto aufgenommen wurde, und der auf dem Gelände einer Cousine liegt. Eine spannende Zeit! Doch dann zieht es uns weiter nach Süden in die Berge, bevor der Herbst in aller Kälte zuschlägt, denn die Nächte dort sind bereits frostig.

Kathrina platscht durch die Kalahari 07.-10.04.2022

Kathrina platscht durch die Kalahari 07.-10.04.2022

Beinahe wären wir an der Kalahari vorbei gefahren.

Nach den intensiven Tiererlebnissen am Chobe- und Kwhai-Fluss waren wir übervoll mit stark positiven Eindrücken, wir hätten uns am liebsten erstmal eine Woche lang an einem unspektakulären Ort erholt, damit die vielen Sinnesreize wieder abklingen können. Darüber hinaus waren wir von den katastrophalen Pistenzuständen richtig müde: Kathrina knurpste mittlerweile bei jedem Schlagloch, Torstens Arme schmerzten vom Freihacken und den starken Lenkmanövern, ich wollte nicht mehr auf jeden Meter von rechts nach links geschaukelt werden. Wir suchten also nach einem „normalen“ Campingplatz. Den fanden wir auch: umzäunt, bewacht, Campingplatznachbarn, und eine Bar mit Musik. Obwohl die großen heißen Duschen sehr verlockend waren, zog es uns nach zwei Tagen schon wieder weiter. Wir beschlossen, Botswana auf Teerstraßen zu durchqueren und möglichst zügig nach Südafrika zurück zu kehren.

Doch am Nachmittag des ersten Fahrtages zieht es Kathrina über eine (nur 5 Kilometer lange) Piste an das Ufer des Boteti-Flusses. Wir verbringen einen wunderbaren Nachmittag in der Einsamkeit und beschließen, unser Nachtlager hier aufzuschlagen. Beim Routineblick unters Chassis bemerkt Torsten, dass sich der Gummipuffer des Stoßdämpfers vorne rechts in Luft aufgelöst hat. Ohne Puffer kann der Stoßdämpfer natürlich keine Stöße mehr dämpfen. Ob dies die Ursache für das Poltern war? Der Gummipuffer wird vor dem ins-Bett gehen noch ausgetauscht, und siehe da, bei der Rückfahrt auf die Teerstraße am nächsten Tag poltert nichts mehr.

Nach kurzer Fahrt auf der Teerstraße spannt sich eine weite, beschauliche Grasebene vor uns auf. Einige dornige Akazien überragen das Gras – das ist das Bild, das wir immer von Afrika vor Augen, aber bisher nicht gefunden hatten. Die Ausläufer der Kalahari! Kathrina bekommt große Augen, wir auch, und wir entscheiden uns spontan, in den Central Kalahari Nationalpark zu fahren. Im nächsten Ort kaufen wir noch schnell einige Lebensmittel und zwei 5 Liter-Behälter Trinkwasser. Gutes Wasser zum Auffüllen des Wassertanks (Kochen, Abwaschen, Duschen) soll es ja am Eingangstor des Parks geben. Dort angekommen erfahren wir, dass das Bohrloch kaputt ist, wir müssen also mit unseren Reserven haushalten. Kein Problem, das sind wir gewohnt. Der Parkwärter an der Rezeption telefoniert mit der Zentrale und findet noch einen Platz, der für drei Nächte frei ist, im zentralen Teil des bekannten „Deception Valley“, in dem sich die meisten Tiere aufhalten sollen. Wir wissen, dass dies um diese Jahreszeit nicht unbedingt bedeutet, dass man überhaupt Tiere sieht – aber uns hat ja die weitläufige Landschaft magisch angezogen, nicht die Hoffnung auf spektakuläre Tiererlebnisse, also schlagen wir zu und fahren in den Park.

Durch das hohe Gras sind die Tiere in der Tat schwer zu sehen – die kleinen Gazellen verschwinden komplett im wogenden Gras, ebenso deren Jäger. Die Giraffen überragen natürlich das Gras, hier bekommen wir endlich mal den Anblick „Giraffe wächst in den Himmel“ (und nicht: Giraffe wirkt klein vor hohen Bäumen), und auch die großen Oryx-Antilopen sieht man gut – was wollen wir mehr?

Unser Platz besteht aus einem Plumpsklo und einer Stange, an die man eine Eimerdusche hängen könnte, wenn man denn eine hätte – aber wir haben ja unsere Dusche in Kathrina. Und vor allem: keine Nachbarn in Sichtweite, viele Vögel am Platz, nachts kommen die Springhasen. Einfach nur herrlich!

Die Pisten im Park sind schlimm. Wie in allen Nationalparks, die wir bisher besichtigt haben, sind die Pisten nicht gepflegt. Weder geebnet noch freigeschnitten. Selbst Fahrer mit kleinen Dachzelt-Geländewagen klagen über den Pistenzustand. Als wir bei einem Ausweichmanöver mit den Entgegenkommenden ins Gespräch kamen, meinten die „Also 2015 kamen wir überall sehr gut durch – seitdem scheint nichts mehr gepflegt worden zu sein…“. Immerhin haben wir das Glück, dass Kathrina die gefürchteten Tiefsandpassagen nichts ausmachen. Nur ganz selten verlangt sie nach Allrad – die meisten Strecken können wir im normalen Straßengang fahren. Aber die wuchernden Äste machen Probleme. Die vielen, über Nacht neu nachgewachsenen Kameldorn-Zweige mit ihren mehreren Zentimeter langen Dornen krietschen ganz fürchterlich über den Lack, über die Kisten auf dem Dach, und schlagen in die offenen Fenster – denn diese sind ja unsere Klimaanlage. Also halten wir die Fahrten kurz, verbringen die Zeit an den benachbarten Pfannen, und genießen die unglaublichen Lichtstimmungen. Am ersten Tag ist der Himmel strahlend blau und wolkenlos, in der Nacht haben wir seit über drei Monaten wieder einen wunderbar klaren Sternenhimmel. Am nächsten Morgen bewundern wir die einzigartigen Schäfchenwolken-Formationen am Himmel, abends dann das Wetterleuchten in hoch türmenden Riesenwolken. Nachts klart es wieder auf, und die Sterne funkeln wieder. Am dritten Tag machen wir dann eine etwas längere Fahrt. Morgens ist es noch sonnig, mittags dann glücklicherweise bedeckt, sodass die Sonne nicht so unerbittlich niederbrennt. Nachmittags, kurz bevor wir zurück an unserem Platz sind, kommen dann die ersten Tropfen. Sehr schnell kommen dann sehr viele sehr große Tropfen. Wir suchen uns auf einem etwas breiteren Pistenstück einen leicht erhöhten Platz zum Anhalten, denn wir können trotz Schnellgang der Scheibenwischer nichts mehr sehen. Diese Zwangspause verbringen wir dann damit, eindringendes Wasser wegzuwischen, die Eindringstellen zu identifizieren und so gut es geht zu dichten. Und dabei entdecken wir neben den wohl bekannten auch eine neue neuralgische Eindringstelle: Das Gummi im Durchgang vom Führerhaus zur Wohnkabine hat mittlerweile ein Loch. Als der Regen endlich nachlässt, erreichen wir im letzten Abendlicht unseren heimeligen Stellplatz. An der Stelle, wo wir die beiden Nächte zuvor standen, funkelt ein schöner kleiner See. Glücklicherweise hat dieser See eine kleine Insel. Kathrina macht sich ganz klein, und dadurch schaffen wir es, so zu parken, dass all ihre Reifen auf Sand stehen, und dass auch wir noch einen knappen Meter Sand zum Aussteigen haben.

Eigentlich wollten wir am vierten Tag nochmal zu einer nahegelegenen Pfanne fahren, doch da es nachts weiter geregnet hat, und alles noch tiefer unter Wasser steht als am Vorabend, beschließen wir, direkt zum 40 Kilometer entfernten Parkeingang zu „fahren“. Die ersten fünf Kilometer sind relativ hoch liegende Sandpisten, die sich halbwegs angenehm fahren lassen: Auf feuchtem Sand haben die Reifen mehr Griff als im trockenen Tiefsand, doch kommt alle 10 bis 20 Meter eine Pfütze, der man nicht ansieht, wie tief sie denn sein wird. Einige Pfützen sind so tief, dass selbst Kathrina mit ihren großen Rädern das Herz in die Hose rutscht. Nach fünf Kilometern kommt dann ein Pistenstück, das sich in mehrere Nebenpisten verzweigt, und das komplett unter Wasser steht. Wir sehen also keine Pisten, sondern einen verzweigten Fluss. Das Navi hatte zwar bei der Hinfahrt den Weg geloggt, aber die Genauigkeit ist nicht so gut, dass wir bei der Gabelung vorhersagen können, woher wir gekommen waren. Erst nach fünfzig bis hundert Metern zeigt dann der Punkt auf dem Display, dass wir auf der Piste weiter links gekommen waren. Ob diese Strecke aber bei diesen Wetterverhältnissen die bessere ist? Beim Wendeversuch passiert es dann: Kathrina wühlt sich im Schlamm fest. Auch mit gefühlvollstem Gas geben fassen die Reifen nicht mehr. Das rechte Vorderrad steht zur Hälfte im seifigen Schlamm, der sich bei Regen aus dem feinen Ton bildet, der den Boden der Pfannen bedeckt, die anderen Räder im knietiefen Wasser.

Also Gummistiefel anziehen, möglichst dicke Äste mit der Machete abtrennen, die aufgeweichte Matschschicht mit der Schaufel bestmöglich entfernen. Dann die Äste vor und hinter den Reifen unterpacken, damit Kathrina wieder einen festen Untergrund unter die Räder bekommt. Das Ganze mehrfach wiederholen ohne die Geduld oder gar den Mut zu verlieren, bis die Räder tatsächlich fassen, und nicht nur die Äste unter dem Rad durchdrehen und auf der anderen Seite wegschieben. Das ist hier sehr kurz beschrieben, aber dahinter steckt eine gute Stunde harter Arbeit im extrem rutschigen Schlamm, teilweise bei Nieselregen. D.h. Brillen werden nass und beschlagen, usw. Im Berge-Handbuch werden derartige Umstände als „erschwerte Bedingungen“ bezeichnet. Wobei man sich natürlich bevorzugt bei erschwerten Bedingungen festfrisst, sodass es eigentlich klar ist, dass man fast nie bei optimalen Bedingungen bergen kann. Und warten auf Sonnenschein ist nicht immer möglich oder ratsam. Wir sind noch zwei weitere Tage in der Gegend und stellen fest, dass tatsächlich in den Pfützen der Untergrund immer rutschiger wird, obwohl es nicht weiter regnet. Denn der feine Ton braucht lange zum Quellen. D.h. je frischer die Pfütze, desto fester der Untergrund. Und solange die Pfütze stehen bleibt, solange quillt der Untergrund nach – den schlimmsten Matsch hat man also oft erst Tage nach dem Regenfall.

Nach anderthalb Stunden stehen wir also wieder an der Stelle, an der sich die Piste verzweigt. Wir warten auf einer erhöhten Sandstelle. Irgendwann muss doch jemand vorbei kommen. Nach kurzer Zeit kommt auch schon ein Südafrikaner mit seinem Geländewagen. Er kennt den Park gut, auch bei Regen. Er hat noch fünf Nächte im Park gebucht und wollte mal sehen, wie diese kritische Stelle nach dieser Starkregennacht aussieht. Auch er ist ratlos und weiß nicht, wie wir am besten hier durchkommen sollen. Die Wege verändern sich von Jahr zu Jahr, weil bei jeder Überschwemmung Wagemutige eine neue Umfahrung ausprobieren – und dabei nur allzu oft steckenbleiben. Er verrät uns, an welchen Campingplatz er steht. Falls wir nicht durchkommen, können wir zu ihm kommen und auf seinem Platz mit übernachten. In diesem Moment kommt der Service-LKW des Parks. Die Fahrer sagen uns, wir sollen ihnen folgen, sie würden während der kritischen Stellen auf uns warten und uns zur Not rausziehen.

So ein Angebot schlagen wir natürlich nicht aus. Und oh weh – sie fahren die Strecke, wo Kathrina sich vorhin schon festgefressen hat, in einem Affentempo, mit oft fast durchdrehenden Reifen. Sie haben einen modernen Fuso, allerdings mit viel kleineren Reifen als Kathrina. Wir sollten also etwa gleichgut durchkommen. Wir vertrauen auf sie und folgen ihnen – und kommen diesmal durch. Doch hundert Meter weiter bleiben auch sie beinahe stecken, wir müssen wenden. Sie finden einen Platz, an dem das gut geht. Wir schaffen also beide das Wendemanöver und fahren wieder durch den sehr tiefen Schlamm zurück. Nun probieren sie einen anderen Weg aus. Wir hinterher. An einigen Stellen rutschen sie ganz schön, Kathrina hält sich dann etwas weiter links oder rechts und kommt gut durch. Unterm Strich ist Kathrina wohl das überlegene Fahrzeug, aber wir Fahrer haben im Gegensatz zu den Rangern die Streckenkenntnis nicht, und hatten bisher auch noch nie solch seifigen Schlamm erlebt. Wir sind heilfroh, dass sie vorbeikamen. Zufall? Nein: Vorsehung! Irgendwann geben die Ranger dann Gas und warten nicht länger auf uns. Wir hätten uns gern verabschiedet und bedankt, aber sie haben es wohl eilig, und wir gehen davon aus, dass der schlimmste Teil der Piste nun hinter uns liegt. So ist es dann auch. Wir haben zwar an manchen Stellen noch etwas zu kämpfen, aber es gibt nun nur noch eine Fahrspur und nicht mehr das sumpfige Wegegewirr, in dem wir uns zu Beginn festgefahren hatten. Zwei Stunden hatte die Hinfahrt auf der trockenen, tiefsandigen Piste gedauert. Nach fünf Stunden Schlamm-Fahrt erreichen wir nun das Tor. Alles ist glimpflich ausgegangen: Festgefahren – aus eigener Kraft wieder rausgekommen – dann wurden wir durch den schlimmsten Teil geleitet – und konnten dann in entspanntem Kathrina-Tempo die letzten dreißig Kilometer allein meistern.

Einerseits hätten wir auf dieses Erlebnis gern verzichtet. Aber andererseits hätten wir dann nicht behaupten können, in der Regenzeit in Afrika gewesen zu sein.

Laut mampfende Leisetreter – Natur pur in Botswana 02.04.2022

Laut mampfende Leisetreter – Natur pur in Botswana 02.04.2022

Woran erkennst du, dass ein Elefant dicht neben dir vorbeizieht? Schritte hörst du keine. Elefantenfüße haben eine dicke Knorpelschicht, die als Stoßdämpfer wirkt, sodass die bis zu fünf Tonnen schweren Kolosse lautlos hinter dir vorbei schleichen könnten. Wenn sie sich dennoch in den meisten Fällen verraten, hängt das nicht mit ihrer Masse, sondern mit ihrer Volumenausdehnung und ihrem guten Appetit zusammen. Elefanten fressen ganzjährig Blätter, und nun gegen Ende der Regenzeit bevorzugt das frische grüne Gras. Beides ist nicht sonderlich nahrhaft, weswegen ein Elefant etwa 16 Stunden am Tag mit Essen zubringt. Mit anderen Worten: wenn er sich bewegt, frisst er in der Regel auch, und dies mit einer seinem enormen Appetit angemessenen Geräuschkulisse: Zweige werden von den Bäumen abgerissen, riesige Grasbündel aus der Erde gerupft, und wenn der Rüssel diese Leckereien dem Maul zugeführt hat, folgen wohlige Mahlgeräusche der Zähne, während der Rüssel schon wieder auf Beutezug geht…

Man hört Elefanten also mampfen, und nicht trampeln! Manchmal hört man auch nur Äste knacken (ohne mampfen), wenn ihre Leibesfülle und nicht ihr Rüssel die Äste vom Baum reißt.

Ähnlich ist es um die Flusspferde bestellt. Unser erster Campingplatz in Botswana liegt am Chobe-Fluss, wir haben natürlich den Platz gewählt, der dem Flussufer am nächsten liegt. Der gesamte Campingplatz ist durch zwei Elektrozäune gesichert. Wir stehen also am Zaun, können aber von Kathrinas Dach auf den Fluss sehen. Das Gras am Campingplatz ist kurz gemäht, aber schon der Zaun ist in über einen Meter hohes Gras eingebettet, d.h. direkt neben uns beginnt die saftige Uferwiese. Gegen Abend hören wir – seit langer Zeit wieder – den Ruf der Hippos, aus einiger Entfernung. Unser Herz schlägt höher, denn auch diese Dickhäuter haben wir sehr lieb gewonnen! Als Torsten abends vom Duschen kommt, hört er dicht neben Kathrina laute Mampfgeräusche. Wir steigen aufs Dach und warten, bis sich unsere Augen an die Dunkelheit adaptiert haben. Und siehe da – zehn Meter hinter Kathrina, immerhin getrennt durch 2 Elektrozäune, zeichnet sich im hohen saftigen Gras ein runder Rücken ab. Als der Rücken beginnt, sich vorwärts zu bewegen, hört man keinerlei Gehgeräusche. Das Hippo bewegt sich also genauso lautlos wie die Elefanten – und verrät sich genau wie diese nur durch seinen herzhaften Appetit, den es nachts an Land stillt, während es der Tageshitze unter Wasser auf dem Grund des Flusses entflieht. Kurze Zeit später hören wieder ein lautes Mampfen. Der nächtliche Aufstieg aufs Dach enthüllt dann, dass nun eine Hippokuh mit ihrem Kalb fünf Meter neben Kathrina weidet. Was für ein tolles Erlebnis!

Zurück zu den Elefanten: Als wir am nächsten Tag eine Bootstour auf dem Chobe machen, erfahren wir auch eine neue Funktion ihres Rüssels. Wir hatten ja bereits im Addo-Park zu Beginn unserer Reise dessen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten erfahren und im Blog beschrieben. Aber nun in der saftigen Regenzeit kommt eine neue Funktion hinzu: der Elefantenrüssel als Salatschleuder! Während der Trockenzeit sind ja nur die kleinen trockenen Blätter vorhanden, und wenn in der Regenzeit das Hippogras saftig auf den kleinen Inseln im Chobe-Fluss wogt, wagen die Elefanten den Gang durch den krokodilbewohnten Fluss zu den Inseln. Dort angekommen reißen sie mit Wonne große Büschel Hippogras aus. An den langen Wurzeln dieses Grases haftet jedoch viel Schlamm an, der den Elefanten nicht mundet. Also muss der Schlamm sorgfältig ausgewaschen werden. Was für ein Schauspiel! Einem sehr kurzen „Rrrrups“ zum Ausreißen eines riesigen Grasbündels folgt ein bis zu einer Minute langes Wasser-Geplatsche, da der Rüssel das Grasbündel mit großer Wucht von rechts nach links, von vorn nach hinten durch das Wasser schlägt. Dann verschwindet das gereinigte Gras im gierigen Maul, und der Rüssel tastet nach dem nächsten leckeren Grasbüschel.

Einen Tag später fahren wir an Land am Chobe-Fluss entlang, durch den Nationalpark. Botswana setzt auf geführte Touren, Individualtouristen wird es beispielsweise durch höhere Eintrittspreise als bei einer geführten Tour schwer gemacht. Aber dafür ist man dann – wenn man von den Routen der geführten Touren abweicht – auch allein mit der Natur. In den ersten zwei Stunden sehen wir also vereinzelt Tourenautos, danach dann gar keine Autos mehr. Wir sehen viele bekannte Tiere, aber in einer anderen Jahreszeit. Zu Beginn der Regenzeit werden viele Huftiere geboren. Im Dezember im Etosha-Park hatten wir also viele kleine staksende Zebras, Gnus und Gazellen gesehen. Nun gegen Ende der Regenzeit sind viele von den Kleinen schon fast so groß wie die Eltern, und galoppieren ebenso behende wie sie. Und es ist Paarungszeit! Die halbwüchsigen Männchen werden von den Herden vertrieben, damit der Chef seine Weibchen für sich hat. Insbesondere bei den Impalas ist das so: Wir sehen also einige Herden mit einem wohl behörnten Chef, vielen ausgewachsenen Weibchen und ihren Jungtieren. Bei den jungen Böckchen sprießen die Hörnchen schon ganz klein (wenige Zentimeter hoch), doch dies sieht der Bock mit seinen fünfzig bis neunzig Zentimeter langen Hörnern noch nicht als Bedrohung, sie dürfen bei der Herde bleiben. Eine solche Herde schart sich um Kathrina, die kleinen Böckchen legen sich direkt vors Auto und blicken Kathrina interessiert an. Als Torsten den Motor ausmacht, zucken sie kurz, schließen dann die Augen und senken den Kopf auf die Vorderbeine. Sie haben also keinerlei Angst vor uns, sondern fühlen sich unter Kathrinas Schutz sicher! Dann sehen wir viele Gruppen von jeweils 4 Jungböcken, die immer paarig das Kämpfen üben. Zwei Jungspunde fangen an, mit den Hörnern aufeinander loszugehen, das animiert dann auch die anderen beiden, es ihnen gleich zu tun. Als wir uns an dem Schauspiel satt gesehen haben, fangen wir an, die Vögel in den nahegelegenen Bäumen mit dem Fernglas zu beobachten. Doch wir werden weiterhin Zeugen der Schaukämpfe – durch die Akustik: Wir hören einige Minuten Lang Hörnergeklapper hinter uns, dann endet es, und man hört die Tiere wieder Gras rupfen, bis beim ersten Bock wieder die Hormone durchschießen und das Geklapper wieder beginnt… Plötzlich entdecken wir einige Bäume, die nicht voller Vögel, sondern voller Paviane sind. Einige von ihnen sitzen ruhig in der Nachmittagssonne, aber auf einem Baum haben sich die jungen Wilden versammelt: Äste wackeln, Paviane springen aufeinander, rangeln, versuchen sich gegenseitig vom Baum zu stoßen, dabei bricht auch mal ein Ast ab und zwei Paviane landen erschrocken eine Etage tiefer, fangen sich aber behende auf und gehen sofort wieder aufeinander los. Welch Übermut! Am späten Nachmittag treffen wir am Fluss auf eine riesige Herde Kaffernbüffel. Wir beobachten sie fast eine Stunde lang. Getrunken haben sie offensichtlich schon, denn sie stehen etwas entfernt vom Ufer, viele liegen entspannt in der tiefstehenden Sonne. Einige Männchen beobachten uns aufmerksam, das eine oder andere stellt sich vor Kathrina in Positur um uns zu zeigen, dass sie ihre Herde zu beschützen wissen. Nach geraumer Zeit beginnen sie ins Hinterland abzuziehen. Als die Herde vor Kathrina vorbeizieht, bauen sich immer neue Männchen schützend vor Kathrina auf, damit die Übrigen hinter ihnen in Sicherheit vorbei ziehen kann. Dann ziehen auch sie weiter, und neue Männchen übernehmen den Schutz der Herde. „Wer ist denn nun der Chef?“ fragen wir uns. Dann bemerken wir einen alten großen Bullen, dessen gesamter Körper von sehr vielen Kampfnarben übersät ist. Er steht etwas abseits, hinter der Herde, mal mittendrin, aber nie im Vordergrund. Er beobachtet alles genau: Kathrina und ihre beiden fotografierenden oder fernglasspähenden Insassen, wie gut seine jungen Bullen die Herde abschirmen, und dass jedes einzelne Tier unbehelligt abziehen kann. Wir nennen ihn den „Paten“.

Als nächstes fahren wir durch die südlich gelegene Savuti-Region des Chobe-Nationalparks. Der bietet ein ganz anderes Landschaftsbild: weitläufige Ebenen mit mehr oder weniger Baumbestand, einige Hügel mit schroffen Felsen, die Sicht ist jedoch gegen Ende der Regenzeit durch hüfthohes Gras erschwert, die Pisten sind ausgewaschen und viele tiefe Pfützen in der Piste machen das Fahren zum Abenteuer. Hinzu kommt, dass sämtliche gedruckte und digitale Karten, die wir besitzen ein unterschiedliches Wegenetz aufzeigen – und die existierenden Pisten, die wir natürlich nicht verlassen, sind meistens in keiner der Karten eingezeichnet. Hier sind die Navis wirklich Gold wert, um einen wieder in die richtige Richtung zurückzuführen! Der Vorteil dieses dichten Pistennetzes ist, dass man fast ganztägig allein ist, auch wenn man abends am Campingplatz wieder andere Menschen trifft. Der Nachteil ist, dass die Pisten natürlich nicht gepflegt und aktuell voll überwuchert sind. Beim abendlichen Sichten unserer Tachoscheibe erkennen wir, dass wir beinahe mehr Zeit mit Weg freihacken als mit Tierbeobachtungen verbracht haben. Wir folgen also einigen frischen Elefantenspuren in ein trockenes Flussbett wo zwar eine Piste existiert, aber die vielen Huf- und Fußabdrücke in den beiden Fahrspuren zeigen uns, dass sie seit Tagen, vielleicht Wochen nicht mehr benutzt wurde. Nichts wie hinterher! Wir sehen dann auch einige vereinzelte Dickhäuter. Weiterhin Warzenschweine, Giraffen, Zebras, Gnus, und kommen zu einem wunderbar freistehenden Baobab-Baum mit einem etwa zwei Meter dicken Stamm. Man darf leider außerhalb der Campingplätze das Auto nicht verlassen, woran wir uns natürlich (!) immer (!!) strengstens (!!!) halten.

Botswana hat eine charmante Eigenart: die Campingplätze sind nicht umzäunt, man kann also jederzeit auch im Campingbereich, wo man aussteigen darf, auf sämtliche Wildtiere des Parks treffen. Also Naturerfahrung pur! In der ersten Nacht hören wir einige Löwen weit weg brüllen – das „weit weg“ beruhigt uns doch sehr! Als wir am zweiten Tag am späten Nachmittag in das Camp zurück kehren, steigt Torsten aus, um mal wieder den Weg freizuschneiden. Dann zeigt er plötzlich vor sich auf den Boden, dort sind frische Elefanten-Spuren. Als wir zur Seite stehen, sehen wir den imposanten Bullen auch wenige Meter neben ihm stehen. Interessiert beobachtet er Torstens Treiben und wundert sich, dass jemand, der genauso viele Äste abreißt wie er selbst, diese einfach liegen lässt, anstatt sie zu verspeisen. Den ganzen Nachmittag bleibt er in unserem „Vorgarten“ (d.h. auf den beiden benachbarten leerstehenden Plätzen), stillt seinen Appetit und spickelt ab und zu zu uns hinüber, ob wir nicht doch noch die Äste zum Kochen holen. Solch eine Nähe zu einem so großen wilden Tier hatten wir bisher nicht. Diese pure Naturerfahrung ist eine Spezialität von Botswana.

Dieses beeindruckende Erlebnis wird zwei Tage später sogar noch überboten. Wir übernachten außerhalb des Nationalparks an einem ausgewiesenen Übernachtungsplatz am Kwhai-Fluss. Vor nicht allzu langer Zeit wurden hier eine Wasserpumpe, ein Hochbehälter, eine Dusche und eine Toilette in die Wildnis gestellt. Teure Kupferarmaturen und sonstige edle Bauteile wurden verwendet, jedoch nicht gegen Wildtiere gesichert. Mit anderen Worten: nichts geht mehr… Dieser Platz besteht also wie so viele in Botswana aus einer Koordinate in der Wildnis mit einer atemberaubenden Aussicht (und ein wenig funktionsunfähigem Kulturgut hinter uns, über das man hinwegsehen muss). Wir nächtigen also auf einem kleinen Sandplatz. Der Sand macht diese Plätze für Pflanzenfresser unattraktiv, sie nutzen sie also bestenfalls als Durchgangspfade, aber nicht als Weidegrund, sodass die Camper, die sich ab und zu hierher verirren, eine faire Chance haben, dass die Tiere gewillt sind, einen Umweg zu nehmen. Dieser Platz liegt etwas erhöht über einer Schleife des Kwhai-Flusses. Schon bei der Ankunft begrüßen uns einige vereinzelte Elefanten mit mehr oder weniger missgünstigen Kopf- und Ohrenschütteln, doch sie ziehen weiter in den Büschen ohne uns zu nahe zu kommen. Vom Platz aus führt eine steile Böschung zum Flussbett hinunter, und als wir abends Hippo-Rufe hören, freuen wir uns über die erhöhte Position, denn das Gras unten im Flussbett ist viel saftiger, sodass sie nachts hoffentlich nicht zu uns hoch kommen werden. Am zweiten Nachmittag füllt sich die Ebene plötzlich mit Elefanten. In der Schleife herrscht ein fröhliches Durcheinander von spielenden Kindern und badenden Eltern, konservativ gezählt fünfunddreißig Tiere. „Diese große Herde ist ja zum Glück 50 Meter entfernt, und durch eine hohe Böschung getrennt“ denken wir, und beobachten entspannt das bunte Treiben. Plötzlich schallt ein tiefes Grollen vom Flussbett hinauf. Wir haben diese tiefen Töne schon öfters gehört – Elefanten können sich kilometerweit mit Hilfe von Infraschall unterhalten, und manchmal entweicht ihnen dabei auch ein gerade noch von Menschen hörbares Brummeln. Beim Menschen müssen Bauchfell und Ohren schon gut zusammenarbeiten, um es zu detektieren, denn dieses Brummeln spürt man eher als dass man es hört. Als diese tiefen Töne von gar nicht weit weg HINTER uns erwidert werden, wird uns schon etwas mulmig. Hinter uns, ohne trennende Böschung, sind also weitere Elefanten! Als wir einen großen Bullen in 20 Meter Entfernung sehen, sind wir erleichtert – also nur einer! Dachten wir, aber das Brummeln und Grollen geht noch ein paarmal hin und her, und nach einer Weile sehen wir in der oberen Ebene verstreut über zwanzig Elefanten in unterschiedlich großen Gruppen. Dann wird uns doch etwas anders – einerseits ist das tiefe Grollen schon respekteinflößend, andererseits verstehen wir diese Sprache nicht und sind nicht sicher, ob sie miteinander befreundet sind, oder aufeinander losgehen wollen, wir mittendrin. Als sich die Tiere entfernen, geben wir unsere Beobachtungsposten auf und beginnen zu kochen. Von Weitem hört man noch mal ein Rupfen, Tröten oder Brummeln. Als der Gemüserisotto gerade bissfest geworden ist und wir uns danach sehnen, ihn auf unsere Teller zu verteilen, wackelt es plötzlich 10 Meter hinter meinem Stuhl. Wir stellen den Kocher ab und positionieren uns neben Kathrina, so wie wir es von den Elefantenkühen gesehen haben, wenn sie ihre Kälber schützen. Wir gehen einige Schritte auf die Elefanten zu, aber nur bis zum Ende von Kathrina, und sagen mit lauter Stimme „Das ist unser Platz, und unser Abendessen.“ Die erste Gruppe zieht daraufhin sofort ins Gebüsch. Dann kommen drei Bullen vorbei, einer noch halbwüchsig. Der macht uns ein wenig Sorgen, weil er mit dem typischen Imponiergehabe beginnt: Rüssel hochnehmen, Ohren wackeln, einen Schritt auf uns zu. Wir hatten schon oft beobachtet, dass die kleinen Elefanten ihre Wirkmächtigkeit an kleinen Tieren wie Zebras oder Gazellen ausprobieren. Doch wenn sie in Panik verfallen, rufen sie quiekend ihre Eltern, die daraufhin gleich herbeieilen, um sie vor der drohenden Gefahr zu beschützen. Unser Halbwüchsiger geht glücklicherweise nicht soweit. Als er merkt, dass wir trotz Rüsselschlagen und Ohrenwackeln stehen bleiben (das Tränengas dabei fest umschlossen, der Rückzug in Kathrina ist geplant), gibt er nach und wählt einen anderen Weg, seine beiden älteren Beschützer folgen ihm. Als wir zum Abendessen kommen, ist der Risotto etwas weicher als geplant, und ein Auge sichert jeweils den Platz hinter dem anderen. Dies war nicht unser körnigster, wohl aber unser abenteuerlichster Risotto aller Zeiten!

Auf solch eine Tierbegegnung hatten wir immer gehofft: eine direkte Begegnung mit vielen großen, friedliebenden Wildtieren, nur wir drei auf uns alleine gestellt – und keine Menschenseele wusste, dass wir hier mitten unter den Tieren waren. In der 177. Nacht unserer Reise ging dieser große Wunschtraum in Erfüllung.

Blattfeder gebrochen – Reparatur auf dem Campingplatz 19.03.2022

Blattfeder gebrochen – Reparatur auf dem Campingplatz 19.03.2022

Eigentlich wollte ich nur routinemäßig die vorderen Räder von rechts nach links tauschen, um ein gleichmäßigeres Abfahren des Profils zu erreichen (bei alten LKWs macht man das so, beim PKW eher nicht!). Aber oh Schreck, ein Federblatt der rechten Radaufhängung ist gebrochen! Mein Reserveblatt mit Auge will ich nicht opfern, da unersetzlich in Afrika, also fahren wir mit etwas mehr Gefühl den nächsten Streckenabschnitt bis Kabwe auf der mäßig guten Straße.

Woher nehmen wir nun ein neues Federblatt?

In Kabwe machen wir Station bei der Lodge von Burkhard, den wir am Tangajika-See kennengelernt haben. Er ist vor Jahrzehnten nach Sambia ausgewandert und bietet dort Motorradtouren in die abgelegenen wilden Region des Landes an. Dort angekommen, laden wir einen einheimischen Angestellten ins Auto und fahren die verrufenen Viertel der Auto-Szene von Kabwe ab – auf der Suche nach einem gebrauchten, passenden Federblatt für Kathrina. die Breite und Dicke muss stimmen, länger darf es sein. Es geht auf Matschpisten durch die Stadt, wir klappern einen Straßenladen mit Schrott (NEIN Ersatzteilen) nach dem anderen ab. Schließlich werden wir fündig: In einem 2×3 Quadratmeter großen Schuppen im Matsch umgeben von Unrat liegen ausgebaute Federpakete und einzelne Federblätter wahllos übereinander geworfen herum. Nach langem Suchen finden wir eine passende Feder. Unsere weiße Hautfarbe kennzeichnet uns als reich, weshalb der Preis hoch angesetzt wird. Etwas kann ich noch herunterhandeln und wir einigen uns auf 22 Euro. Mit Trinkgeld für unseren Guide kostet unser Ersatzteil 25 Euro. Wir sind glücklich, der Tag ist gerettet.

Für den Einbau brauchen wir nun einen ruhigen, sicheren Platz. Diesen finden wir hunderte Kilometer weiter, südlich von Lusaka, auf einem wenig bekannten Campingplatz an einem See.

Es sieht nicht nach Regen aus, also los geht es:

Abmontieren und Ausbauen von Abschleppstange, Seitenblech, Batterie, Batteriefach, Kotflügel.

Die Feder ist nun zugänglich. Aufbocken, Fahrzeug abstützen … es sind drei Wagenheber im Einsatz. Die Feder wird nun mit den mitgeführten Spezialwerkzeugen ausgebaut, etwas gereinigt und zerlegt.

Das defekte Blatt dient nun als Schablone zum Ablängen des Ersatzfederblatts mit der Akkuflex.

Fetten, zusammenbauen und wie es in den Handbüchern immer so schön steht: Einbau in umgekehrter Reihenfolge.

10 Stunden später ist die Arbeit vollbracht. Ich bin total erschöpft von der schweren körperlichen und hochkonzentrierten Arbeit – aber glücklich. Die lahme Vorderpfote von Kathrina ist wieder ganz.

Auf Youtube gibt es ein Filmchen in Kurzfassung:

Überfall! Nachts an der Grenze zum Kongo 10.03.2022 spätabends

Überfall! Nachts an der Grenze zum Kongo 10.03.2022 spätabends

Die Straße in Sambia empfängt uns in Form einer tief ausgefahrenen Matschpampe. Jungs springen voraus, um uns den Weg durch den Schlamm vorbei an verborgenen tiefen Löchern zu weisen. Wir bedanken uns mit ein paar Lebensmitteln. Vorbei geht es im Allrad-Gang an festgefressenen LKWs und Autos, die den Weg auf der Straße nicht geschafft haben. Das Vorankommen ist langsam und es wird spät.

Wir haben in Grenznähe auf der Karte einen Bootsclub gefunden, auf dessen Gelände man sicher übernachten kann – so heißt es. Etwa 8 km nach der Grenze zweigt von der M3 ein Waldweg ab und es geht 4 km auf Waldwegen durch den Busch. Keine der üblichen Behausungen finden sich am Wegesrand, keine Menschen. Wir sehen nur wenige Fahrspuren von Radfahrern. Schließlich verstellt uns eine abgeschlossene Schranke kurz vor dem See, an dem der Bootsclub liegen soll, den Weg. Es dämmert, und eine Ausweichroute in der Nacht zu finden erscheint uns aussichtslos. Wir stellen uns auf eine Lichtung in Nähe der Schranke. Keine Menschen – perfekter Übernachtungsplatz.

Doch da sehe ich in hinter einem Busch einen Mann mit Pudelmütze. Ich gehe auf ihn zu, komme ins Gespräche, frage ob wir hier übernachten könnten. Auf gar keinen Fall, lautet die Antwort, nicht sicher. Ob er wisse, wo der Bootsclub sei. Ja, er wolle uns den Weg zeigen. Ins Auto lassen wir ihn nicht, lassen uns den Weg beschreiben, verabschieden uns und los geht es.

Der beschriebene Weg ist kaum befahrbar, zu niedrige Bäume versperren uns den Weg. Außerdem, wohin führt der Weg? Kann man dem Pudelmützenträger trauen? – Wir nehmen einen anderen Weg, der uns an gesichertes Farmtor führt. Wir warten mit laufendem Motor, ob sich etwas tut, sich Menschen zeigen – nichts.

Kurzerhand verstecken wir uns am Wegesrand im Busch. Ich laufe noch ein wenig in der Umgebung umher, um die Lage einschätzen zu können. Etwa einhundert Meter von Kathrina entfernt treffe ich auf Pudelmütze. Kurzerhand drücke ich ihm eine Flasche Bier in die Hand. Er habe uns gesucht aber nicht gefunden. Gut so, denke ich. Es kommen zwei Radfahrer vorbei – Fischer auf dem Heimweg. Sie sehen uns, nicht Kathrina. Unsere abendliche Begegnung will uns zu seinen Übernachtungsplatz lotsen, es sei nicht sicher hier im Wald. Menschen bringen andere für wenig um. Manchmal komme das hier vor … Was tun? Ihm trauen? Wir vertrauen auf unser Versteck und verabschieden uns.

Noch ein kleines Bierchen trinken wir direkt vor Kathrina, Machete und Tränengas liegen bereit. Ein seltsamer Geruch steigt mir in die Nase. Bin ich den Geruch der Kongolesen noch nicht losgeworden oder ist hier ein Spitzbube in der Nähe? Wir gehen Schlafen.

Gegen 23:00 Uhr höre ich ein Geräusch am Heck von Kathrina. Ich wecke Ilona leise. Katze? Vermutlich. Wir spüren keine Erschütterung oder Bewegung des Fahrzeugs. Ich stehe leise auf und blicke durch die offene Dachluke. Gerade schiebt sich die Silhouette eines Glatzkopfes über die Dachkante (siehe Zeichnung). Ich werde sehr laut und aggressiv – kampfbereit. Heckleuchte an! Trennwand zum Führerhaus aufschrauben, klar zum Blitzstart! Ein lauter Schlag prallt gegen unsere Heckscheibe!

Ich springe barfüßig im Schlafanzug ins Führerhaus, rufe Ilona noch zu, sie solle sich festhalten und starte den Motor – er springt sofort an. Kathrina weiß, was auf dem Spiel steht. Und los geht es im atemberaubenden Tempo durch den Busch. Kathrina findet den Weg auf die M3 fast wie von selbst, meine bloßen Füße bedienen die Pedale. Die „große Straße“ mit ihren Schlaglöchern und dem Schlamm empfängt uns – eine erste Entspannung. Ich fahre weiter im schnellen Tempo in Schlangenlinien Richtung Mufulira, einerseits um Schlaglöchern auszuweichen und um eventuell vorhandene Gäste auf dem Dach abzuschütteln.

Nun müssen wir noch einen Übernachtungsplatz finden. In der Stadt halten wir mit laufendem Motor vor einer Lodge mit Übernachtungsmöglichkeit. Niemand rührt sich. Also weiter geht es, aus der Stadt heraus und notfalls wird die Nacht durchgefahren. Am Stadtrand kommen wir an eine Polizeisperre, ein Ölfass versperrt die Durchfahrt – tagsüber lästig aber jetzt sind wir erleichtert. Wir schildern in kurzen Worten unsere Situation: Den Überfall, die Suche nach einem Nachtquartier. Wir dürfen an der Sperre stehen! Einer der Polizisten sitzt die ganze Nacht im Polizeiauto, der andere ruht in einem Verschlag an der Straße.

Bevor wir einschlafen, sprechen wir die Vorkommnisse nochmals gründlich durch. Wir stellen fest, dass wir keine Angst hatten. Auf Überfälle sind wir gut vorbereitet und Kathrina ist eine Festung. Nach dieser Feststellung schlafen wir entspannt.

Am nächsten Morgen bedanken wir uns bei den Polizisten mit Kaffee und Keksen, bevor wir weiterfahren.

In den nächsten Tagen analysieren wir immer wieder die Situation des nächtlichen Überfalls.

Was ist genau passiert?

– Vergeblicher Versuch, die Luft aus den Reifen zu lassen. Die Ventile sind abgeschlossen.

– Kathrinas Flaggen sind weg.

– Eine Wasserflasche, die im Reserverad zu Reinigungszwecken mitfuhr, fehlt.

– Vergeblicher Versuch, eine Autobatterie zu stehlen. Von unten muss der Spitzbube im Motorraum getastet haben, hat dabei aber nur unsere Tüte mit Namib-Sand gestohlen. Für uns ein echter Verlust!

– Die Radioantenne ist verbogen, ging also nicht ab.

Woher kam aber der Schlag gegen die Heckscheibe?

Der Spaten, obwohl festgeschlossen, war auf einer Seite aus der Halterung gerissen. Mit ihm wurde der Schlag mit voller Wucht ausgeführt. Die Scheibe hat nur einen Kratzer, den ich inzwischen herauspoliert habe. Polycarbonat-Glas ist eben einbruchssicher!

Aber der Versuch, uns durch Luftablassen der Reifen zu immobilisieren und anschließend der Versuch, die Heckscheibe zu zertrümmern, zeigt uns, dass der Einbrecher zum Äußersten bereit war. Viele Gespräche mit Sambiern in den nächsten Tagen bestätigen die unberechenbare Gewaltbereitschaft der Kongolesen. Und um einen solchen Grenzgänger hat es sich offensichtlich gehandelt, mein Geruchssinn hat mich nicht getäuscht.

In der Kathrina sind wir sicher. Besonders auf der Hut sind wir beim nächtlichen Verlassen. Auch auf Campingplätzen sind auf der Hut, denn wem kann man denn wirklich trauen? Unser Reisevergnügen wird jedenfalls kaum geschmälert. Unsere gute Vorbereitung auf Fälle wie diesen zeigen ja, dass wir jederzeit mit einem Überfall rechnen.

Kathrina im Kongo 10.03.2022

Kathrina im Kongo 10.03.2022

„Bienvenue dans la République Démocratique du Congo“! Wir freuen uns, dass wir die Zollformalitäten endlich mal in einer charmanten Sprache erledigen können, wobei das Franösisch der Kongolesen mit dem gerollten „r“, der ultrahohen Geschwindigkeit und der recht monotonen Sprachmelodie doch eher wie eine Maschinengewehrsalve klingt. Und Kathrina freut sich auf den Rechtsverkehr. Nicht, dass sie nach 153 Reisetagen im südlichen Afrika nicht bravourös links fahren könnte, aber ein wenig Erinnerung an die Heimat nach so langer Zeit ist Balsam für ihre zarte Seele, die unter dem robusten Stahlpanzer steckt. Also freuen wir uns gemeinsam auf das Abenteuer Kongo!

Mit Worten werden wir am Grenzübergang Chembe / Mwenda ganz herzlich begrüßt, doch ein gewisses Unwohlsein will bei der Abwicklung der Zollformalitäten nicht weichen. Haben wir ein feines Gespür, oder sind wir nur indoktriniert, dass der Kongo kein herzliches Reiseland ist, und haben daher eine entsprechende Vorprägung, die unsere Wahrnehmung verzerrt?

Zählen wir doch einfach die Fakten auf, die uns bei der Einreise auffallen: Während andere Grenzübergänge immer große Hallen hatten, in denen mehrere Schalter für Immigration, Zoll usw. waren, wird hier alles in Einzelbüros abgewickelt. Von dem Moment an, an dem du dein Gefährt verlässt, wirst du eindringlich taxiert. Die Zollbeamten sind allesamt männlich, groß, und sehr, sehr wichtig. Du folgst einem Grenzbeamten in sein Büro, die Tür wird hinter dir geschlossen, und du sitzt einem ernsten Menschen gegenüber, der sich der Bedeutsamkeit seiner Handlungen voll und ganz bewusst ist. Natürlich sind die Beamten ganz nett zu dir als weißem Touristen. Aber wenn man nachfragt – sei es, aus französischem Unwissen oder weil man einen Zusammenhang nicht versteht – wird der Tonfall schnell noch monotoner, gereizt bis ungeduldig. Die sambischen Beamten würden dir alles zehnmal lächelnd wiederholen, und die Hälfte von ihnen wäre weiblich… Der Beamte im ersten Büro, der unsere Pässe prüft, war mit der Netteste. Er wirkt auf mich eher schüchtern, auf Torsten traumatisiert. Quer über die Finger seiner linken Hand laufen Narben. Als er die Hand hebt, sieht man, dass die Narben rundum die Finger laufen. Waren sie schon mal abgetrennt und wieder angenäht? Eine gruselige Vorstellung, die uns beiden unabhängig voneinander gekommen ist, die wir erst hinterher ausgetauscht haben. Aber es kann ja eine andere Erklärung geben. Als er unsere „Autorisation provisoire de séjour frontalier“ händisch ausfüllt, zittern seine Finger. Dieses Zittern werden wir bei allen späteren Beamten auch feststellen. Als er den Zettel aus dem Block reißt, merkt man, dass nur die Finger der rechten Hand beweglich sind, die linke Hand kann er lediglich zum Beschweren des Blocks verwenden, nicht zum Abreißen. Im nächsten Büro erhalten wir gegen eine gesalzene Summe ein Desinfektions-Zertifikat (wobei Kathrina an diesem Grenzübergang nicht desinfiziert wurde). Dieser Beamte führt mit Abstand die gewählteste Sprache, er gibt sich sehr nett und heißt uns herzlich willkommen. An der Wand hinter dem Beamten hängt eine Rute mit einschlägigen Gebrauchsspuren. Wir sind glücklicherweise zu zweit im Büro, und offensichtlich nicht die typischen Zielpersonen dieses Geräts. Das 60cm-Lineal auf dem Tisch weist starke Riefen auf. Trotz der ausgesuchten Höflichkeit des Beamten läuft es uns kalt den Rücken hinunter und wir fragen uns, ob die Riefen von Schlägen auf die Tischkante oder auf irgendjemandes Finger kommen. Als wir das Zertifikat erhalten und das Büro verlassen dürfen, ist uns deutlich wohler. Dies und jenes folgt, oft verstehen wir gar nicht, wozu all die Zettel dienen, die ausgefüllt werden, außer, dass jedes Mal bezahlt wird, verlieren aber nach ein paar ungeduldigen und unverständlichen Antworten schnell die Lust, die Vorgänge zu hinterfragen. Alle Formulare werden händisch in Schönschrift ausgefüllt mit zitternden Fingern. Als Torsten einigen Beamten den Innenraum von Kathrina zeigen muss, nehmen sie im Freien die Masken ab – und Torsten berichtet mir später, dass alle eine deutliche Alkoholfahne hatten. Vielleicht werden aber die Zollbeamten im Kongo auch stündlich mit Alkohol desinfiziert? Jedenfalls lassen sie sich alle länglichen Schränke und Staufächer öffnen (in denen man ernsthafte Waffen verstecken könnte). Bei dieser geheimnisvollen Tätigkeit hinter geschlossenen Bürotüren versteht sich von selbst, dass es an dieser Grenze keine Agenten gibt. Bei den Grenzübergängen von Sambia nach Tansania und umgekehrt haben wir uns jeweils einen Agenten genommen, der einen in der halben Zeit (die immer noch einige Stunden misst) über die Grenze schleust und dafür sorgt, dass man auch wirklich alle Papiere hat, welche die Polizei im Land möglicherweise kontrollieren will. Hier traut sich offensichtlich kein Agent hin…

Was uns auch noch extrem auffällt ist der deutlich andersartige Geruch der Menschen. Durch das warme schwüle Klima schwitzen wir alle. Die Sambier haben einen ganz eigentümlichen Geruch, mit kleinen individuellen Variationen. Auch die Menschen in Tansania hatten einen sehr ähnlichen Geruch. Die Kongolesen riechen völlig anders. Als wir später einen Sambier fragen, bestätigt er diese Wahrnehmung und meint, der ganz andersartige Körpergeruch der Kongolesen käme vermutlich von der Ernährung und den unterschiedlichen Körperpflegemitteln.

Dies waren also unsere ersten, sehr starken Eindrücke vom Kongo. Sehr viel mehr Eindrücke werden nicht hinzukommen. Denn nein, wir sind weder lebensmüde noch von allen guten Geistern verlassen. Wir wollen keinen Urlaub im Kongo machen, oder gar den ersten Campingführer über diese besondere demokratische Republik schreiben. Wir wollten lediglich die einschlägige Erfahrung Kongo nicht auslassen, und sind die sogenannte „Congo Pedicle Road“ gefahren.

Diese Transitstraße wurde von Sambia gebaut, um den südlich gelegenen Kupfergürtel Sambias mit den nördlichen Provinzen zu verbinden. Die direkte Transportstrecke zum indischen Ozean nach Dar-es-Salaam in Tansania verläuft nämlich durch die kongolesische Provinz Katanga. Sie spart über 300 Kilometer Wegstrecke, was bei den Schwertransporten durchaus ins Gewicht fällt. Seit den 1950‘er Jahren wurde diese Transitstrecke aufgebaut, kam 1960 mit der Unabhängigkeit des Kongo ins Stocken, und wurde 1975 nach Abklingen der Unruhen wieder in Betrieb genommen und wird seitdem von Sambia unterhalten. Mittlerweile ist schon die Hälfte der Strecke geteert, was bei den sambischen Straßenverhältnissen allerdings kein Garant für unbeschwerte Fahrt ist…

Den Tipp hatten wir von einem in Sambia wohnhaften Deutschen erhalten. Sambische Einwohner zahlen nur eine geringe Transit-Gebühr. Wir als Touristen müssen jedoch für den Transit vollständig ein- und ausreisen. Die Gebühren für unsere Visa, Kathrina und die Transit-Erlaubnis läppern sich in US-Dollar zusammen, wodurch auch der Zeitaufwand für Betreten und Verlassen der Republik Kongo länger dauert als der Transit. Das kam für uns unerwartet, doch dies ist uns das Abenteuer allemal wert.

Obwohl in unserer Transit-Bescheinigung steht, dass sie sieben Tage lang gilt, hören wir auf den Ratschlag der Zollbeamten, nicht im Kongo zu übernachten. Erstens hatten wir das nie vorgehabt, zweitens haben wir beim Grenzübergang nicht die emotionale Bindung zu dem Land entwickelt, um Lust auf einen längeren Aufenthalt zu bekommen, und drittens gibt es auf der Transit-Strecke, die wir nicht verlassen dürfen, sowieso keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wozu dann eigentlich die Warnung? Um die oberflächliche Höflichkeit nicht ein weiteres Mal in nur schwerlich beherrschte Ungeduld seitens der Beamten umschlagen zu lassen, stellen wir diese Frage gar nicht erst.

Die Straßenszenen, die wir beim Transit erleben, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit denjenigen in Sambia – und doch gibt es auffallende Unterschiede. In Sambia sind alle Straßen und Pisten gesäumt mit Frauen oder Kindern, die etwas verkaufen. Oft stehen die feilgebotenen Waren allein am Straßenrand. Wenn einen etwas anlacht, hält man an und wartet, bis der Verkäufer aus seiner nahe gelegenen Hütte angelaufen kommt. Dabei handelt es sich fast immer um eine Frau oder ein Kind oder eine Gruppe Kinder, weil der älteste Kleine, der schon zählen und verkaufen kann, auf die kleineren Geschwister aufpassen muss. Im Kongo befindet sich neben jedem Verkaufsstand ein Schattendach, unter dem die gesamte Familie sitzt. In der Regel mehr als 10 Personen, mindestens drei ausgewachsene Männer sind dabei und blicken einen schon von Weitem ernst an. Das Angebot an Gemüse ist demjenigen aus Sambia so ähnlich, dass wir leider schon alles haben, was angeboten wird. Gerne hätte ich versucht, für einige sambische Kwacha oder US-Dollar etwas typisch Kongolesisches zu kaufen (selbstverständlich ohne das Auto zu verlassen – die LKW-Fahrer, die die Prozedur schon kennen, lassen sich auch alles ans Autofenster bringen). Jedoch gibt es nichts, was wir noch nicht haben, und ohne etwas kaufen zu wollen, will ich nicht anhalten.

Das zweite, was auffällt, sind die Behausungen. Während es in Sambia viele verschiedene Wohnstandards gibt, von wenigen runden Lehmhütten mit Rieddach bis zu gemauerten Häusern mit Stromanschluss und schönem gepflegten Vorgarten, sehen wir im Kongo fast nur Lehmhütten ohne Stromanschluss. In Sichtweite neben der Transit-Strecke läuft teilweise eine Stromleitung, doch die Siedlungen, die wir sehen, sind allesamt nicht angeschlossen. Auch fällt uns auf, dass es hier keine Wasserpumpen gibt. In Sambia hat jede größere Ansammlung von Häusern eine Schwengelpumpe. Diese Aktion wurde in den 1970‘er Jahren gestartet, das Geld kam aus Europa und China, die Pumpen aus Indien. Aus über 50 Metern Tiefe wird sicheres Trinkwasser hochgepumpt. Jeder, der vorbei fährt, kann höflich fragen und wird daraufhin eingeladen, sich seine Flaschen oder Kanister mit frischem Wasser zu füllen. Entlang der Transit-Strecke im Kongo sehen wir keine Schwengelpumpen.

Das Dritte, was uns beim Transit auffällt, ist die unterschiedliche Reaktion der Menschen. Kaum ein Sambier oder Kongolese ist motorisiert – die Menschen transportieren ihre Lasten auf den Köpfen oder auf völlig überladenen Fahrrädern. Die meisten Gefährte, die vorbeikommen, sind LKW-Ferntransporte, hier meist Kupfer-Erze oder Rohkupfer-Platten. Dann noch einige wenige PKWs von reichen Einheimischen, meist aus entfernten Städten, und einige Touristen-Fahrzeuge mit Dachzelt. Eine Kathrina kommt nicht alle Tage vorbei. In Sambia war die Reaktion fast ausschließlich positiv: Daumen hoch, Lachen, Winken, Kinder rennen hinterher. Einige wenige solche Reaktionen sehen wir hier auch, die meisten Menschen beäugen uns hingegen skeptisch, irritiert, ängstlich. Wir sind noch nicht lange da, wir können kaum der Anlass für diese Skepsis sein, nur der Auslöser.

So kommt es, dass wir entlang der 70 Kilometer langen Transitstrecke bis zur Grenze Mokambo / Mufulira keinen persönlichen Kontakt zu den Menschen haben. Im Niemandsland zwischen den beiden Grenzen kommen einige Verkäufer auf uns zu. Ein Mann mit einem Handkarren voller Bierkästen erweckt unser Interesse. Er erzählt uns, wie lecker doch das kongolesische Bier sei. Doch als wir uns aus dem obersten Kasten vier Flaschen herausnehmen und dann bezahlen wollen, erzählt er uns, dass er die vollen Kästen zur Bar bringen muss. Hatte er uns etwa einen ganzen Kasten verkaufen, oder einfach nur Gelüste machen wollen?

Irgendwie erschließt sich uns der kongolesische Humor nicht vollumfänglich, es verbleibt eine große Kluft des Nicht-Verstehens.

Als wir beim Verlassen dieser Demokratischen Republik nochmals eine „Austrittsgebühr“ zahlen müssen, fragen wir trotz all unserer guten Vorsätze, alle Geschehnisse lächelnd hinzunehmen, doch nochmal nach, weshalb dies so sei. Die Antwort war sehr trotzig-pampig.

Wir möchten diese Erfahrung nicht missen.

Dennoch sind wir erleichtert, als eine strahlende sambische Grenzbeamtin uns wieder in Sambia willkommen heißt. Wir glauben ihr, dass es von Herzen kommt, und unsere Herzen berührt dieser warme Empfang tief.

Weltfrauentag in Sambia 08.03.2022

Weltfrauentag in Sambia 08.03.2022

Als wir von Tansania wieder nach Sambia einreisen, wollen wir nach dem quirligen Tansania wieder zur sambischen Ruhe zurückfinden und beschließen, drei Nächte auf einem ruhigen Farmcampingplatz Station zu machen. Der Platz ist ruhig, von ursprünglichen Wäldern umgeben, und man kann gut wandern und Kraft schöpfen. Da nach drei Tagen jedoch das Wochenende naht, und auf dem nächsten Campingplatz, den wir anpeilen, am Wochenende der Bär los sein soll, verlängern wir nochmal um zwei Tage.

Am vorletzten Abend kommt noch ein sehr nettes südafrikanisches Paar auf den Platz, das uns vor einem Phänomen warnt, das wir bei unserem ersten Aufenthalt noch nicht beobachtet hatten: Frauen machen offensichtlich Straßenblockaden mit zusammengeknoteten Tüchern, um die Reisenden zum Anhalten und einer Spende zu bewegen.

Wie gut, dass wir vorgewarnt sind, denn dann kann man sich gleich ein Repertoire an möglichen Reaktionen zurecht legen, die man dann bedarfsgemäß aus der Tasche ziehen kann. Andererseits sind wir nicht ganz sicher, ob uns die Blockaden auch treffen würden, denn die Südafrikaner reisen in einem Auto mit Dachzelt, das keine zwei Meter hoch ist, und Kathrina kommt mit ihren drei Metern doch schon viel imposanter daher. Wir werden ja sehen!

Froh gelaunt fahren wir am folgenden Dienstag los – da werden die Straßen und der Campingplatz ja leer sein! Ich achte wie immer auf Reisen nur auf den Wochentag, nicht aufs Datum…

Tatsächlich kommt uns nach etwa 50 Kilometern Fahrt eine Frauengruppe auf der Straße entgegen. Alle in einheitliche Tücher gekleidet, einige zusätzliche Tücher schwenken sie noch auf der Straße. Als Kathrina naht, machen sie den Weg frei, lachen, winken, singen.

Nun werden die Frauengruppen dichter. Alle paar Kilometer sehen wir eine Gruppe. Die Methodistinnen. Die Vertreterinnen der Catholic Women Organisation, der Anglikanischen Kirche, der freien sambischen Kirche, usw. Einige Tücher können wir nicht entziffern. Die meisten Gruppierungen sind offensichtlich kirchlich. Eine Gruppe bleibt auch tatsächlich sehr lange quer über die Straße formiert, winkt und ruft von Weitem. Als Kathrina langsam, aber konstant auf sie zufährt, geben sie den Weg frei. Sie winken und lachen, und wirken nicht erbost, dass wir ihnen nichts spenden. Diese Gruppen scheinen also eine ganz andere Motivation zu haben, als diejenigen, von denen unsere Reisebekannten berichtet hatten.

Als ich in der nächsten Stadt beim Einkaufen zu Fuß auf eine solche Gruppe (der Pfingstkirche) treffe, frage ich sie, ob heute ein sambischer Feiertag sei. Sie sehen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten – heute ist kein sambischer Feiertag, sondern Weltfrauentag! Ein Blick auf die Armbanduhr enthüllt, dass nicht nur Dienstag, sondern auch der 8. März ist. Wie hochnotpeinlich für mich. Aber die Sambierinnen amüsieren sich köstlich über meinen knallroten Kopf.

Als wir dann zum Campingplatz an den Chishimba Falls kommen, empfängt uns der Parkwächter freundlich, gibt aber zu bedenken, dass der Platz heute sehr voll ist. Kurz nach Sonnenuntergang wird er sich aber leeren. Soweit zu unserer Planung, einen ruhigen Tag unter der Woche zu erwischen. Von der Zufahrt bis in den hintersten Winkel des Platzes ist jeder Quadratmeter mit Grills, Kühltaschen, feiernden und lachenden Menschen, und sehr viel Müll bedeckt. Wir ergeben uns in unsere Missplanung und wandern durch die Menschenmassen zu den drei Wasserfällen. Beim dritten Wasserfall werden wir dann eingemeindet. Was gibt es für sambische Frauen Schickeres, als am Weltfrauentag ein Selfie mit einer weißhaarigen weißen Frau zu schießen? Und die Sambier sind so tiefschwarz, dass ich auch nach fünfmonatiger Afrika-Bräune wie ein Eisbär zwischen ihnen herausleuchte. Auch Torsten wird eingemeindet, die sambischen Frauen sind in Gender-Fragen sehr liberal. Wir sind ja weder auf Facebook noch Twitter noch sonstigen „sozialen“ Netzwerken aktiv – aber an diesem Dienstag wurden wir in Sambia sicher sehr oft gepostet…

Zurück am Campingplatz beginnen wir bei mittlerweile tiefstehender Sonne zu kochen, es kommen noch einige Gruppen, die sich mit Kathrina und uns fotografieren, dann leert sich der Platz. Die Platzwächter beginnen emsig in unserer Umgebung den Müll wegzuräumen, kommen vorbei und entschuldigen sich für die Störung. Wir lachen nur beschwichtigend – wir hätten dieses Bad in der Menschenmasse zwar nicht angepeilt, aber solange es uns nicht jeden Dienstag erwischt, ist das doch eine willkommene Abwechslung zu unserer sonst sehr ruhigen naturbezogenen Reise. Am nächsten Morgen haben wir die Wasserfälle für uns alleine, haben alle Ruhe und Muße, um sie zu genießen und zu fotografieren. Wir kochen mittags nochmal, genießen auch den frühen Nachmittag am Kanal mit Wasserplätschern und Vogelgesang – und als wir spätnachmittags weiterfahren, haben wir den Krach und Müll vom Vorabend völlig vergessen, zurück bleibt eine schöne Erinnerung an nette ausgelassene Menschen.

Die Oria Secondary School am Fuße des Kilimandscharo 24.-25.02.2022

Die Oria Secondary School am Fuße des Kilimandscharo 24.-25.02.2022

Torstens Schule hatte vor Jahren eine Schulpartnerschaft mit einer Schule im Norden Tansanias, in Form einer gemeinsamen Theater-AG und eines Schüleraustauschs, die jedoch danach ins Stocken gekommen war. Da wir schon mal in der Gegend des Kilimandscharo sind, fragen wir uns, was liegt näher, als einfach hinzufahren und zu schauen, ob Interesse an einer Wiederbelebung des Kontakts besteht?

Die Schule liegt in Oria, einem schön im Grünen gelegenen Vorort der Großstadt Moshi, die das Tor für Kilimandscharo-Expeditionen ist. Eigentlich wollten wir erst mal auf einen nahegelegenen Campingplatz gehen, Kontakt aufnehmen, und am nächsten Tag die Schule besuchen. Doch den Campingplatz finden wir nicht. Also fahren wir direkt zur Schule.

Obwohl wir völlig unangekündigt in den Schulnachmittag hineinplatzen, wird uns ein sehr netter Empfang bereitet. Der Konrektor heißt uns willkommen. Als Torsten sein Anliegen erklärt, wird sofort einer der Lehrer geholt, der damals beim Austausch dabei war. Der Lehrer sprudelt noch von Erfahrungen und erklärt sich spontan bereit, bei einer neuen Kooperation die Federführung zu übernehmen. Details wollen wir in aller Ruhe am nächsten Tag besprechen. Die Rektorin kommt hinzu, und wir verabreden, morgen um 12:00 Uhr wieder zu kommen, sodass alle Beteiligten Zeit haben, sich in Ruhe Gedanken zu machen.

Nun verbleibt noch das Problem, dass wir den Campingplatz nicht gefunden haben. Kein Problem, sagt uns der Konrektor – wir sollen einfach einige Schüler*innen aus diesem fünf Kilometer entfernt gelegenen Wohngebiet mitnehmen, die haben dann einen schnellen Rückweg (alternativ müssten sie laufen) und können uns den Weg weisen. Wie viele Sitzplätze unser Auto denn habe? – Vier, antworte ich. Das war natürlich missverständlich, denn er organisiert zwei Jungs und zwei Mädchen, die in der Nähe des Campingplatzes wohnen. Ob es denn Polizeikontrollen hier gäbe?, frage ich, was der Konrektor verneint. Also nehmen wir alle mit. Platz ist in Kathrina allemal genug, hinten am Esstisch mit der umlaufenden Sitzbank. Und Kathrina ist stolz, als Schulbus fungieren zu dürfen – bei so netten Insassen macht ihr das richtig Spaß, und sie nimmt die holperigen Pisten so sanft wie irgend möglich. Die Campingplatzzufahrt führt durch tiefen Matsch, Schilder gibt es hier sowieso nicht. Das erklärt, dass wir sie vorhin nicht gefunden haben. Wir sind glücklich auf dem Platz, mal wieder die einzigen Gäste, und die Schüler*innen sind stolz, ihren Eltern und Freunden von der Rückfahrt im Abenteuer-Mobil berichten zu können.

Am nächsten Tag wollen wir mit europäischer Pünktlichkeit erscheinen. Überpünktlich steigen wir ein – doch Kathrina startet nicht. Oh nein, solch eine Diva! Ausgefahrene, steinige und matschige Pisten können sie nicht schrecken, aber offensichtlich fremdelt sie vor einem offiziellen Auftritt oder vor der Schülerschaft!? Wir springen hinaus, Motorhaube hochgeklappt, nach einem weiteren Startversuch ist der Fehler (aber noch nicht seine Ursache) gefunden: Luft in der Treibstoffleitung. Also Diesel mit der Handpumpe gepumpt, bis sie anspringt. Um 12:01 Uhr fahren wir auf den Schulhof…

Wir haben ein sehr fruchtbares Gespräch mit der Rektorin, dem Konrektor und dem Lehrer, der die Kooperation federführend wiederaufnehmen will. Wir besichtigen die verschiedenen Unterrichtsräume, insbesondere die neuen Chemieräume; den Schulgarten, in dem Stecklinge von Nutzpflanzen für interessierte Schüler und umliegende Bauern gezüchtet werden; usw. Bis uns die Glocke ruft. Wir wundern uns, dass die Schülerschaft sich sofort auf dem Schulhof einfindet und klassenweise formiert. Torsten und der Lehrer der Oria Secondary School stellen den Schüler*innen kurz einige Aspekte der geplanten Kooperation vor und ermutigen sie, Steckbriefe zu verfassen, um Brieffreunde in Deutschland zu finden. So etwas geht ja heute per Mail, Facebook und Skype alles viel einfacher als zu unserer Zeit. Dann werden einige Fotos für die Schülerzeitung / einen Amtsblattartikel gemacht. Wir sind erstaunt, dass alle sich so diszipliniert formieren und stillstehen – bis die Schulspeisung angekündigt wird. Es gibt Mais und Bohnen mit etwas Salz, aber ganz ohne Gewürze für die Kinder, und Fisch mit Tomatensauce für die Lehrer. Wir bekommen das nahrhafte Schüleressen. Stella, eine der Schülerinnen, die täglich beim Kochen für ihre 400 Mitschüler*innen hilft, ist vorwitzig und fragt mich, was man denn in Deutschland isst. Kurzerhand lade ich sie für abends zum Campingplatz ein, falls sie denn probieren will.

Ja natürlich will sie das. Sie will mit einer Freundin kommen, und der Lehrer bietet sich gleich an, die beiden Mädchen zu begleiten, da sie in der Nähe der Schule wohnen, und die fünf Kilometer bis zum Campingplatz laufen oder radeln müssen. Er organisiert Schulräder für den Abend.

Wir haben so viele leckere Zutaten, aber nichts für ein typisch deutsches Essen. Also entscheiden wir uns für einen Auberginen-Risotto. Gegen 17:30 Uhr kommen kommen Stella, Sharon und Herr Kimatha dann angeradelt. Nach zwei nebligen Tagen in dieser Gegend klart es genau in diesem Moment auf – und wir bekommen einen herrlichen Blich auf den Schneegipfel des Kilimandscharo. Uns war bisher noch gar nicht bewusst gewesen, dass man von hier aus sowie auch vom Schulhof aus den Gipfel sehen kann. Welch eine inspirierende Umgebung fürs Lernen! In der warmen Nachmittagssonne genießen wir das gemeinsame Abendessen, wobei wir nicht ganz sicher sind, ob das mit Knoblauch und Chili gewürzte Essen den Geschmack der Gäste trifft, denn hier wird traditionell für unsere Begriffe eher fad gekocht, Salz ist schon ein Luxus. Jedenfalls verbringen wir einen netten sonnigen Frühabend, doch die Gäste brechen schon kurz nach dem Essen wieder auf, damit sie vor Sonnenuntergang wieder sicher zu Hause sind.

Gerade die persönliche Begegnung hat für uns dieses Erlebnis abgerundet – der gesamte Kontakt zu den Lehrer*innen und Schüler*innen war alles Andere als ein rein dienstlicher Akt von Torsten, sondern eine sehr nette persönliche Erfahrung für uns beide, und hoffentlich der Beginn einer langen und fruchtbaren Kooperation.

Zwischenzeiten und Zwischenorte 19.02.2022

Zwischenzeiten und Zwischenorte 19.02.2022

Bei einer solch langen Reise, wie wir sie gerade unternehmen, sind die Höhepunkte in Nationalparks oder an sonstigen herausragenden Orten nicht die Regel, sondern eher die Abwechslung zum Reisealltag. Zwischen zwei Höhepunkten hat man lange Fahrstrecken zu überwinden, was aber für uns kein Nachteil ist, sondern genau den Zauber dieser Art zu Reisen ausmacht. Diese unbekannten Zwischenorte, die langen Zwischenzeiten geben uns Gelegenheit, nicht nur isolierte Höhepunkte wahrzunehmen, sondern auch deren Einbettung in die jeweilige geographische und kulturelle Umgebung. Man lernt das Land aus einer anderen Perspektive kennen und erhält so differenzierte Einblicke. Es bleibt Zeit, die gedanklich oft nicht zusammen passenden Erfahrungen zu reflektieren.

Schon bei der 100 km langen Anfahrt über teilweise unwegsame Pisten zum Ol Doinyo Lengai haben wir das Land der Massai durchquert. Hinter jedem Hügel tauchen neue ausgemergelte Rinderherden mit Massai-Hirten auf, der Boden völlig überweidet, kein Halm ist mehr am Boden zu sehen. Einige der Massai winken fröhlich, viele halten bettelnd die Hand hin. Die Kinder betteln fast alle, schreien uns dann böse hinterher, wenn wir ihnen nichts geben, ein Junge hat Kathrina sogar Steine hinterher geworfen. Bei der ebenfalls 100 km langen Fahrt vom Ol Doinyo Richtung Kilimandscharo dasselbe Bild: überweidete Gebiete, ausgemergelte Herden, bettelarme Menschen. Ein trauriges Bild, aber es liegt nicht in unserer Hand, dies zu ändern. Man wird schon zornig, wenn man bedenkt, dass man so viel Geld zahlen muss, wenn man sich in den Schutzgebieten aufhält. Laut der Fremdenführer kommt von diesen zentralen staatlichen Gebühren bei den Kommunen kaum etwas bis gar nichts an, von daher erheben einige Kommunen zusätzlich noch Maut für die Pisten. Aber auch von diesem Geld werden weder die Pisten gepflegt, noch eine vernünftige Entwicklung oder Strukturplanung in den Kommunen durchgeführt – wie sonst erklärt man sich diese ökologische und menschliche Katastrophe, deren Zeugen wir gerade werden?

An den touristischen Höhepunkten erzählen die Führer einem dann stolz von ihren großartigen Konzepten der ineinander übergehenden Schutzgebiete ohne Zäune (die übrigens von Bernhard Grzimek in den 1950‘er Jahren vorgeschlagen wurden…). Dies soll die natürliche Wanderung der Wildtiere ermöglichen. Natürlich können die Wildtiere wandern. Dass die Wanderungen von Reservat zu Reservat jedoch über kahl geweidete Steppen erfolgen, erzählen sie ihren Besuchern nicht. Das muss man sich mit eigenen Augen erschließen. Wir sehen durchaus einige Giraffen in diesen Zwischenräumen, was uns gar nicht verwundert. Die kargen Grasflächen interessieren diese Langhälse sowieso nicht, sie fressen ja die saftigen (und wenn’s sein muss auch trockenen) Blätter der hohen, dornigen Bäume. Giraffen haben es also leicht, sich in den verwüsteten Landstrichen zu bewegen. Dann fallen uns noch einige Zebra-Herden auf. Die hatten wir doch auch als Weidetiere in Erinnerung. Wir beobachten jedoch, dass die Zebras an den Büschen knabbern, die niedrig genug für sie sind, also zwei Etagen tiefer als die Giraffen. Ein Blick ins Tierbuch bestätigt unsere Beobachtung: Zebras können erstens noch sehr wenig nahrhafte Gräser verwerten, die von den meisten anderen Weidetieren verschmäht und übrig gelassen werden, und können zweitens, wenn auch diese nicht mehr vorhanden sind, auf Blätternahrung umsteigen. Natürlicherweise erfolgt diese Umstellung in der Trockenzeit, wenn das Gras verdorrt ist. Momentan ist aber Regenzeit, doch dank der Rinder ist dennoch kein Gras mehr verfügbar. Den Zebras ist der Grund egal, sie genießen sichtlich die Blätter.

Als wir uns einen Übernachtungsplatz suchen, zweigen wir von der kleinen Piste auf eine noch kleinere ruppige Piste ab. Es geht den Berg hinauf, teilweise mit mehr als 25% Steigung. Mit einem Schlag sind keine Weiden und Hirten mehr zu sehen, sondern relativ dichtes Gebüsch. Auf einer kleinen Lichtung sehen wir einige Zebras, dann auf mehreren Lichtungen verschiedene Gazellen-Arten. Es gibt sie also doch, die nicht überweideten Refugien für die Wildtiere, außerhalb der Schutzgebiete. Wir hatten hier in einer elektronischen Karte einen Campingplatz eingezeichnet gesehen, den wir jedoch nicht finden. Dann verstehen wir: Wir sind mal wieder in einem Jagdgebiet gelandet… Auch von diesen Gebieten erzählen einem die Tourenführer nichts, aber wenn man lange genug unterwegs ist und die Augen offen hält, wenn man versucht, nach verschämt in der Karte eingezeichneten Campingplätzen im Internet zu recherchieren, oder doch mal mit einem aufgeschlossenen einheimischen Insider ins Gespräch kommt, erkennt man, dass es rund um die Schutzgebiete in den durchlässigen Zonen alle Nase lang Jagdreviere gibt. Die werden nicht prominent ausgewiesen, man könnte leicht an ihnen vorbeifahren ohne sie als solche zu erkennen. Großwildjagd ist ja schon lange nicht mehr schick, sie findet also eher unter dem Radar statt. Wer dann die 20 Tausend Dollar Konzession einsteckt, die man angeblich für die Jagd auf einen Leoparden zahlen muss, und wer die mehrere Tausend Dollar für die Ausfuhr der Trophäe im Erfolgsfall, ist uns nicht ganz klar. Wir gehen davon aus, dass es besser ist, manche Dinge nicht zu genau zu wissen, aber die Bürger im Staat sind sicher die letzten, die von dieser zusätzlichen Einnahmequelle profitieren.

Wir fühlen uns im Jagdrevier sicher, freuen uns, nicht in einem Schutzgebiet auf Campingplätze gehen zu müssen, und suchen uns eine kleine Lichtung, auf der wir Kathrina parken, durch hohe Büsche von der Piste sichtgeschützt. Als ich mir nachts kurz die Beine vertreten will, flieht ein Tier, rennt im großen Bogen um Kathrina herum und enttarnt sich dann in deutlichem Abstand durch sein Geheul als Hyäne. Sie ist zwar vor mir geflohen, aber für den Fall, dass noch größere Räuber unterwegs sind, bleibe ich mit dem Rücken zu Kathrina stehen, beobachte die Sterne und verzichte aufs Beine vertreten. Eine wunderbare ruhige Nacht in der freien Natur, welch herrliche Abwechslung zwischen all den kultürlichen Erfahrungen, die einen im Norden Tansanias umgeben.

Ol Doinyo Lengai 17.02.2022

Ol Doinyo Lengai 17.02.2022

Der Ol Doinyo (Berg) Lengai (der Götter) im Norden Tansanias ist bei Vulkanliebhabern wohl bekannt, seit Jahrzehnten haben wir von ihm gelesen, Bilder und Reportagen angesehen, und geträumt… Ein perfekter Vulkankegel mitten in der weiten Steppe, dessen Flankenwinkel zum Gipfel hin 45 Grad steil wird. Er hat die basischste und dünnflüssigste Lava aller aktiven Vulkane, sie spratzt und fließt wie Wasser, und ist „nur“ 490…590 Grad heiß… Nachts kann man sie rot glühen sehen, doch tagsüber sieht sie einfach nur grau aus.

Nördlich des Ol Doinyo Lengai befindet sich ein See, der durch mehrere Zuflüsse aus den umliegenden Bergen sowie Regenwasser gespeist wird, aber keine Abflüsse hat. So wird kontinuierlich Soda von den ihn umgebenden Gesteinen und Vulkanaschen eingetragen, was ihm je nach Wasserstand einen pH-Wert von 9…10,5 beschert, wodurch er den Namen „Natronsee“ bekommen hat. Milliarden von Salinenkrebsen fühlen sich in ihm wohl, was wiederum Hunderte bis Tausende von Flamingos anzieht.

Zwei Besonderheiten, die uns magisch anziehen, wobei wir uns einig sind, dass wir den Vulkan nur von unten betrachten wollen. Erstens hat er bei seinem Ausbruch in den Jahren 2007 bis 2008 seine Kraterregion so verändert, dass man nicht mehr auf dem Kraterplateau zwischen den lavablubbernden Hornitos herumwandern kann, sondern am Kraterrand in ein unspektakuläres, 100 Meter tiefer liegendes Loch hinunterblickt. Zweitens gilt der Aufstieg als eine der beschwerlichsten Eintagestouren in Afrika, da 1.700 Höhenmeter auf immer steiler werdenden Flanken nachts zu überwinden sind, damit man bei Tagesanbruch oben ist, kurz die Lava aus der Ferne bewundern kann, und dann zügig wieder absteigen muss, bevor die unerbittliche Äquatorsonne zuschlägt.

Wir besuchen also den Natronsee, finden in seiner Umgebung auch die 120.000 Jahre alten Fußspuren, die sich seinerzeit in die Vulkanasche eingegraben hatten und mittlerweile verfestigt sind, und wandern am Nachmittag noch zu einem Wasserfall. Alles in Begleitung von Gideon, einem Massai- Führer, Denn in Tansania muss man nicht nur exorbitante Beträge für das Betreten von Nationalparks und Naturschutzgebieten entrichten, sondern man darf auch keinen Schritt ohne kostenpflichtigen Führer tun – man zahlt gewissermaßen für ein Gefängnis-Dasein. Dennoch war die Tour schön und spannend. Gideon meinte, wir müssten den Fluss ein paarmal knöchelhoch queren, um an den Wasserfall zu gelangen, doch es hatte die Nacht zuvor geregnet, und das Wasser erreichte mehrfach unsere Oberschenkel….

Am Tag darauf wollen wir abfahren. Zwar ist der Campingplatz sowie der Blick auf den Götterberg wunderschön, aber 110 US Dollar pro Nacht (davon 90 USD Parkgebühren) sind indiskutabel für einen reinen Ausruh-Tag.

Dann kommt beim Frühstück Tobias aus Hannover mit seinem jugendlichen Elan auf uns zu. Er will in der kommenden Nacht aufsteigen und morgen früh dann mit seinem Gleitschirm hinabfliegen. Wir sind beeindruckt, und es dauert nicht allzu lange, bis er uns infiziert hat. Nicht nur uns, sondern auch zwei nette Schweizer, sowie zwei Niederländer, die vor Kurzem den Kilimandscharo bestiegen hatten. Wir bleiben also noch einen Tag, packen die Wanderrucksäcke mit 4 Litern Wasser pro Person und vielen Kleidungsstücken zum Drüberziehen beziehungsweise Wechseln, denn oben erwarten uns Temperaturen um den Gefrierpunkt sowie starker Wind. Um 23:00 Uhr werden wir abgeholt und zum Ausgangspunkt des Aufstiegs gefahren. Um Mitternacht geht es mit Beleuchtung durch den Vollmond bei 30 Grad Celsius los.

Der Aufstieg ist vom ersten Schritt an anstrengend, die Steigung nimmt zu, gegen 0:30 Uhr beginnt es zu regnen. Recht bald lassen wir die jungen Leute mit ihren zwei Führern vorgehen und steigen mit GIDEON in etwas langsameren Tempo weiter auf. Anfängliches Wetterleuchten steigert sich zu einem beeindruckenden Gewitter am Berg der Götter. Blitze erhellen den steilen Weg zum Gipfel, gefolgt von Donnerschlägen in immer kürzeren Abständen.

Um 3:00 Uhr haben wir eine Höhe von 2.140 Metern erreicht und sind erschöpft. Ohne heftigen Regen hätten wir rasten und uns für die fehlenden 750 Höhenmeter erholen können. Doch wir sind völlig durchweicht, in den Wanderschuhen steht das Wasser und wir frieren beim Stehenbleiben. Also steigen wir nach nur kurzer Pause wieder ab. Auch die jugendliche Gruppe dreht auf 2.300 Metern um. Schade, wir hätten ihnen den Gipfelblick und Tobias das Hinabgleiten so sehr gegönnt, aber mit einem Gewitter der Götter ist nicht zu spaßen.

Völlig durchnässt und verfroren kommen wir noch im Dunkeln wieder heil zum Campingplatz, der nur kalte Duschen hat, sind aber dennoch alle begeistert von der der Tour. Insbesondere wir beide sind Tobias so dankbar, dass er uns motiviert hat, den Aufstieg zu wagen. Doch als uns die Niederländer ihre Fotos vom Kilimandscharo zeigen, lauschen wir zwar aufmerksam ihren Schilderungen, wissen aber, dass wir ihn ohnehin nur umrunden wollen. Wir sind weise genug, den Fingerzeig der Götter ernst zu nehmen…

Landrover-Rettung auf dem Weg zum Ol Doinyo Lengai 15.02.2022

Landrover-Rettung auf dem Weg zum Ol Doinyo Lengai 15.02.2022

In Tansania und Sambia könnte man alle fünf Kilometer einem LKW, PKW oder einem Fahrrad bei einer Panne helfen. Die Pisten aber auch die Asphaltstraßen fordern die Fahrzeuge. Repariert wird erst, wenn es wirklich nicht mehr weitergeht. Allen helfen können wir nicht. Wir entscheiden also immer sehr überlegt, ob wir halten und unsere Hilfe anbieten.

Auf der sehr fordernden Piste vom Manyara-See zum Ol Dionyo Lengai steht ein alter Landrover, fast so alt wie Kathrina, und kann nicht mehr. Ein Erwachsener und zwei halbwüchsige Jungs mühen sich vergeblich, den alten Kasten wieder flott zu kriegen.

Landrover – hm – alte Technik (also reparierbar), nächster Ort 20 km entfernt, Piste schlimm, Steigungen. Helfen tut hier sowieso niemand. Also los!

Das betagte Gefährt lässt sich nicht mehr starten. Batterie? Zündung? Lichtmaschine? Ein Starthilfekabel haben wir nicht dabei (unserem 24V-System kann eh keiner Starthilfe geben und nur für andere nehmen wir das sperrige Kabel nicht mit), also versuchen wir es mit unserer Powerbank, die dafür geeignet ist. Außer Benzingeruch vom abgesoffenen Motor tut sich fast nichts. Ankurbeln bringt uns auch nicht weiter. Mein Vorschlag, den Landy mit Kathrina anzuschleppen wird nicht verstanden – hier spricht man kein Englisch (!) Aber wir schleppen ab. Wie weit? Ein Ort wird genannt. Hm, wie viele Kilometer sind das? Falsche Frage. In Afrika sind sinnvolle Fragen weniger abstrakt zu stellen, wie z.B. bis zu welchem Hügel… Egal, Abschleppgurt heraus und der Landy kommt an das Zugmaul von Kathrina.

Hoffentlich weiß der Fahrer, wie man abschleppt. Verständigung geht nur mit Händen und Füßen oder mit Gesten. Hoffentlich tun seine Bremsen!

Mit Untersetzung geht es los. Der Bergegurt strafft sich, ein unmerklicher Ruck und der Landy wird über die Piste gezogen. Geht doch leicht! Nach drei Kilometern stoppen wir. Der Fahrer bedeutet mir, noch drei Hügel weiter zu schleppen, dann ginge es abwärts und er könne den Wagen rollen lassen. Also weiter bis zur verabredeten Kuppe, wo der Gurt von Kathrina gelöst wird. Anschieben und talwärts geht es ab.

Wir fahren hinterher. Im Tal ist eine steile und ausgewaschene Flussdurchfahrt zu nehmen. Erst geht es steil abwärts und dann muss man über grobes Geröll den nächsten Berg erklimmen. Schon ohne Gespann eine Herausforderung. Wir nehmen also den Landy wieder an den Haken und meistern im Kriechgang diese schwierige Passage. So geht es weiter. Talabfahrten ohne Kathrinas Hilfe, durch Furten (es sind einige!) schleppen wir ihn durch. Die Kraft von Kathrina beeindruckt uns. Mit welcher Leichtigkeit sie den alten Geländewagen über Stock und Stein, besser gesagt Geröll, die steilen Bergauffahrten zieht. Der Rest ist nur Konzentrationssache. Da der Landy schmaler ist als Kathrina, sehe ich ihn nicht. Also nur durch Gefühl weiß ich, ob der Bergegurt straff gespannt ist oder locker durchhängt.

Nach 20 km erreichen wir den Ort. Wir erzeugen mit unsere Ankunft einen Auflauf im Dorf. Es ist nicht üblich, sich gegenseitig abzuschleppen. Von Touristen erwartet man das erst recht nicht. Wir kommen ins Gespräch mit etlichen Einheimischen. Wo kommt ihr her? Ist das wirklich euer Zuhause? Auch der Chef des Dorfs kommt auf uns zu. Ein sehr höfliches Gespräch bereichert uns alle. Einige können nämlich Englisch.

Ilona geht inzwischen Einkaufen. Mir lässt der Landy allerdings keine Ruhe. Inzwischen haben einige Einheimische sich der Sache angenommen. Die Batterie wird getauscht, der Landy startet einwandfrei. Sobald die alte Batterie wieder angeschlossen wird, stirbt der Motor! Die Batterie muss einen totalen Zellenkurzschluss haben. Ich helfe nochmals beim Anschieben und freue mich mit allen Anderen, dass der Landrover wieder läuft.

Ruaha-Nationalpark 9.2.2022

Ruaha-Nationalpark 9.2.2022

„Der Ruaha ist wegen seiner isolierten Lage einer der am wenigsten besuchten Wildparks Tansanias. Über Straßen ist er kaum zu erreichen, …“ steht in unserem Safari-Reiseführer. Die Piste, die dorthin führt, wird in der iOverlander App als „never ending dirt road“ bezeichnet.

Wir befragen Kathrina, ob sie uns dorthin schaukeln will, und sie brennt nach so vielen Teerstraßen in Sambia (mehr Loch als Teer…) und Tansania (gut geteert, aber unübersichtliches Verkehrstreiben) wieder auf ein Abenteuer auf von der Regenzeit ausgewaschenen Pisten mit weit mehr Fußgängern als motorisierten Verkehrsteilnehmern.

Also nichts wie hin! Dass wir nur vier Stunden für 70 Kilometer gebraucht haben, zeigt doch, dass die Piste nicht durchgehend ganz so schlimm war. Wo sie aber schlimm war, haben wir alle drei gebangt, die Luft angehalten und uns bei Schräglagen alle auf eine Seite gelehnt, um nicht zu kippen… Auf dieser Piste haben wir auch die ersten Massai gesehen. Zuerst kam eine riesige Herde von Rindern, dann die ersten hochgewachsenen schlanken Hirten in ihren langen Roben mit Gürtel und Schwert, mit langen Wanderstöcken und charakteristischem Schmuck. Eine Szene aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Zwei dieser stolzen Hirten waren jedoch in der Moderne angekommen – sie hielten bettelnd uns die Hand hin.

Spätabends finden wir kurz vor dem Parkeingang eine wunderbare Bleibe in der Ruaha Hilltop Lodge – von der schlimmen Piste geht es noch zwei schaukelige Kilometer durch teilweise tiefhängendes Gestrüpp den Berg hinauf. Oben genießen wir eine phantastische Aussicht auf den Nationalpark, der sich von 750…1.868 m.ü.N.N. erstreckt. Die Hügel im Park gehören zum östlichen Arm des Großen Afrikanischen Grabenbruchs. Von der Bar aus kann man viele davon im letzten Abendlicht bewundern, bei einem – nein zwei – „Kilimanjaro“-Bieren. Weder der Besitzer noch die Angestellten haben jemals ein solches Heim auf vier Rädern wie unsere Kathrina gesehen, sie sind nicht auf Campinggäste eingestellt, heißen uns aber herzlich willkommen („Karibu“) und lassen uns hocherfreut über den unerwarteten Besuch auf dem Parkplatz übernachten.

Die wilden Pisten im Nationalpark ersparen wir Kathrina – wir gönnen ihr einen Ruhetag und uns am nächsten Morgen einen Fahrer und einen Safari-Führer, die uns gleich bei Tagesanbruch in deren Landcruiser in die zauberhafte Landschaft entführen. Von der offenen, zugigen Pritsche aus sehen wir viele Impalas, Kudus, Rappenantilopen und auch einige der mini-kleinen scheuen Dik-Diks. Letztere immer paarweise, sie bleiben ein Leben lang zusammen. Im Fluss lungern und schnauben einige Hippos, ein Krokodil schwimmt vorbei. Da fällt Moses, unserem Safari-Führer, plötzlich auf, dass wir ganz dicht am Ufer stehen. Ich hatte nach Hippo-Spuren gefragt, und er hat sie uns gezeigt – die Abdrücke der vier dicken Zehen im Uferschlamm und einige Hippo-Haufen, die selten sind, da die Hippos ihren Dung normalerweise mit den Schwänzen versprühen und so ihr Revier sowie ihre nächtlichen Wanderwege markieren. Über unser Interesse hat er ganz vergessen, dass man im Park ja das Auto nicht verlassen darf. Schnell entern wir also wieder auf, vollzählig, niemand vom Krokodil verspeist. Dann sehen wir einige Giraffen mit ungewohnt straffem Fell (die bisherigen Giraffen waren allesamt sehr faltig gewesen) und ganz „ausgefransten“ braunen Flecken – die Massai-Giraffen, die hier in Tansania und in Kenia vorkommen. Für Nervenkitzel sorgen auch zwei große männliche Löwen mit schwarzer Mähne, also nicht die „kleinwüchsigen“ braunmähnigen Löwen aus dem Etoscha-Park. Ganz dicht fährt Patrick, unser Fahrer, an sie heran, und unser anfänglicher Nervenkitzel (offene Pritsche versus geschlossene Kathrina) legt sich schnell, als sie sich zärtlich zusammen kuscheln, die Wangen aneinander reiben, und einer der Beiden sich auf den Rücken dreht und sich – vom anderen Löwen, nicht von uns – am Bauch kraulen lässt. Trotz der imposanten Größe sind es also doch nur verspielte Schnurrkater… Wir sehen auch einige Elefantengruppen. Da der Ruaha-Fluss in diesem Jahr trotz Regenzeit sehr wenig Wasser führt, zieht die größte Elefantenpopulation Tansanias, die hier ansässig ist, nicht wie sonst in großen Herden, sondern in kleinen Gruppen durch den Park, denn die verstreuten Pfützen, welche die Tiere in diesem Jahr vorfinden, würden für den Durst einer großen Herde nicht ausreichen. Im Gegensatz zum Addo oder Etoscha wurden hier keine künstlichen Wasserlöcher angelegt, um das Wild an bestimmte Orte zu locken, die Tiere haben hier also wirklich nur die natürlichen Wasser- und Futterquellen. Der Park ist auch nicht eingezäunt, die Tiere können also nach Herzenslust (oder besser gesagt nach dem Futterangebot) ein- und auswandern. Daher ist hier die kundige Führung sehr hilfreich für die Tiersichtungen.

Landschaftlich sind wir auch völlig hingerissen. Dichte Wälder wechseln sich ab mit Savannen, Flussbetten und offenen Hügellandschaften. Der Tag ist wolkenverhangen, wir haben also nicht die starken Kontraste und Schatten eines Sonnentages, sondern genießen die zarten Farbtöne und das gleichmäßige Licht. Nur während des Mittagvespers regnet es, danach geht es auf den nass gewordenen Pritschen weiter. Erstmalig sehen wir viele der skurrilen Baobabs, deren Stämme nicht selten mehr als 4 m Durchmesser haben. Der Baobab oder Afrikanische Affenbrotbaum ist eine sukkulente Pflanze, die in ihrer Rinde Wasser speichert. Viele Wüstenbewohner zapfen in der Trockenzeit direkt den Wasservorrat der Bäume an, um ihren Flüssigkeitsbedarf zu decken. Aber auch Elefanten nutzen den Wasserspeicher, indem sie die Rinde der Baobabs aufbrechen, um an die feuchten Fasern im Bauminnern heranzukommen. Dabei entstehen große Hohlkörper, viele der Baobabs haben also „Fenster“, durch die man hindurchsehen oder gar -klettern kann, und die früher von den Buschleuten als Vorratsspeichesr oder Verstecke genutzt wurden.

Voll neuer Eindrücke und neuem Wissen kommen wir abends auf die Lodge zurück, erzählen Kathrina von unseren tollen Abenteuern und den schrecklichen Pisten, und lassen diesen tief beeindruckenden Tag bei einem „Safari-Lager“ auf der Veranda ausklingen, mit versonnenem Blick auf den Park.

Der Abschied vom Lodge-Team am nächsten Morgen dauert weit über eine Stunde. Kathrinas Innenleben wird besichtigt und bestaunt: Küche, Ess-, Wohn- und Schlafzimmer, Bad, Bibliothek, Ersatzteillager und Werkstatt – alles auf so kleinem Raum. Patrick klettert ins Führerhaus – und stellt erstaunt fest, dass rechts kein Lenkrad, sondern der Beifahrersitz ist. Dann fotografieren sie Kathrina vor der Lodge – jeder muss mal fotografieren, jeder darf sich mal davorstellen. Da es regnet all dies mit bunten Regenschirmen. Nie zuvor hatten wir uns so willkommen und von Herzen aufgenommen gefühlt. So werden uns die Tage im Ruaha-Gebiet nicht nur wegen des großartigen Parks, sondern auch wegen der intensiven menschlichen Begegnungen in Erinnerung bleiben.

Quirliges Tansania 3.-8.2.2022

Quirliges Tansania 3.-8.2.2022

Der Grenzübergang von Sambia nach Tansania war mal wieder ein Abenteuer, nach der Grenze mal wieder ein völliger Mentalitätssprung.

Den mehrstündigen Aufenthalt in dem Grenzgebäude zwischen Nakonde und Tundela komprimiere ich in einen Satz: Sämtliche Büros sind in einem modernen Gebäude unter einem Dach untergebracht, allerdings weder nach Ländern noch inhaltlich (Immigration der Personen, Zoll, Kfz-Abgaben und -Versicherungen) sortiert und schon gar nicht ausgeschildert, was uns eine mehrstündige Odysee von Pontius zu Pilatus bescherte, zwischendurch wurde Kathrinas Inneres mit Chlorlösung aus der Gartenspritze desinfiziert.

Dann tauchen wir in eine neue Welt ein. Während die Sambier ruhig, lächelnd, Jahrhunderte zurück, also unmotorisiert unterwegs waren, ist hier fast jeder mit Moped, Tuctuc oder noch mehr PS unterwegs, natürlich immer ein Smartphone am Ohr. Die wenigen Fußgänger und Radfahrer müssen hier schnell wegspringen, egal wie beladen sie sind – außer Kathrina macht niemand einen Bogen um sie herum. So verträumt und verschlafen Sambia war, so quirlig und dynamisch fließt hier alles umeinander herum. Und völlig Multikulti, jeder hat ein anderes Lebens- und Fortbewegunskonzept.

Immerhin gibt es noch die ansprechenden Straßenstände mit leckerem Gemüse. Supermärkte gibt es hier gar keine mehr. Es gibt selbst in den Städten nur kleine Läden, ohne Beschriftung, das Sortiment muss man in jedem Laden neu erfragen, es gibt also keine Ladentypen. Dafür sind die Läden so klein, dass man das Warenangebot schnell durchgesehen hat, und mit etwas Übung dauert das Einkaufen hier auch nicht länger als im Supermarkt. (Nach 10 Tagen finden wir in Dodoma einen Supermarkt, der alles unter einem Dach hat, es soll weitere in Arusha und Dar-es-Salaam geben).

Erfreulich ist, dass das Warenangebot der konfektionierten Waren sich sprunghaft ändert. Während die Getränke, Milchprodukte, Reis, Mehl, Gewürze, Dosengemüse von Südafrika über Namibia bis Sambia von den gleichen Firmen stammten (wobei die Bandbreite an Marken und Sorten immer dünner wurde), ist hier alles anders. Der Markt ist nach Nordafrika, Kleinasien und Fernost ausgerichtet: Anstatt Oregano, Rosmarin und Italian Herbs finden wir eine Riesenauswahl an Gewürzen, meist nur in arabischer Schrift gekennzeichnet. Aber der Duft dringt durch die Packung, sodass wir sofort riechen, was wir kaufen wollen. Als ich nach „rice“ frage, teilt mir die Besitzerin von 2*2 qm Ladenfläche mit, sie habe keinen – doch ich finde direkt hinter ihr einen Sack mit etwa drei Kilo Reis, rundum mit chinesischen Zeichen beschriftet. Über die Kochzeit kann mir die Ladenbesitzerin nichts sagen – egal, wird gekauft und ausprobiert.

Neben christlichen Gotteshäusern sieht man immer mehr Moscheen. Als wir einmal in der Stadt Iringa auf einen Campingplatz gehen, ruft uns der Muezzin um 16:00 Uhr, 19:00 Uhr und 05:00 Uhr zum Gebet.

Unsere erste Übernachtung ist jedoch so richtig auf dem (Hoch-)Land in einer Coffee-Lodge. Feinste Hochland-Cafés werden rundum angebaut, Mangos wachsen im Garten, und so gönnen wir uns hier vier Nächte lang einen Camping-Bungalow: ein großes Haus mit hohen Decken, zwei Schlafzimmern und zwei Bädern, einem großen Aufenthaltsraum mit Esstisch sowie einer Couch-Ecke und einer großen Küche mit Backofen! Der Bungalow ist gerade mal 20% teurer als Camping auf einer schattenlosen Wiese, daher gönnen wir Kathrina eine Auszeit von uns, und haben so richtig Zeit, sie gründlich zu putzen, was nicht ganz so gut gelingt, wenn man in der Regenzeit in ihr wohnt und ständig Feuchtigkeit einträgt. An zwei von vier Tagen haben wir sogar Strom, an den anderen beiden Tagen ist die gesamte Gegend fast ganztägig ohne elektrische Energie… Am ersten Tag haben wir morgens um 10:00 Uhr gerade ein Brot in den Backofen geschoben, als der Strom ausfällt. Ich laufe zur Rezeption und erzähle ihnen von unserer Misere. Kurzerhand erlaubt uns die Managerin, das Brot im Ofen des Restaurants fertig zu backen, das ist nämlich an den Generator angeschlossen. Die Köchin ist zunächst etwas skeptisch, als wir unseren „Potje“ (einen gußeisernen Topf mit Henkel) bringen und ihren Ofen stellen, und alle Wählschalter des Ofens verstellen. Als wir ihn eine Stunde später wieder holen und den Deckel lupfen, ist sie vom Anblick und vom Geruch ganz hingerissen. Hier kennt man nur die angelsächsische Weißpappe, ein braunes rundes Brot mit Kruste hat sie noch nie gesehen. Als Torsten ihr dann nach dem Ruhen eine noch warme Kostprobe mit Butterflöckchen bringt, ist sie begeistert. Als um 19:00 Uhr wieder Strom kommt, backt Torsten einen Zuckerkuchen für die nächsten Frühstücke. Am zweiten Tag backen wir eine Pizza, am dritten Tag ist wieder ganztags Stromausfall. Immerhin funktioniert der Gasherd – wir können also all die Gemüsevorräte ratzeputz leerkochen, und so einen Grundzustand in Kathrina herstellen, um bei der Weiterfahrt wieder die Marktstände plündern zu können.

Am ersten Tag machen wir noch einen typischen Anfängerfehler: Wir hatten während der Campingphase auf Tee und löslichen Kaffee zurückgegriffen. Hier bereiten wir uns natürlich den leckeren Kaffee der Farm zu, mit einer Stempelmaschine aus dem Bungalow. Nur die ganzen Bohnen werden für den Spitzencafé ausgelesen, nicht die kleinen oder zerbrochenen, sodass alle Bohnen absolut gleichmäßig geröstet sind, was einen besonders feinen, gleichzeitig intensiven aber milden Geschmack zur Folge hat. Der Café ist so mild, dass wir morgens, mittags und abends je zwei bis drei Tassen trinken. In der folgenden Nacht tun wir dementsprechend kein Auge zu. Am zweiten Tag sind wir dann schlauer…

Tanganjika-See 28.1.-2.2.2022

Tanganjika-See 28.1.-2.2.2022

Aquarianer kennen viele farbenfrohe Buntbarsch-Arten, die den Tanganjika-See als Heimat haben. Er ist das größte Süßwasser-Reservoir Afrikas, das zweitgrößte weltweit nach dem Baikalsee, und das, obwohl er an keiner Stelle mehr als 80 km in Ost-West-Richtung misst. Er liegt im westlichen Arm des Großen Afrikanischen Grabenbruchs, einer Riftzone, die auseinander driftet. Vermutlich wird er sich in ferner Zukunft mit dem Malawi-See verbinden und ein neues Meer ausbilden. Er liegt auf 780 m Höhe und ist an der tiefsten Stelle über 1.400 m tief, reicht also weit unter den Meeresspiegel. In den tieferen Schichten beherbergt er fossiles Wasser, das seit der Prähistorie keinen Kontakt mehr mit der Erdatmosphäre oder Oberflächengewässern hatte.

Wie spannend – also nichts wie hin!

Von über 1.700 m schlängelt sich Kathrina bis zum See hinab. Doch unsere Hoffnung auf einen schönen Überblick aus der Höhe erfüllt sich nicht – zu üppig ist die Vegetation beiderseits der Straße in der Regenzeit. Ab und zu blitzt etwas Blau zwischen den grünen Bäumen hindurch, und plötzlich (genaugenommen nach 1 km Macheten-Hackerei und mehreren abgesägten Ästen bei der Zufahrt zum Campingplatz) breitet er sich 10 m vor Kathrina aus. Wir stehen am Südufer, am nördlichen Horizont ist nur eine waagrechte Wasserlinie zu sehen, da das Nordufer so weit entfernt ist, wie Bremerhaven von Leopoldshafen. Ost- und Westufer sind von dicken Wolkenschwaden verhangen, erst in zwei Tagen werden wir einen klaren Blick auf die beiden Küsten bekommen: Die steil abfallende Westküste an der Grenze zum Kongo, sowie die grüne Ostküste in Tansania.

Einige Fischerboote sind auf dem See, meist mit zwei Ruderen und einem Steuermann. Keine Einbäume, sondern richtige Boote. Die Boote für den Personentransport sind etwas größer und motorisiert, doch nicht jedes Boot hat Treibstoff, einige Passagiere werden auch gerudert.

Das Wasser ist glasklar, keinerlei Algen oder Wasserpflanzen an diesem Küstenabschnitt, die großen braunen Uferkiesel kann man noch mehrere Meter weit im Wasser klar erkennen. Die Lichtstimmungen, die wir hier in 6 Tagen erleben, sind vielfältig und überraschend. Dunkelgraue Regenwolken, strahlend blauer Himmel (öfters, aber immer nur von kurzer Dauer), weiße Nebelschwaden wechseln sich mehrfach am Tag ab. Bei Sonnenauf- und -untergang wird oft jeweils nur eine einzige Wolke selektiv orange angestrahlt, sodass sie sich von dem stahlgrauen bzw. -blauen Himmel abhebt. Auch zartgrüne Farbtöne bekommen wir auf dem See zu sehen, und natürlich eine Vielzahl von Regenbögen… Die Wasseroberfläche variiert von spiegelglatt bis zu stark aufgewühlt mit über einem Meter hohen Wellen in in sehr kurzer Dünung, entsprechend dem Wetter von absolut windstill bis verdammt stürmig.

Der Campingplatz ist sehr rudimentär, eigentlich kann man nur die Toilette nutzen, in der man dann mit einem Eimer Wasser aus dem See abspült, aber diese Infrastruktur reicht uns völlig – und vermutlich sind wir deshalb die einzigen Gäste hier uns mit dem faszinierenden See allein. (Nur in der letzten Nacht kommt Burkhard vorbei, der vor vielen Jahren nach Sambia ausgewandert ist, in Kabwe eine Lodge hat und Motorrad-Safaris anbietet. Wir wollen ihn auf der Rückfahrt besuchen, dann also mehr über diesen quirligen Tausendsassa.)

Es gibt auch zwei schilfgedeckte Pavillons – einer mit einem hohen Tisch und hohen Stühlen – hier kochen und essen wir -, ein weiterer mit einem Couchtisch und mehreren niedrigen Sesseln, wo wir nach dem Essen unseren Café einnehmen. Alles aus wetterfestem Holz, die Plattformen der Pavillons standen mal weit vom Seeufer entfernt, nun liegt der See uns beim Essen im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen, und beim Sturm am letzten Tag werden die Plattformen völlig überspült, sogar die Tische werden nass… Der Seespiegel ist in den letzten Jahren gestiegen, erzählt uns Celestine, die den Campingplatz nach bestem Wissen und Gewissen managt. Die Baumstümpfe, die wir in Ufernähe sehen, waren vor wenigen Jahren noch ihre Mango-, Papaya- und sonstige Bäume, die heftigen Regenfälle der letzten Jahre fordern jedoch ihren Tribut. Viele Sandstrände in der Umgebung sind völlig verschwunden. Celestine ist eine der wenigen im Ort, die für uns verständliches Englisch sprechen, mit den meisten anderen geht es eher per Hand und Fuß, aber man findet sich mit Gesten zusammen.

Der Campingplatz ist umgeben von einem „Ort“, der aber keinerlei Struktur hat – es gibt nur Pfade, entlang derer ab und zu Häuser liegen. Immerhin Steinhäuser mit Rieddächern, also ein gewisser Komfort. Wasser zum Waschen, Trinken, Kochen wird vom See geholt, Wäsche wird im See gewaschen und auf den Steinen zum Trocknen ausgelegt.

Am ersten Tag sind wir erschöpft von der Fahrt, am zweiten Tag fordert Kathrina einige technische Dienste von uns, sodass wir an den ersten Tagen den ruhigen, abgeschirmten Campingplatz kaum verlassen. Fischerboote fahren vorbei. Zunächst mit gebührendem Abstand, dann immer näher, und ab dem zweiten Tag „kennt“ man sich und winkt sich zunächst zurückhaltend, dann fröhlich zu. Einige Fischer rudern zu uns und zeigen uns ihren Fang. Die Fische, die man bei uns für teuer Geld für das Aquarium kaufen kann, sind hier ein kleiner Happen zum Frühstück, und etwas enttäuscht nehmen sie zur Kenntnis, dass wir auch an ihren größeren Fischen kein kulinarisches Interesse haben. Zwei Jungs kommen angerudert, Torsten hält fragend die Kamera hoch, und sie zeigen, dass sie fotografiert werden wollen. Dann kommen sie an Land, der Ältere holt ein altes Handy mit Foto-Funktion hervor (viele Generationen vor den Smartphones), öffnet es und überreicht Torsten die SD-Karte. Er will erfreulicherweise kein Geld, sondern Kopien der Fotos. Die beiden Halbschalen des geöffneten Geräts wirft er auf die nassen Fische, mir wird ganz anders, aber das Gerät ist diese Wasser-Behandlung offensichtlich gewohnt. Der Akku ist nicht mehr original, irgendjemand hat hier abenteuerliche Lötarbeiten verrichtet, nach dem Zusammenbau zeigt das kleine Display tatsächlich die Fotos an und die beiden ziehen froh von dannen.

Am dritten Tag ist Sonntag. Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang durch das Dorf. Bei einer der ersten Hütten lässt eine Frau ihren Gemüsestand unbeaufsichtigt, und ernennt sich kurzerhand zu unserer Führerin. Die Kinder sehen uns und bald haben wir eine fluktuierende Eskorte aus 30…50 Kindern um uns herum. Unter einem großen Schattenbaum sind zwei Tische mit Dame-Spielen aufgestellt, konzentriert und flink spielen einige größere Jungs das Spiel. Die Spielsteine bestehen aus gleichfarbigen Getränke-Deckeln, die Bretter sind selbst gemalt. Wir ziehen weiter bis zum Marktplatz. Etwa 10 Frauen und 2 Männer singen Gospel vor den Markthallen, wir kaufen Gemüse ein, unsere Führerin sorgt dafür, dass sie uns die frischen Tomaten und Kohlköpfe geben. Wir hören dem Gospel-Chor noch etwas zu, und schlendern dann mit unserem Geleitzug wieder zum Campingplatz. Unsere Führerin erklärt den Kindern, dass sie uns nicht auf den Campingplatz folgen sollen, was diese zu unserem Erstaunen befolgen. Sie selbst kommt mit, spickelt verschämt in Kathrina (da hat sie im Ort was zu berichten!) und fragt dann Celestine, was Seife auf Englisch heißt. Das ist ihre Bitte für ihre Begleitung – ein bisschen Seife zum Wäsche waschen. Wir füllen ihr unser blaustes Waschmittel in eine leere Pumpspray-Flasche, mit der sie stolz abzieht.

Als wir am vierten Tag wieder in den Ort gehen, ist unsere Begleiterin sofort wieder zur Stelle, doch wir bedeuten ihr mit Händen und Füßen, dass wir heute allein sein wollen. Das respektiert sie, lacht und winkt zum Abschied, und so gehen wir allein mit einer Horde Kindern durch den Ort. Torsten hatte ein Foto von den Dame-Spielern gemacht und es ausgedruckt und mit Tesafilm laminiert. Bei den Bäumen sitzen die Jungs wieder und spielen konzentriert, sie schauen zunächst kaum auf. Als Torsten das Foto an den Baum heftet, gruppiert sich sofort eine Traube drumherum, die Spieler unterbrechen kurz ihr Spiel, lachen freudig über das Foto von ihnen – und spielen nach kurzer Unterbrechung weiter. Wir ziehen weiter zum Marktplatz und fragen dort, wo die Schule ist. Einer der Jungs aus unserem Geleit geht schon zur Schule, er führt uns dorthin. Unterwegs sehen wir einen Schmied – während Torsten sich von ihm seine Arbeitsweise zeigen lässt, lenke ich die Kinder mit unserem Fotobuch ab, damit sie dem Schmied nicht vor lauter Aufregung die Maispflanzen in seinen Vorgarten zertrampeln. Bei der Schule angekommen ist um 16:30 nur noch der Nachtwächter dort, er meint, wir sollten am nächsten Morgen um 8:00 Uhr wieder kommen.

Was wir natürlich tun. Am fünften Tag besuchen wir zunächst den Rektor, erklären ihm wer wir sind, und dass wir uns für seine Schule interessieren – und dürfen dann in alle Klassen hineinschnuppern: in die Vorschule, in der die Kinder auf gemeinschaftliches Arbeiten eingestimmt werden, in die Grundschule, in der 64 Kinder verschiedenen Alters zusammen lernen (lachend und lärmend), und in die weiterführenden Klassen, wo dann nur noch etwa 20 Jugendliche einen anspruchsvollen Unterricht bekommen, hier ist die Stimmung ernst und konzentriert. Eine bereichernde und ergreifende Erfahrung – wir wünschen den lernwilligen jungen Menschen und deren Lehrern, die unter sehr einfachen Rahmenbedingungen einen großartigen Einsatz bringen, von Herzen alles Gute für ihre Zukunft. Ein spannender Ort, an dem Idealismus, Pragmatismus und Lebensfreude aufeinander treffen.

Zauberhaftes Sambia: Endlich in Afrika! 11.-27.1.2022

Zauberhaftes Sambia: Endlich in Afrika! 11.-27.1.2022

Der Grenzübergang von Namibia nach Sambia war ein unerwarteter, aber innigst ersehnter Kulturschock: Zufriedene, fleißige Menschen, die ihre Äcker beiderseits der Straße beackern, erstaunt aufsehen und dann fröhlich winken, wenn Kathrina vorbeischaukelt, und an ihren Straßenständen eine vielfältige Auswahl an leckeren Gemüsen darbieten. Wenn ein Fahrzeug in der Nähe der Stände vom Gas geht, werden ganz schnell noch die lebendigen Hühner aus den geflochtenen Körben geholt, und flinke Jungs rennen barfuß mit je einem Hahn in der Hand den Fahrzeugen hinterher (meist LKW-Schwerlasttransporte, denn PKWs gibt es kaum) und schaukeln winkend die Tiere, die entsprechend lebhaft flattern.

Und vor allem: Wenig Zäune! So lernen wir Sambia als sympathisches freies Land kennen, in dem man gewohnt ist, Gemeindeland zu teilen. Auf den Straßen flanieren Menschen mit tiefschwarzer Hautfarbe und bunten Kleidern. Gegen den Regen schützen die Frauen ihre Köpfe mit bunten Tüchern, die Männern mit allem, was die Altkleidersammlung hergibt: Zipfelmützen, Skimützen, Bommelmützen – je altmodischer in Europa, desto begehrter hierzulande. Einige (vor allem die Frauen) tragen ihre Last (meist Wasser oder Lebensmittel) mit Körben oder gar schwere Tonnen auf dem Kopf, die Kinder in Tüchern auf den Rücken gebunden. Andere (vor allem die Männer) fahren Fahrräder in abenteuerlichem technischen Zustand, und sind für den Lastentransport von Kohlen oder technischem Gerät zuständig, mit äußerst kreativen Methoden der Ladungssicherung. Bis zu acht große Bierkästen lassen sich auf einem Fahrrad transportieren. Die modernen Väter binden sogar noch ihren Nachwuchs mit einem bunten Tuch ans Lenkrad.

Wir sind so froh, dass wir uns kurzerhand entschlossen haben, weiter nach Sambia hineinzufahren als nur bis zu den Viktoriafällen, die auf jeden Fall ein sehenswertes Naturwunder darstellen. Im „normalen“ Sambia geht uns so richtig das Herz auf, und wir verstehen plötzlich, dass so viele Reisende so vernarrt in Afrika sind. Einen Reiseführer dieses Landes haben wir (glücklicherweise) nicht, die meisten Nationalparks stehen wegen der Regenzeit ohnehin unter Wasser. Wir haben anderen Reisenden ihre Sambia-Landkarte abgekauft, fahren drauflos und fragen uns durch. Wie herrlich!

Bereits der Caprivi-Zipfel in Namibia war fast ausschließlich von Schwarzafrikanern bewohnt, und auch dort haben wir fröhlich winkende Menschen erlebt. Doch wenn man etwas tiefer ins Gespräch kam, hatten wir immer den Eindruck, dass unser Gegenüber uns aufgrund unserer bleichen Hautfarbe – ganz unbewusst – als Repräsentant der reichen herrschenden Klasse im Land ansah, und nach anfänglicher Fröhlichkeit kam die Klage über ihre schwierige Lebens-Situation durch, oder Kinder liefen uns hinterher und bettelten nach „Sweeties“.

Die Sambier hingegen begegnen uns (zumindest im Süden und Zentral-Sambia) völlig unvoreingenommen. Sicher sehen sie sofort, dass wir Ausländer sind, aber wir sind eben Ausländer, die von noch weiter her kommen als diejenigen aus Tansania oder Botswana, und das erklärt auch, dass wir noch viel fremdartiger aussehen. Sie reden mit uns über ihr wunderbares Land, die üppige Natur, die viele Ernten ermöglicht, und über ihr leckeres Gemüse. Keiner klagt, wenige betteln. Alle sind freundlich, fröhlich, arbeitsam, die Menschen wirken in sich ruhend, ausbalanciert und mit ihrem einfachen Leben erfüllt. Und die Gemüse! Nach drei Monaten mit Zwiebeln, Kartoffeln und Büchsenerbsen quellen uns hier die Augen über! Wir finden Spinat, Tomaten, Paprika, Auberginen (große violette runde sowie zwergwüchsige weiße) und vielerlei uns unbekannte Gemüse, deren Namen ich schon beim Einsteigen in Kathrina wieder vergessen habe, und die wir in der Regel schon gekocht und verschmaust haben, bevor wir wieder Internet-Empfang haben, wo wir die Namen nachschlagen könnten. Klar sind die Gemüse krumm gewachsen, manchmal etwas hutzelig und einige muss man gut ausschneiden, denn von Güteklassen haben sie noch nie etwas gehört. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb so lecker!

Sambia macht uns auch so richtig Lust auf noch mehr Afrika – wir recherchieren einmal mehr, ob man über die Ostafrika-Route bis nach Hause fahren kann. Doch in Äthiopien herrscht wegen religiöser Fundamentalisten seit November der Ausnahmezustand, und aktuell sind die Grenzen auf dem Landweg von Kenia geschlossen. Zwischenzeitlich wird auch der Sudan unsicher und die Grenzen sind geschlossen. Wir verabschieden uns nun endgültig und schweren Herzens von dem Traum, mit Kathrina von Port Elizabeth nach Port Leopold zurückzutuckern. In welche weiteren Länder unsere Reise uns noch führen wird, steht derzeit noch in den Sternen, die wir wegen der wolkenverhangenen Regenzeit seit Jahresbeginn kaum zu Gesicht bekommen haben. Auf jeden Fall bereichert uns das beschauliche einfache Leben der Landbevölkerung im dünn besiedelten Sambia extrem. Uns ist durchaus klar, dass unsere positiven Begegnungen mit den Sambiern sehr an der Oberfläche kratzen. Denn dass hier keinerlei paradiesischen Zustände herrschen, wird einem spätestens dann klar, wenn man aus sehr gelben Augen fröhlich angestrahlt wird. Hepatitis ist hier ganz offensichtlich allgegenwärtig, und viele andere Krankheiten sicherlich auch. Die Hälfte aller Einwohner ist jünger als 20 Jahre.

Das Klima ist weniger drückend als befürchtet. Durch den Regen bzw. die Bewölkung haben wir nachts 20…25°C, und tagsüber selten über 30°C. Bei diesen Temperaturen ist auch die relative Luftfeuchtigkeit von 70…80% noch erträglich. Wir fahren teilweise abseits der geteerten Durchgangsstraßen von Stausee zu Stausee, übernachten mal an einem Bootclub mit Camping-Wiese, mal frei an einem Seeufer, dann wieder frei hinter einer Kirche. Die Menschen halten respektvoll Abstand. Wenn wir fragen wollen, ob wir hier übernachten dürfen (wie wir es bei der Kirche getan haben), müssen wir auf die Menschen zugehen. Das finden wir äußerst angenehm, wir lieben es nicht so sehr, umringt zu werden. Aber wenn wir fragen, sind sie ganz aufgeschlossen und freuen sich, dass wir an ihrem Heimatflecken etwas länger verweilen und sogar übernachten wollen – und nicht nur schnell durchfahren. Insbesondere bei den Stauseen können wir etwas die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen beobachten. Die Frauen angeln mit langen, selbst gefertigten Ruten vom Ufer aus, wohingegen die Männer mit Einbäumen zum Angeln oder Fischen auf den See hinaus paddeln. Einige Male sehen wir die Methode, die Netze auszulegen, und die Fische dann mit Ruderschlägen in die Netze zu treiben. Einige Hirten bringen ihre Rinder oder Ziegen zum Weiden und Trinken vorbei, unterhalten sich mit den Fischern – und ziehen dann mit der letzten Dämmerung in die Orte zurück. Man teilt die gemeinsamen schönen Flecken und zäunt sie nicht ein.

Der Menschenschlag ändert sich, als wir auf der T2 in die Nähe des Verkehrsknotenpunktes Mpika kommen. Die Straße ist so kaputt, dass man zweihundert Meter auf einer völlig ausgewaschenen Piste neben der Straße schaukeln muss. Man hat schon größte Mühe, das eigene Fahrzeug in den tiefen Löchern nicht umzuschmeißen, und dann laufen noch von allen Seiten Menschen mit Körben oder Tüten herbei. Anstatt jedoch zu zeigen, was sie denn Leckeres feilbieten, hämmern einige Jungs mit den Fäusten an die Türen und rufen in forderndem Ton „Kwacha, Kwacha – Money, Money!“. Wir sind überrascht und stellen fest, dass die Anzahl aufdringlichen Verkäufer und Bettler zunimmt. Das gibt uns schon einen gewaltigen Stich. Als wir in Mpika auf einem Campingplatz einkehren (in dieser Gegend wollen wir nicht frei stehen), sind wir überrascht, auf Deutsch empfangen zu werden. Andreas kam zu Beginn des 2. Jahrtausends als Entwicklungshelfer hierher und hat nach Beendigung der Projekte hier eine Lodge mit Campingplatz und ein Restaurant mit Pizzaofen aufgebaut.

Wir genießen die Zeit auf der Lodge bei intensiven Gesprächen mit Andreas und erfahren so tiefere Details über das hiesige Afrika.

Zambia: Gibt es schlimmere Straßen als die M10 von Katima nach Kazungula? 10.1.2022

Zambia: Gibt es schlimmere Straßen als die M10 von Katima nach Kazungula? 10.1.2022

Bewusst haben wir uns für die Einreise nach Zambia in Katima Mulilo entschieden, da dieser Grenzübergang ruhig, wenig befahren und nicht mit einem Transit durch Botswana verbunden ist. Wenig befahren – das liegt am Zustand der M10, der Verbindungsstraße von Katima nach Kazungula. Viele hatten uns gewarnt, aber dazu später.

Die Ausreise aus Namibia lief fast glatt, hätten wir nicht noch eine Straßen-Maut nachzuzahlen gehabt. Danach dann weiter zum Zoll auf sambischer Seite. Durch die 500 m Niemandsland fahren wir mit einer Traube von Geldwechslern, die alle neben Kathrina herjoggen und Geldbündel schwenken. Wir sind stur und gehen erst mal zum offiziellen Gebäude. Geld wird erst gewechselt, wenn wir die Landeswährung wirklich benötigen. Der Einreiseprozess startet mit dem Gesundheitscheck. Unseren PCR-Test legen wir vor, unsere Körpertemperatur wird gemessen, ein Formular ist auszufüllen. Dann zur Immigration: Wir kaufen ein Visum, das uns berechtigt, zweimal nach Sambia einzureisen. US-Dollar werden akzeptiert. Alles ganz easy, allerdings nur für 30 Tage. Der Zollbeamte erklärt uns, dass wir in jeder Stadt auf 90 Tage verlängern können. Das kostet garantiert wieder … Aber nun kommt Kathrina dran: Das Carnet de Passages (unsere Zollpapiere für Afrika) muss gestempelt werden, damit Kathrina einreisen darf. Das geht, tja, im nächsten Gebäude, wo wir zurückgeschickt werden, usw. Hier erspare ich die weiter Schilderung im Detail, erinnert das Prozedere stark an den Passierschein A38 aus dem Film „Asterix erobert Rom“. Nun müssen wir noch eine Carbon Tax entrichten. Zwei Gebäude weiter finden wir den Schalter. Allerdings müssen wir in der Landeswährung bezahlen. Es regnet in Strömen. Also zu den Geldwechslern, einen Geldautomaten gibt es nicht(!). Etwas verhandelt, was den Kurs verbessert. Dann Carbon Tax zahlen. Als nächstes ist noch die Road Tax fällig. Diese jedoch ist wieder in US-Dollar zu entrichten, der Preis ist für Europäer besonders teuer. Nun fehlt noch der Councel Levy. Keine Ahnung, was das ist, aber drei Gebäude weiter (es schüttet aus allen Kübeln) kann man den Schein käuflich erwerben (wiederum in Landeswährung…). Alles erledigt? Also los. Kaum hinter dem Steuer, umringt uns eine Traube von hilfsbereiten Männern, die uns nochmal Geld wechseln wollen, und eine aufgeregte Frau, die sich als Zoll-Beamtin herausstellt. Wir bräuchten noch eine Kfz-Versicherung. Für uns kein Problem, wir haben eine, gültig in ganz Afrika. Deutsche Versicherung. Die werde nicht akzeptiert. Also was tun? Da wir lästige Schikanen bei Polizeikontrollen scheuen, erwerben wir also eine Versicherung (wiederum in Landeswährung). Drei Damen sind dafür nötig: Die Erste nimmt die Personalien auf, die Zweite gibt die Daten in einen PC ein und druckt eine Police aus, die Dritte schneidet mit einer Schere eine Plakette aus der Police aus. Die Reste der Police (also ein A4-Blatt mit großem Loch) sowie die runde Plakette werden mit ausgehändigt. Das Rund kommt in die Windschutzscheibe. Wir fühlen uns nun richtig sicher (vor blöden Fragen von der Polizei). Also endlich geht es weiter. Am Schlagbaum werden nun alle Dokumente von einem Helfer zum Wachhaus getragen und dort erneut überprüft. Jedes Dokument muss einzeln durch den Regen getragen werden, damit es die notwendige Wellung im Papier gibt.

Juchuu! Wir sind in Zambia!

Die M10, vor wir vielfach gewarnt wurden, lässt sich richtig gut an. Perfekter Asphalt, Kathrina fliegt nur so dahin. Kaum überhole ich nach ca. 30 km den ersten LKW, erkenne ich, warum dieser so langsam ist: Zwei bis drei Meter große Schlaglöcher zerreißen das ebenmäßige Bild der Straße, jedes etwa 50cm tief. 110 km liegen noch vor uns. Umfahren kann man die Löcher nicht mehr, dazu ist zu wenig Straße erhalten. Die Himmelsschleusen sind weiterhin offen, es ist Regenzeit. Zu beiden Seiten der Straße ist die Busch- und Baumlandschaft zu einem See zusammengeflossen. Die Straße liegt nur einen Meter höher (!).

Geduld und Konzentration bringen uns mit höchstens 10km/h voran. Ein Fahrfehler kann fatale Folgen haben. Hoffentlich halten die Federn von Kathrina durch. Ein Schaden am Fahrwerk wäre hier schlimm. Es gibt zwar Menschen die rechts und links der Straße in Hütten wohnen, aber die könnten kaum helfen. Ihre Hütten sind ja auch abgesoffen – die Armen.

Ab und zu überholt uns ein Fahrrad. Wann sollen wir eine Pause einlegen, wo übernachten? Für mich kommt schon aus motivationalen Gründen nur die Weiterfahrt bis zur Dunkelheit in Frage. Ich zähle die verbleibenden Kilometer. Noch 85, 84, 83… Keine Möglichkeit, uns neben die Straße zu stellen. Wasser und Schlamm überall. Direkt am Straßenrand ist eine Übernachtung zu gefährlich. Ein unaufmerksamer LKW-Fahrer würde uns einfach von der Straße schieben. Wir kommen bis Restkilometer 28. Mit 35 km wäre ich auch zufrieden gewesen. Aber 28 km sind wieder überschaubar, etwa drei Stunden am nächsten Tag. Nach einem Glas Rotwein fallen wir total erschöpft ins Bett.

Ich wache nachts vom Regengetrommel auf. Ist die Dachluke geschlossen? Klar hab ich zugemacht. Zum Überprüfen bin ich zu müde. Am Morgen die böse Überraschung: Viele Liter Wasser haben den Weg ins Auto und in die Schränke gefunden. Wie bekommen wir das alles trocken? Bei 80% relative Luftfeuchte!

Der Teppich und alle nassen Stücke kommen in die Dusche. Dann wird erstmal die Straße überwunden. Geschafft!

Gegen 10:00 Uhr sind wir in Livingston bei den Victoria-Fällen angekommen. Wir beschließen diese erstmal zu besichtigen.

Am Grenzübergang nach Zimbabwe (der Zambesi ist der Grenzfluss) parken wir Kathrina. Wupps, schon springt ein ausgewachsener Pavian auf das Auto und hüpft über das Dach. Aber es gibt in Zambia freundliche Helfer für alles. Ich spreche mich mit einem dieser selbst ernannten Parkwächter ab, handle von 20 USD auf 2 plus ein Päckchen Zucker herunter. Dafür passt er auf Kathrina auf und hält die Affen fern.

Auf der Brücke über den Zambesi warten viele freundliche Begleiter, die nach wenigen Schritten ihr Warensortiment präsentieren. Kupferarmbänder, Holzschnitzereien. Alles vom Großvater handgearbeitet. Hat man einen Begleiter, hält dieser all die anderen aufdringlichen Genossen fern.

Die Wanderwege der Victoria-Fälle haben wir fast für uns allein. Kein Wunder bei diesem Wetter. Ein Regenschauer jagt den nächsten. Aber dafür genießen wir die Fälle ohne das lästige Geplapper anderer Touristen. Die Fälle sind einfach gigantisch. Die Daten kann man nachlesen, aber der Eindruck ist unbeschreiblich. All die Wassermassen, durch die wir gestern und heute durchfahren haben und noch dazu das Wasser des Hauptstromes stürzen über eine lange Kante in die Tiefe. Ein Riss in der Erdkruste hat diese einzigartige Stufe in den Basalt geschaffen.

Die nächsten zwei Nächte lassen wir auf der Waterfront Lodge oberhalb der Fälle mit Blick auf Gischtfahnen und Hippos ausklingen.

Okavango: Jahreswechsel mit Kroko und Hippo 25.12.2021-4.1.2022

Okavango: Jahreswechsel mit Kroko und Hippo 25.12.2021-4.1.2022

Nachdem wir eine Woche den Etosha-Nationalpark mitseinem Tierreichtum erkundet haben, erreichen wir am 25.12. nachmittags den Okavango. Zehn Nächte werden wir auf verschiedenen Campingplätzen direkt an seinem Ufer verbringen. Zwischen Rundu und Divundu ist er der Grenzfluss zwischen Namibia und Angola, bei Divundu biegt er nach Süden ab, einige Stromschnellen, die als Popa-Wasserfälle bezeichnet werden, bilden für viele Tiere eine natürliche Barriere. Schließlich fächert sich der Okavango in Botswana in ein gewaltiges Delta auf, wo das Wasser laut Reiseführer verdunstet. Er ist also einer der Flüsse, die niemals das Meer erreichen. Wir wagen die Gegenhypothese, dass die vielen Elefanten und Abertausende von Antilopen das Delta einfach leertrinken. Auf der Rückreise wollen wir das Okavango-Delta besuchen und unsere Hypothese durch Beobachtungen auf die Probe stellen.

Beim ersten Anblick des Okavango fühlen wir uns gleich heimisch: Ein Fluss, beiderseits gesäumt durch einen dichten Schilfgürtel, an den Ufern grüne Wiesen und richtig hohe Bäume – die ersten hohen Bäume seit wir Deutschland verlassen haben. Verwundert es, dass wir uns an den Rhein erinnert fühlen? Weitere Ähnlichkeiten: Tagestemperaturen über 35°C und 80% relative Luftfeuchte. Das könnte eine Hitzewelle bei uns zu Hause sein – nur hier wird dies das Klima für die nächsten drei Monate sein. Auch viele Vögel und Insekten erinnern uns an die Heimat: Reiher, Kormorane, Schwalben, Wiedehopfe, Eisvögel, Fliegen, Libellen, Stechmücken, … Bei genauem Hinsehen weisen diese vertrauten Tiere jedoch deutliche Unterschiede in Form, Färbung, Größe auf. Und dann plötzlich ein Ruf „Bäh! Bäh! Bäh!“. Wir denken, ein Tier will uns verspotten, und identifizieren dann einen großen grauen Vogel mit Schopf als Verursacher. Graulärmvogel heißt der Krachmacher. Er warnt mit seinem Ruf die sanften Weidetiere vor hungrigen Raubtieren, ist im Tierbuch nachzulesen. Wir sind schon etwas bestürzt, dass er meint, die Antilopen und Böcke auch vor uns warnen zu müssen – so manches Foto zeigt nur einen langweiligen Busch, weil der Bock davor – das eigentliche Fotomotiv – aufgrund der Warnung hinfort gehüpft ist, bevor der Auslöser gedrückt wurde. Der Graulärmvogel war also der erste totale Fremdling, der uns klar machte, dass wir nicht am Rhein sind. Weitere uns völlig unbekannte Arten sind die Ibisse, Goliathreiher, metallisch schimmernde Nektarvögel und Bienenfresser mit wunderbar langen Schwanzfedern.

Am 28.12. macht uns dann noch eine andere Tiergattung klar, dass wir nicht in heimischen Gefilden sind. Kurz vor dem angolanischen Ufer, ca. 50 m von uns entfernt, liegen einige Steine im Wasser. Ich trinke meine Tasse Tee aus, setze die Tasse ab – und ein Stein gähnt plötzlich. Natürlich nicht der Stein, sondern das Krokodil, das sich auf ihm sonnt. Schnell holen wir die Fotoapparate, doch die Eile war völlig unnötig und kennzeichnet uns als Krokodil-Unerfahrene. Die etwa vier Meter lange Krokodil-Dame wird die nächsten neun Stunden dort sitzen. Maul und Oberkörper auf dem Stein, der Schwanz im Wasser. Dreimal öffnet sie das Maul. Das Öffnen und Schließen erstreckt sich jeweils im Zeitlupentempo über einige Minuten, die Dauer der Zur-Schau-Stellung ihrer kurzen scharfen Zähne variiert zwischen zehn und zwanzig Minuten. Ein paarmal taucht sie auch ganz langsam wieder ins Wasser, um kurze Zeit später wieder an derselben Stelle mit derselben Pose zu lungern. Wir können keine schnellen Bewegungen oder Drohgebärden beobachten, sie scheint satt und glücklich zu sein, und auf dem Stein Ruhe zur Verdauung zu suchen. Also wenn wir nicht die vielen Tierfilme gesehen hätten, in denen sich ein Krokodil in sein Beutetier verbeißt, sich blitzschnell um die eigene Achse dreht, um seine Beute klein zu zerreißen, da Krokodile nicht abbeißen können, hätten wir durch unsere erste Beobachtung völlig falsche Schlüsse über die Gefährlichkeit dieser Tiere gezogen. Wir sind aber froh, dass wir keine dramatische Szene erlebt haben, sondern nur dieses friedliche Sonnenbad.

Am 2.1. fahren wir auf einen Campingplatz unterhalb der Popa-Fälle, hier soll es von Flusspferden nur so wimmeln. Enttäuscht stellen wir fest, dass es momentan auch in diesem Flussabschnitt keine Flusspferde gibt, sondern nur braune Steine. Nachdem wir das Vordach aufgebaut haben, haben sich die Steine erstaunlicherweise umgruppiert. Beim dritten Hinsehen sind einige von ihnen verschwunden. Gibt es hier Gezeitenunterschiede am Fluss? Plötzlich taucht mit großem Gepruste und Geplatsche ein brauner glänzender Kopf aus dem Wasser auf. Glubschaugen, große Schnauze – ganz eindeutig Flusspferd! Da begreifen wir endlich, dass die braunen Steine mehrere Hippo-Rücken gewesen waren. Sie liegen auf einer Sandbank im Fluss, etwa 10 m entfernt von unserem Stellplatz. Wahnsinn! Alle fünf Minuten müssen die ausgewachsenen Hippos atmen, die Jungtiere etwas häufiger. Dafür heben sie die Köpfe aus dem Wasser, schütteln zuerst die Ohren wasserfrei, öffnen dann die verschließbaren Nasenlöcher und atmen etwaiges Restwasser mit einem kräftigen Prusten aus. Ein faszinierendes Schauspiel! Einige Kühe mit ihren Jungen sind da, nach einer Weile zeigt sich auch mit extra-viel Geplantsche und Geschnaube der Bulle.

Das Rangeln der Kleinen sowie das Imponiergehabe der Erwachsenen geht in erster Linie durch stumme Großmäuligkeit vonstatten. Bis zu einem Winkel von 150 Grad können die Hippos ihr Maul öffnen, verrät das Tierbuch – wir haben uns zurückgehalten und nicht nachgemessen. Aber die offenen Mäuler sind wirklich imposant. Bei den Kleinen sind in ihren geöffneten Mäulchen mit dem Fernglas nur ganz kurze Zahnstummel zu sehen. Das erklärt, weshalb sie sich so hingebungsvoll ineinander verbeißen: Maul in Maul, Maul in Nacken, Maul knabbert ausgiebig an Öhrchen. Mit ihren Mini-Zähnchen ist das eher eine wohltuende Massage für den Rangel-Partner als dass es schmerzhaft wäre. Anders sieht es aus, wenn der Leitbulle sein Maul aufreißt: Die längsten Zähne sind etwa 30 Zentimeter lang, einer liegt quer im Kiefer. Wenn er zuhaut oder zubeißt, wird es übel – das wissen die Halbstarken aber und ducken sich schnell weg, wenn der Chef sein Chefsein zur Schau stellt. Erstaunlicherweise ist das Maul-Aufreißen an kein Geräusch gekoppelt. Es ist eine rein optisch-motorische Geste. Die tiefen Grunzer, die man als Hippo-Gesang kennt, stoßen sie mit geschlossenem Maul aus, oft ist das Maul dabei unter Wasser, wodurch das Geräusch nochmal tiefer werden zu scheint. Das Grunzen geht uns durch Mark und Bein, wenn der Bulle unter Wasser grunzt, spüre ich meinen Bauch flattern. Manchmal verhallt ein Grunzer unbeantwortet, manchmal erwidern die anderen Tiere der Herde, oder von weiter entfernt lagernden Herden das Grunzen, und es schaukelt sich zu einem kurzen Konzert auf. Unglaublich, kein Lautsprecher kann diese tiefen Töne ausstoßen, man muss das Geräusch in natura erlebt haben. Seit diesem ersten Hippo-Tag begleitet uns das Grunzen alltäglich und allnächtlich am Okavango, Kwando, und später am Sambesi. Wir können uns schon gar nicht mehr vorstellen, dass es Tage ohne Hippo-Gesang gibt!

Tagsüber kommen doch tatsächlich einige Boote angefahren, um Menschen zu den Hippos zu bringen. Doch vor Booten haben sie weit mehr Angst als vor Menschen am Ufer. Wenn die Boote noch etwa 40 m entfernt sind, tauchen sie unter. Enttäuschte Gesichter bei den Bootsgästen. Dabei geht es doch so einfach: Geh nicht aufs Boot, sondern suche dir eine Unterkunft am Wasser für zwei Nächte und verbringe einen Tag ruhig sitzend am Wasser. Dann kommen die Hippos ganz nah zu dir. Tauchen wenige Meter vor dir auf, schauen dich neugierig an – und grunzen vielleicht noch für dich persönlich.

Brandberg: herausfordernde Pisten, Wüstenelefanten und Glühwein 08.-10.12.2021

Brandberg: herausfordernde Pisten, Wüstenelefanten und Glühwein 08.-10.12.2021

Das Brandberg-Massiv enthält viele grobkristalline Granite, die den Berg in der Morgen- und Abendsonne rot leuchten lassen. Der 2.573 m hohe Königstein im Massiv ist die höchste Erhebung Namibias. Wir haben allerdings keine luftigen Höhen erklommen, sondern uns hauptsächlich in den umliegenden Trockenflusstälern getummelt.

Nördlich des Brandbergs fließt der Ugab, der 400 km weiter östlich entspringt und 100 km weiter westlich bei der Skelettküste den Atlantik erreicht – wenn es denn mal eine ausdauernde Regenzeit gibt, die sein Flussbett füllt… In diesem Jahr hat der Regen hier allerdings noch nicht eingesetzt, das Flussbett besteht also abwechselnd aus Tiefsand und Geröll. Was uns an dieser Landschaft besonders erfreut: obwohl momentan kein Wasser fließt, gibt es an den (Trocken-) Ufern viele richtig grüne Bäume und Sträucher – solch saftige Farben haben wir letztmals am ganzjährig Wasser führenden Oranje-Fluss gesehen, und nach mehreren Wochen in Wüsten und trockenen Savannen-Regionen mit fahl-grün-grauen Bäumen ist das ein besonderer Augenschmaus. Ab und zu fahren wir eine steinige Piste bergauf, um in faszinierende Schluchten zu kommen – mal aus rotem Granit, bisweilen aus dunklem Basalt, dann plötzlich Schiefer. Aber die Sehnsucht nach dem Grün lockt uns immer wieder ins Flussbett hinunter.

Selbstverständlich zieht uns nicht nur die Vegetation in den Bann und in die Täler, sondern auch kreisrunde Abdrücke von 40 cm Durchmesser sowie honigmelonengroße Dunghaufen mit verschiedenem Trocknungsgrad. Dies sind keine Hinweise auf Außerirdische – sondern Spuren von Wüstenelefanten! Diese scheuen Tiere halten sich meist weiter nördlich auf, in den Wüsten an der Grenze zu Angola, aber am Ende der Regenzeit, wenn der Durst übermächtig wird, dringen sie immer weiter nach Süden, wo sie noch grüne Blätter finden, oder auch mal das Wasserloch einer Farm plündern können. Bis in das Ugab-Flussbett kommen sie, hatten wir gelesen, und tatsächlich finden wir in den ersten anderthalb Tagen, die wir hier verbringen viele, viele Spuren – ältere, frischere und ganz frische. Die Wüstenelefanten haben etwas längere und schlankere Beine als die Steppenelefanten, aber dafür breitere Füße. Wie bei allen Elefanten sind die Vorderfüße rund, und die Hinterfüße schlanker und oval, und die Abdrücke der Hinterfüße finden sich oft direkt in denen der Vorderfüße. Welch spannende Spurensuche im Flusssand – sind die runden Abdrücke unter oder über Kathrinas Fahrspur? Anderthalb Tage verbringen wir damit, die Spuren zu verfolgen und bei besonders frischen Dunghaufen besonders gründlich zu suchen. Doch keine Spur von den Dickhäutern. Sie sind eben sehr scheu, und wir befinden uns schließlich in der Wildnis, außerhalb bebauten Gebiets sowie außerhalb von Nationalparks, in denen Tiere bewusst angesiedelt und mit künstlich angelegten Wasserlöchern geködert werden. Da muss man eben mehr Geduld mitbringen!

Die Pisten haben es in sich: sie sind kaum befahren, und wenn, dann in erster Linie von kleineren Geländewagen. Das merkt man vor allem daran, wie dicht rechts und links der Piste die Sträucher wachsten, und wie tief Äste von Bäumen in die Fahrspur hineinhängen. An vielen Stellen verrichten wir daher unvorhergesehene Leibesübungen mit Gartenschere, Säge und Machete, um die Pisten für Kathrina gangbar zu machen. Auf einigen Wegstrecken haben wir wirklich mehr Zeit mit Sägen als mit Fahren verbracht. Da sie aber sowohl in unseren gedruckten als auch elektronischen Karten eindeutig als öffentliche Wege eingezeichnet sind, ist es keine Freveltat an der Natur, sie freizuschneiden, sondern trägt zum ganz normalen Wege-Erhalt an abgelegenen Orten bei. Obwohl es bei der Hitze extrem mühsam ist, genießen wir es, uns in Regionen zu bewegen, in denen kein Straßenbauamt uns den Weg bahnt, sondern wir aus eigener Kraft. Als wir feststellen, dass wir innerhalb von zwei Stunden zusammen mehr als fünf Liter Wasser getrunken haben, wagen wir einen Blick auf das Thermometer. 46°C im Schatten. Wir sind zunächst entsetzt, dann aber verstehen wir, weshalb wir so großen Durst haben und weshalb wir uns nach jeder Schneideaktion so erschöpft fühlen. Durch die Trockenheit (30% relative Luftfeuchte) merkt man aber nicht, wie man schwitzt, da der Schweiß sofort am Körper trocknet. Aber bereits um 9 Uhr Morgens schmeckt die Haut hier ganz salzig.

Wenige Menschen sind so verrückt ihre Zeit hier zu verbringen, und in drei Tagen sehen wir sage und schreibe fünf Autos. Moderne Autos mit Klimaanlage. Kathrina besitzt sowas nicht. Wir müssen die Fenster öffnen und absoluten Durchzug veranstalten, um die kühlende Verdunstung zu fördern. Mit dem Infrarot-Thermometer haben wir am Boden im Führerhaus 56°C gemessen. Man muss langsam machen und darf sich nicht wundern, wenn man tagsüber (von 8:00-17:00 Uhr) eigentlich nur zerschlagen ist. Aber auch das ist eine Erfahrung, die wir – vor allem im Nachhinein betrachtet – nicht missen wollen. Leben wollten wir hier allerdings nicht!!

Dann plötzlich sehen wir am dritten Tag im Gebüsch zwei riesige und zwei große Ohren wackeln. Zwei männliche (was man an den Stoßzähnen erkennt) Wüstenelefanten! Einer voll ausgewachsen, der andere noch ein Jüngling. Sehr scheu, größtenteils hinter Bäumen und Büschen versteckt stillen sie ihren Hunger und Durst mit den saftig grün aussehenden Büschen, deren Blätter jedoch klein und hart und von einer dicken Wachsschicht umgeben sind. Das Ohrenwackeln dient der Kühlung, denn in den Flußtälern staut sich die Hitze, in der Mittagszeit ist kaum ein Luftzug zu spüren, daher müssen sie den Luftzug selbst erzeugen und über ihre riesigen, gut durchbluteten Ohren die Körperwärme abführen. Mit ihren Schwänzen peitschen sie die lästigen Fliegen hinfort.

Wir bleiben etwa zehn Meter von ihnen entfernt stehen und beobachten sie anderthalb Stunden lang. Kathrina heizt sich dabei gewaltig auf, da wir in der prallen Sonne stehen geblieben sind, denn nur von hier aus kann man überhaupt einen Blick auf die beiden Bullen erhaschen. Die meiste Zeit sehen wir nur die Ohren, mal einen Rüssel, dann wieder zwei aparte Hinterteile. Was für ein Abenteuer, mit wie viel Schweiß erkämpft! Es ist eben ein himmelweiter Unterschied, ob man im Addo-Nationalpark eine Elefantengarantie hat, wo die Wasserlöcher so angelegt wurden, dass man ganze Familien dieser imposanten Tiere ohne störende Bäume dazwischen beobachten kann. Hier bei den zufälligen Begegnungen kann es zwar auch mal passieren, dass man eine ganze Herde auf freier Fläche zu sehen bekommt, aber die verdeckte Variante wie bei uns ist doch deutlich wahrscheinlicher – und nicht weniger beeindruckend. Die Freude, aus dem Gebüsch auf die Piste zu kommen, tun uns die beiden nicht, obwohl wir mucksmäuschenstill verharrten. Nach anderthalb Stunden kehren sie uns endgültig den Rücken zu, und zwei aparte runde Hinterteile verschwinden schwanzwedelnderweise im Dickicht.

Nach dieser aufregenden Begegnung fallen uns die drückenden 46°C wieder ein, und wir beschließen, am Ende dieses dritten Tages das Ugab-Flussbett zu verlassen. Ganz in unserer Nähe gibt es eine kleine Piste nach Norden, eine stillgelegte Tantalit-Mine ist dort eingezeichnet. Da es die einzige Piste im Umkreis von 30 km ist, entscheiden wir uns für sie, auch wenn uns eine etwas dickere gestrichelte Linie in der Karte lieber gewesen wäre… Wenn wir dachten, die Pisten im Ugab-Flussbett waren herausfordernd, dann erfahren wir auf diesen zehn Kilometern die ultimative Herausforderung. Schroffe Steine, Geröll, extreme Verschränkungen von Vorder- und Hinterachse, und noch enger stehende Bäume – richtige alte Bäume mit dicken Ästen, keine jungen Sträucher wie unten im Flussbett. Wir können uns nicht vorstellen, dass in den letzten 50 Jahren hier ein Gefährt von Kathrinas Ausmaßen gefahren ist – und treiben wieder Handsägesport am Ende unserer Kräfte mit sinkendem Amüsement… Wenn wir fix und fertig sind, fährt Kathrina mit 3 km/h bergauf bis zum nächsten Baum. Möglichkeiten, die Bäume außerhalb der Piste zu umfahren gibt es nicht: dafür hätten wir erstmal zentnerschwere Steine beiseite schaffen müssen. Jedes Rad, jeder Staukasten und jedes Getriebe muss exakt platziert werden, denn wir haben von anderen Reisenden schon viele Geschichten von seitlich aufgeschlitzten Reifen, verbeulten Tanks, leck geschlagenen Getrieben und ähnlich verheerenden Stein-Fahrzeug-Begegnungen gehört. Kathrina schafft es unversehrt, aber abends sind wir alle drei völlig am Ende.

Videolink https://youtu.be/1Ot8fjUYMXs

Torsten und ich belohnen uns mit einem leckeren und nahrhaften Essen: Erbsen-Karotten-Risotto, mit Weißwein abgelöscht, und andachtsvoll geben wir noch eine Dose Thunfisch und viel Sahne hinein, um unsere schlaffen Muskeln mit Eiweiß zu versorgen. Das Gericht mundet uns gar köstlich! Als wir uns als passendes Getränk dazu ein Glas Rotwein gönnen wollen, trifft uns der Schlag. Ganz ungewollt haben wir durch die hohen Tagestemperaturen Glühwein im Glas. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen, denn die Servier-Empfehlung verspricht das vollmundigste, fruchtigste und erfrischendste Aroma bei 15…18°C. Bei 46°C hat man nur eine komisch schmeckende Flüssigkeit im Mund, die einem beinahe noch die Zunge verbrennt. Nun ja – immerhin passt Glühwein zur Adventszeit. Da wir aber auch zuhause in der europäischen Weihnachts-Kälte keinen Glühwein trinken, ist dies ein schwacher Trost. Aber wir haben aus diesem Fehler gelernt – inzwischen haben wir immer eine Flasche Rotwein im Kühlschrank. Nach fünf Minuten im Glas ist er perfekt temperiert, und wir hoffen, damit allen kommenden Abenteuern einen würdigen Tagesabschluss bereiten zu können!

Einbruchversuch in Kathrina 03.12.2021

Einbruchversuch in Kathrina 03.12.2021

Um es vorweg zu nehmen: Das Eindringen wurde vereitelt, Kathrina ist unversehrt, Täter und Komplize sind flüchtig…

Der Tathergang

Am Morgen des 3. Dezember schlich sich der Täter kurz vor Sonnenaufgang (5:48 Uhr) nahezu unbemerkt auf die Motorhaube von Kathrina, musterte eindringlich den Beifahrersitz sowie die darauf platzierten Dinge (eine Tasche mit zwei Paar schweren Wanderstiefeln nebst getragenen Socken sowie eine Tasche mit den leckersten nur auszudenkenden Vorräten: selbstgebackene Röstzwiebel-Berliner, Orangen, …). Nach eingehendem Studium des Innenraums begann er auf den Scheibenwischer einzuhacken, der ihm offensichtlich nach seinem Ermessen den Weg in den Innenraum verwehrte.

Der Täter

siehe Blogfoto. Auffälligstes Charakteristikum: vom oberen Schnabel ist die Spitze abgebrochen, was möglicherweise auf einen Wiederholungstäter hindeutet.

Der Komplize

saß drei Meter entfernt auf einem Baum. Der Komplize ist – wie auch der Täter – ein Rotschnabel-Toko mit einem perfekt gekrümmten Schnabel wie aus dem Tierbestimmungsbuch. Also im Gegensatz zum ruchlosen Täter nur schwer identifizierbar.

Wie die Tat vereitelt wurde und der Täter entfloh

Ich betrachtete gerade das Farbenspiel am Himmel in Hörweite von Kathrina, als ich das charakteristische „Kra-kraaaak“ zweier Tokos vernahm. Dann ein blechernes Scheppern – und in der Tat, einer der beiden (der mit dem abgebrochenen Schnabel, der bereits am Vortag um Kathrina herum gelungert hatte) war auf der Motorhaube gelandet. Ich unterstellte ihm zunächst schlichtes Interesse an den Dingen, die er da sah. Als er zum ersten Mal auf den Scheibenwischer einhackte, sagte ich bestimmt „Lass’ das!“, worauf er für wenige Sekunden still verharrte. Als er dann abermalig auf den unschuldigen Scheibenwischer einhackte und versuchte, ihn aus dem Weg zu biegen, lief ich händeklatschend auf den Täter zu, was ihn dazu bewegte, von der Motorhaube auf einen nahegelegenen Baum zu flattern, von dem aus er einen freien Blick in die geöffnete Seitentür hatte. Sein Kommentar: „Kraaa-kraaaak“. Als Torsten im Fahrzeuginneren das Tonaufzeichnungsgerät klarmachte, um das Geständnis des Missetäters aufzuzeichnen, entzog er sich der Befragung, indem er unerlaubterweise durch die Lüfte entschwand und vermutlich Zuflucht in den nahegelegenen Pontok-Bergen suchte. Seitdem hat er sich dem Tatort nicht mehr genähert.

Wir bitten um Ihre Mithilfe

Sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung und Belehrung des Täters führen, werden mit einer Tasse Rooibuschtee belohnt.

Die geplante Disziplinierung

Nach Ergreifung des Täters drohen ihm folgende Strafe und Erziehungsmaßnahme:

Eine Portrait-Foto-Session nicht unter 60 Minuten Dauer.

Ein pädagogisches Webinar, das unter verschiedensten kulturellen und ethnischen Blickwinkeln die Misslichkeit seiner versuchten Tat facettenreich erörtert, sowie unter Mitwirkung von artenreichen Vertretern der südafrikanischer Fauna (wie beispielsweise Mangusten, Caracal, Paviane, … die allesamt Vögel auf ihrem Speiseplan haben) mögliche Folgen frevelhaften Verhaltens in Aussicht stellt. Das Webinar dauert sieben ganze Tage und seine charakterfestigende Wirkung wird allabendlich durch einen Test verifiziert.

Spitzkoppe – Mystische Felslandschaft und Wanderparadies 01.-04.12.2021

Spitzkoppe – Mystische Felslandschaft und Wanderparadies 01.-04.12.2021

Weder die Reiseführer noch der geologische Führer von Namibia hatten uns auf die ergreifenden Landschaften und mystischen Plätze im Bereich der Spitzkoppe vorbereitet.

Von Hentjes Bay an der Atlantikküste fuhren wir 100 km Piste nach Westen. Während der gesamten Fahrt sahen wir die vorgelagerte Kleine Spitzkoppe. 100 km Sichtweite – unfassbar! Während der Fahrt durch topfebenes Gelände stieg die Ebene von Meereshöhe auf 1.000 Höhenmeter an. Das Gelände war durchweg flach, kaum ein Hügel zu sehen, nur die Kleine Spitzkoppe am Horizont, die kaum näher kam, deren Farben aber beinahe unmerklich immer intensiver wurden. Nach anderthalb Stunden waren wir dann da. Unser Navigationsgerät wusste es mal wieder besser und leitete uns auf einer grausamen Piste einmal um die Große Spitzkoppe herum, bis wir endlich den Eingang zum Campingplatz fanden. Eine Plage für Kathrina, aber so konnten wir den zentralen Berg von allen Seiten bestaunen. Sie ist 1.728 m hoch, ein Inselberg aus Granit, der seine Umgebung um 700 Meter überragt. Das allein macht sie aber nicht so beeindruckend. Uns begeistern mehrere Aspekte dieser traumhaften Landschaft:

Während Namibia viele langgestreckte Bergrücken (oder Dünen) hat, die sich scheinbar endlos an der Straße entlangziehen und uns durch die ewige Wiederholung ziemlich uncharismatisch scheinen, weil sie keinen Anfang und kein Ende zu haben scheinen, sind die Berge rund um die Spitzkoppe ein definiertes Gebiet wohlgeformter Erhebungen in einer unendlich scheinenden Umgebung.

Die vielen riesigen Steinblöcke aus grobkörnigen Granit, die sich im gesamten Gebiet der Spitzkoppe finden, erinnern uns an unsere heißgeliebten Felsen in der Bretagne. Sie liegen zwar noch dort, wo die Erosion sie hat vom Berg herabstürzen lassen, und keine Druiden haben sie kilometerweit transportiert und als Hinkelsteine aufgerichtet, aber sie verströmen dieselbe Magie und Kraft.

Der Campingplatz ist die Wucht: Die Hälfte des Spitzkoppe-Gebiets ist Campingplatz (die andere Hälfte beheimatet Ferienhäuser), und die einzelnen Plätze sind weit voneinander entfernt. Infrastruktur: Plumpsklo, Mülleimer und Feuerstelle; fließend Wasser gibt es an der Rezeption, die einige Kilometer entfernt liegt. Wir haben glücklicherweise immer alles dabei und vermissen daher nichts bei dieser Luxusausstattung. Wir suchen uns einen windigen Platz, da die Tagestemperaturen über 35°C liegen und kein Baumschatten für Kathrina vorhanden ist. Nach Norden hin wird unser Platz von den glatten Felsen des Pontok-Berges begrenzt, welche die Wärme des Tages noch zwei Stunden nach Sonnenuntergang spüren lassen, nach Westen hin haben wir einen phantastischen Ausblick auf die Spitzkoppe, nach Süden und Osten in zwei Täler, die von interessanten Hügeln gesäumt sind. Unser Platz liegt so weit von der Fahrstraße weg, dass uns kaum Motorgeräusche und vor allem nicht der Staub der vorbeifahrenden Fahrzeuge erreichen.

Wir bleiben vier Nächte und erwandern uns alle drei Täler – an jedem Tag eines. Die großartige Landschaft haben wir beinahe für uns alleine, denn die meisten Touristen bleiben nur eine Nacht, haben wegen ihres strammen Zeitplans keine Zeit zum Wandern, und fahren daher staubaufwirbelnderweise die Pisten mit ab, mit kurzen Fotostopps, bei denen sie die Pisten nur wenige Meter verlassen. Je konsequenter wir querfeldein wandern, desto ruhiger und staubfreier ist es – das kommt uns ja völlig entgegen! Auf flachen Berghängen kraxeln wir auch über die Felsen, entdecken verwunschene Höhlen, in denen sich Bäume eingenistet haben, sehen Klippspringer und Klippschliefer über die Felsen tollen. Einige Agamen mit schwarzem Körper sowie rotorangefarbenem Kopf und Schwanz huschen über die Felsen, große graue Eidechsen mit grünschillerndem Kopf huschen hinterher. Als wir uns in einer weiten Ebene einem erstaunlich grünen Busch nähern, trollt sich ein Schakal.

Im Umfeld von Kathrina finden sich nach und nach immer mehr Vögel ein. Am ersten Tag kommen eher die neugierigen, die an Camper gewohnt sind und gern was erben wollen. Doch die meisten Vögel hier sind wohl Insektenfresser – unsere heruntergefallenen Kartoffelschalen oder Tomatenstrünke interessieren sie gar nicht. Ab Tag 2 bleiben nur noch die Vögel übrig, die Interesse an dem spannenden Mittags- und Vorabendprogramm haben (zu deutsch: uns neugierig aber unaufdringlich beim Kochen zusehen, und sich – wenn wir dann essen – Käfer, Spinnen usw. aus den Bäumen suchen), ab Tag 3 werden wir offensichtlich nicht mehr als Eindringlinge angesehen, sondern komplett eingemeindet.

Ein herrliches Naturgefühl. Wir haben sogar einige stachellose Bäume an unserem Platz (haben aber leider weder ein Pflanzenbestimmungsbuch noch Internet), das ist eine wohltuende Abwechslung zu den 27 Akazienarten, von denen viele – wie die berühmte Schirmakazie – sogar zwei Dornen pro Blattachsel haben. Wir haben also einige Bäume, die man streicheln kann, und deren warmer Stamm ebenso viel Energie abstrahlt wie der Granit.

Gestern hatten wir sogar dräuende Wolken über dem sonst fast immer wolkenlosen Himmel, und heute früh um 2:00 Uhr hat es einige Tropfen geregnet. Eigentlich hätte im November bereits die Regenzeit beginnen sollen. Wir wünschen den trockenen Gräsern, Sträuchern und Bäumen wirklich viel Regen von Herzen, sind aber über unser bisheriges Sonnenwetter auch nicht böse…

Eine heimelige Gegend, die früher periodisch von den San (Buschleuten) heimgesucht wurde: Die Höhlen boten Schutz vor der Sonnenhitze, nach der Regenzeit waren die vielen natürlichen Becken lange Zeit mit Regenwasser gefüllt, und die Ebenen fruchtbar und tierreich. In einigen Höhlen finden sich noch 1.500 bis 6.000 Jahre alte Zeichnungen von ihnen, auf den exponierten Felsen sind sie bereits größtenteils verblichen. Die üblichen Motive: Ein Schamane, der eine Schlange in die Flucht schlägt; ein Spitzmaul-Nashorn (die sind nämlich ortstreu und führen einen zu ihren Wasserlöchern); Jagd- und Tanzszenen sowie ein Löwe als „Nimm dich in Acht“-Botschaft für nachfolgende Gruppen. Welch heiliger Ort!

Bald wird sich die Tageshitze legen, unsere letzte Abendkraxelei auf die Flanke des Pontok-Berges steht bevor, und morgen werden wir schweren Herzens diesen wunderbaren Platz verlassen.